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Die Kunst des Möglichen

Die Kunst der Ermöglichung in Zeiten der Verwandlung

Thomas Hessler OSB | Michael van Ooyen

 

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Der Beitrag entfaltet „Verwurzelung“ als Bild für Kirche und Ordensleben in Zeiten der Verwandlung: lebendig, vernetzt, offen für Zukunft. Anhand konkreter Neugestaltungen sakraler Räume in Frauenwörth, Admont und Bad Mühllacken zeigt er die „Kunst des Möglichen“ als geistliche Praxis. Wandlung geschieht dialogisch und kreativ – als Ermöglichung, die aus der Tradition heraus neue Räume für Erfahrung, Licht und Hoffnung eröffnet.1

 

Die Verwurzelung des Miteinanders ist für mich ein Sinnbild von Ordensleben, Kirche und Gesellschaft. Verwurzelung meint dabei nicht Erstarrung, sondern lebendige Vernetzung: mit dem Leben selbst, miteinander und mit dem konkreten Ort. Wenn ich heute auf einen alten kräftigen Baum blicke, der tief verwurzelt und zugleich mit anderen im Wald verbunden ist, wird dieses Bild für mich zu einem Zeichen der Hoffnung. Es ist ein Bild für eine Kirche, die durch ihre Wurzeln lebt und gerade darin Zukunft findet. Diese Hoffnung steht jedoch in Spannung zu den Herausforderungen, mit denen wir als Ordensgemeinschaften konfrontiert sind. Zukunft wird dort entstehen, wo es gelingt, miteinander spirituell zu leben – nicht nebeneinander, nicht in Abgrenzung, sondern in Beziehung. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Aufgabe.

 

Das Thema, das wir gewählt haben – Die Kunst des Möglichen. Die Kunst der Ermöglichung in Zeiten der Verwandlung – ist bewusst weit gefasst. Es nimmt jene Erfahrung in den Blick, die uns alle betrifft: Wir leben in Wandlungsprozessen. Umbrüche sind Ausdruck solcher Verwandlungen, und sie betreffen nicht nur die Kirche, sondern unsere gesamte Gesellschaft. Die entscheidende Frage lautet: Wie gehen wir damit um? Kunst kann ein Weg sein, mit Verwandlung umzugehen. Sie fragt nicht zuerst nach dem Machbaren, sondern nach dem Möglichen. Sie eröffnet Räume und ermöglicht neue Perspektiven. Wer kreativ an Fragen, Probleme und Herausforderungen herangeht, bleibt nicht im Defizit stehen, sondern entdeckt Potenziale.

 

Entlang dieser Überlegungen ist der Vortrag in drei große Themenfelder gegliedert, die jeweils an konkrete Orte und Gestaltungsprozesse gebunden sind, die wir in den vergangenen zehn Jahren begleiten durften.

Der erste Schwerpunkt widmet sich der Kunst des Möglichen. Dabei geht es um die neu gestaltete Kapelle der Abtei der Benediktinerinnen Frauenwörth im Chiemsee (D) sowie um einen historischen und spirituellen Blick auf St. Peter in Köln (D) – einen Kirchenraum, der durch seine künstlerische Sprache bis heute bewegt und herausfordert.

 

Kulturtag der Orden

Abb. 1: Br. Thomas Hessler OSB © ÖOK/Elisabeth Mayr-Wimmer

 

Der zweite Schwerpunkt versteht sakrale Räume als Orte der Ermöglichung. Beispielhaft ist dafür die Neugestaltung der Kapelle im Benediktinerstift Admont (Stmk) vor wenigen Jahren. In diesem Zusammenhang taucht ein bewusst spielerischer Begriff auf – ein Wort, das es eigentlich nicht gibt und doch beschreibt es Realität. Dieses Spiel mit Sprache verweist auf ein geistiges Prinzip: Wenn es eine Materialität des Sichtbaren gibt, dann gibt es auch eine Materialität des Geistigen. Räume können das Unsagbare tragen.

 

Der dritte Schwerpunkt schließlich führt an Grenzen, an Orte der Verletzlichkeit und des Übergangs. Die Neugestaltung der Ordenskirche der Marienschwestern vom Karmel in Bad Mühllacken (OÖ) vor vier Jahren steht exemplarisch für diese Dimension. Es ist die Kunst, an Grenzen die Mitte zu erfahren.

