Zwischen Potenzialen und Grenzen
Die historischen Sammlungen der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol (im Folgenden kurz ULBT) stammen überwiegend aus Klosterbibliotheken der Region und werden systematisch aufgearbeitet. Ergänzend werden externe historische Buchbestände durch eigene, drittmittelgeförderte und kooperative Projekte für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Der Beitrag beleuchtet Rahmenbedingungen von Kooperationen mit kirchlich-klösterlichen Einrichtungen, stellt Praxisbeispiele vor und diskutiert zentrale Herausforderungen und Perspektiven.[*]
Klosterbibliotheken zählen zu den ältesten Wissensspeichern. Sie bewahren historische Buchbestände von herausragender Bedeutung für die Theologie ebenso wie für die Kultur-, Sozial- und Wissenschaftsgeschichte. Als über Jahrhunderte gewachsene Sammlungen dokumentieren sie nicht nur intellektuelle Traditionen, sondern sind zugleich Teil des regionalen kulturellen Gedächtnisses.
Veränderungen innerhalb kirchlich-klösterlicher Einrichtungen stellen den Umgang mit diesen Beständen jedoch zunehmend vor neue Herausforderungen. Wenn Klöster geschlossen werden oder Bibliotheken nicht mehr eigenständig betreut werden können, stellt sich die Frage nach ihrer langfristigen Sicherung, Erschließung und Zugänglichkeit. Gleichzeitig erschweren begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen sowie steigende Anforderungen an Bestandserhaltung und Erschließung die Bewältigung dieser Aufgaben.
Vor diesem Hintergrund haben sich in den vergangenen Jahren neue Formen der Zusammenarbeit zwischen kirchlich-klösterlichen Einrichtungen, wissenschaftlichen Institutionen und Gedächtniseinrichtungen etabliert. Kooperationen sind dabei eine sinnvolle Ergänzung für die nachhaltige Bewahrung und Nutzung historischer Bestände.

Abb. 1: Die „Gründungskartusche“ der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol, um 1745 © Watzek Photografie
Die Universitäts- und Landesbibliothek Tirol: Zwischen Erbe und Auftrag
Die ULBT nimmt innerhalb der österreichischen Bibliothekslandschaft eine besondere Stellung ein. Sie verbindet wissenschaftliche Versorgung mit öffentlichem Auftrag. Diese doppelte Funktion geht auf ihren ersten Bibliothekar Anton Roschmann (*1694, †1760) zurück. Roschmann – „landschaftlicher Historicus“, Notar, Archivdirektor, Handschriftenforscher, Biograph und Sammler – gründete 1745 auf Initiative Maria Theresias eine „Bibliotheca publica“ – also eine Bibliothek, die nicht nur den Bedürfnissen der Universität dienen, sondern der Allgemeinheit frei und offen zugänglich sein sollte, wie es schon die programmatischen Worte der Gründungskartusche bekräftigen.

Abb. 2: Anton Roschmann. Innsbruck, ULBT, Sammlung Roschmann, Bd. 14, Bl. 30 © Watzek Photografie
Neben Literatur für Forschung und Lehre gelangte über das Pflichtexemplarrecht landeskundliches Schrifttum in die Bibliothek, schon früh kam historisches Buchgut hinzu – vor allem aus aufgelösten geistlichen Institutionen. Roschmanns Modell wurde später richtungsweisend für weitere Studienbibliotheken der Habsburgermonarchie.[1]
Wesentlich war der Öffentlichkeitscharakter dieser Bibliotheken, welche dann unmittelbar dem jeweils zuständigen Ministerium in Wien unterstanden und von diesem verwaltet wurden, stets in enger Zusammenarbeit mit den Universitäten. Mit dem Inkrafttreten des Universitätsgesetzes 2002 wurden die Universitätsbibliotheken aus der Kompetenz des Ministeriums gelöst und direkt den Universitäten unterstellt.
Diese doppelte Funktion der Bibliothek – sowohl für die Universität als auch für das Land und die Region – ist im Fall der ULBT seit 2007 durch den Zusatz „und Landesbibliothek“ im Namen sichtbar. Finanziert wird die Bibliothek jedoch nahezu ausschließlich von der Universität. Damit ist sie primär der Forschung und Lehre verpflichtet, steht aber auch der öffentlichen Benutzung offen und leistet einen Beitrag zur Bewahrung der kulturellen Überlieferung.[2]
In diesem Zusammenhang kommt der Abteilung für Sondersammlungen der ULBT besondere Bedeutung zu: Sie bewahrt und erschließt den historisch gewachsenen Altbestand und engagiert sich in der Arbeit mit historischen Bibliotheken im Tiroler Raum, um Grundlagen für die weiterführende Forschung zu schaffen; und zwar in Kontinuität zur Geschichte der eigenen Bestände. Der historische Bestand der ULBT ist weniger Ergebnis kontinuierlich verfolgter Erwerbungspolitik als vielmehr Folge historischer Umbrüche und kirchenpolitischer Maßnahmen.[3] Den Ausgangspunkt bildete die Grundausstattung der jungen Bibliothek Mitte des 18. Jahrhunderts mit Büchern aus der Wiener Hofbibliothek, aus Schloss Ambras und aus den beiden Innsbrucker Hofbibliotheken (Wappenturm-Bibliothek und Bibliotheca Regiminalis). Die entscheidenden Zuwächse folgten mit der Auflösung des Jesuitenordens im Jahre 1773 und der Aufhebung zahlreicher Tiroler Klöster – elf Männer- und zehn Frauenklöster – in der Hochphase der Reformen unter Kaiser Josef II. zwischen 1782 und 1787. Eine Erweiterung der Bestände folgte während der bayerischen Administration Tirols Anfang des 19. Jahrhunderts als u. a. die großen Stifte (zwischenzeitlich) aufgehoben wurden und auch ihre Büchersammlungen zu einem Gutteil an die heutige ULBT gelangten. Betroffen waren die Augustiner Chorherrenstifte Neustift bei Brixen, St. Michael an der Etsch und Gries bei Bozen, zudem die Benediktinerabteien Marienberg im Vinschgau (im heutigen Südtirol) und St. Georgenberg-Fiecht, das Prämonstratenser Chorherrenstift Wilten und das Zisterzienserstift Stams (Tirol). Gleichzeitig verblieben Teile der Bestände in den Klöstern oder wurden später nach deren Wiedererrichtung zurückgegeben.
