Zwischen Ehrfurcht und Distanz Vom Umgang mit spirituellen Texten in unseren Archiven

Peter van Meijl SDS

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In Ordensarchiven verbergen sich neben klassischem Archivmaterial auch immer wieder Unterlagen, die einen ganz persönlichen Einblick in die Spiritualität und das geistliche Leben einer Ordensfrau oder eines Ordensmannes geben können. Dieser Beitrag stellt einige Funde aus dem Provinzarchiv der Salvatorianer in Wien vor und zeigt den zum Teil schwierigen Umgang mit diesen Quellen auf.[*]

 

Mit einem gewissen Stolz kann jede:r von uns die interessierten Besucher:innen auf ein außergewöhnliches Schriftstück oder auf eine unbekannte Besonderheit in seinem/ihrem Archiv hinweisen. Vor einigen Jahren wurden mehrere Archivar:innen der Ordensgemeinschaften eingeladen, eine ihrer Besonderheiten in einem Kurzvideo vorzustellen. Wir hörten von der sogenannten Kriegschronik, einem wunderschön gebundenen Buch, das von den Kriegseinsätzen der Herz Jesu Schwestern im dritten Wiener Bezirk zwischen 1912–1919 handelt. Es wurde auch eine fundamentale Archivalie vorgestellt, die uns die erste Schenkung an das Benediktinerstift Melk vor 1075 zeigt und somit noch in die Zeit vor der eigentlichen Stiftsgründung verweist. Sr. Illuminata Blümelhuber SCSC erzählte über das kleinste liturgische Gebetsbuch aus dem Jahre 1939. Das Mini-Büchlein aus dem Provinzarchiv der Welser Kreuzschwestern hat 264 Seiten und enthält das lateinische Officium parvum. Ich stellte damals den Messkoffer meines Mitbruders Pater Waldemar Posch SDS (*1911, †1992) vor, der von ihm an viele Kriegsschauplätze im Zweiten Weltkrieg getragen wurde.[1] „Von da an war mein Messkoffer nicht nur meine tragbare Sakristei, sondern zugleich auch Tabernakel“, schrieb er in sein Kriegstagebuch.[2] So ein Objekt kann vieles über die Spiritualität eines Menschen aussagen. 

 

Messkoffer von Pater Waldemar Posch SDS

Abb. 1: Messkoffer von Pater Waldemar Posch SDS © Robert Passini

 

Jedes Archiv kann aber auch andere Besonderheiten vorstellen, nämlich spirituelles Schriftgut. Welche Kriterien gibt es, um ein Schriftgut als „spirituell“ zu definieren? Und wie gehen wir damit um? Aufbewahren, weil es „spirituell“ ist, oder entfernen, weil es manchmal als „kitschig“ oder „weltfremd“ empfunden wird? Aufheben, weil wir es lesen können, oder beseitigen, weil es fast unleserlich ist und zu viel Energie von uns erfordert, nur um es zu entziffern? Dürfen wir solche Texte überhaupt kommentieren und veröffentlichen? Im Umgang mit spirituellem Schriftgut schwanke ich zwischen einer respektvollen Ehrfurcht gegenüber dem religiösen Gehalt des Textes und einer nüchternen, methodisch-kritischen Herangehensweise, die eine objektive Auswertung ermöglicht. Es ist bedeutungsvoll, wenn sich die diesjährige Jahrestagung der Ordensarchivar:innen unter dem Motto Zwischen Spiritualität und Schriftgut: Arbeiten im Ordensarchiv diesen Fragen in Workshops und Gesprächsrunden praxisnah widmet. Was kann ich nun beitragen, um einige der gestellten Fragen zu beantworten? Dazu erzähle ich, wie wir in unseren Archiven mit spirituellen Texten umgehen. Ich denke dabei z. B. an ein altes Noviziatsheft, ein geistliches Tagebuch, ein persönliches Poesiealbum, ein Florilegium („Blütenlese“) geistvoller Gedanken, an Sonntagspredigten eines Mitbruders, ein Messtagebuch, genannt Diarium et Onera Missarum[3], oder sogar an eine gesamte Briefkorrespondenz zwischen zwei gut befreundeten Ordensleuten. Wenn ich über ein Kriegstagebuch eines Mitbruders als spirituelles Schriftgut sprechen werde, möchte ich auch erwähnen, was z. B. Ordensfrauen in Kriegslazaretten an Spirituellem hinterlassen haben oder was sie in Chroniken und Briefen darüber geschrieben haben. Das ist ein Thema, bei dem unsere Forschung erst am Anfang steht. Mein Vortrag wird also eher ein eigener Erfahrungsbericht sein, als eine allgemeine Betrachtung über spirituelles Schrifttum.

 

Spirituelle Texte in Ordensarchiven

Halten wir uns stets vor Augen, dass Ordensleute sich per definitionem als geistliche Männer und Frauen verstehen. Sie wurden früher in kirchlichen Dokumenten und liturgischen Texten geistliche oder gottgeweihte Mägde genannt. Auf Lateinisch lautete die ehrende Umschreibung häufig ancillae Dei oder ancillae Domini, was wörtlich „Mägde Gottes“ bzw. „Mägde des Herrn“ bedeutet. In ihrem Leben haben sie auch spirituelle Texte geschrieben, die manchmal in unsere Archive, in unsere Gedächtnisorte gelangten, wenn sie nicht schon vorher von den Personen selbst vernichtet wurden. Die Gründe, warum solche Schriften oft von den Autoren:innen entsorgt wurden, können vielschichtig sein: „Das geht niemanden etwas an“, „Das habe ich vor 50 Jahren geschrieben und stimmt mit meiner heutigen Grundeinstellung nicht mehr überein“, „Ich schäme mich, wenn andere das über mich lesen werden“. All diese und ähnliche Gründe sollte man respektieren. Es gibt jedoch auch Frauen und Männer, die einfach sagen: „Wenn diese Schriften zur Spiritualität (früher sagte man: zum Seelenheil) etwas helfen können, warum nicht?“ Damit erklären sie, dass geistliches Leben eine Wirklichkeit ist, die auch immer wachsen, reifen und sich vertiefen kann, die anderen als Orientierung und Hilfe dienen kann.