 

All diese Projekte verbindet eine grundlegende Erfahrung: Wir leben in Zeiten der Verwandlung. Für Benediktinerinnen und Benediktiner ist das nichts Ungewöhnliches. Seit über tausend Jahren leben wir mit der Einsicht, dass Wandel zum Leben gehört. Leben ist Verwandlung – diese Erkenntnis ist zentral. In der benediktinischen Spiritualität wird diese Haltung konkret. Wir legen ein Gelübde ab, welches conversatio morum suorum genannt wird: die Bereitschaft, die eigenen Lebensweisen immer wieder zu überprüfen, eingefahrene Muster zu verlassen und sich neu auf das Leben einzulassen. Wandlungsfähigkeit ist keine Theorie, sondern eine Praxis. Mönchsein bedeutet, diese Praxis zu leben – mit dem ganzen Menschen, nicht nur im Denken. Gerade darin liegt die Herausforderung für eine stark kopforientierte Spiritualität. Es genügt nicht, über Verwandlung zu sprechen; sie will vollzogen werden. Leben ereignet sich im Körper. Der Körper ist der Ort unseres Lebendigseins, ist der Ort der Verwandlung.

 

Deshalb beginnt jede echte spirituelle Praxis mit dem Wahrnehmen: mit dem Atem, mit dem Kontakt zum Boden, mit dem bewussten Dasein im Augenblick. Jeder Atemzug ist Verwandlung – Einatmen und Ausatmen, Aufnehmen und Loslassen. Dieser Prozess geschieht unaufhörlich, oft unbemerkt, und doch trägt er unser Leben. Sich dieses Verwobensein mit dem Leben immer wieder bewusst zu machen, ist eine Quelle von Kreativität und Lebendigkeit. Es gibt viele Wege dorthin. Entscheidend ist nicht der eine richtige Weg, sondern dass wir uns immer wieder auf die Praxis einlassen.

 

 

1. Die Kunst des Möglichen – Benediktinerinnenabtei Frauenwörth

Aus einer solchen Haltung heraus entstand auch der Dialog mit den Benediktinerinnen von Frauenwörth, die vor über zehn Jahren mit der Bitte an uns herangetreten sind, ihre Kapelle neu zu gestalten. Der bestehende Raum – in den 1970er Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil umgebaut – war funktional verändert worden, aber ohne ein klares, ganzheitliches Konzept. Mutter Johanna Mayer OSB, die Äbtissin der Abtei, brachte es auf den Punkt: „Wir verbringen den größten Teil unseres Tages in diesem Raum. Wenn er nicht aus dem Herzen heraus gestaltet ist, wirkt sich das auf unser Herz aus.“

 

Der Auftrag war daher nicht, ein fertiges Konzept vorzulegen, sondern gemeinsam eines zu entwickeln. Verwandlung geschieht dialogisch. Sie lässt sich nicht verordnen. In Zeiten des Umbruchs müssen wir lernen, miteinander, voneinander und füreinander zu leben. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, wie Räume entstehen: als Ergebnis eines gemeinsamen Weges.

 

Der gotische Hochchor von Frauenwörth – Hören auf den Raum

Der erste Raum, den wir betrachten, ist der gotische Hochchor der Benediktinerinnen Frauenwörth im Chiemsee. Er liegt an der Westseite des alten Münsters und entstand vermutlich im 13. oder 14. Jahrhundert, als den Schwestern nahegelegt wurde, ihr Gebet in der Klausur zu vollziehen. Es ist ein Raum von großer Klarheit und Würde: ein quadratischer Grundriss, getragen von einem fein proportionierten Rippengewölbe, durchzogen von Licht.

 

 Einblick in den Hochchor der Benediktinerinnen Frauenwörth

Abb. 2: Einblick in den Hochchor der Benediktinerinnen Frauenwörth © Susanne Windischbauer

 

Der Ausgangspunkt der Neugestaltung war kein architektonischer Befund, sondern eine innere Entscheidung. Mutter Johanna saß an jenem Ort, an dem heute die Marienstatue steht, und sagte sehr klar: Sie wolle nicht auf einem zentralen Thron sitzen. Dieses Bild widerspreche ihrem Verständnis von Leitung. Leitung bedeute Teil-sein, Mit-sein. Sie wollte im Chorgestühl sitzen – gemeinsam mit den Schwestern. Dieser Moment wurde zum emotionalen Anker für den gesamten Prozess.