Diese Bibliotheken werden von den kirchlich-klösterlichen Einrichtungen eigenständig verwaltet. Es gibt keine zentrale Vorgabe zur Bestandssicherung, keine automatische Sicherungsstruktur und keine staatlich-öffentliche Übernahmepflicht. Das bedeutet einerseits ein hohes Maß an Autonomie im Umgang mit dem eigenen kulturellen Erbe. Andererseits geht damit auch eine entsprechend hohe Eigenverantwortung einher – für Erhaltung, Erschließung und langfristige Sicherung der Bestände.
Diese Verantwortung bedeutet für viele Einrichtungen angesichts veränderter Rahmenbedingungen einen zunehmenden Handlungsdruck. Im 20. und verstärkt im 21. Jahrhundert stellt die ULBT diesbezüglich eine tiefgreifende Veränderung fest: Klöster und kirchliche Einrichtungen trennen sich nun ihrerseits von ihren historischen Sammlungen – zunehmend aus strukturellen, personellen oder konservatorischen Gründen.

Abb. 3: Besitzvermerke in Handschriften der ULBT © Collage: Andreas Picker
Netzwerke und Kooperationen zur Erschließung und Erhaltung historischer Buchbestände
Die historischen Verflechtungen der ULBT mit Institutionen und Büchersammlungen im Tiroler Raum prägen bis heute sowohl ihr Sammlungsprofil als auch ihr Selbstverständnis. Vor diesem Hintergrund sieht sich die ULBT nicht nur als Bewahrerin historischer Buchbestände, sondern auch als Akteurin bei deren Erschließung und Zugänglichmachung für Forschung und Öffentlichkeit. Das Tätigkeitsfeld reicht dabei längst über die eigenen Bestände hinaus. In kooperativen Projekten trägt die ULBT dazu bei, externe historische Buchbestände sichtbar zu machen, wissenschaftlich aufzuarbeiten und zu kontextualisieren sowie langfristig zu sichern. Das gilt insbesondere dort, wo diese Bestände die eigenen Sammlungen sinnvoll ergänzen und neue Perspektiven für die Forschung eröffnen.
In der Praxis umfasst dies Projekte zur Erschließung und Digitalisierung, inhaltliche bzw. konservatorische Beratung oder – in einzelnen, ausgewählten Fällen – die Übernahme historischer Büchersammlungen. Maßgeblich ist dabei die wissenschaftliche Relevanz der jeweiligen Bestände und Vorhaben. Als zentrale Dienstleistungseinheit der Universität Innsbruck ist die ULBT in besonderem Maße dem Forschungsauftrag der Universität verpflichtet. Die Zusammenarbeit mit externen Organisationen und Einrichtungen kann dabei unterschiedliche Formen annehmen: Sie reicht von drittmittelgeförderten Projekten über kooperative Forschungsvorhaben bis hin zu konkreten Dienstleistungen im Rahmen von Auftragsforschung.
Dieses Engagement eröffnet vielfältige Potenziale: Schriftliche Überlieferung wird besser zugänglich, neue Quellenbestände stehen der Forschung zur Verfügung und regionale Wissensräume können umfassender erschlossen werden. Gleichzeitig sind Kooperationen an bestimmte Rahmenbedingungen gebunden. Rechtliche, organisatorische und strukturelle Faktoren spielen dabei ebenso eine Rolle wie unterschiedliche institutionelle Voraussetzungen und Zielsetzungen kirchlicher und öffentlicher Träger. Hinzu kommen begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen sowie die oftmals projektbezogene Förderstruktur. All diese Faktoren beeinflussen die Ausgestaltung und Nachhaltigkeit von Kooperationen. In diesem Spannungsfeld zwischen Potenzialen und Rahmenbedingungen bewegen sich viele der Initiativen, die im Folgenden vorgestellt werden.
1. Zur Erschließung
Im Zuge der Übernahmen klösterlicher Bestände im 18. und 19. Jahrhundert wurden vor allem jene Werke ausgewählt, die als besonders wertvoll oder für den Studienbetrieb relevant erschienen. Andere Teile der Sammlungen verblieben in den Klöstern, wurden veräußert, verstreut oder gingen verloren. Die Folge war eine teilweise Trennung historisch gewachsener Bibliothekszusammenhänge.
Gerade bei Handschriften und Inkunabeln sind diese historischen Kontexte bis heute nachvollziehbar. Künstlerische Ausstattung, Schreiberhände, Einbände sowie Benutzungs- oder Provenienzspuren erlauben Rückschlüsse auf die Entstehungs- und Nutzungsgeschichte. Für ein vertieftes Verständnis der Überlieferung ist daher die Betrachtung der Objekte im Zusammenhang ihrer ursprünglichen Sammlungen von zentraler Bedeutung. Dies setzt den Austausch und die Zusammenarbeit mit jenen Bibliotheken voraus, die die komplementären Bestände bewahren.
