Die neuen Aufgaben des Ordensarchivars
Der Erfahrungsbericht beschreibt wie sich die Arbeitsschwerpunkte in einem Ordensarchiv verändern und die Kulturvermittlung in den Fokus rückt. Am Beispiel der Salvatorianer und Marianisten wird gezeigt, wie Ordensarchive nach dem Motto bewahren – erforschen – veröffentlichen neu definiert werden. Durch Forschung, Publikationen und Ausstellungen wird das Ordensgedächtnis lebendig gehalten, um die Geschichte der Gemeinschaften nachhaltig in der Öffentlichkeit zu verankern.
Der Zufall brachte mich zur Archivarbeit und im Laufe der nächsten Jahre musste und durfte ich viel dazulernen. Allerdings: Aufgrund meiner verschiedenen beruflichen Tätigkeiten davor – u. a. als Publizist und Kulturvermittler – flossen auch meine eigenen, früheren Erfahrungen und Vorstellungen in die neue Beschäftigung ein. So diskutierte ich ausführlich mit meinen Fachkolleginnen und -kollegen über die Aufgaben, Herausforderungen und vor allem eine (Neu-)Definition von Archiv bzw. Ordensarchiv. Allmählich konnten wir uns darauf einigen, dass wir nicht nur sammeln und bewahren, sondern auch erforschen und veröffentlichen wollten, ja, sogar mussten, wenn unsere Arbeit wirklich produktiv sein sollte. Zur Erklärung und offen gesagt: Lange Zeit waren die Archive eine Art Versorgungsposten für ältere, schwierige oder anderweitig nicht einsetzbare Ordensmitglieder. Eine historische Vorbildung oder das grundsätzliche, persönliche Interesse an der Geschichte/Geschichtsforschung fehlte oftmals gänzlich, und nicht selten sprach man hinter vorgehaltener Hand vom eigenen Provinz-, Regional- oder Hausarchiv als Rumpelkammer, in die alles hineingestellt wurde und in der alles abgeladen werden konnte, ohne System – aus den Augen, aus dem Sinn!

Abb. 1: P. Titus Helde SDS © Provinzarchiv der Salvatorianer
Persönlich hatte ich das immense Glück, in dem zuvor aufwendig modernisierten Provinzarchiv der Salvatorianer in Wien praktische Erfahrungen zu machen und damit einhergehend zahlreiche Entfaltungsmöglichkeiten geboten zu bekommen. Grundlegend dafür waren die unbedingte Bereitschaft zum offenen, kritischen Gespräch und der Wille, die Tätigkeit als Archivar:in nicht im Sammeln und Bewahren zu belassen, sondern die Ziele zu erweitern und den Arbeitsbereich auf die Gebiete Forschung und Veröffentlichung zu erweitern. Ab 2018 diskutierten, formulierten und visionierten P. Peter van Meijl SDS, Archivar Robert Passini und ich fast zwei Jahre lang, bis wir den Mut für den Entschluss fassten, unsere Theorien in einem konkreten Projekt auf die Probe zu stellen: Im Jahr 2023 sollte nämlich die österreichische Provinz der Salvatorianer ihr einhundertjähriges Bestehen feiern. Aus diesem Anlass wollten wir als Provinzarchiv nicht nur mitwirken, sondern federführend tätig werden, indem wir das gesammelte Wissen zu Entstehung, Entwicklung und den zahlreichen Persönlichkeiten der Ordensprovinz auswerteten und über verschiedene Kanäle der breiten Öffentlichkeit präsentierten. Mit anderen Worten: Uns schwebte von Beginn an vor, die enge Nussschale des Archivalltags – das Sammeln, Verzeichnen und Bewahren – aufzubrechen und mit den Ergebnissen unserer Forschung über die salvatorianische Ordenswelt hinaus zu wirken, indem wir uns mit Fachleuten unterschiedlicher Disziplinen sowie Instituten und Universitäten auf eine langfristige Zusammenarbeit verständigten. Dadurch entstand binnen zweieinhalb Jahren u. a. das Buch „Erweckte Begeisterung – 100 Jahre Österreichische Provinz (1923–2023)“, das im Rahmen eines Symposiums mit mehreren Vorträgen und Podiumsdiskussionen am 17. Juni 2023 in Wien erfolgreich präsentiert wurde.