 

Die Konsequenz war radikal: Der Raum wurde vollständig ausgeräumt. Einen Kirchenraum leer zu machen ist ein mutiger Schritt. Er verlangt Vertrauen – und die Bereitschaft, zuzuhören. Metaphorisch gesprochen: auf das zu hören, was der Raum selbst sagt. Was sich zeigte, war seine klare Geometrie. Legt man die Diagonalen des quadratischen Grundrisses übereinander, ergibt sich im Schnittpunkt jener Ort, an dem früher der Thron stand. Es wurde deutlich: Hier braucht es ein anderes Zentrum.

 

In einem jener intuitiven Momente, die solche Prozesse begleiten – nicht im Studierzimmer, sondern ganz beiläufig – wurde das geistige Grundprinzip klar: der Johannesprolog. Dieses Wort, dieses Bild, dieses „Chi“ – Christus – stand plötzlich im Raum. Von diesem Moment an ordnete sich die Gestaltung fast von selbst. Nicht ein Thema wurde illustriert, sondern ein geistiges Prinzip in Raum übersetzt und umgesetzt.

 

Einblick in den Hochchor der Benediktinerinnen Frauenwörth

Abb. 3: Einblick in den Hochchor der Benediktinerinnen Frauenwörth © Susanne Windischbauer

 

Der Johannesprolog ist kunstvoll komponiert. Oft wird seine Mitte bei dem Satz gesehen: „Und das Wort ist Fleisch geworden.“ Doch die eigentliche Mitte liegt tiefer: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ Hier verdichtet sich ein mystisches Paradox: Wer aufnimmt, wird verwandelt. Wer empfängt, wird selbst Kind Gottes. Gott wird nicht äußerlich hinzugefügt, sondern innerlich geboren.

 

Maria steht in dieser Spiritualität genau für diese Bewegung des Empfangens. Deshalb war es den Schwestern wichtig, neben dem Kruzifix auch eine Marienfigur im Raum zu haben – als Ausdruck ihrer eigenen geistlichen Herkunft. Die Christusfigur stammt aus dem 18. Jahrhundert, die Marienstatue aus den frühen 1980er-Jahren. Beide wurden bewusst integriert: Tradition nicht als Museum, sondern als lebendige Linie. Die Marienstatue findet sich in der Mitte des Raumes, dort wo sich die Raumachsen kreuzen.

 

Buntglasfenster des Hochchors der Benediktinerinnen Frauenwörth

Abb. 4: Buntglasfenster des Hochchors der Benediktinerinnen Frauenwörth © Susanne Windischbauer

 

Der Raum lebt wesentlich vom Licht. Durch seine Westausrichtung wird er am Abend vom Licht über dem Chiemsee durchflutet. Diese Qualität wurde nicht verändert, sondern gehoben. Die neu gestalteten Fenster – in Zusammenarbeit mit der Glasmalerei Stift Schlierbach – nehmen das Motiv „Das Licht leuchtet in der Finsternis“ auf. Abstrakt, nicht erzählend. Feuernde Strukturen, die an den brennenden Dornbusch erinnern, lassen Licht selbst zum theologischen Ereignis werden. Dass solche Fenster in einen gotischen, später barockisierten Raum eingesetzt wurden, war denkmalpflegerisch keineswegs selbstverständlich. Doch die Offenheit war groß. Man erkannte: Gerade in alten Räumen braucht es zeitgenössische Zeichen, die nicht imitieren, sondern antworten. Die verwendeten Materialien sind bewusst reduziert: Holz, Bronze, Glas. Kreis und Quadrat ziehen sich als Grundformen durch den Raum – als Sinnbilder jener Polaritäten, die Leben ausmachen. Moderne Glasverarbeitungstechniken ermöglichen heute eine Klarheit und Tragfähigkeit, die vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wären. Glas wird tragend, nicht nur umhüllend. Dadurch entsteht ein Spiel von Transparenz und Dichte, von Nähe und Entzug.

 

So wird ein alter Raum neu belebt – nicht durch Überformung, sondern durch das Ernstnehmen seiner inneren Ordnung.