1.1 Wissenschaftliche Handschriftenerschließung im Rahmen von Drittmittelprojekten
Einen wesentlichen Meilenstein der buchhistorischen Forschung im Tiroler Raum stellte die systematische Erschließung der Handschriftenbestände der ULBT dar. Heute sind sämtliche rund 1.200 Handschriften nach den Richtlinien der Österreichischen Akademie der Wissenschaften katalogisiert und in einer zehn Bände umfassenden Reihe veröffentlicht. Seit Abschluss des Projekts im Jahr 2017 stehen die Erschließungsdaten zudem online über das österreichische Handschriftenportal manuscripta.at[4] zur Verfügung.[5]
Initiiert wurde dieses Langzeitvorhaben bereits in den 1970er-Jahren durch den späteren Bibliotheksdirektor Walter Neuhauser (*1933, †2017). Die Umsetzung erfolgte unter seiner Leitung über mehrere Jahrzehnte hinweg, unterstützt durch drittmittelgeförderte Forschungsprojekte (FWF 1995–2017).

Abb. 4: Innsbruck, ULBT, Cod. 300, Bl. 122v © Watzek Photografie
Auf dieser Grundlage konnten in weiterer Folge in Zusammenarbeit mit vielen Institutionen auch Handschriftenbestände anderer Tiroler Bibliotheken kodikologisch und inhaltlich erschlossen werden,[6] darunter jener des Prämonstratenser Chorherrenstiftes Wilten (Förderung: Stift Wilten / Land Tirol 1994/95 und 2006–2009)[7]
und des Augustiner Chorherrenstiftes Neustift (Förderung: Autonome Provinz Bozen-Südtirol 2011–2014)[8] sowie des Innsbrucker Servitenkonvents (Förderung: FWF 2007–2010 und BMWKMS/EU 2024–2026)[9] . Weitere Projekte betrafen Bestände im Zisterzienserstift Stams (Förderung: BMWKMS/EU 2024–2026)[10], im Benediktinerkloster St. Georgenberg (Förderung: BMWKMS/EU 2024–2026)[11], der Ris-Stiftung in Flaurling[12], der Taz-Stiftung in Brixen im Thale (Förderung: Gemeinde Brixen im Thale / Tiroler Wissenschaftsfonds 2006)[13] und im Priesterseminar in Brixen in Südtirol (Förderung: Autonome Provinz Bozen-Südtirol 2011–2014)[14]; darüber hinaus konnten Handschriften Tiroler Herkunft, die sich heute in auswärtigen Sammlungen befinden, erschlossen werden – etwa in der British Library in London (Provenienz Benediktinerkloster St. Georgenberg)[15] oder in der Universitätsbibliothek Padua (Provenienz Kartause Schnals) (Förderung: Mittel des Italienzentrums der Universität Innsbruck 2014 / Universität Venedig)[16].

Abb. 5: Innsbruck, ULBT, Ink. 109 H 1, Bl. a2a © ULBT/Maria Wilhelm
Die Beschreibungen liegen teilweise ausführlich in gedruckten Katalogen, teilweise in Kurzform als Onlinebeschreibungen auf manuscripta.at vor. Ergebnisse der möglichst flächendeckenden Wasserzeichenanalyse der mittelalterlichen Handschriften im Tiroler Raum werden in das Webportal wzma.at – Wasserzeichen des Mittelalters[17] eingepflegt.
Diese Projekte verdeutlichen die Herausforderungen langfristiger Erschließungsvorhaben. Der hohe Aufwand und Anspruch reicht von der Einwerbung von Fördermitteln über die inhaltliche Bearbeitung und Projektkoordination bis hin zur nachhaltigen Pflege der Daten, der Publikation der Ergebnisse und der Ausbildung qualifizierter Nachwuchskräfte.
Ähnliche Fragestellungen ergeben sich für die Arbeit mit Handschriftenfragmenten: Deren Digitalisierung und systematische Erschließung eröffnen neue Möglichkeiten für die Forschung, insbesondere durch die virtuelle Zusammenführung heute weltweit verstreuter Fragmente auf digitalen Plattformen wie Fragmentarium[18] oder hebraica.at[19] für hebräische Fragmente.
1.2 Druckschriftenerschließung als Kooperationsfeld
Ergänzend zu den Arbeiten an Handschriften und Fragmenten setzt die ULBT auch diverse Erschließungs- und Digitalisierungsmaßnahmen im Bereich der hauseigenen Druckschriften um. Zum heutigen Bestand zählen zahlreiche Inkunabeln[20]
und Drucke des 16. bis 18. Jahrhunderts, von denen ein erheblicher Teil aus kirchlichem Vorbesitz stammt: So waren beispielsweise mehr als zwei Drittel der Inkunabeln ursprünglich in Klöstern verwahrt. Die systematische Erschließung des umfangreichen Druckschriftenbestandes wurde an der ULBT erst in den letzten Jahren wiederaufgenommen.