[1]

Abb. 2: Symposium „Geteiltes Erbe – 400 Jahre Barnabiten und Salvatorianer in Österreich (1626–2026)“ © Salvatorianer/Robert Sonnleitner
Aufgrund dieser konkreten Projektarbeit, die sowohl breite Anerkennung gefunden als auch das Provinzarchiv der Salvatorianer in Wien sowie seine Arbeit neu definiert hat, entstand nicht nur ein erweitertes Selbstverständnis, sondern ergaben sich auch weitere Betätigungsfelder: Allen voran ist in diesem Zusammenhang die Gründung des „Institut zur Erforschung Salvatorianischer Geschichte und Spiritualität in Wien“[2]
als ein direktes Resultat der geleisteten Vorarbeiten des Archivs zu nennen; ebenso die große Bereitschaft der Ordensgemeinschaft, das Provinzarchiv bei regelmäßigen Projekten von internem wie öffentlichem Interesse zu unterstützen.
So wurde unter anderem 2025 im Zuge des allgemeinen Gedenkens an achtzig Jahre Kriegsende (Zweiter Weltkrieg, 1939–1945) mit einer mehrwöchigen Veranstaltungsreihe in Mistelbach (NÖ) an den Salvatorianer und Märtyrer P. Titus Helde SDS (*1905, †1945) erinnert, woraufhin wiederum der Kairos und Wille entstanden, für diesen couragierten Mitbruder ein Seligsprechungsverfahren einzuleiten. Dies wurde im April 2026 begonnen.[3]
Des Weiteren wurde die Zusammenarbeit des Provinzarchivs der Salvatorianer in Wien mit dem Generalarchiv der Barnabiten in Mailand (IT) unterstützt, um gemeinsam das Jubiläum „Geteiltes Erbe – 400 Jahre Barnabiten und Salvatorianer in Österreich (1626–2026)“ zu begehen, abermals durch eine aufwendig interdisziplinär gestaltete Publikation und ein kompetent besetztes Symposium, das für nachhaltiges Interesse sorgte.[4]
Anhand dieser wenigen Beispiele zeigt sich, welche fruchtbaren Impulse von einem Ordens- bzw. Provinzarchiv ausgehen können, sofern Gestaltungswille und Unterstützung gegeben sind. Es sind außerdem starke Beweise dafür, dass Archivarbeit von gehobenem öffentlichem Interesse ist, wenn sie nachvollziehbar aufgearbeitet und vorgestellt wird, sei es durch fachlich fundierte Publikationen, verständlich gehaltene Vorträge oder didaktisch gestaltete Ausstellungen. Insofern sollte der Archivar/die Archivarin nicht nur als Sammler:in und Bewahrer:in, sondern auch als Vermittler:in – vielleicht sogar als eine Art PR-Agent:in – der eigenen Ordensgeschichte und -spiritualität gesehen und beauftragt werden. Auch so können Ordensgemeinschaften beziehungsweise Kongregationen das Wissen über ihre eigene, faszinierende Vergangenheit nutzbar machen für ihre Zukunft, sprich: für ihr Fortbestehen, das es nur dann geben wird, wenn die Welt da draußen von der Welt hier drinnen erfährt und darüber informiert wird, was in dieser unverzichtbar und wertvoll für alle ist.

