Der Ordensarchivar einst und heute

Am Beispiel Stift Admont

Maximilian Schiefermüller OSB

 

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Ich möchte in diesem Beitrag zuerst einen Blick auf die neuere Geschichte des Archivs des Benediktinerstiftes Admont (Stmk) werfen, mit einer Analyse einzelner ausgewählter Archivarspersönlichkeiten. Dies leitet anschließend über zu meiner Person und meinem Dienstamt, das ich seit mittlerweile zwölf Jahren ausüben darf. Meine Darlegungen erheben nicht den Anspruch, für alle Ordensarchive eine Gültigkeit zu besitzen, sondern wollen exemplarisch die Situation eines Ordensarchivars – einst und heute – im Benediktinerstift Admont festhalten.*

 

Benediktinerstift Admont

Abb. 1: Benediktinerstift Admont © Stiftsarchiv Admont

 

Das Amt des Archivars wird in der Regel des heiligen Benedikt nicht explizit erwähnt, doch muss Schriftgut in jedem Benediktinerkloster von Anfang an vorhanden gewesen sein, denn der Ordensgründer legte großen Wert auf Bildung und Ausbildung der Mönche, sowie auf eine Beschäftigung mit der Heiligen Schrift und theologischen Literatur. Dies machte die Einrichtung einer Bibliothek unumgänglich, sowie – wenn auch nicht direkt angeführt – die Bestellung eines Mönchs, der sich um die Beschaffung und Lagerung der religiösen Literatur und Quellen annahm – also eines Bibliothekars oder/und eines Archivars. Benedikt legte ferner fest, dass die Mönche bei der Ablegung ihrer Gelübde eine eigenhändig geschriebene Urkunde ausfertigen mussten, die dann „im Kloster zurückbehalten“[1] werden sollte. Dieses Schriftgut wurde mit Sicherheit, zusammen mit anderen wichtigen Akten des Klosters, an einem bestimmten Ort im Monasterium aufbewahrt, deren Verwaltung durch den Abt selbst oder durch einen von ihm delegierten Bruder geschah. Darin könnte man demnach eine Frühform des Klosterarchivs verorten und erkennen.

 

Die Satzungen der Österreichischen Benediktinerkongregation fassen die Konstitutionen und die Normen des Eigenrechtes der Kongregation zusammen und stellen eine verbindliche Auslegung der Regula Benedicti dar.[2] In der zur Zeit gültigen Fassung aus dem Jahr 2006 wird im Kapitel über die Offiziale des Klosters auch der Dienst des Archivars hervorgehoben: [228] „Mit Liebe und Sorgfalt haben der Bibliothekar, der Archivar und der Kustos der Kunstschätze die ihnen anvertrauten Güter zu pflegen. Ohne Erlaubnis des Abtes dürfen sie nichts Wertvolles veräußern oder verleihen. [230] Jedes Kloster führt sein eigenes Archiv. Archivmaterial, das noch in irgendeinem Zusammenhang mit lebenden Brüdern steht, ferner wichtige oder umfangreichere Archivalien, dürfen nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Abtes für private Untersuchungen oder Veröffentlichungen zur Verfügung gestellt werden. Die Bestimmungen des kanonischen und zivilen Rechtes sind dabei einzuhalten.“[3] Die Auswahl der Offiziale des Klosters, zu denen auch der Archivar gezählt wird, geschah in früheren Zeiten durch den Abt allein. Die Satzungen der Österreichischen Benediktinerkongregation legen jedoch fest, dass der Abt diese Ämter nach Anhörung seines Rates („cum consilio“) vergeben soll. Auch eine mögliche Abberufung erfolgt nach demselben Muster.[4]

 

Stiftsarchivar und Historiker P. Jakob Wichner OSB (*1825, †1903) © Stiftsarchiv Admont

Abb. 2: Stiftsarchivar und Historiker P. Jakob Wichner OSB (*1825, †1903) © Stiftsarchiv Admont