Zentrale Partner waren dabei zunächst das Prämonstratenser Chorherrenstift Wilten und das Zisterzienserstift Stams: Aufbauend auf den Handschriftenprojekten erfolgte eine Tiefenerschließung der Inkunabeln Wiltener und Stamser Provenienz, die sich seit den Klosteraufhebungen im frühen 19. Jahrhundert an der ULBT befinden. Um die Entstehungs- und Nutzungskontexte dieser historischen Bibliotheken zu rekonstruieren, wurden exemplarspezifische Merkmale wie Annotationen, Besitzvermerke oder Einbandgestaltung dieser an der ULBT verwahrten Exemplare analysiert. Der Fokus lag dabei auf den individuellen Merkmalen der Exemplare, da diese zentrale Quellen für die Rekonstruktion historischer Besitz- und Gebrauchszusammenhänge sind. Die Erfahrungen der ULBT zeigen, dass die Rekonstruktion historischer Klosterbibliotheken nur im engen Zusammenwirken aller involvierten Institutionen möglich ist – und sie hängt entscheidend von der systematischen Erschließung, konservatorischen Sicherung und fachlichen Betreuung der Bestände vor Ort ab.[21] Während die Aufarbeitung der Handschriftenbestände weitgehend gelungen ist und bei den Inkunabeln voranschreitet, bleiben die im kirchlichen Kontext verwahrten historischen Druckschriften unter den aktuellen strukturellen Bedingungen nur eingeschränkt bearbeitbar, nicht zuletzt aufgrund ihres erheblichen Umfangs. Erstrebenswert wäre die flächendeckende Erfassung der kirchlich-klösterlichen Druckschriftensammlungen nach dem Vorbild anderer Regionen.[22]
1.3 Ordensbibliotheken als Gegenstand universitärer Qualifikations- und Projektarbeiten
Die ULBT setzt auch auf das Engagement von Forschenden und Lehrenden sowie Studierenden im Rahmen von Studien-, Qualifikations- bzw. Projektarbeiten. Zum einen widmen sich Studierende im Rahmen von Abschlussarbeiten speziellen Themen der Buch- und Bibliotheksgeschichte oder arbeiten ganze Bestandsgruppen auf, zum anderen fördert die bibliothekarische Aus- und Weiterbildung an der ULBT den Austausch mit kirchlichen Einrichtungen: Studierende absolvieren Praktika in Klosterbibliotheken und gewinnen Einblicke in spezifische strukturelle und konservatorische Gegebenheiten, während Mitarbeitende kirchlich-klösterlicher Bibliotheken Weiterbildungsangebote der ULBT nutzen.
Zusätzlich werden im Rahmen von Lehrgängen konkrete Projekte umgesetzt, etwa zur Katalogisierung der Drucke der Bibliothek der Ritter von Waldauf’schen Stiftung[23], zur Erschließung der Inkunabeln der Servitenbibliothek Innsbruck[24] oder die Erstellung einer digitalen Edition eines historischen Bestandsverzeichnisses des Stiftes Stams[25]. Exemplarisch soll das zuletzt verwirklichte Projekt „Die Privatbibliothek des Historikers Josef Hirn in der Stiftsbibliothek Stams“[26] vorgestellt werden: Im Mittelpunkt stand die Aufarbeitung der Bibliothek des österreichischen Geschichtsforschers Josef Hirn (*1848, †1917), die sich seit seinem Tod als Legat in der Bibliothek des Stiftes Stams befindet. Initiiert vom Institut für Klassische Philologie und Neulateinische Studien der Universität Innsbruck und der ULBT, verfolgte das Projekt das Ziel, diesen bislang kaum erforschten Bestand, der Einblicke in Hirns Netzwerk, Arbeitsweise und Leseinteressen gibt, systematisch zu erschließen und online zugänglich zu machen. Die Erschließung erfolgte im Verbundsystem Katalog der Ordensbibliotheken (KOBi), zentral betreut über den Fachbereich Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz.[27] Das Projekt demonstriert, wie durch geeignete Systemeinführung und Verbundanbindung sowie durch sorgfältige Erschließung klösterliche Bestände dauerhaft gesichert und für die Forschung geöffnet werden können. Die langfristige und nachhaltige Betreuung der Daten bleibt eine wichtige Aufgabe, deren Erfolg wesentlich vom stabilen institutionellen Engagement und von entsprechenden Ressourcen abhängt.

Abb. 6: Stams, Stiftsbibliothek, Legat Josef Hirn © ULBT/Vera-Maria Kathrein
2. Digitalisierung und Sichtbarkeit
Aufbauend auf den genannten Erschließungsarbeiten intensiviert die ULBT seit 2019 die systematische Digitalisierung von historischen Buch- und insbesondere Handschriftenbeständen. Die technische Infrastruktur für sensibles Buchgut wurde dafür ausgebaut. Ziel ist es, unikale und wertvolle Originale zu schonen und virtuell sichtbar sowie zugänglich zu machen und dabei neben den hauseigenen Beständen nach Maßgabe der Möglichkeiten auch externe Büchersammlungen mitzuberücksichtigen – fokussiert auf zur ULBT komplementäre Sammlungen.
In mehreren drittmittelgeförderten Projekten wurden im Hinblick auf eine virtuelle Rekonstruktion die heute teils verstreut überlieferten Handschriftenbestände einzelner Klöster digital zusammengeführt: so die Bibliothek des Augustiner Chorherrenstiftes Neustift in Kooperation mit der UB Bozen, die Handschriften des Prämonstratenser Chorherrenstiftes Wilten mit Unterstützung eines externen Fördergebers sowie jene des Zisterzienserstiftes Stams dank des Förderprogramms „Kulturerbe digital“ des Bundesministeriums für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport. In einem Folgeprojekt wurden die Bestände des Servitenkonvents Innsbruck und des Klosters St. Georgenberg in vergleichbarer Weise bearbeitet. Damit ist ein großer Schritt zur digitalen Sicherung aller bekannten mittelalterlichen Handschriften in Tiroler Klöstern getan und die Basis für ihre weiterführende Beforschung gelegt.