 

St. Peter in Köln – Der Raum als offenes Gefäß

Ein anderes Beispiel für zeitgenössische Sakralkunst ist St. Peter in Köln. Hier bleibt der Kirchenbau in seiner historischen Gestalt sichtbar und unverändert. Wände werden nicht neu gestrichen, Strukturen nicht überdeckt. Stattdessen wird der Raum immer wieder durch neue künstlerische Interventionen verwandelt: durch Ausstellungen, Objekte, temporäre Installationen.

Liturgie ereignet sich dadurch jedes Mal in einem anderen Kontext. Der Raum bleibt derselbe – und ist doch immer neu. Bedeutung entsteht im Zusammenspiel von Ort, Kunstwerk und Vollzug. Kirche wird hier nicht abgeschlossen, sondern geöffnet.

 

Blick in den Innenraum der Kunststation St. Peter in Köln

Abb. 5: Blick in den Innenraum der Kunststation St. Peter in Köln © Engelbert Reineke

 

Werkstätten, Vernetzung und Verantwortung

Diese Haltung der Offenheit prägt auch unsere eigene Geschichte. Klösterliches Leben ist von jeher kreativ. Aus dieser Überzeugung heraus entstanden Orte der Gestaltung. 2006 übernahmen wir die traditionsreiche Goldschmiedewerkstatt unseres Mitbruders Bernward Schmid OSB (*1920, †2010) aus der Benediktinerabtei Seckau (Stmk). Viele klösterliche Werkstätten waren in den Jahrzehnten davor geschlossen worden – mit ihnen ging wertvolles Wissen verloren.

Kirchliche Goldschmiedekunst ist ein komplexes Handwerk. Sie vereint Schmuck-, Silber- und Metallarbeit und reicht bis in konstruktive Aufgaben hinein. Ursprünglich stammt dieser Beruf aus den Klöstern selbst. Ihn weiterzuführen, war für die Gemeinschaft von Gut Aich nicht nostalgisch, sondern folgerichtig. Heute arbeiten in der Goldschmiede dort Meister und Lehrlinge gemeinsam. In der jungen Generation spüren wir eine große Sehnsucht, das Alte nicht zu verlieren – und zugleich neu zu denken. Denn nur wenn Altes und Neues verbunden werden, hat es Zukunft.

 

Einblick in die Chorkapelle des Benediktinerstifts Admont

Abb. 6: Einblick in die Chorkapelle des Benediktinerstifts Admont © Susanne Windischbauer

 

2. Die Kunst der Ermöglichung - Benediktinerstift Admont

Diese Verbindung prägt auch die Neugestaltung der Chorkapelle im Benediktinerstift Admont in der Steiermark. Die Mönche entschieden sich bewusst dafür, einen Raum zu ermöglichen –offen für Gäste, liturgisch tragfähig. Baulich war dies anspruchsvoll:

Drei ehemalige Zellen wurden statisch gesichert und zu einem gemeinsamen Gebetsraum zusammengeführt. Eine große Investition – getragen von der Überzeugung, dass geistliche Räume diese Anstrengung verdienen.

 

Einblick in die Chorkapelle des Benediktinerstifts Admont

Abb.7: Einblick in die Chorkapelle des Benediktinerstifts Admont © Susanne Windischbauer

 

Ausgangspunkt der Gestaltung war eine hochwertige gotische Bildtafel aus dem 15. Jahrhundert. Sie sollte nicht im Museum verbleiben, sondern wieder Teil gelebter Liturgie werden. Der thematische Faden: die Dreifaltigkeit. Eine Herausforderung – denn dieses Grundgeheimnis entzieht sich jeder einfachen Darstellung. Hilfreich wurde hier die benediktinische Tradition der narrativen Theologie. Sie fragt nicht: Wer oder was ist Gott?, sondern: Wie ereignet sich Gott im Leben? Daraus ergaben sich drei Begriffe: Stille – Wort – Verstehen. Stille als Urgrund, als Ermöglichungsraum allen Seins. Wort als Gestalt, als Inkarnation. Verstehen als gelebte Praxis – nicht als bloßes intellektuelles Erfassen, sondern als Tun.

 

Einblick in die Chorkapelle des Benediktinerstifts Admont

Abb. 8: Einblick in die Chorkapelle des Benediktinerstifts Admont © Susanne Windischbauer

 

Wie ereignet sich Gott im Leben? Wie wird etwas einsichtig und bleibt doch verborgen, unbegreiflich – ein Geheimnis?