 

Der Ordensarchivar einst

Seit dem Jahr 1878 gibt es im Benediktinerstift Admont eine ununterbrochene Personalunion von Archivar und Bibliothekar. Dieses admontische Spezifikum hat sich durchaus als fruchtbar und praktisch erwiesen, da die Bestände beider Bereiche auch räumlich stark ineinander verwoben sind. Stiftsarchivar und Historiker P. Jakob Wichner OSB (*1825, †1903) hat dieses Faktum ebenfalls als positiv erfahren: „Ich war und bin der Ansicht, dass beide Institute sich gegenseitig ergänzen, und dass das Wirken eines Archivars sich fruchtbringender gestaltet, wenn ihm die reichen Hilfsmittel der Bibliothek ohne Beschränkung jeder Zeit zu Gebote stehen.“[5] Wichner spielte hier darauf an, dass er als Archivar einige Jahre auf seine Ernennung zum Stiftsbibliothekar warten musste, weil sein Amtsvorgänger nicht abzutreten gedachte. Dieser, P. Barnabas (Franz) Mauer OSB (*1815, †1878), war bereits in Personalunion Archivar und Bibliothekar von 1845 bis 1865 gewesen. Mauer musste in seiner Amtszeit den katastrophalen und zerstörerischen Brand des Stiftes 1865 und damit einhergehend den des Hauptarchivs erleben.[6] Eine entmutigende Situation, die ihn veranlasste, sein Amt als Archivar im selben Jahr niederzulegen, um allerdings bis 1878 weiterhin für die Stiftsbibliothek verantwortlich zu bleiben. Den 1815 in Graz geborenen P. Barnabas Mauer könnte man seinen Charakterzügen entsprechend als (vermeintlichen) Prototyp eines Ordensarchivars bezeichnen, wenn ihn einer seiner Nachfolger mit folgenden Worten beschrieb: „P. Barnabas war eine ausgesprochene Gelehrtennatur, der sich mit viel Eifer dem Studium hingab. [...] Er hatte einen Sprachfehler [...]“ und war ein „[...] stiller, gewissenhafter Betreuer der Bibliothek.“[7] Allerdings erwähnte P. Jakob Wichner über seinen Vorgänger: „Als ich im Winter 1859–1860 [Wichner arbeitete in dieser Zeit als Kaplan an der Erstellung der Pfarrchronik von St. Lorenzen] einige Monate zu Admont zubrachte, betrat ich einige Male das Archiv, an der Hand des strengen und sehr zugeknöpften Archivars, um einige Bände der Archidiakonatsakten in Empfang zu nehmen oder zurück zu bringen. Der Aufenthalt in diesem ehrwürdigen Raume dauerte jedesmal nur einige Minuten, und vor meiner Erinnerung schweben bloss noch bestaubte Aktenbündel und Bullen und Siegel, die man nachlässig hier und dort herabhängen liess.“[8] Durch das Erlebte bestärkt, machte Wichner gegenüber seinem Abt Benno (Franz Xaver) Kreil OSB (amt. 1823–1861; *1779, †1863) den Vorschlag, dass er selbst Archiv und Bibliothek übernehmen wolle. Der Abt entsprach diesem Ansinnen nicht und Wichner wirkte weiterhin als Seelsorger außerhalb des Stiftes. P. Barnabas Mauer blieb in seiner langen Amtszeit allerdings nicht tatenlos: Im Archiv, das er genau 20 Jahre leitete, lag sein Hauptaugenmerk auf der Ordnung und Registrierung von etwa 25.000 Schirmbriefen, die vorrangig zur Ablösung der Servitutsrechte herangezogen wurden.[9] Sein Nachfolger war nun endlich der erwähnte und wohl bedeutendste aller Archivare und Historiker der Abtei Admont, P. Jakob Wichner. Er sollte nach dem Ableben von P. Barnabas Mauer 1878 auch die Leitung der Stiftsbibliothek übernehmen, womit die ununterbrochene Personalunion begann. Wichner startete nach dem verheerenden Stiftsbrand 1865 mit den Aufräumarbeiten und der Neuordnung des Archivs. Er baute mit den erstaunlich großen Mengen an gerettetem Schriftgut, Urkunden und Urkundenabschriften im Erdgeschoss des Südtraktes ein neues Stiftsarchiv auf. Diesem wurden zudem zahlreiche Akten aus den inkorporierten Pfarren und den ehemaligen Grundherrschaften des Stiftes hinzugefügt.[10] Der handschriftliche Zettelkatalog, seine Signaturenvergaben und die Aufteilung der Archivalien in Bestände und Bestandsgruppen haben bis heute ihre Gültigkeit. Große Verdienste erwarb sich Wichner mit einem Handschriftenkatalog und der Erschließung der kostbaren mittelalterlichen Codices. Da diese in unserem Haus allerdings der Bibliothek zugeordnet werden, möchte ich es bei dieser kurzen Erwähnung belassen.