Ergänzend dazu werden unter dem Aspekt Auftragsforschung auch ausgewählte Dokumente digitalisiert, 2026 etwa die Chronik des Franziskanerklosters Schwaz – finanziert über einen Kulturverein mit privaten und öffentlichen Sponsoren. Die interdisziplinäre Analyse erfolgt in Kooperation mit Instituten der Universität Innsbruck.
Herausforderungen betreffen die Ressourcen der ULBT für die Anbahnung, Verwaltung und Betreuung solch aufwändiger Projekte sowie die Suche nach geeigneten Finanzierungsmöglichkeiten. Eine große Aufgabe ergibt sich auch hinsichtlich der digitalen Erfassung, der Pflege und des Austauschs der Daten: Externe Bestände werden aus institutionellen Gründen nicht in das universitäre Content Management System Visual Library integriert – aber keines der beteiligten Klöster verfügt bislang über eigene Serverinfrastruktur oder Ressourcen für nachhaltige Datenpflege. Deshalb werden klösterliche Digitalisate soweit möglich über das Webportal manuscripta.at der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehostet. Schnittstellen zu weiteren Portalen tragen dazu bei, doppelte Datenhaltung zu vermeiden.
Um die in den verschiedenen Portalen gespeicherten Daten nutzbar zu machen und sie digital in ihren ursprünglichen Sammlungskontext zurückzuführen, hat die ULBT die Initiative virtueller Rekonstruktionen gestartet: Für die Stifte Wilten[28], Neustift[29] und Stams[30] kann man sich bereits institutionenübergreifend auf die „Spuren verstreuter Bücherschätze“ machen: mit Informationen zu Bibliotheksgeschichte, historischen Katalogen sowie Recherchemöglichkeiten zu Besonderheiten des Bestandes.

Abb. 7: Innsbruck, ULBT, Cod. 421, Bl. 1r in der Digitalisierungswerkstätte der ULBT © ULBT/Maria Wilhelm
3. Bestandserhaltung
In der Arbeit mit klösterlichen Beständen treten bisweilen nicht nur strukturelle Herausforderungen bei Erschließung und Digitalisierung zutage, sondern auch konservatorische Probleme: Schädlingsbefall, Schimmel oder klimatische Defizite. Zugleich ist die personelle und infrastrukturelle Situation vieler Ordensgemeinschaften angespannt. Historische Bücher treten gegenüber Verwaltungs- und Seelsorgeaufgaben oft in den Hintergrund, obwohl sie zentrale Zeugnisse klösterlicher Identität und Kulturgeschichte sind.[31] Kirchlich-klösterliche Bibliotheken treten deshalb immer wieder mit Anfragen zur Bestandserhaltung an die ULBT heran. Durch Projekte zur Erschließung, Digitalisierung und Erforschung entsteht eine enge Vernetzung mit kirchlichen Bibliotheken, deren dauerhafte Sicherung die ULBT im Rahmen ihrer Möglichkeiten als Partnerin unterstützt – stets im Spannungsfeld von Auftrag und Rolle als Universitäts- und Landesbibliothek. Dabei leistet die ULBT vor allem Hilfe zur Selbsthilfe, indem Erfahrungswerte und Empfehlungen zur Bestandserhaltung ausgetauscht werden. Problematisch wird es jedoch, wenn sich aus Kooperation ein einseitiger Serviceanspruch entwickelt. Die Verantwortung für diese Bestände liegt bei den Einrichtungen selbst; eine kontrollierende Funktion kommt der ULBT weder rechtlich noch institutionell zu.
Die aktuellen Entwicklungen im Kirchen- und Ordensbereich und die wachsenden Bedürfnisse im Umgang mit historischen Büchersammlungen verstärken zusehends die Frage nach einer klaren Rollen- und Profildefinition. Niederschwellige Kooperationen bedürfen tragfähiger, partnerschaftlicher Lösungen, realistischer Ressourcenplanung und der Einbindung kirchlicher, regionaler und nationaler Gremien, um nachhaltigen Kulturgüterschutz zu gewährleisten. Dies gilt insbesondere auch im Zusammenhang mit der Auflassung kirchlicher Bibliotheken und deren Transfer in öffentliche Trägerschaft.
Abb. 8: Innsbruck, ULBT, Cod. 1042 © Judith Emprechtinger
4. Kulturelle Gedächtnispflege
Die 2009 von der Deutschen Bischofskonferenz empfohlenen „Leitlinien zur Bewahrung von gefährdeten kirchlichen Bibliotheksbeständen“ betonen, dass kirchliche Buchbestände nach Möglichkeit in kirchlicher Verantwortung verbleiben sollen:[32] Vorrang haben dabei die Bewahrung vor Ort, die Integration in benachbarte kirchliche Bibliotheken, diözesane Zentralisierungslösungen, Schwerpunktbibliotheken sowie gegebenenfalls die Übertragung an kirchliche Einrichtungen außerhalb des jeweiligen Landes. Die Übergabe an eine nicht-kirchliche Institutionen ist in diesem Zusammenhang als „letzte Konsequenz“[33] vorgesehen, wenn andere Modelle nicht oder nur eingeschränkt nutzbar sind.
In der praktischen Umsetzung zeigt sich, dass Kooperationen zwischen kirchlichen Einrichtungen und öffentlichen Gedächtnisinstitutionen in bestimmten Fällen dazu beitragen, die langfristige Zugänglichkeit und Erhaltung von Beständen zu gewährleisten. Die Bewahrung kirchlichen Bibliotheksguts stellt eine gemeinsame Aufgabe dar: Klöster, Orden, Pfarren, Diözesen, aber auch wissenschaftliche Einrichtungen und Gedächtnisinstitutionen bringen jeweils unterschiedliche Kompetenzen, Erfahrungen und Ressourcen ein. Gerade aus dieser Kombination ergeben sich Möglichkeiten, historische Sammlungen auch unter veränderten Rahmenbedingungen nachhaltig zu erhalten.