 

Pater Waldemar Posch SDS: Kriegstagebuch (1938–1946)

Ich habe schon erwähnt, dass wir im Provinzarchiv der Salvatorianer in Wien eine Besonderheit bewahren, nämlich den Messkoffer eines Mitbruders, der sofort nach seiner Priesterweihe 1938 in Graz als Sanitätssoldat und Kriegspfarrer einrücken musste. Im umfangreichen Nachlass von Pater Waldemar Posch SDS befinden sich die Personaldokumente, der erwähnte Messkoffer aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, zwei Mappen mit Zeichnungen und gemalten Bildern sowie einige Skizzenbücher, ein Fotoalbum, ein umfangreiches Konvolut an geschichtlichen Forschungsunterlagen und ein von ihm selbst verfasstes Kriegstagebuch. Unsere Mitarbeiterin Doris Fries hat sich, als sie den Nachlass ordnete, intensiv mit diesem Kunstnachlass und dem Kriegstagebuch beschäftigt und daraus ein „spirituelles“ Profil des Mitbruders erstellt. Sie hat in ihrem Beitrag für das Jubiläumsbuch 2023 dieses Kriegstagebuch ausgewertet und die unbekannten und schicksalhaften Lebensabschnitte dieses Salvatorianers beleuchtet. 

 

P. Waldemar Posch und P. Bruno List als Neupriester, 1938

Abb. 2: Waldemar Posch SDS (links) und Bruno List (rechts) mit ihrem Rektor Pater Eliseus Galbelseder SDS © Provinzarchiv der Salvatorianer Wien

 

Die Ereignisse zwischen den Jahren 1938 bis 1946 hat Pater Waldemar erst 1986 als Kriegstagebuch veröffentlicht und darüber ausführlich in der Zeitschrift Beiträge zur Wiener Diözesangeschichte geschrieben.[4] Es brauchte dreißig Jahre der geistigen Verarbeitung. Das war für den akademisch und kunstgeschichtlich gebildeten Mitbruder lebensnotwendig. Dieses von ihm redigierte Tagebuch stützt sich auf Notizen, welche er während der Kriegszeit an der Front in kleinen Taschenkalendern und Notizbüchern festhielt. Die persönlichen oder heiklen Stellen wurden in Kurzschrift vermerkt.[5] 

Das Tagebuch beginnt am 17. Juli 1938 mit der Priesterweihe von Pater Waldemar: „In jenen Tagen, da – trotz aller Schattenseiten – eine uns traute Welt versank, wurde ich [...] zum Priester geweiht. Nach der Weihe wurden wir vom Fürstbischof [Ferdinand Pawlikowski (*1877, †1956)] empfangen. [Ich weiß noch], dass wir in dieser [...] so hoffnungslosen Zeit, doch voller Hoffnungen waren… Der Regens trat vor den Bischof hin und [...] wies auf die Neugeweihten: ‚Exzellenz! In schwerer Zeit bringe ich diese jungen Männer zu Ihnen. Da nun alles zurückweicht, hat der Herr an sie die Frage gestellt ‚Wollt auch ihr weggehen?‘… Die Antwort dieser Männer aber war: ‚Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.´“[6] Und weiter schreibt Pater Posch: „Die Ereignisse des Jahres 1938 übten auf viele der um diese Zeit geweihten Priester eine doppelte Schockwirkung aus. Sie wurde bedingt durch den Untergang all dessen, was man als Vaterland zu bezeichnen pflegte und durch die momentane Rat- und Hilflosigkeit der kirchlichen Vorgesetzten.“[7] 

Wir können es uns heute schwer vorstellen, was es für einen Primizianten damals bedeutete, ein Jahr nach der Priesterweihe in den Krieg ziehen zu müssen. „Wohl kaum musste sich eine Priestergeneration so radikal umstellen und so verlassen von der gewohnten Umwelt den Weg in eine düstere Zukunft bahnen“[8], notierte Pater Waldemar. Er bezeichnete die damals neu geweihten Priester als „eine sich selbst überlassene Priestergeneration.“[9] 

Doris Fries hat in ihrem Beitrag ausgearbeitet, wie ihrer Meinung nach drei Faktoren Pater Waldemar geholfen haben, sein Kriegstrauma zu bewältigen: der christliche Glaube, das Schreiben und das Zeichnen. Sie fasst sein Profil wie folgt zusammen: „Das nachträgliche Verfassen eines Kriegstagebuches aus seinen persönlichen Aufzeichnungen, das Schreiben von Gedichten und Erlebnissen aus dem Krieg, das Zeichnen und Malen waren Ressourcen, auf die Posch zurückgreifen konnte und die er auch nutzte.“[10] Durch seinen christlichen Glauben wurde Pater Waldemar resilient, widerstandsfähig. „In Fachkreisen bezeichnet man Menschen, die sich von traumatischen Ereignissen und Schicksalsschlägen wieder gut erholen, als resilient. Sie reagieren flexibler auf herausfordernde Situationen, passen sich schneller an Veränderungen an, reagieren ressourcenreicher auf Stress, haben ein höheres Maß an Selbststeuerungsfähigkeit, durchleben die Krisen des Lebens mit mehr Akzeptanz und lernen aus ihnen. Dank ihrer inneren Widerstandskraft richten sie sich nach einer Zeit wieder auf und gestalten ihr Leben weiter.“[11] 

Die ernsthafte Aufarbeitung eines besonderen Dokumentes, das neugierig gemacht hatte, kann ungeahnte spirituelle Kräfte für den Alltag freisetzen. Für uns Mitbrüder war jene Studie eine große Hilfe, um diesen verdienstvollen, aber doch immer auch ein wenig eigenartig wirkenden Mitbruder besser zu verstehen und mehr zu schätzen.

 

Ordensschwestern in Kriegslazaretten (1938–1945)

Manche unter uns werden sich nun wohl fragen: Wo können wir das leise, aber unerschütterliche Feuer der Spiritualität so vieler Schwestern dokumentieren, die in ähnlichen düsteren Jahren des Krieges ihr ordensspezifisches Apostolat nicht als Sanitätssoldaten oder Kriegspfarrer an der Front entfacht haben, sondern in den vielen heimischen Lazaretten? Wo, wenn nicht in unseren Archiven!

Ich vermute, dass viele Ordensschwestern in ihren Archiven Schriftstücke bewahren, die mit ihrer Arbeit in Lazaretten zu tun haben. Voriges Jahr (2025) hat Schwester Ulrike Musick SDS eine Studie zu Salvatorianerinnen im Zweiten Weltkrieg veröffentlicht, nachdem sie im Provinzarchiv der Schwestern in Wien-Hacking mehrere Berichte gefunden hat, die zeigen, wie es einzelnen Schwestern ergangen war und was in den verschiedenen Niederlassungen geschehen war.[12] 

In diesen besonderen Schriftstücken kann viel durchlebte und Resilienz fördernde Ordensspiritualität gefunden werden. Ich gebe einige Beispiele.