Abb. 3: P. Jakob Gapp SM © Provinzarchiv der Marianisten
Dass die Salvatorianer diesbezüglich glücklicherweise kein Einzelfall sind, darf ich seit Kurzem ebenfalls erfahren: Seit 2025 bin ich nämlich – in Teilanstellung – als Archivar der Marianisten am Greisinghof in Tragwein (OÖ) für die Region Österreich–Deutschland zuständig. Gleich von Beginn an äußerte ich den Wunsch und wurde darin auch bestärkt, dass ich meine Arbeit nur unter dem Motto bewahren – erforschen – veröffentlichen erledigen möchte, weil ich der festen Überzeugung war und bin, dass ein Archiv, egal wie klein es ist, einen aktiven Beitrag zur Wahrnehmung des Ordens in der Öffentlichkeit leisten kann und sollte.
Im Laufe der ersten Arbeitsmonate formulierte ich dementsprechend meine Gedanken und skizzierte auch einige Projekte, deren Ziel es war, die Marianisten in den Fokus der allgemeinen Wahrnehmung zu rücken. Dabei griff ich auf meine Erfahrungen bei den Salvatorianern zurück, aufgrund derer ich anschauliche Argumente für meine Pläne mit dem Regionalarchiv der Marianisten hatte. Kurzum: Meine Ideen wurden aufgegriffen und diskutiert und sollen nun nach und nach umgesetzt werden. So gedenken die Marianisten im Jahr 2026 u. a. des 30. Jahrestags der Seligsprechung von P. Jakob Gapp SM (*1897, †1943), dem zu Ehren am 24. November 2026 eine Gedenktafel an der Fassade des Marianum Freistadt enthüllt werden wird. An das 125-jährige Bestehen dieser ersten Bürger- bzw. Hauptschule des Mühlviertels wird wiederum im Frühjahr 2027 mit einer temporären Ausstellung im hiesigen Schlossmuseum erinnert, wofür das Regionalarchiv der Marianisten, die Schulleitung des Marianum und das Mühlviertler Schlossmuseum Freistadt kooperieren.

Abb. 4: Gedenktafel für P. Jakob Gapp SM © Martin Kolozs
Wenn mich die Archivarbeit der vergangenen acht, neun Jahre, in denen ich für bzw. mit den Salvatorianern sowie den Marianisten tätig war, etwas gelehrt hat, dann Folgendes: Das Archiv ist das Gedächtnis des Ordens. Und um die Erinnerung an alles Geleistete, Wertvolle und Unverzichtbare lebendig zu erhalten, damit die eigenen Ursprünge und Wurzeln nicht vergessen werden und keine spirituelle, charismatische oder sonst wie geartete „Demenz“ eintritt, muss dieses Ordensgedächtnis trainiert, genutzt, vernetzt und lebendig gehalten werden; u. a. durch Forschung, die Wiederentdeckungen fördert; durch Veröffentlichung, die Selbstverständnis aufbaut und allgemeines Interesse schafft; durch Vernetzung sowie Vermittlung „auf jede Weise und mit allen Mitteln, welche die Liebe Christi eingibt“[5], weil die Zukunft nur hat, wer die Vergangenheit kennt.
Martin Kolozs wurde in Graz geboren und wuchs in Innsbruck auf, wo er an der Theologischen Fakultät studierte. Seit 2010 lebt und arbeitet er in Wien. Er verfasste zahlreiche Publikationen zur Ordens- und Diözesangeschichte sowie zur Widerstandsforschung. Derzeit ist er im Auftrag der Salvatorianer als Postulator für die Causa Titus Helde tätig und arbeitet zudem als Archivar der Marianisten in Tragwein (OÖ).
[1] https://www.salvatorianer.at/site/de/home/aktuelles/article/1980.html [Zugriff auf alle in diesem Beitrag angegebenen Hyperlinks: 24.07.2026].
[2] https://www.salvatorianer.at/research
[3] https://www.salvatorianer.at/news/erzdioezese-wien-startet-seligsprechungsverfahren-fuer-p.-titus-helde
[4] https://www.salvatorianer.at/news/symposion-geteiltes-erbe-wie-barnabiten-und-salvatorianer-sterreich-praegten
[5] https://www.salvatorianer.at/site/de/diesalvatorianer/salvatorianischesmanifest