Für Tirol ist dabei zu berücksichtigen, dass in der Diözese Innsbruck – den westlichen Teil Nordtirols und Osttirol umfassend – keine institutionell verankerte Diözesanbibliothek besteht, während für den östlichen Teil Nordtirols – der Erzdiözese Salzburg zugewiesen – die dortige Diözesanbibliothek eingerichtet wurde. Exemte Orden unterliegen nicht der Zuständigkeit von Diözesanbibliotheken, sondern agieren eigenständig;[34] die für Ordensgemeinschaften zuständige Servicestelle hat ihren Sitz in Wien und bietet Beratungen und Projektbegleitungen für österreichische Ordensgemeinschaften an. Eine spezifische Fachstelle für historische Bibliotheken in der Kulturabteilung des Landes Tirol, wie sie beispielsweise für die Autonome Provinz Bozen-Südtirol tätig ist, gibt es nicht. Einige Ordensgemeinschaften verfügen über organisatorisch zusammenhängende Niederlassungen über Landes- und Staatsgrenzen hinweg. Aus diesen Gründen sind funktionierende Netzwerke – insbesondere hinsichtlich bevorstehender Auflassungen oder Übertragungen von Büchersammlungen – umso wichtiger.
Auch die ULBT war in den vergangenen Jahren in einzelne derartige Prozesse eingebunden. Mangels regionaler oder österreichweiter Alternativen im Bereich von öffentlichen, kirchlichen oder klösterlichen Einrichtungen übernahm die ULBT Verantwortung für die Erhaltung von wertvollem Bibliotheksgut, das dadurch vielfach in seiner Geschlossenheit bewahrt werden konnte. Ziel ist es, kirchlich-klösterliches Erbe langfristig zu sichern und in enger Zusammenarbeit mit diversen Wissenschaftsdisziplinen für universitäre Lehre und Forschung aufzubereiten. Teilweise konnte dies in drittmittelgeförderten Projekten bereits umgesetzt werden, wie beispielsweise im Fall der Handschriften der Innsbrucker Servitenbibliothek (s.o.). Diese Bibliothek befand sich seit 2008 als Dauerleihgabe an der ULBT und wurde 2025 gemeinsam mit Beständen des Servitenkonvents Volders[35] als Schenkung an die ULBT übergeben.[36] Damit konnte von einer angedachten Verbringung ins Ausland abgesehen werden.[37] Die Bestände aus der Servitenniederlassung in Rattenberg (im Tiroler Anteil der Erzdiözese Salzburg),[38] die seit ihrer Auflösung in die Innsbrucker Bestände integriert waren, befinden sich heute als Dauerleihgabe (Depositum) in der Salzburger Diözesanbibliothek,[39] wodurch ihre Betreuung innerhalb einer kirchlichen Institution gesichert werden konnte.

Abb. 9: Innsbruck, ULBT, Cod. Serv. I a 25, Bl. 3r © ULBT/Maria Wilhelm
Wie im Falle der Servitenbestände zutreffend, bilden erhaltene Kataloge, systematische Exemplardaten, Inventarlisten oder elektronische Metadaten für die wissenschaftliche Nutzung und Rekonstruktion historischer Sammlungszusammenhänge eine wesentliche Grundlage.[40] Wünschenswert wäre diese Voraussetzung auch für andere Bibliotheken, wie die des Innsbrucker Redemptoristenklosters: Im Zuge der Auflösung bzw. Verteilung der Büchersammlung 2018 konnte die ULBT zwar kurzfristig ausgewählte Drucke sichern, eine vollständige Rekonstruktion des ursprünglichen Bibliotheksbestandes ist mangels vorliegender Dokumentation derzeit jedoch nicht möglich.[41] In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, dass die Bewertung historischer Bibliotheksbestände nicht ausschließlich am Erscheinungsjahr einzelner Werke festgemacht werden sollte.[42] Auch jüngere Bestände, wie jene des erst seit dem 19. Jahrhundert in Innsbruck tätigen Redemptoristenordens, dokumentieren die Geschichte sowie regionale Wirkung des Ordens und besitzen daher eigenständigen Quellenwert. Zugleich sind eine fachlich fundierte Priorisierung, eine sorgfältig begründete Auswahl und transparente Bewertungskriterien erforderlich – schließlich ist die Erhaltung sämtlicher Bestände aus dem 19. und 20. Jahrhundert in den meisten Fällen weder personell noch infrastrukturell realisierbar.
Abb. 10: Jahrestagung der kirchlichen Bibliotheken „Brücken bauen. Chancen durch Netzwerke und Kooperationen“ vom 12. –13. März 2026 im Benediktinerstift Lambach (OÖ) © OÖK/Markus Lahner
In einigen Fällen konnten Lösungen gefunden werden, um die historische Geschlossenheit von Sammlungen möglichst in ihrem ursprünglichen Umfeld zu bewahren und eine geplante Veräußerung oder Aufteilung historischer Bibliotheksbestände zu verhindern.