Am 3. Juli 1938 lesen wir in der Hauschronik der Gemeinschaft in Wien-Kaisermühlen, 22. Wiener Bezirk, wo es seit 1904 einen Hort, seit 1924 einen Kindergarten und seit 1934 eine Volksschule gibt: „3. Juli [1938]: Der heurige Schulschluss war für uns ein recht trauriger. Dürfen wir doch nach den neuen Bestimmungen die Hauptschule nicht beginnen und werden die Kinder der öffentlichen Schule übergeben. Vielen der Kinder fiel der Abschied sehr schwer, sind sie ja doch schon seit dem Kindergarten bei uns. Eben alles, wie Gott will! Eine grössere Anzahl der Kinder bestand die Aufnahmsprüfung in die Mittelschule. Wir munterten die Kleinen noch beim Abschied auf, mit dem Kloster in Verbindung zu bleiben und sich auch weiterhin an der Haltung des Herz-Jesu-Freitags zu beteiligen. Möge der lb. Gott die Kleinen schützen u. führen!“[13] Der Schulbeginn im September 1938 war noch trauriger: „25. September [1938]: Schulbeginn! Für uns ein sehr trauriger Tag, da die Privatschulen aufgehoben sind u. nicht mehr unterrichten dürfen. Wer wirklich aus ganzer Seele Erzieher ist, der weiss, was das für einen Erzieher bedeutet. Doch wir sind vor allem Religiosen u. wissen aus dem Glauben zu leben. Wir sind überzeugt, dass der lb. Gott nichts zulassen wird, was nicht letzten Endes zum Heile unserer Seelen notwendig war. Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten! Der 1. Stock des alten Hauses wurde von der Gemeinde Wien für 3 Volkschulklassen gemietet; es werden ca. 90 Kinder hier untergebracht.“[14]

Zu Weihnachten 1941 lesen wir in der Chronik der Gemeinschaft in Hacking: „Am Mitternachtsgottesdienst, sowie am Früh- und Spätgottesdienst beteiligten sich fast alle gehfähigen Soldaten. Es war ergreifend zu sehen, wie raue Krieger es sich nicht nehmen ließen, in mitternächtlicher Stunde dem Christuskinde in der Krippe, ihre Anbetung zu zollen. Nicht nur Katholiken, sondern auch Andersgläubige wollten Weihnachten erleben. Möge [das] Kind in der Krippe allen unseren lieben Verwundeten die ersehnte Gesundheit an Leib und Seele schenken! So können wir dieses Jahr beschließen. Es war wieder das gütige Walten Gottes, das uns vor so Manchem beschützte. Darum möge unser letztes Wort in diesem Jahr sein ‚Das walte Gott!´“ [15] 

 

Kriegstabernakel im Tiefgeschoß der Salvatorschule in Kaisermühlen (gegenüber der alten Waschküche und neben dem Kellerabgang)

Abb. 3: Kriegstabernakel im Tiefgeschoß der Salvatorschule in Kaisermühlen (gegenüber der alten Waschküche und neben dem Kellerabgang) © Provinzarchiv der Salvatorianerinnen Wien

 

Sr. Ulrike Musick SDS hat in der Kaisermühlener Hauschronik eine eindrucksvolle Geschichte aus dem Jahre 1942 gefunden, in der die Schwestern ihrem gewöhnlichen Kriegsalltag nachgingen und dann in großer Gefahr das Allerheiligste in den sogenannten Kriegstabernakel brachten. „1942: Unsere Tätigkeit war wieder Haushalt, Krankenpflege und Fremdenbetreuung. Sehr oft wurden bei uns Priesterexerzitien gehalten. Einige hochwürdige Herren blieben auch über Nacht und zelebrierten in unserer Kapelle, wo wir dann pro Tag 4-5 heilige Messen hatten. Wir boten volle Verpflegung gegen Lebensmittelmarken und freuen uns über diese schöne Tätigkeit. Leider wurden diese Tage oft durch Fliegeralarm gestört. Am Herz-Jesu-Freitag im September war der erste direkte Angriff auf Kaisermühlen. Das Herz-Jesu beschütze uns. Vorschriftsmäßig standen die Brandwachen (je 3 Schwestern) in jedem Stock, als plötzlich ein furchtbares Brausen das ganze Haus erfüllte und schüttelte. Von Angst erfüllt rief Ehrw. Oberin [Sr. Agnesina Pribill, (*1905, †1985)] die Schwestern und wies sie in den Schutzraum, während sie selber in die Kapelle lief, um den lb. Heiland zu holen. Kaum war sie in der Sakristei, um das Velum zu nehmen, als auch schon die Bomben in allernächster Nähe um unser Haus fielen. Die Scheiben klirrten, Dachziegel und Steine, ja selbst Randsteine von 1m Länge wurden haushoch in die Luft getragen und durchschlugen die Dächer. In all dem Getöse zitternd vor Aufregung und Angst ries [sic] Sr. Oberin den lb. Heiland aus dem Tabernakel, um in den Schutzraum zu eilen. Eine Schwester eilte Schwester Oberin entgegen und rief: ‚Heiligstes Herz Jesu erbarme dich unser!´ Alles im Haus war mit Staub und Pulverdampf erfüllt. Die Schwestern wurden sofort ruhig, als der Heiland bei ihnen war. Innig betend und flehend warteten wir das Ende des Angriffs ab. Als es ruhiger wurde, eilten wir, um zu sehen, was geschehen war. […] Bis dahin kannten wir den Schrecken des Alarms nicht, von dieser Zeit an aber genügte der Kuckucksruf, um uns bereit zu machen für den Luftschutzraum. Der lb. Heiland wird von nun an in Zukunft als Erster hinuntergetragen und die Himmelmutter und der hl. Josef sind auch bei uns. Unter diesem Schutz stehen wir sicher.“[16]

Anfang 1945 heißt es in der Hauschronik von Hacking: „21.02.1945. Den heutigen Angriff bekamen wir stark zu spüren, da rings um unser Krankenhaus Feindtätigkeit ist. Unsere Spitalskapelle bekam zwei große Sprünge und auch das Dach einige Schäden. Doch sind diese Schäden gering im Vergleich zu dem, was unsere Umgebung erlitten hat. Gott Dank für seinen wunderbaren Schutz!“[17] Und am 16. April 1945 hat die Chronistin geschrieben: „16.04.1945. Bei uns ist es etwas ruhiger geworden, es werden nicht mehr so viele Verwundete gebracht. Ein Teil der ungar. Verwundeten wurde verlegt. Ebenso zog der Großteil der russ. Truppen und Offiziere ab. Auch die Zimmer im alten Haus werden wieder frei. Eine russ. Schwester, die gut deutsch spricht und ein russ. Mann bleiben im Haus. Auch ein Großteil der ung. Sanitätsmannschaft ist im Abmarsch nach Ungarn. Sobald Transportmöglichkeiten sind, sollen auch die ungarischen Verwundeten nach Hause gebracht werden. Das Lazarett ist aufgehoben und wir sind wieder St. Josef Krankenhaus. Unsere Sanitätsmannschaft bleibt noch 2–3 Wochen zu unserer Verfügung, gegen Verpflegung, da wir noch verwundete Soldaten im Haus haben. 28.04.1945. Das Lazarett ist neuerlich fast geräumt, die Aufnahme von Zivilpersonen ist wieder möglich.“[18] 