Der Benediktiner mit der bisher längsten Amtszeit in beiden Ämtern, von 1903 bis zu seinem Tod 1945, war Subprior P. Friedrich (Josef Antonin) Fiedler OSB (*1872, †1945). Er hatte aufgrund der Wirtschaftskrise in der Zwischenkriegszeit die traurige Aufgabe, zahlreiche und wertvolle mittelalterliche Handschriften aus den Bibliotheksbeständen zur Veräußerung vorzubereiten. Fiedler musste ebenfalls den Abtransport vieler Pretiosen aus dem Archiv und schließlich auch die Vertreibung der Admonter Mönche durch das nationalsozialistische Regime miterleben und wurde selbst ein Opfer davon. Er starb des heimatlichen Klosters verwiesen in seinem Geburtsort Sternberg in Mähren (CZ).[11] Sein Nachfolger P. Adalbert (Alfred) Krause OSB (*1901, †1979) hatte nach Kriegsende die schwierige Aufgabe, die verstreuten Bestände von Archiv und Bibliothek wieder zurückzuholen, zu ordnen und im Falle des Archivs völlig neu adaptierte Räumlichkeiten einzurichten. Ihm folgten 1979 bis 1981 P. Bruno (Franz) Hubl OSB (*1947, †2026, Abt von Admont 1996–2017), Johann Tomaschek (als erster Laie im Amt des Stiftsarchivars) und ab 2014 der Autor des vorliegenden Beitrages.

 

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Abb. 3: Stiftsarchivar und Bibliothekar P. Barnabas Mauer OSB (*1815, †1878) © Stiftsarchiv Admont

 

Was könnte man anhand der Admonter Archivgeschichte über Person und Dienst des Ordensarchivars in einem Zwischenresümee festhalten?  Was zeichnete einen Ordensarchivar der Vergangenheit aus?