Von der Option einer Dauerleihgabe wird an der ULBT mittlerweile Abstand genommen. Zwar ist die physische Sicherung eine wesentliche Voraussetzung für den Erhalt, das Potenzial einer Sammlung wird jedoch erst durch entsprechende Erschließungsmaßnahmen umfassend ausgeschöpft. Doch erschweren fehlende Eigentumsrechte langfristige Investitionen in inhaltliche Bearbeitung, Digitalisierung, Restaurierung und Depotinfrastruktur, weshalb auch fachliche Empfehlungen von Dauerleihgaben abraten.[43] Dennoch verwahrt die ULBT einzelne Deposita, die teilweise bereits vor Jahrzehnten von kirchlichen Einrichtungen abgegeben wurden. Dazu zählen Teilbestände der Ris-Bibliothek Flaurling, der Waldauf’schen Predigerbibliothek Hall, des Innsbrucker Jesuitenkollegs sowie der Altbestand des Kapuzinerklosters Ried im Oberinntal. Das Beispiel der Waldauf’schen Predigerbibliothek[44] verdeutlicht weitere Herausforderungen, die mit der Sicherung und Dokumentation historischer Buchbestände verbunden sind: Im Verlauf des 20. Jahrhunderts erlitt die Sammlung erhebliche Verluste, die wohl auf die politischen und kriegsbedingten Ereignisse dieser Zeit zurückzuführen sind.[45] Nach längerer Auslagerung übergab die Stadtpfarre Hall die Bibliothek 2003 an die ULBT. Im Jahr 2011 tauchte ein Teil der zuvor als verschollen geltenden Bücher auf dem Antiquariatsmarkt wieder auf.[46] Trotz gemeinsamer Bemühungen der ULBT, des Landes Tirol, der Diözese Innsbruck, der Stadtpfarre Hall sowie weiterer Förderer konnte das Konvolut nicht geschlossen zurückgeführt werden. Eine koordinierte Dokumentations- und institutionsübergreifende bzw. überregionale Ankaufsstrategie könnten dazu beitragen, verlorene oder verstreute Bestände langfristig besser zu erfassen und deren Erhaltung zu unterstützen.
Kooperation als Zukunftsaufgabe
Die Zusammenarbeit zwischen kirchlichen und öffentlichen Bibliotheken eröffnet vielfältige Chancen, ist jedoch zugleich mit strukturellen, organisatorischen und fachlichen Herausforderungen verbunden. Auf Grundlage der Erfahrungen der ULBT lassen sich mehrere Handlungsfelder identifizieren, die zugleich Ansatzpunkte für zukünftige Entwicklungen darstellen:
Rechtliche Fragen zu Eigentum, Zuständigkeit und kulturgüterrechtlichen Rahmenbedingungen sind insbesondere bei historischen Beständen nicht immer eindeutig zu klären. Hinzu kommen konservatorische Probleme durch Klimaeinflüsse, Schädlingsbefall oder Schimmel, die selbst größere Einrichtungen vor erhebliche Anforderungen stellen. Begrenzte personelle und infrastrukturelle Ressourcen erschweren dabei eine durchgängige Betreuung aller Bestände.
Ein weiterer zentraler Aspekt betrifft die Nachhaltigkeit von Maßnahmen. Katalogisierungs- und Digitalisierungsprojekte sowie punktuelle Erschließungen schaffen wichtige Grundlagen für Forschung und Zugänglichkeit, gewährleisten aber nicht per se eine langfristige Betreuung der Bestände und der Daten. Ehrenamtliches Engagement leistet hierbei traditionell einen unverzichtbaren Beitrag, dieses ist jedoch nicht überall dauerhaft verfügbar und kann langfristig abgesicherte Strukturen nicht vollständig ersetzen. In der Praxis führt dies häufig dazu, dass nur ausgewählte Bestände bearbeitet werden können und insbesondere umfangreiche Druckschriftensammlungen weniger im Fokus stehen.
Von Relevanz ist das Bewusstsein für den ideellen Wert historischer Bibliotheken. Ihre Bedeutung liegt nicht nur in einzelnen Büchern, sondern ebenso in ihrer gewachsenen Geschlossenheit, ihrer Überlieferungsgeschichte und den vielfältigen Beziehungen. Werden Sammlungen nicht mehr als Ganzes wahrgenommen, verlagert oder aufgelöst, können wesentliche historische, geistige und kulturelle Zusammenhänge verloren gehen. Dies gilt auch für Büchersammlungen jüngerer Zeit. Der sorgfältigen Dokumentation der Sammlungen sowie der Sicherung von Katalogen und Nachweisinstrumenten kommt daher besondere Bedeutung zu, um die Rekonstruierbarkeit von Bibliotheken auch bei Verlagerungen oder Bestandsüberlassungen zu gewährleisten.
Vor diesem Hintergrund erscheint ein aktueller, möglichst umfassender Überblick über kirchliche Bibliotheken, ihre Bestände sowie ihre personellen und organisatorischen Ressourcen als wichtige Grundlage weiterer Planungen. Bestehende Nachweisinstrumente wie das Handbuch der historischen Buchbestände[47] könnten aktualisiert und ausgebaut werden, u. a. auch vertieft für Pfarrbibliotheken, die in den diözesanen Verantwortungsbereich fallen.[48] Sie könnten durch digitale Angebote (wie beispielsweise die Webportale Klosterbibliotheken in Österreich – armarium.eu[49] oder manuscripta.at) ergänzt und weiterentwickelt werden. Modellcharakter besitzen Projekte zur systematischen Erfassung historischer Bibliotheken, wie sie etwa in Südtirol oder Mitteldeutschland umgesetzt wurden und werden.