Die Chronik des Klosters in Stockern (NÖ), welches das Generalat im Ersten Weltkrieg als Wohnsitz erworben hatte, enthält die abenteuerliche Geschichte von zwei Schwestern, die nach Wien reisen mussten: „24.V. [1945] Um 4h früh macht sich lb. Ehrw. Sr. Prov. Oberin mit Sr. Gertrudina [Koperwas, (*1902, †1970)] u. Frau Gieler auf den Weg nach Siegmundsherberg, um mit einem Güterzug Wien zu erreichen. Möge der lb. Gott auf die Fürbitte unserer hl. Patrone die Reisenden schützen, wir wollen den ganzen Tag beten u. opfern.“ Und vier Tage später heißt es dann: „28.V. [1945]. Gegen 7h abends kommen Sr. Gertrudina u. die lb. Sr. Aurea [Rast, (*1905, †1994)] u. Aquinata [Scharpf, (*1895, †1953)] von Wien. Sie werden mit innigem Dank gegen Gott jubelnd empfangen. 4h früh schon machten sie sich über Floridsdorf auf den Weg, konnten streckenweise mit Russ. Kommissar u. Flüchtlingen fahren. Von Limberg-Maissau zu Fuß. Wunderbarer Schutz aller unserer lb. Schwestern in Wien.“[19] 

Wenn wir also die Fakten, Ereignisse und Besonderheiten in unseren Chroniken mit spirituellen Augen lesen, werden wir vieles über die gelebte Spiritualität unserer Mitbrüder und Mitschwestern erfahren. „Doch wir sind vor allem Religiosen u. wissen aus dem Glauben zu leben. Wir sind überzeugt, dass der lb. Gott nichts zulassen wird, was nicht letzten Endes zum Heile unserer Seelen notwendig war. Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten!“[20] Unsere Archive können sich ohne große Mühe zu spirituellen und kommunikativen Orten entwickeln!

 

Rogatorialprozesse in den Diözesen

Ich möchte kurz eine, vielleicht unbekannte, Form einmaligen spirituellen Schriftgutes erwähnen, das sich auch in unseren Archiven befinden kann. Es sind dies die sogenannten Rogatorialprozesse, die in einer Diözese auf Ortsebene zur Einführung eines Seligsprechungsprozesses geführt wurden. Zeugen (Mitbrüder, Schwestern, Kleriker und Laien) werden unter Eid vor einem kirchlichen Gericht mit vielen Fragen über den Kandidaten oder die Kandidatin befragt. Diese Aussagen wurden genauestens, meistens mit einer schönen und deutlichen Schrift, protokolliert und später in Abschrift nach Rom geschickt, wo sie in Auszügen in italienischer Übersetzung in das Summarium flossen. Es lohnt sich, diese Akten in den Diözesanarchiven zu konsultieren. Sie enthalten sehr vieles über das spirituelle Leben der zukünftigen Seligen und über das spirituelle Umfeld der eigenen Kongregation oder der betreffenden Diözese. Es sind oft unbekannte Perlen!

 

Pater Germanus Heberer SDS: Notizhefte (1891–1895)

Kommen wir nun zu einem schwierigeren Thema. In unserem Provinzarchiv wurden vor einiger Zeit vier kleine, dünne Heftchen (etwa 11 x 16 cm) gefunden. Diese stammen aus dem Nachlass eines Mitbruders, Pater Germanus Heberer SDS (*1872,†1925), der 1925 in der Apostelpfarre im 10. Wiener Bezirk gestorben ist.[21] Ein ausführlicher Nachruf wurde in der ordenseigenen Zeitschrift Annales Divini Salvatoris über ihn veröffentlicht.[22] Ich hatte Mühe, die sehr kleine, gestochen scharfe gotische Schrift zu lesen, vermutete aber den einzigartigen, geistlichen Wert der Heftchen. Sie wurden in Rom zwischen 21. November 1891, als Frater Germanus sein zweites Jahr Philosophie an der Gregoriana begann, und dem 8. Dezember 1895, das Ende des Jahres seiner Priesterweihe, geschrieben.[23] 

Es war gerade diese Zeit, in der unser Gründer Pater Franziskus Maria vom Kreuze Jordan SDS (*1848,†1918) im Mutterhaus lebte. 

 

Erste Seite eines Heftchens aus dem Nachlass von Pater Germanus Heberer SDS

Abb. 4: Erste Seite eines Heftchens aus dem Nachlass von Pater Germanus Heberer SDS © Provinzarchiv der Salvatorianer Wien

 

Meine Frage war nun: Was können wir in Bezug auf den Alltag dieser Zeit (November 1891 bis Dezember 1895) über unseren seligen Gründer und über die erst 14 Jahre junge Gesellschaft der Salvatorianer erfahren, was wir aus anderen Quellen nicht wissen? Als ich ein engagiertes Pfarrmitglied, eine ehemalige Sekretärin, um ihre Hilfe fragte, fingen wir beide an, den Text gemeinsam zu lesen und zu transkribieren. Nach einigen Seiten wurde mir die Einmaligkeit dieses Dokumentes bewusst. Ich fing an, das erste Heft mit einem ausführlichen Kommentar mit Info-Boxen zu versehen und gab ihm den Arbeitstitel: Der römische Alltag von Pater Jordan. Ein Querschnitt.[24] 

 

Der Kommentar zum ersten Heftchen zählt zurzeit über 110 Arbeitsseiten, jener zum zweiten Heft über 70. Beide anderen Hefte warten noch auf eine Transkription und einen Kommentar.

 

Pater Germanus Heberer SDS

Abb. 5: Pater Germanus Heberer SDS © Provinzarchiv der Salvatorianer Wien

 

Dieser junge Ordenskandidat, Frater Germanus, hatte jeden Tag über sich, seine Frömmigkeit und inneren Kämpfe, seine Mitbrüder, die Fächer und Professoren an der Gregoriana in Rom, über die internationale bunte Gemeinschaft, ihre Vorgesetzen und Ausbildner sehr offen geschrieben. Natürlich auch über Pater Jordan, was mich am meisten interessierte.

