01. Juli 2026

Klosterneuburg: Forschungsprojekt zur Bibliothek von Chorherr Vincenz Seback

Historische Klosterbibliotheken sind weit mehr als bloße Buchbestände – sie sind lebendige Zeugnisse von Geistesgeschichte, persönlicher Gelehrsamkeit und ordenseigener Sammelkultur. Wie viel verborgenes Potenzial in diesen Sammlungen steckt, zeigt ein aktuelles Forschungsprojekt im Stift Klosterneuburg, das einen faszinierenden Blick auf die Lesekultur des 19. Jahrhunderts wirft.

Die Privatbibliothek des Augustiner-Chorherren Vincenz Seback im Stift Klosterneuburg ist derzeit zentraler Gegenstand eines Forschungsprojektes.

Die Privatbibliothek des Augustiner-Chorherren Vincenz Seback im Stift Klosterneuburg ist derzeit zentraler Gegenstand eines Forschungsprojektes. (c) Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg

 

Im Rahmen eines FTI-Dissertationsstipendiums des Landes Niederösterreich erforscht Stephanie Zima derzeit die niederösterreichische Privatbibliotheksszene des 19. Jahrhunderts. Das interdisziplinäre Projekt verbindet Germanistik und Sammlungswissenschaften und wird in enger Kooperation zwischen dem Zentrum für Kulturen und Technologien des Sammelns (Universität für Weiterbildung Krems) und der Forschungsstelle des Stiftes Klosterneuburg (FoKuS) durchgeführt.

 

Die 11.000 Bände des Chorherren Vincenz Seback

Zentraler Gegenstand der Untersuchung ist eine besondere klerikale Privatsammlung: der Nachlass des Klosterneuburger Chorherren und Kirchenrechtsprofessors Vincenz Seback (1805–1890). Seine Privatbibliothek umfasst rund 11.000 Bücher. Schon von Zeitgenossen wurde der Bestand in den Bereichen Theologie, Geschichte und vor allem der damaligen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Belletristik) als außergewöhnlich umfangreich beschrieben. Der belletristische Teil von Sebacks Bibliothek war im Laufe der Zeit in den allgemeinen Bestand der Stiftsbibliothek eingegliedert worden. Im Zuge des Projekts wurde dieser Teil nun erfolgreich rekonstruiert und systematisch auf Lese- und Sammelspuren hin untersucht.

 

Dem Buch auf der Spur – Einordnung und Vergleich

Widmungen, handschriftliche Anmerkungen, vergessene Lesezeichen, alte Olim-Signaturen und Exlibris-Aufkleber früherer Besitzer:innen wurden detailliert erfasst und digitalisiert. Diese „Gebrauchsspuren“ machen den historischen Leseprozess und die Netzwerke des Chorherren heute wieder greifbar.

 

Im Rahmen eines FTI-Dissertationsstipendiums des Landes Niederösterreich erforscht Stephanie Zima derzeit die niederösterreichische Privatbibliotheksszene des 19. Jahrhunderts.

Im Rahmen eines FTI-Dissertationsstipendiums des Landes Niederösterreich erforscht Stephanie Zima derzeit die niederösterreichische Privatbibliotheksszene des 19. Jahrhunderts. (c) Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg

 

Das Projekt belässt es nicht bei der internen Betrachtung, sondern bettet Sebacks Sammlung in den breiteren Kontext zeitgenössischer Privatbibliotheken in Niederösterreich und Wien ein. Um Sebacks literarischen Geschmack und seine Sammeltätigkeit vergleichend einzuordnen, werden zwei prominente weltliche Sammlungen herangezogen, die heute nur noch sekundär über Auktionskataloge rekonstruierbar sind: Die Bibliothek des Orientalisten und Gründers der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Josef von Hammer-Purgstall (1774–1856) sowie die Büchersammlung des Wiener Gastwirts und bekannten Sammlers Franz Seraphicus Haydinger (1797–1876).

 

Schließung einer Forschungslücke

Das Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist es, einen bislang fehlenden Überblick über die niederösterreichische Privatbibliotheksszene des 19. Jahrhunderts zu erarbeiten. Für die Ordens- und Kulturgeschichte leistet das Projekt einen unschätzbaren Beitrag: Es zeigt exemplarisch auf, wie tief klösterliche Intellektuelle in der Kultur und Literatur ihrer eigenen Gegenwart verwurzelt waren und wie modern die Sammlungsstrategien innerhalb der Stifte geprägt waren.

 

Das Projekt führt uns eindrucksvoll vor Augen, dass in den historischen Bibliotheken unserer Orden noch viele ungeborene Schätze und Geschichten darauf warten, durch moderne sammlungswissenschaftliche Ansätze neu entdeckt zu werden.

 

Text: Karin Mayer, Stephanie Zima