  1. Personelle Ressourcen eines Benediktinerstiftes: Alle vier in ihrer Biografie kurz angeführten Admonter Benediktiner hatten neben ihrer Tätigkeit als Archivar und Bibliothekar keinerlei weiteren maßgeblichen, sie zeitlich in Beschlag nehmenden Aufgaben: Mauer und Wichner waren überhaupt nur in diesen wissenschaftlichen Bereichen tätig, Fiedler und Krause waren wohl auch Seelsorger, jedoch in sehr kleinen und dem Stift nahe gelegenen Dörfern. Die personelle Ressource eines großen Konvents von durchschnittlich 50 Professen erlaubte es den Äbten, einen Pater ausschließlich für den Bereich des Archivs (und der Bibliothek) freizustellen.  
  2. Charakterliche Eigenschaften und Gesundheitszustand: Mauer wurde als ruhiger und introvertierter Zeitgenosse beschrieben, teilweise „streng und zugeknöpft“[12]. Außerdem hatte er einen Sprachfehler und war deswegen womöglich nicht für die Seelsorge in den steirischen Pfarren vorgesehen. Wichner war ein genialer Autodidakt, der sich ein unglaubliches Wissen und Können im archivarischen und bibliothekarischen Bereich aneignete und damit bis heute als der große Historiker Admonts gilt. Doch zeigte er auch starke autistische Züge und scheiterte deswegen in seinen pastoralen Tätigkeiten. Konkret gesagt: Autismus in Verbindung mit Agoraphobie, der Angst vor Menschenmengen und einer Panik, von anderen bewertet oder beobachtet zu werden. Vollends der Definition eines Narzissten entspricht die Person des 1979 verstorbenen P. Adalbert Krause, doch dürfen aus archivrechtlichen Gründen noch keine weiteren biographischen Notizen preisgegeben werden. Gehören Lebensbrüche, charakterliche oder psychische Probleme zu den Merkmalen eines Ordensarchivars? Steht das Klosterarchiv für einen Ort, der (un-)freiwillig gewählten Zurückgezogenheit und bewussten Einsamkeit?
  3. Gelehrsamkeit und Forschungsdrang: Alle Genannten zeichnete Gelehrsamkeit und Fleißigkeit aus. Auch wenn Wichner den Arbeitsplatz seines Vorgängers despektierlich beschrieb als einen mit „bestaubte[n] Aktenbündel und Bullen und Siegel, die man nachlässig hier und dort herabhängen liess.“[13] Alle vier erwähnten Benediktiner Admonts waren begeisterte Historiker und Archivare, die ihren Beruf nicht als lästiges Hindernis in ihrer monastischen oder pastoralen Tätigkeit empfanden, sondern ganz darin aufgingen und sich nachhaltig verwirklichten.
  4. Einzelkämpfer und Teamunfähigkeit: Ordensarchivare waren (und sind zum Teil auch heute noch) Einzelkämpfer, das heißt Ordensarchive waren bzw. sind „Ein-Mann-Betriebe“. Teamfähigkeit zählte sicherlich nicht zu den Stärken der oben analysierten Admonter Benediktiner. Wozu auch? Doch – oder gerade deswegen – konnten sie in ihrem Alleinsein, als wahre „Monachi“, exzellente Arbeiten in ihren Bereichen leisten.

Der Ordensarchivar heute – ich

Nach meinen theologischen und historischen Studien in Salzburg war es noch nicht klar, dass ich das hauseigene Archiv einmal leiten würde. Die Pensionierung meines verdienten Vorgängers brachte es jedoch mit sich, dass ein zutiefst klösterlicher Vorgang in Gang gesetzt wurde: Ein Gespräch mit dem damaligen Abt und dessen Frage: „Kannst du es übernehmen?“ Man fühlte sich geehrt, man witterte Herausforderung, man sagte „Ja“. Die Tragweite der Bereitschaft wurde einem durch den schnell eintretenden Archivalltag jedoch baldigst bewusst. Ich besuchte Fortbildungen an der Archivschule in Marburg an der Lahn (D) und des Bereichs Kultur und Dokumentation (ehem. Referat für die Kulturgüter der Orden) und ich erhielt die Chance, mir ein Team aufzubauen. Die Offenheit des Konvents und der Oberen war erfreulicherweise groß, denn man wollte den jungen Archivar natürlich weiterhin in der Seelsorge sehen und andere Ämter warteten auch bereits auf ihn. Zusätzlich wohlgemerkt. Ohne in diesem Beitrag weiter auf meine zahlreichen Dienste einzugehen, die neben den wissenschaftlichen Aufgaben in Archiv, Bibliothek und Museum auf pastoraler und innerklösterlicher Ebene angesiedelt sind, kann ich wohl behaupten, dass ich in der monastischen Archivwelt absolut kein Unikum bin: In einem Großteil unserer Klöster, wo Ordensmänner als Archivare dienen, ist eine Mehrfachbelastung gegeben. Dies kann somit als ein Spezifikum des Ordensarchivars der Gegenwart gelten.