Im Falle anstehender Verlagerungen stellt sich die Frage, wer langfristig die Verpflichtung für die Erhaltung, Erschließung und Zugänglichmachung trägt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass selbst professionell betreute Ordensbibliotheken vielfach mit begrenzten personellen Kapazitäten arbeiten und zusätzliche Aufgaben oder gar eine Mitbetreuung externer Büchersammlungen nicht oder nur eingeschränkt übernehmen können. Deshalb stellen sich innerhalb kirchlicher Einrichtungen Fragen nach langfristiger Organisation und Verantwortung. Die in Aussicht genommene Nutzung des Klosters Thurnfeld in Hall als Standort für das Diözesanarchiv[50] ist in diesem Zusammenhang für die Diözese Innsbruck ein wichtiges Signal für den Ausbau entsprechender Infrastruktur – nicht nur für gefährdete historische Pfarrbibliotheken. Für den Tiroler Anteil der Erzdiözese Salzburg wird bereits ein Zentraldepot auch für Schriftgut aus Orden genutzt. Perspektivisch könnten kooperative Modelle zwischen Diözese und Ordensgemeinschaften, bei Bedarf unterstützt durch öffentliche Einrichtungen, dazu beitragen, Kompetenzen zu bündeln und Ressourcen gemeinsam nutzbar zu machen; dies in Anlehnung an die Empfehlungen der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche aus dem Jahr 1994 zur Etablierung leistungsfähiger Diözesanzentren zur Koordination und Beratung.[51]
Ebenso bedeutsam sind tragfähige Beratungs- und Koordinationsstrukturen. Regionale Netzwerke tragen zum fachlichen Austausch, zur Entwicklung gemeinsamer Standards sowie zur Koordination von Fortbildungs- und Erschließungsmaßnahmen bei. Der Bereich Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz leistet hierzu einen bedeutenden Beitrag, ebenso der Austausch in Gremien wie der AKThB-Landesgruppe sowie den VÖB-Kommissionen für Theologische Spezialbibliotheken und für Historische Buchbestände. Auf regionaler Ebene haben sich in Tirol hierfür u. a. die Arbeitsgruppe Altes Buch in Tirol sowie das Koordinationsgremium Kulturerbe Tirol etabliert, in denen sich Vertreterinnen und Vertreter von Bibliotheken, Archiven, Museen, kirchlichen Einrichtungen sowie der öffentlichen Verwaltung vernetzen und austauschen. Darüber hinaus könnten regionale Anlaufstellen und Servicestrukturen die Betreuung historischer Buchbestände weiter stärken.
Synergieeffekte entstehen zudem durch die stärkere Einbindung kirchlicher Bibliotheken in Verbundkataloge, digitale Portale und Vermittlungsplattformen oder gemeinsame technische Infrastrukturen wie KOBi[52], manuscripta.at oder Kulturpool[53]. Innerkirchliche Angebote im Bereich Bibliothekssoftware, Langzeitarchivierung, Datenhaltung oder Weiterbildung können kleinere Einrichtungen entlasten und zugleich die Sichtbarkeit ihrer Bestände erhöhen.
Ergänzend dazu bedarf es klarer Regelungen und abgestimmter Standards für Inventarisierung, Bestandssicherung, Erschließung und Nutzung historischer Bibliotheken. Die Empfehlungen und Leitlinien der Ordensgemeinschaften Österreichs[54] sowie der Deutschen Bischofskonferenz[55] bieten hierfür wichtige Orientierungspunkte. Ihre weitere institutionelle bzw. gegebenenfalls kirchenrechtliche Verankerung könnte dazu beitragen, Verantwortlichkeiten transparent zu gestalten und den langfristigen Erhalt kirchlicher Bibliotheksbestände abzusichern.[56] Dies betrifft insbesondere Kooperationsmodelle, bei denen Fragen der Erhaltung, Erschließung und Zugänglichkeit frühzeitig und gemeinsam geklärt werden sollten, im Falle von anstehenden Bestandstransfers insbesondere die Aufteilung entstehender Kosten.[57]
Viele der skizzierten Maßnahmen hängen von personellen, finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen ab – kirchlich wie öffentlich. Solidarische Modelle können dazu beitragen, gemeinsame Verantwortung praktisch umzusetzen.
Kirchliche Bibliotheken sind weit mehr als Aufbewahrungsorte historischer Bücher. Sie sind Zeugnisse gelebter Spiritualität, Bildungsorte und kulturelle Gedächtnisspeicher, deren Bestände einen wesentlichen Teil des schriftlichen Kulturerbes darstellen. Ihr Erhalt und ihre Erschließung gelingen nur durch fachliche Kompetenz, tragfähige Rahmenbedingungen und verlässliche Kooperation. Erfolgreiche Partnerschaften beruhen auf Vertrauen, klaren Zuständigkeiten und gemeinsam genutzten Ressourcen – so werden Bestände für die Forschung erschlossen und öffentlich zugänglich und bleiben für kommende Generationen bewahrt.
Vera-Maria Kathrein ist Mitarbeiterin der Abteilung für Sondersammlungen der ULBT. Sie hat Katholische Theologie und Latein studiert und ist derzeit Doktorandin im Fachbereich Liturgiewissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. Ihr Schwerpunkt liegt in der Erschließung von Handschriften und Inkunabeln unter besonderer Berücksichtigung theologischer Literatur.
Claudia Schretter-Picker studierte Geschichte, Französisch und Latein in Innsbruck und Besançon und absolvierte die Ausbildung am Institut für Österreichische Geschichtsforschung in Wien. Ihre Dissertation behandelte die Handschriften des Benediktinerklosters St. Georgenberg (Fiecht) in der British Library. Nach Projekten zur Erschließung der Handschriften an der ULBT arbeitet sie seit 2009 in deren Abteilung für Sondersammlungen (seit 2026 als Leiterin), engagierte sich am Ludwig-Boltzmann-Institut für Neulateinische Studien zu buch- und bibliothekshistorischen Themen und setzt sich besonders für die Zugänglichkeit von Handschriften im Tiroler Raum ein.