Diese Bewegung prägt den Raum. Glas, gebrochen und doch tragfähig, lässt erahnen, ohne preiszugeben. Messing, bewusst matt belassen, reflektiert nicht sich selbst, sondern das Umfeld. Der Tabernakel ist sichtbar und zugleich verborgen. Das Eigentliche entzieht sich – und ergreift. Der Ambo aus vier Glassäulen verweist auf die Evangelisten, in deren Mitte der Lebensbaum aufragt. Selbst kleine Details schlagen Brücken zur Geschichte: Eine geschwungene Linie greift die Form der gotischen Retabel auf, unscheinbar, aber verbindend.

 

Kapelle der Marienschwestern vom Karmel in Bad Mühllacken © Susanne Windischbauer

Abb. 9: Kapelle der Marienschwestern vom Karmel in Bad Mühllacken © Susanne Windischbauer

 

3. Die Kunst, an Grenzen die Mitte zu erfahren – Marienschwestern vom Karmel in Bad Mühllacken

Der dritte Raum steht unter einem Titel, der bewusst offen bleibt: An Grenzen kommen. Grenzen markieren das Ende des Gewohnten. Sie stellen die Frage neu: Was ist überhaupt noch möglich? Genau an diesem Punkt befanden sich die Marienschwestern vom Karmel, als sie die Entscheidung trafen, ihr Mutterhaus in Linz aufzugeben. Über viele Jahrzehnte hatten die Schwestern dort gewirkt. Der Abschied fiel nicht leicht. Und doch war deutlich zu spüren: Dieses Loslassen war kein bloßes Aufgeben, sondern Teil eines größeren inneren Prozesses. Ein Abbau, der zugleich Freisetzung bedeutete. In solchen Übergängen zeigt sich, dass auch Auflösung ein kreativer Akt sein kann – wenn sie bewusst umgesetzt wird.

Die Gemeinschaft entschied sich, nach Bad Mühllacken zu übersiedeln, an einen Ort, der ihnen vertraut war. Dort betrieben sie bereits ein Kurhaus, eingebettet in die Landschaft des Pesenbachtals im oberösterreichischen Mühlviertel. Die Bitte an uns war ebenso klar wie herausfordernd: Aus dem großen Speisesaal dieses Kurhauses, der in den 1980er-Jahren gestaltet worden war, sollte eine Kirche entstehen und die vorhandene Struktur bleiben. Die Frage war: Was lässt sich unter diesen Bedingungen überhaupt ermöglichen?

 

Kapelle der Marienschwestern vom Karmel in Bad Mühllacken © Susanne Windischbauer

Abb. 10: Kapelle der Marienschwestern vom  Karmel in Bad Mühllacken © Susanne Windischbauer

 

Im gemeinsamen Gespräch wurde schnell deutlich, was den Schwestern wirklich wichtig war; nicht einzelne Ausstattungsstücke, nicht historische Repräsentation. Entscheidend war ihre karmelitische Spiritualität – verdichtet in einem Satz: Gott wohnt in dir. Diese Erfahrung sollte den Raum tragen.

Teresa von Ávila (*1515, †1582), eine der großen Mystikerinnen des Karmel, hat diese innere Dimension des Glaubens in ihrem Werk „Die Seelenburg“ (1577) beschrieben. Sie spricht von sieben inneren Räumen, durch die der Mensch auf dem Weg zu Gott schreitet. Diese sieben Räume wurden zum geistigen Leitfaden der Gestaltung – übersetzt in die Gegenwart, in Architektur, Material und Bewegung:

Der erste Raum trägt die Botschaft: Entschließe dich. Wer sich auf den Weg der Gottsuche macht, muss eine Entscheidung treffen. Entschließen meint dabei beides: sich öffnen, sich aufmachen und eine Entscheidung treffen. Diese Botschaft steht bewusst am Eingang. Wer die Kirche betritt, tritt ein in einen Weg.

Der zweite Raum heißt: Geh weiter, bleib am Weg. Spirituelle Praxis ist kein Stillstand. Sie verlangt Ausdauer, Wiederholung, Weitergehen auch dann, wenn es mühsam wird. Hier wurden kleine Kreuzwegdarstellungen aus den 1950er-Jahren integriert – bewusst schlicht, fast unscheinbar. Sie erinnern daran, dass der Weg nicht immer leicht ist, aber getragen wird.