 

Der Alltag eines Ordensarchivars der Jetztzeit hat sich im Vergleich zu früher grundlegend gewandelt und ich rufe die an anderer Stelle genannten und nur vermuteten Eigenschaften eines Admonter Ordensarchivars der Vergangenheit in Erinnerung: Die personellen Ressourcen haben sich weitestgehend verändert, denn ein komplettes Freistellen eines Paters für die Aufgaben im Klosterarchiv ist heutzutage, auch in meinem Fall, wohl kaum mehr möglich. Viele Kollegen sind als Seelsorger tätig, als Lehrer oder in anderen klösterlichen Aufgabenfeldern. Ist man dazu noch ein „Einzelkämpfer“ im hauseigenen Archiv, kann man natürlich niemals adäquat die Fülle an Ordnungs- und Sortierungsarbeiten, das Erschließen, die Benutzerbetreuung und das Beantworten von Anfragen erledigen. Daneben sollten auch – eigentlich die Hauptaufgaben eines Ordensarchivars – die persönliche Forschungstätigkeit, die Gelehrsamkeit, das Dokumentieren und Archivieren, das Vermitteln und Publizieren auf keinen Fall vergessen werden. Ich persönlich habe sehr schnell erkannt, dass ich allein nicht alles erledigen kann, ja noch mehr: Dass ich eher zu einem Verwalter von Archiv und Bibliothek verkommen werde. Diese pessimistischen Zukunftsaussichten wollte ich absolut nicht Realität werden lassen, sind doch beide Institutionen in Admont von nationaler und unzweifelhaft von internationaler Bedeutung. Die nicht vorhandene Teamfähigkeit meiner Vorgänger kam daher von Anfang an nicht in Frage. Um auch weiterhin in der wissenschaftlichen Fachwelt eine gewisse Präsenz zu wahren, durfte ich mir ein kleines Team aufbauen. Was übrigens die erwähnten charakterlichen Eigenschaften betrifft, die meine Vorgänger seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts „ausgezeichnet“ haben, muss ich der Nachwelt eine Beurteilung meiner Person überlassen. Man möge gütig sein.

 

Archiv und Bibliothek Admont

Abb. 4: Das Team des Stiftsarchivs und der Stiftsbibliothek (von links nach rechts): Katja Maierhofer, Ute Rohrer, P. Prior Maximilian Schiefermüller © Stiftsarchiv Admont

 