Zuerst möchte ich erzählen, was wir mit diesem Nachlass zum ersten Mal gelernt haben. Die Frage lautet: Wie sollen wir mit unterschiedlichen Datumsangaben umgehen? Weil der Teilnachlass von Pater Germanus zu den zehn ältesten Nachlässen des Provinzarchives gehört, erweiterte unser Mitarbeiter Robert Passini die sogenannte Ereignistabelle in unserer Datenbank (Geburt, Taufe, Eintritt, Profess usw.) um die jeweilige Quelle. Denn wir stellten vier verschiedene Daten zu seiner Geburt fest! Welches Datum ist das richtige und warum? Wir haben uns dann für den 25. Jänner 1872 entschieden, weil dieses Geburtsdatum von Germanus Heberer in seinem kurzen, handgeschriebenen Curriculum Vitae aufscheint, obwohl sogar der handschriftliche Auszug aus den Geburt- und Taufprotokollen von 1886 ein anderes Datum angibt! Frater Germanus schreibt oft über seine Gefühle und zwiespältigen inneren Stimmungen: War nach Recreation sehr aufgeregt [28.11.1891], am nächsten Tag: Stimg. aufgeregt. War kaum aus dem Bette da fing ich schon zu schimpfen an. Hl. Com. empf. Leide furchtbar geistig und körperlich werde dazu noch sehr durch äußere Umstände hart niedergedrückt. [29.11.1892] Mußte mich sehr wegen Fr. Bernhardin [Heer] ärgern, der mich im öffentlichen Schulsaal nicht zur Bank hineinließ. [09.12.1891] Meine Vorbereitung auf das hl. Weihnachtsfest ist offen gesagt eine sehr schlechte. Abends noch viel gesprochen. [23.12.1891] Am Weihnachtstag 1891 hält er fest: Bin in einer so trüben und wehmütigen Stimmung, wie ich sie noch selten hatte. Er erwähnt oft eigene Gesundheitsprobleme: Abends war Fr. Ambrosius [Mayer] so gütig und brachte mir Kamperspiritus zur Vertreibung des Rheumatismus. [02.12.1891].

 

Frater Heberer nennt jeden Tag den Mitbruder, mit dem er zu den Vorlesungen an die Gregoriana hin und retour geht (das war die damalige Vorschrift) und mit dem er seinen täglichen Spaziergang zum Gianicolo macht. Als Organist und Musiker gestaltet er mit der Kommunität Gesangsproben, erzählt über feierlich gestaltete Vespern und Messen. Das 10-jährige Bestehen der Salvatorianer am 8. Dezember 1891 fasst er wie folgt zusammen: Im Ganzen war das Fest von heute ein schönes und erhabenes und wurde mit einer bis jetzt noch nie gesehenen Feierlichkeit[25]  begangen. [08.12.1891] Regelmäßig schimpft er über andere Mitbrüder: Hatte rheumatische Schmerzen die mich furchtbar gequälten [sic]. Muss mich ärgern über Fortunatus [Sorbellini], der sich immer den besten Platz auswählt und ich dagegen immer weichen muss. Konnte vor Aufregung nicht beichten. [27.11.1891] Der Gang zu den sieben Hauptkirchen wird detailliert beschrieben. Mit blauem Stift vermerkt Frater Germanus die Planung der künftigen Wiener Niederlassung, wo er den letzten Teil seines Lebens arbeiten wird: Abends vor‘m Essen verkündete Ehrw. Vater uns die Nachricht daß der Kardinal von Wien [Cölestin Josef Ganglbauer OSB (*1817, †1889)] uns die Niederlassung in Wien erlaubt habe. [12.12.1891]. 

 

Auszug aus Heft I, 12. Dezember 1891

Abb. 6: Auszug aus Heft I, 12. Dezember 1891 © Provinzarchiv der Salvatorianer Wien

 

Die Predigten von Magister Pater Bonaventura Lüthen werden knapp und kräftig festgehalten (29. November 1891; 6. Dezember 1891; 8. Dezember 1819; 13. Dezember 1891; 3. Jänner 1892). Am 25. Dezember notiert Frater Germanus über den Magister Lüthen: Letzterer sagte uns in seiner Danksagungsrede, daß es mit seiner Gesundheit sehr schlecht gehe und nicht wisse wie es weiter gehen soll, wenn Gott nicht helfe. Schade für diesen heiligen Mann. Und weiter: P. Magister [P. Bonaventura Lüthen] sprach mit sehr herzlichen Worten über die Liebe und Treue dieses Apostels und mahnte auch uns zur Liebe und Abtötung [,] die die Liebe mit sich bringt. [27.12.1891] Am Anfang des neuen Jahres bemerkt Frater Germanus: P. Magister [P. Bonaventura Lüthen] hielt heute eine sehr schöne Predigt über das alte Jahr besonders rührend waren jene Worte mit denen er sagte, daß dieses Jahr vielleicht das letzte seines Lebens sei. [01.01.1892].

Die vier Heftchen aus dem Nachlass von Pater Germanus Heberer geben uns zum ersten Mal eine fast tägliche Wahrnehmung eines jungen Ordenskandidaten zu Pater Franziskus Maria vom Kreuze Jordan im Mutterhaus in Rom! In keinem bisherigen Dokument wird über den Gründer so greifbar und so konkret berichtet. Dieser hatte die Gewohnheit, am Freitagabend eine kurze Ansprache mit Erklärung der Konstitutionen für die Kommunität zu halten. Fast jeden Freitag macht Germanus Heberer darüber eine kurze Notiz: Abends Kapitel über „Brüderl. Liebe und Eifer für die Gesellsch.“ Bin heute ganz aus der Ordnung oder besser außer’m Häuschen. Heute war kein Colleg. Studierte nicht viel. Wann werde ich endlich einmal ein wahrer und geordneter Ordensmann werden. [27.11.1891]; Abends Kapitel über Brüderl. Liebe, Gehorsam und Beobachtung des Silentiums. [04.12.1892][26] Als musikalischer Ordenskandidat hat Germanus abends in seinem Zimmer noch gesungen. Das war gegen das offizielle silentium strictissimum! Er wird zum Gründer Pater Jordan gerufen. Germanus notiert nachher: Zu Ehrw. Vater gerufen weil ich gestern Abend im Bette noch sang. Ehrw. Vater war sehr gütig und liebreich gegen mich und stellte mir frei eine Buße zu thun. Ich bat um‘s Gebet und klagte mich Abends im Refectorium an. [28.12.1891]; Ehrw. Vater mahnte mich heute, dass ich in der Conversation noch Worte gebrauche die sich für einen Religiosen nicht ziem[en]. [02.01.1892]; Ehrw. Vater sprach heute sehr schön über die einzelnen Übungen eines guten Religiosen und stellte uns am Eingange seines Vortrags die Approbation unserer Gesellschaft vom Hl. Stuhle in Aussicht. [29.01.1892] Ehrw. Vater Predigt über heutiges Evangelium. Arbeiter im Weinberge. Die Predigt war recht herzlich. [14.02.1892]; Ehrw. Vater herzl. Predigt über den Geist des Apostolates sowie über die Mühen und Leiden des großen Völkerapostels Paulus. [21.02.1892].