Der dritte Raum wird von Maria geprägt und trägt die Botschaft: Sei du selbst. Eine ungefasste Marienstatue aus dem 18. Jahrhundert steht dafür. Wer sich ernsthaft auf Spiritualität einlässt, begegnet sich selbst. Unverstellt.

Der vierte und fünfte Raum entfaltet sich entlang der Fenster und spricht: Lass dich beflügeln – entfalte dich.

 

Kapelle der Marienschwestern vom Karmel in Bad Mühllacken © Susanne Windischbauer

Abb. 11: Kapelle der Marienschwestern vom  Karmel in Bad Mühllacken © Susanne Windischbauer

 

Teresa verwendet das Bild der Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling. Die bestehenden Fensteröffnungen aus den 1980er-Jahren konnten baulich nicht verändert werden. Stattdessen zieht sich eine gemeinsame Linie durch sie hindurch – ein Schwung, der Bewegung, Leichtigkeit und Entwicklung ausdrückt.

Der sechste Raum ist Altar und Ambo zugleich und trägt den Satz: Bleib in der Liebe. In der Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes und in der eucharistischen Praxis wird diese Haltung immer wieder neu eingeübt.

Der siebte Raum schließlich ist das Zentrum: Gott wohnt in dir. Er ist dem Tabernakel zugeordnet – und genau hier wurde ein Schritt gewagt, der anfangs Irritation auslöste.

Der Tabernakel ist nicht in eine Wand eingesetzt, sondern durchbricht sie. Ein tatsächlicher Durchbruch: Der sakrale Innenraum öffnet sich nach außen und das Außen tritt in den Innenraum ein. Diese Idee war der Angelpunkt des gesamten Projekts. Sie verlangte Mut und Vertrauen. Theologisch entspricht sie genau der karmelitischen Erfahrung der Schwestern: Wer in Gott eintaucht, taucht bei den Menschen auf. Kontemplation und Aktion gehören untrennbar zusammen. Die Schwestern leben diese Spannung täglich – in der Stille des Gebets und im Dienst an den Menschen im Kurhaus.

 

Kapelle der Marienschwestern vom Karmel in Bad Mühllacken © Susanne Windischbauer

Abb. 12: Kapelle der Marienschwestern vom  Karmel in Bad Mühllacken © Susanne Windischbauer

 

Historisch gibt es Vorbilder für solche Durchbrüche. In romanischen und gotischen Kirchen war der Tabernakel manchmal selbst Teil der Mauer, mit einer kleinen Öffnung nach außen. Dort blieb die Gemeinde außen vor. In Bad Mühllacken wurde diese Bewegung bewusst umgekehrt: Das Innere strahlt nach außen. Bei Tag fällt Licht von draußen in den Raum, bei Nacht leuchtet das Licht der Kirche in die Landschaft.

Materiell wird diese Spannung durch Glas und Messing getragen. Gebrochenes Sicherheitsglas lässt erahnen, ohne preiszugeben. Die Oberfläche reflektiert Farben und Licht, bleibt aber geheimnisvoll. Messing ist bewusst matt gehalten – nicht glänzend, nicht dominant. Der Raum spielt mit Nähe und Entzug, mit Offenheit und Schutz. Ein wesentliches Detail ist die konsequente Linienführung: Der Schwung der Farbspur in den inneren Fenstern setzt sich millimetergenau im Glas nach außen fort. Solche Übergänge sind unscheinbar – und doch entscheidend. Sie verhindern Brüche, wo Verbindung gemeint ist.

Viele Menschen gehen täglich am Gebäude vorbei, hinein ins Pesenbachtal. Sie ahnen nicht, was sich im Inneren verbirgt – und doch strahlt etwas nach außen. Genau darin liegt die Kraft dieses Ortes.

Grenzerfahrungen führen zur Mitte. Bruchstücke können das Ganze spiegeln.