Das Stiftsarchiv Admont – ein Tätigkeitsbericht

Das Team des Stiftsarchivs Admont besteht heute aus drei Personen: Die Leitung obliegt dem Autor dieser Zeilen, der als promovierter Kirchenhistoriker die Grundausrichtung des Archivs vorgibt, Benutzer betreut, Archivgut bewertet, Bestände ordnet und erschließt und so gut es geht durch Vortragstätigkeit und Publikationen auch weiterhin ein Lernender und Antwort-Suchender bleibt. Eine Assistentin ist ihm zur Seite gestellt, die neben Sekretariatsaufgaben auch selbstständig archivarische Aufgaben übernimmt. Sie erschließt beispielsweise den großen Bestand der Ansichtskarten, erledigt Digitalisierungsaufgaben und ist hauptverantwortlich für das laufende IPM (Integrated Pest Monitoring) im gesamten Haus, also Archiv, Bibliothek, Depots und Museum. Die dauernde und gründliche Überwachung sämtlicher Räume in Bezug auf Schädlingsbefall und Insekten ist eine ihrer Hauptaufgaben. Als dritte Person haben wir eine Bibliothekarin im Team, die sich vorrangig um die Bestände der Stiftsbibliothek, der Handschriften, Frühdrucke und Sonderdrucke annimmt. Beide sind aber auch in der Kulturvermittlung tätig, durch Vorträge und das Verfassen von Fachartikeln. Daneben arbeiten wir unregelmäßig mit Praktikant:innen, sowohl aus dem Stiftsgymnasium als auch aus dem universitären Bereich. Ein unter Werkvertrag stehender Restaurator unterstützt uns bei konservatorischen Maßnahmen. Zur Teamfähigkeit gehört auch die Vernetzung mit anderen Institutionen: die Mitgliedschaft in der Historischen Landeskommission und Vereinigungen auf Archivebene sowie ein Austausch mit Museen, Archiven und Kulturbetrieben der Region und des Landes. Networking mit kirchlichen Archiven, die eine ähnliche Bestandsstruktur und -größe haben, ist heute unumgänglich geworden und hat sich auch für Admont als äußerst fruchtbar erwiesen, gerade hinsichtlich der Digitalisierung unseres gesamten mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriftenbestandes. Durch die verbesserten Möglichkeiten der Erfassung der Bestände, besonders im digitalen Bereich, haben sich die Aufgaben eines Ordensarchivars der Gegenwart wesentlich geändert. Stand früher die Recherche in den weitgehend nur grob sortierten Beständen im Vordergrund, ist heute eine wissenschaftliche Verzeichnung nach vorgegebenen Standards die wichtigste Aufgabe. Dadurch wird es möglich, sämtliche Bestände interessierten Forscherinnen und Forschern zugänglich zu machen und damit auch qualitätvolle Beiträge und Analysen zur eigenen Haus- und Ordensgeschichte erhalten zu können. Die technischen Möglichkeiten bei der Digitalisierung erlauben zudem, Forschungen anhand der online gestellten Bestände von zu Hause aus durchzuführen. Unsere Admonter Archivalien werden nach dem ISAD-G-Standard erschlossen und sind über das Archivinformationssystem archivis pro online abrufbar. Die wissenschaftliche Abteilung des Stiftes Admont, kurz gesagt das Stiftsarchiv, arbeitet – und ich darf meine Mitarbeiterin aus unserem stiftsinternen jährlichen Tätigkeitsbericht zitieren – mit höchstem Qualitätsbewusstsein an ihrem Auftrag, die Bestände von Archiv und Bibliothek zukunftsorientiert zu kuratieren und qualifizierte wissenschaftliche Auskünfte zu erteilen. Im Jahr 2025 erreichten uns etwa 70 Bibliotheksanfragen und 75 Archivanfragen. Die Betreuung von Forscher:innen mit unterschiedlichsten Anliegen beschäftigt das Team ganzjährig – von der zeitgeschichtlichen Dissertation zur Stiftsgeschichte über Auskünfte zu Ahnenforschung und Regionalgeschichte bis hin zur Bereitstellung von Digitalisaten von Handschriften oder Musikalien. Um noch gezieltere Auskünfte erteilen zu können, arbeiten wir an der fortwährenden Erschließung unserer Bestände. Im Bereich des Stiftsarchivs werden laufend Akten gesichtet, geordnet, konservatorisch fachgerecht verpackt und in einem übersichtlichen Aufbewahrungssystem verstaut.

Das Stiftsarchiv Admont bewahrt auch eine Fülle unterschiedlicher Sammlungen auf, deren Erschließungsarbeiten sukzessive fortgesetzt werden. Der Bestand der digitalisierten und in der Datenbank erschlossenen Ansichtskarten beläuft sich mittlerweile auf ca. 26.000 Einzelstücke mit einzigartigen Ansichten aus Österreich und aller Welt. Auch die (zu großen Teilen handschriftlichen) Musikbestände wurden im Rahmen eines Projekts in den vergangenen Jahren einem breiten Publikum von Musikwissenschafter:innen zugänglich gemacht: Dank der Auffindbarkeit in der internationalen Musikdatenbank RISM steigt die Zahl der Anfragen zu den bemerkenswerten Musikalienbeständen unseres Hauses. Die fachliche Abwicklung wurde von Ikarus Kaiser, Musikwissenschafter im Zisterzienserstift Wilhering, verantwortet, der auch als Schnittstelle für die Kommunikation mit der musikalisch interessierten Öffentlichkeit fungiert und im Rahmen eines Workshops am 6. Februar 2026 Einblicke in die Bestände gab.