Der angehende Theologe Frater Germanus fasst das Jahr 1891 mit folgenden Worten zusammen: So geht denn mit dem heutigen Tage das alte Jahr dem Ende zu. Vieles habe ich zu erfahren Gelegenheit gehabt. Mancher ist gestorben, einige haben uns verlassen, indem sie in die Welt zurückkehrten. Andere gingen kürzlich noch fort in die Missionen. Viele Leiden mußte ich durchmachen u. was für mich das Härteste war an manchem Confrater auf den ich Häuser zu bauen zu können glaubte habe ich mich auf’s gewaltigste getäuscht. Doch ich habe jetzt dadurch Erfahrung gelernt u. werde in Zukunft mit mehr Umsicht und Klugheit wandeln;

Was dann das vita spiritualis anlangt, da kann ich mit Gottes Gnaden manchen Fortschritt verzeichen [sic] jedoch sehr geringen. In anderen Puncten bin ich jedoch auch wieder sehr in Rückgang geraten. Gott verzeihe mir. Cras coepi. So spreche ich auch jetzt und nehme mir vor im neuen Jahre zur korperlichen geistigen u. religiösen Bi[l]dung mehr Eifer anzuwenden um nach Ablauf dieses Jahr ---- fall‘s ich‘s erlebe ---- dem lieben Gott sagen zu können „Ecce Domine quinque talenta tradidisti mihi ecce alia quinque superlucrates sum“. [In Übersetzung: Siehe, Herr, du hast mir fünf Talente gegeben; siehe, ich habe weitere fünf hinzugewonnen, Mt 25,20] Amen. Jesus Maria und Josef helfet mir besonders in der Stunde meines Todes. Amen. Deo gratias. Schluß des Jahres 1891. [31.12.1891].

 

 Notizen von Pater Germanus Heberer SDS mit Abkürzungen

Notizen von Pater Germanus Heberer SDS mit Abkürzungen

Notizen von Pater Germanus Heberer SDS mit Abkürzungen

Abb. 7: Notizen von Pater Germanus Heberer SDS mit Abkürzungen © Provinzarchiv der Salvatorianer Wien

 

Um solch ein Tagebuch in seiner Tiefe erschließen zu können, müssen wir selbstverständlich die Geschichte der Gemeinschaft gut kennen. Wir sind in diesem Dokument auf eine merkwürdige Abkürzung gestoßen, die wir zuerst gar nicht entziffern konnten. Fast jeden Eintrag fängt Frater Germanus mit der Abkürzung an: A.z.B.z., oder A.z.B.schl., oder mit A.z.B.zi und A.z.B.zertr. Was kann das wohl bedeuten? Im Nekrolog des betreffenden Mitbruders fanden wir folgenden Hinweis: „Ein weiterer nachahmenswerter Zug des Verstorbenen war seine Exaktheit im Äußern. Ein Ordensmann und besonders ein Priester empfiehlt sich nicht, wenn er sein Äußeres vernachlässigt, ja er stößt vielmehr ab, und man schließt gern auf eine Vernachlässigung des Innern. P. Germanus war außerordentlich exakt, liebte die Ordnung und konnte diesbezüglich als Vorbild dienen. Ein Mitbruder, der lange Jahre mit ihm zusammen in Lochau lebte, berichtet über ihn noch folgende erbaulichen Züge: ‚P. Germanus war ein Ordensmann, der Ordnung hatte und liebte, und wünschte, daß dieselbe auch von anderen geliebt und geübt werde. Daher sein großer Eifer für dieselbe. Reinlichkeit und Sauberkeit in allen Dingen. Die priesterliche Keuschheit liebte er sehr. Er gab darüber seiner Freude oft Ausdruck. Nach außen vermied er daher andern Personen gegenüber alles, was in dieser Beziehung tadelhaft gewesen wäre, obgleich er im Umgange mit den Leuten sehr leutselig war. Ich habe ihn in den 20 Jahren in Lochau als einen frommen Priester genügend kennen gelernt. Die Betrachtung machte er gewissenhaft. Er sagte einmal: Ich mache immer zuerst meine Betrachtung; würde ich zuerst Brevier beten und nachher Betrachtung machen, dann käme ich leicht in Versuchung, dieselbe zu vernachlässigen oder abzukürzen wegen Arbeit usw. Das Brevier dagegen werde ich trotz der Arbeit oder was sonst kommt nicht unterlassen, weil ich dazu streng verpflichtet bin. Das war ein Kunstgriff, um die Betrachtung nicht zu vernachlässigen. P. Germanus hat ganz richtig geurteilt; ich habe mir das gemerkt und die praktische Erfahrung hat mich das gleiche gelehrt.´“[27] 

 

Jetzt war es uns klar: A.z.B.z.: könnte bedeuten: Anfang (oder Andacht, oder Anleitung) zur Betrachtung ziemlich (gut); A.z.B.schl.: könnte bedeuten: Anfang (oder Anleitung) zur Betrachtung schlecht oder schläfrig; A.z.B.zi.: könnte bedeuten: Anfang (oder Anleitung) zur Betrachtung ziemlich; A.z.B.zerstr. könnte bedeuten: Anfang (Anleitung) zur Betrachtung zerstreut.

 

Sie sehen, dass eine mysteriöse Abkürzung in einem unbekannten Schriftgut unser eigenes geistliches Leben inspirieren kann! Die systematische Aufarbeitung dieses spirituellen Schatzes im Nachlass unseres Mitbruders Pater Germanus Heberer wird uns gewiss noch viele Neuigkeiten bringen. Sie möge auch gezeigt haben, dass ein stetes Studium der Quellen geistiges Erbe erschließen kann.