 

Kapelle der Marienschwestern vom Karmel in Bad Mühllacken © Susanne Windischbauer

Abb. 13: Kapelle der Marienschwestern vom  Karmel in Bad Mühllacken © Susanne Windischbauer

 

Eine Erfahrung aus der Begleitung von Menschen verdeutlicht dies: Eine Frau verlor als Kind ihren Vater. Sie beschrieb ihr Leben später als einen Scherbenhaufen – wie eine zerbrochene Christbaumkugel. Doch als sie eine dieser Scherben betrachtete, erkannte sie: In diesem kleinen Stück spiegelte sich der ganze Raum, ihr ganzes Leben. Wie in einem Tautropfen, in dem sich die Sonne bricht.

Wer die Brüche des Lebens nicht verdrängt, sondern betrachtet, kann das Ganze erahnen.

 

An Grenzen zu kommen heißt nicht, stehen zu bleiben. Es kann heißen, durchzugehen und in der Mitte das Ganze zu erfahren.

 

Wandlung ermöglichen

Die drei vorgestellten Räume sind unterschiedlich in ihrer Geschichte, Architektur und materiellen Ausformung. Und doch verbindet sie ein gemeinsamer innerer Faden: die Bereitschaft, Wandlung nicht nur zuzulassen, sondern bewusst zu gestalten.

 

Wandlung geschieht dort, wo Menschen den Mut haben, Gewohntes loszulassen, zuzuhören und sich auf Prozesse einzulassen, deren Ausgang nicht von Anfang an feststeht. Sie geschieht dialogisch – im Miteinander von Gemeinschaften, Künstlerinnen und Künstlern, Handwerk, Tradition und Gegenwart. Und sie geschieht leibhaftig: in Räumen, in Materialien, im Licht, im Gehen und Verweilen.

 

Sakrale Räume sind keine abgeschlossenen Systeme. Sie sind Gefäße für Erfahrung. Orte, an denen sich etwas ereignen kann. Orte, die nicht Antworten liefern, sondern Fragen offenhalten. Gerade darin werden sie zu Orten der Ermöglichung.

Die Beispiele aus Frauenwörth, Köln und Bad Mühllacken zeigen: Das Alte verliert nicht an Würde, wenn es sich dem Neuen öffnet. Im Gegenteil – es gewinnt an Tiefe. Verwandlung heißt nicht Bruch um des Bruches willen, sondern Weitergehen aus den eigenen Wurzeln heraus.

 

Wie bei den alten Bäumen: tief verwurzelt, gut vernetzt, offen für Wachstum. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst des Möglichen in Zeiten der Verwandlung: Räume zu schaffen – äußere wie innere – in denen Leben sich entfalten kann. Räume, die tragen, wenn Sicherheiten schwinden. Räume, die Durchbrüche wagen, wenn Grenzen spürbar werden. Denn dort, wo wir an Grenzen kommen, kann sich die Mitte zeigen. Und wo Bruchstücke sichtbar werden, lässt sich manchmal das Ganze erahnen.

 

Leben ist Verwandlung und beginnt dort, wo wir uns ihm anvertrauen.

 

Thomas Hessler OSB ist Prior des Europaklosters Gut Aich in St. Gilgen am Wolfgangsee (Salzburg). Er ist Theologe, Ordensmann und Künstler. Neben seiner künstlerischen Ausbildung und dem Erwerb von Erfahrungswissen aus dem Bereich der Naturheilkunde konnte er sich mit dem Aufbau des Europaklosters Gut Aich im Jahr 1993 einen Lebenstraum erfüllen. Kunst wurde dort von Anfang an lebendig. Seit 2011 leitet er die Kunstwerkstätten im Europakloster Gut Aich. Kontakt: klosterpforte@europakloster.com

 

Michael van Ooyen ist seit 2020 Kirchengoldschmied im Benediktinerkloster Europakloster Gut Aich als Leiter der Werkstatt. Zuvor arbeitete er als Betriebs- und Werkstattsleiter der Schönstätter Marienbrüder in Vallendar (D). Heute restauriert er zum einen kostbare liturgische Geräte, zum anderen schafft er kunstvolle neue. Er selbst stammt aus einer Kevelaer Gold- und Silberschmiede-Familie und hatte die Umbrüche und Veränderungen des Kunsthandwerks in seinem Berufsleben hautnah miterlebt. Kontakt: kunstwerkstaetten@europakloster.com

 

[1] Vortrag gehalten beim Kulturtag der Orden „Hoffnung und Zukunft“ des Bereichs Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz am 26. November 2025 in Wien (Überarbeitete Fassung).

 


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