Ein weiteres Langzeitprojekt ist die Datenbank „Höfe in Admonter Urbaren“. Über die Verknüpfung von georeferenzierten Daten mit historischen Urbaren des Stiftsarchivs ist es möglich, die Chronologie der Besitzverhältnisse von Höfen und Ländereien in großen Teilen des Bezirkes Liezen nachzuvollziehen. Dank jahrelanger Recherchen gelang es, die in Urbaren aus verschiedenen Jahrhunderten eingetragenen Höfe zu lokalisieren und auf einer modernen Karte abzubilden. Benutzer:innen können mit einem Klick alle verfügbaren historischen Informationen über Grundstücke ihrer Wahl abrufen. Dies erleichtert den Zugang zu stark nachgefragten Informationen aus dem Stiftsarchiv und bedeutet längerfristig eine deutlich effizientere Anfragenabwicklung. Um den Forschenden den Zugang zu den Originalquellen zu ermöglichen, erfolgte die Digitalisierung aller relevanten Urbare. Die Datenbank wird hoffentlich bald online gehen.

Durch die Umnutzung von Pfarrhöfen oder schlichtweg aus Platzproblemen bieten immer mehr der 26 dem Stift Admont inkorporierten Pfarren ihre Archive dem Stiftsarchiv an. Nach deren Übernahme und überblicksartiger Protokollierung werden die zum Teil sehr umfangreichen Bestände in unseren drei Manipulationsräumen gereinigt, zwischengelagert, sortiert und erschlossen. Die jeweiligen Archive bleiben „Deposita“ und somit im Besitz der Pfarren, können allerdings durch die fachgerechte Aufbewahrung für wissenschaftliche Zwecke und Recherchen verwendet werden.

Eine wesentliche Säule der Aktivitäten der wissenschaftlichen Abteilung stellt auch die Vermittlungs- und Öffentlichkeitsarbeit dar. Höhepunkt ist alljährlich der wissenschaftliche Abend, traditionell am 15. Juni, dem Hochfest des Klostergründers Erzbischof Gebhard (*um 1010, †1088).

 

Einblick in das Stiftsarchiv © Stiftsarchiv Admont

Abb. 5: Einblick in das Stiftsarchiv © Stiftsarchiv Admont

 

Schlussbetrachtung

Abschließend lässt sich festhalten, dass sich das Amt des Ordensarchivars im Laufe der Zeit grundlegend gewandelt hat. Während der Archivar in der Vergangenheit oftmals als gelehrter Einzelgänger wirkte – geprägt von großer Fachkenntnis, aber auch von einer gewissen Zurückgezogenheit – steht heute ein deutlich erweitertes und dynamischeres Berufsbild im Vordergrund. Die Anforderungen sind vielfältiger geworden: Neben der klassischen Aufgabe der Bewahrung und Ordnung von Archivgut treten heute verstärkt Aspekte wie Digitalisierung, wissenschaftliche Erschließung, Vermittlung und internationale Vernetzung auf. Auch die Zusammenarbeit im Team ist nicht mehr Ausnahme, sondern Notwendigkeit geworden. Zugleich hat sich auch die Einbindung des Archivars in das klösterliche Leben verändert. Die frühere Möglichkeit, sich ausschließlich auf Archiv und Bibliothek zu konzentrieren, ist heute vielfach nicht mehr gegeben. Stattdessen ist der Ordensarchivar der Gegenwart oft in mehrere Aufgabenbereiche eingebunden und muss verschiedenste Rollen miteinander vereinbaren. Trotz all dieser Veränderungen bleibt jedoch ein wesentlicher Kern unverändert: die Verantwortung für das kulturelle Gedächtnis des Klosters. Das Archiv ist nicht nur ein Aufbewahrungsort für die Zeugnisse vergangener Zeiten, sondern ein lebendiger Raum der Forschung, der Identität und der Vermittlung. Gerade darin liegt vielleicht die größte Kontinuität zwischen „einst“ und „heute“: im Bemühen, die Geschichte des eigenen Hauses zu bewahren, zu verstehen und für kommende Generationen zugänglich zu machen. Oder anders gesagt: Der Ordensarchivar ist heute weniger der stille Hüter verstaubter Akten – und vielmehr ein Vermittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