 

Therese von Wüllenweber SDS: Weibliche Sicht auf männliche Ereignisse – Tagebuchhefte (1875–1907)

 

Erste Seite des Tagebuchheftchens der Therese von Wüllenweber SDS

Abb. 8: Erste Seite des Tagebuchheftchens der Therese von Wüllenweber SDS © Provinzarchiv der Salvatorianerinnen Wien

 

Im letzten Abschnitt unseres Erfahrungsberichts möchte ich dazu ermutigen, dass männliche Ordensgemeinschaften mehr auf das geistliche Schriftgut weiblicher Ordensgemeinschaften schauen, vor allem, wenn es sich um Kongregationen handelt, die denselben Gründer, dieselbe Gründerin, dieselbe Tradition haben. Als Beispiel stelle ich kurz eine Art von Tagebuch vor, das die erste Generaloberin der Salvatorianerinnen, Therese von Wüllenweber SDS (*1833, †1907), die spätere Selige Maria von den Aposteln, seit fast 30 Jahren (von 1875 bis zu ihrem Tod, bis 1903 selbst, die letzten 4 Jahre diktiert) auf Deutsch geführt hat. Diese Tagebuchhefte sind eine eigene literarische Form, voller Daten und Namen, nicht immer korrekt und oft erst nach einiger Zeit festgehalten. Sie enthalten viele Abkürzungen und die Sätze sind oft in Telegrammstil verfasst. Trotzdem sind diese Eintragungen gut zu verstehen. Die Tagebücher sind zwar kein geistliches Tagebuch, wie wir es vom Seligen Pater Jordan kennen.[28] Sie geben jedoch wertvolle Einblicke in geschichtliche Ereignisse, geistliche Prozesse und halten männliche Charaktere manchmal treffend fest. Eine Gruppe von Schwestern hat jahrzehntelang akribisch an der schwierigen Transkription gearbeitet, die nun mit einer englischen Übersetzung vorliegt.[29] Die adelige Freifrau Therese von Wüllenweber wurde 1888 von Pater Jordan von ihrem Barbarastift – das ist ein Tarnname für einen Teil des ehemaligen Benediktinerinnenklosters in Neuwerk bei Mönchengladbach im Rheinland (DE) – nach Tivoli bei Rom (IT) gerufen, um dort mit einigen Kandidatinnen den weiblichen Zweig der Salvatorianerinnen zu beginnen. Pater Jordan selbst gab der kleinen Gruppe in Tivoli vor dem 8. Dezember 1888 die 8-tägigen Exerzitien, die Therese in französischer Sprache zusammenfasst. Der letzte Vortrag am Freitagabend gibt einen tiefen Einblick in Pater Jordans damalige Gemütsverfassung und Haltung. Therese notierte: „Ich [Jordan] habe viel gelitten. Dies kam von oben, von der Heiligen Kirche: Gib nicht auf. Wenn du gehorchst. Der Bischof [Celestine del Frate von Tivoli] wird [morgen] kommen. Hab Vertrauen.“[30] 

 

Pater Jordan und Therese von Wüllenweber. Darstellung auf einem Glasfenster von Pater Ivo Schaible SDS im Salvatorkolleg Münster (DE)

Abb. 9: Pater Jordan und Therese von Wüllenweber. Darstellung auf einem Glasfenster von Pater Ivo Schaible SDS im Salvatorkolleg Münster (DE) © Provinzarchiv der Salvatorianer Wien

 

Über diesen letzten Lebensabschnitt in Tivoli und Rom hat Therese von Wüllenweber in ihren Tagebüchern ausführlich geschrieben. Sie informiert über ihre Besuche in Rom, erzählt über Papstaudienzen für die Schwestern, erwähnt die Einladung von Pater Jordan zur Aussendung einer neuen Missionsgruppe in die Mission Assam (IN), wiederholt ihren starken Wunsch, von Tivoli nach Rom umsiedeln zu dürfen, bespricht mit dem Gründer ihre apostolischen Vorstellungen, strengt sich mit Hilfe von Pater Pankratius Pfeiffer, dem Generalprokurator der Salvatorianer, an, ein eigenes Mutterhaus in Rom zu erwerben, und vieles mehr.

Diese fast zwanzigjährige Periode von 1888 bis zu ihrem Tod ist nun anhand der verschiedenen Quellen in einer eigenen Dokumentation von Schwester Ulrike Musick SDS unter dem Titel „Mit Maria von den Aposteln von Tivoli nach Rom (1888–1908)“ zusammengefasst.[31]  Die Studie vermittelt uns eine starke Frau, die sich ganz ihrem geistlichen Leiter Pater Jordan gestellt hat und darin den neuen Sinn ihres schon fortgeschrittenen apostolischen und missionarischen Lebens (sie war 54 Jahre alt) sah.

Die nüchternen Details lassen auch immer wieder eine glühende apostolische Spiritualität aufleuchten. Das macht diese Tagebuchhefte zu einem einmaligen spirituellen Dokument. Ein Beispiel ist die feierliche Regelübergabe durch den Gründer. Sie schreibt am 26.5.1904: „Heute kam unser Ehrwürdiger Vater u. Stifter u. teilte nach der hl. Kommunion die neue hl. Regel aus. Hielt dabei eine feierliche, schöne Anrede. Sagte, daß er immer unser besorgter Vater bleiben werde. (- diese hl. Regeln sind italienisch, vom Ehrw. Vater der hl. Kirche Blatt für Blatt vorgelegt u. ist alles aufs genaueste nach der Vorschrift der hl. Kirche darin uns angewiesen. Diese hl. Regeln schickte ich in alle Häuser u. die Schwestern sandten die alten zurück.“[32]

Diese Tivoli-Studie kann für uns Salvatorianer ein Anstoß sein, weibliches spirituelles Schriftgut zunehmend in unser geistliches Profil und in unsere männlich konzipierte Geschichtsschreibung zu integrieren.

In diesem Vortrag habe ich einige unserer besonderen Schriften präsentiert und erläutert, wie wir mit diesen Schriftstücken umgehen. Es ist ein Anfang, um Archivalien mit spirituellen Augen zu sehen. Ein längerer Weg liegt noch vor uns. Aber wenn nach unserer Tagung weitere Schritte unternommen werden, kann dieses Treffen der Archivarinnen und Archivare als gelungen gelten, sogar als erstaunlich spirituell!

 

Peter van Meijl SDS trat 1965 der Ordensgemeinschaft der Salvatorianer bei. Seine Studien absolvierte er an der Katholischen Universität Löwen (Belgien), wo er 1990 in Kirchengeschichte promovierte. Er war Generalpostulator in Rom und leitete den Seligsprechungsprozess des sel. Pater Franziskus Jordan. 2002 wurde er Pfarrer der Michaelerkirche in der Wiener Innenstadt, bis er sich seit 2016 hauptsächlich Forschungen und Veröffentlichungen zu Themen der Ordensgeschichte widmete. Er ist weiters Mitbegründer und Direktor des 2023 gegründeten Institutes zur Erforschung Salvatorianischer Geschichte und Spiritualität. Peter van Meijl ist stellvertretender Vorsitzender im Vorstand der ARGE der Ordensarchive Österreichs.

 


[*] Vortrag gehalten bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der Ordensarchive Österreichs „Zwischen Spiritualität und Schriftgut“ vom 4.–6. Mai 2026 im Benediktinerstift Göttweig (NÖ) (Überarbeitete Fassung).