 

Maximilian Schiefermüller OSB studierte in Salzburg Geschichte und Theologie. 2006 legte er die ewige Profess im Benediktinerstift Admont ab. Seit 2019 ist Schiefermüller Korrespondent der Historischen Landeskommission für Steiermark. 2023 wurde er an der Universität Graz zum Doktor der Theologie promoviert. Er ist Prior, Leiter von Bibliothek und Archiv sowie wissenschaftlicher Leiter des Museums. Darüber hinaus ist er Superior von Frauenberg, Pfarrer von Frauenberg-Arding und Hall. Kontakt.

 


* Vortrag gehalten bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der Ordensarchive Österreichs „Zwischen Spiritualität und Schriftgut“ vom 4.–6. Mai 2026 im Benediktinerstift Göttweig (NÖ) (Überarbeitete Fassung).

[1] Benedikt von Nursia, Regula Benedicti (St. Ottilien 1992) Kapitel 58, Absatz 29.

[2] Die Satzungen der Österreichischen Benediktinerkongregation (Melk 2006).

[3] Ebd. Kapitel 2.3.3.8.

[4] Ebd. Abschnitt 208.

[5] Jakob WICHNER, Ein wiedererstandenes Klosterarchiv in Steiermark, in: Archivalische Zeitschrift, Bd. 3 (München 1878) 138.

[6] Maximilian SCHIEFERMÜLLER, Der Brand von 1865 und der Neubau des steirischen Benediktinerstiftes Admont. Ein Beitrag zu Brandkatastrophen in mitteleuropäischen Klöstern und ihren Auswirkungen (St. Ottilien 2023).

[7] Adalbert KRAUSE, Das bücherfreundliche Stift Admont und seine Bibliothekare (Wien 1968) 171–172.

[8] WICHNER, Klosterarchiv (wie Anm. 5) 138.

[9] Jakob WICHNER, Kloster Admont und seine Beziehungen zu Wissenschaft und zum Unterricht. Nach archivalischen Quellen (Graz 1892) 184.

[10] Vgl. Mathias PANGERL, Das ehemalige Archiv des Klosters Admont, in: Beiträge zur Kunde steiermärkischer Geschichtsquellen 4 (Graz 1867) 105f; Jakob WICHNER, Das Admonter Archiv in seinem gegenwärtigen Zustande, in: Beiträge zur Kunde steiermärkischer Geschichtsquellen 11 (Graz 1892) 71–94; WICHNER, Klosterarchiv (wie Anm. 5) 137–163; Adalbert KRAUSE, Das neue Stiftsarchiv in Admont (Admont 1958) 5–7.

[11] Vgl. Maximilian SCHIEFERMÜLLER, Stift Admont im Zweiten Weltkrieg, in: PAX – Magazin des Benediktinerstiftes Admont (2021) 40–43.

[12] WICHNER, Klosterarchiv (wie Anm. 5) 138.

[13] WICHNER, Klosterarchiv (wie Anm. 5) 138.