[1] Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=OAPzkNfHU88 oder https://www.salvatorianer.at/site/de/home/aktuelles/article/1971.html [Zugriff: 07.08.2026]. 

[2] Doris FRIES, Pater Waldmar Posch (1911–1992). Er hat mich gesalbt, den Armen die frohe Botschaft zu bringen (Lk 4,18), in: Martin KOLOZS–Robert PASSINI–Peter VAN MEIJL SDS (Hg.), Erweckte Begeisterung. 100 Jahre österreichische Provinz der Salvatorianer (1923–2023) (Linz 2023), hier 318.

[3] Es gibt Mitbrüder, die den Ort der Messe und die Intention ihrer Zelebrierung jeden Tag in ein solches Tagebuch eingetragen haben. Welch eine geschichtliche und spirituelle Quelle!

[4]  FRIES (wie Anm. 2), 325.

[5]  Ebd., 312.

[6]  Ebd., 311.

[7]  Ebd.

[8]  Ebd.

[9]  Ebd.

[10]  Ebd., 321.

[11]  Ebd.

[12]  Ulrike MUSICK SDS, Salvatorianerinnen im Zweiten Weltkrieg, in: Archivpublikation der Österreichischen Provinz der Salvatorianerinnen, Juli 2025.

Siehe auch: https://www.ordensgemeinschaften.at/kultur/aktuelles/news/article/9872.html [Zugriff: 23.06.2026].

[13]  Ebd., 23.

[14]  Ebd. Einige Räume wurden schon früher an die öffentliche Volksschule vermietet, auch an den Verein „Frohe Kindheit“ im Goethehof, wo die Schwestern mitwirkten.

[15]  Ebd., 5.

[16]  Ebd., 24.

[17]  Ebd., 6. Im Provinzarchiv gibt es 12 kleine Büchlein mit detaillierten, handgeschriebenen Aufzeichnungen zu den Bombenangriffen.

[18]  Ebd., 9.

[19]  Ebd., 12.

[20]  Ebd., 23.

[21]  Nachlass P. Germanus Heberer SDS, in: Archivum Salvatorianum Austriacum (ASA), 05.3.

[22]  Nekrolog von P. Germanus Heberer SDS, in: Annales Societatis Divini Salvatoris, Vol. II, Teil 2, Nr. 7, Rom, 25. März 1926, 152–153. Pater Germanus wurde am 25. Januar 1872 in Bieber (Kreis Offenbach a. M.) geboren. Am 21. September 1889 trat er in Rom in unsere Gesellschaft ein und legte nach vollendetem Noviziat am 30. November 1890 die ewigen Gelübde ab. Im ersten gedruckten Personalschematismus aus dem Jahr 1893 scheint Frater Germanus als Student der Theologie des ersten Jahres auf. Am 25. August 1895 wurde er in Rom zum Priester geweiht. Die größte Zeit seines Ordenslebens gehörte er dem Lochauer Kolleg (bei Bregenz) an, dessen Prokurator, Gesanglehrer und Chordirektor er war. Als Prokurator hatte er alle großen Lasten mitzutragen, welche ein im Entstehen begriffenes Studienhaus mit sich bringt. Wir machen uns von den Schwierigkeiten dieser ersten Zeiten heute kaum mehr einen rechten Begriff. Es ist wohl keine Übertreibung, wenn wir sagen, dass wir in der Gesellschaft bez. des Gesanges ziemlich voran waren, und dass Pater Germanus ein Hauptverdienst daran hatte. Sein Lochauer Chor war sehr bekannt, und man hätte oft gewünscht, dass er in einer großen Kirche hätte auftreten können, nicht so sehr, um zu glänzen, als vielmehr, um die Gläubigen zu erbauen und zur Andacht zu stimmen.

[23]  Das erste Heftchen enthält Notizen vom 21.11.1891 bis 15.06.1892, während das zweite Heft Eintragungen vom 16.06.1892 bis 31.12.1892 hat. Das dritte und vierte Heft weist Notizen vom 01.01.1893 bis 08.12.1895 auf.

[24]  Vollständiger Arbeitstitel: Der römische Alltag von Pater Jordan. Ein Querschnitt. Nach der Abschrift der Tagebücher des Fraters Germanus Heberer (21.11.1891–15.06.1892), kommentiert von P. Peter van Meijl SDS, (Wien 2020).

[25]  Ich möchte hier auf eine ähnliche Feierlichkeit hinweisen, nämlich auf den Namenstag des Gründers aus dem Jahre 1886. In dieser Beschreibung finden wir auch sehr konkrete praktische Hinweise zum damaligen römischen Alltag. (vgl. Alfred SCHNEBLE SDS, Historica SDS, Nr. 91, Der Franziskustag in Rom 1886. Ein Augenzeugenbericht, Bogotá (Kolumbien), 02.03.1976, 2 S.).

[26]  Der Entwurf zu diesem Kapitel ist uns erhalten. Vgl. Internationale Historische Kommission (Hg.) Documenta et Studia Salvatoriana, XXIII, (Rom 2002), 600: „Caritas-Oboedientia-Silentium-Gratitudo“.

[27]  Nekrolog von P. Germanus Heberer SDS (wie Anm. 22) 152f.

[28]  Vgl. Das Geistliche Tagebuch von Johann Baptist Jordan (Pater Franziskus Maria vom Kreuze) (1875–1918). Faksimile und Transkription (Documenta et Studia Salvatoriana, XXII), (Regensburg und Rome 1999) 918.

[29]  Studiengruppe Maria von den Aposteln (Hg.), Tagebücher Maria von den Aposteln 1875–1907. (Studia de Historia Salvatoriana, Sectio 2.13), Rom, IX und 389 S., 2002; Diary Mary of the Apostles 1875–1907, translation from the German (Studia de Historiana, Sectio, 2.13, (Rome 2010) IX und 334.

[30]  Therese von Wüllenweber, französisches Notizbüchlein, Generalarchiv Schwestern Salvatorianerinnen, Rom, A 1.1.06, p. 12: “7/88 [...] “j’ai beaucoup souffert – cela venait d’en haut, de la ste Église: ne vous abandonnez pas = si vous obéissez – Évêque vient – ayez confiance.”, veröffentlicht in Dokumente und Zeugnisse aus dem Leben von Maria von den Aposteln Therese von Wüllenweber, hrsg. Studiengruppe Maria von den Aposteln (Studia de Historia Salvatoriana, 12.2.) (Rom 2013) 46.

[31]  Vgl. Ulrike MUSICK SDS, Mit Maria von den Aposteln von Tivoli nach Rom (1888–1907), Archivpublikation der österreichischen Provinz der Salvatorianerinnen (Wien 2026) Nr. 2.

[32]  Tagebücher Maria von den Aposteln 1875–1907 (wie Anm. 29), 275.