Künstlerinnen im Ordenskleid
Der Beitrag widmet sich zuerst Elisabeth Eppinger (*1814, †1867), der Ordensgründerin der Schwestern vom göttlichen Erlöser (Niederbronner Schwestern) und behandelt die Entstehung der Wiener Kongregation. Einen wesentlichen Teil der Geschichte bildet dabei das künstlerische Schaffen der sogenannten Stick- und Malerschwestern ab dem 19. Jahrhundert in Wien. Sr. Judith Lehner berichtet schließlich von den persönlichen Schwerpunkten in ihrem eigenen künstlerischen Werk.*
Abb. 1: Sr. Judith Lehner präsentiert beim Kulturtag zwei Kaseln aus der Produktion des „Stickzimmers“ der Kongregation © ÖOK/Teresa Bruckner
Judith Lehner: Sich dem Thema der „Künstlerinnen im Ordenskleid“ anzunähern, bedeutet eine Auseinandersetzung mit einer Vielzahl an Künstlerinnen unserer Ordensgemeinschaften; auch mit vielen, die schon in der Ewigkeit sind. Mit Begleitung von Karin Mayer, Leiterin des Bereichs Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz, habe ich vor Jahren begonnen, die Arbeitszimmer unserer sogenannten Stick- und Malerschwestern auszuräumen. Und da traten unglaubliche Schätze zu Tage: dutzende Mappen mit Entwurfszeichnungen und säuberlich beschriftete Vorlagen, kolorierte Musterblätter und Skizzenbücher. Gekannt hatten wir davor nur die von ihnen produzierten Paramente und die Bilder in der Kirche.

Abb. 2: Die Gründerin Mutter Alfons Maria Eppinger © Archiv/Niederbronner Schwestern
Zu Beginn möchte ich Ihnen die Kongregation vorstellen, zu der wir gehören. Wir sind die Schwestern vom göttlichen Erlöser. Unsere Gründerin hieß Elisabeth Eppinger. Nach ihrem Geburtsort, Bad Niederbronn (heute: Niederbronn-les-Bains, FR), wo ihr Geburtshaus noch steht, sind wir auch als Niederbronner Schwestern bekannt. Unsere Gemeinschaft entstand also in einem kleinen Badestädtchen im nördlichen Elsass in der Diözese Straßburg.
Elisabeth Eppinger wurde als ältestes von elf Geschwistern einer Bauernfamilie geboren. Sie war schon als Kind sehr kränklich und fühlte, dass sie der Familie zur Last fiel. Eigentlich wollte sie ins Kloster gehen, aber das stand zuerst gar nicht zur Debatte, weil sie zu krank war. Sie hatte eine besondere Gabe: Sie konnte in die Seele der Menschen schauen. Sie konnte die Menschen mit nur einem einzigen Satz, den sie sprach, tief berühren. So wurde sie im Elsass berühmt und der Straßburger Bischof Andreas Räß (franz.: André Raess, *1794, †1887) wurde auf sie aufmerksam. Mithilfe des Pfarrers ihrer Heimat, Johannes David Reichard (*1796, †1867), der sie von Jugend an begleitet hatte, gründete sie, unter ihrem Ordensnamen Mutter Alfons Maria, im August 1849 mit einigen Gefährtinnen eine Gemeinschaft und begann, den Menschen in verschiedensten Nöten beizustehen. Es ist überliefert, dass der erste Ruf, den sie erhielt, sie zu einer schwierigen Geburt geführt hat. Weil sie und ihre Gefährtinnen bereit waren, stets Hilfe zu leisten, hat sich ihre Gemeinschaft rasch vergrößert. Die erste Bewährungsprobe erlebten sie während der Choleraepidemie 1854, bei der die jungen Schwestern auch bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzten. Sie wurden dafür vom französischen Staat ausgezeichnet. Das erste Kloster in Niederbronn wurde bald zu klein, weshalb die Schwestern ein Schloss im benachbarten Oberbronn (heute: FR) erwarben und ihr Noviziat dorthin verlegten. Seit 1880 ist es außerdem Sitz der Generalleitung.
Es ist mehrfach belegt, dass Mutter Alfons Maria nach ihrem Ableben zu keiner Berühmtheit werden wollte. Sie wollte vergessen sein und sie wollte keine Ehrungen. Trotzdem wurde sie 2018 seliggesprochen und es war für uns eine große Freude, dass wir das vor Ort miterleben durften.
Die Wiener Kongregation
Martina Lehner: Die Kongregation ist sehr schnell gewachsen. Besonders in Süddeutschland sind sehr viele Niederlassungen gegründet worden, woraus wiederum eigenständige Kongregationen entstanden sind. Solche Kongregationen entstanden in Würzburg (DE), Wien, Preßburg/Bratislava (SK) und Ödenburg/Sopron (HU).
Der erste Standort, der sich selbstständig gemacht hat, war Würzburg 1866, wo die Schwestern seit 1854 tätig waren, und im gleichen Jahr folgte dann auch Wien. Nach Österreich waren die Schwestern bereits 1857 gerufen worden. Zwei weitere Niederlassungen, die zu Mutterhäusern selbstständiger Kongregationen geworden sind, waren ursprünglich Gründungen von Wien, es sind das: Sopron und Bratislava. Die Abspaltung von Sopron fand gleich im folgenden Jahr, also 1867 statt, jene von Bratislava während des 1. Weltkrieges, de jure 1915, de facto 1916.

Abb. 3: Die Fusion mit Oberbronn: Schwestern der neuen österreichischen Provinz, 1999 © Archiv/Niederbronner Schwestern
Die Gründe für die Trennungen waren immer dieselben. Argumentiert wurde damals mit der weiten Entfernung vom Mutterhaus und den hohen Auslagen für die Reisekosten der Schwestern ins Noviziat bzw. zu den Exerzitien. Im Grunde haben die Ortsbischöfe aber überall gedacht, die Selbständigkeit der Kongregation unter ihren Fittichen würde der besseren Entfaltung dienen und haben die Idee aktiv verfolgt. Die Schwestern durften sich immer entscheiden, ob sie bleiben oder ob sie in ihr Mutterhaus zurückkehren möchten. Im Archiv der Wiener Kongregation haben sich diese Unterschriftenlisten erhalten und sie zeigen, dass fast alle Schwestern auf ihren Posten geblieben sind.
Abgerissen sind die Verbindungen also nie. Seit den 1970er Jahren haben sich zunächst die Kontakte der Generaloberinnen wieder verdichtet, Austausch und gegenseitige Einladungen anlässlich von Feierlichkeiten wurden üblich. In der Eigendefinition der Kongregation wurde „ein Beziehungsnetz geknüpft”, das sich als so tragfähig erwies, sodass sich inzwischen zwei der selbstständigen Zweige wieder der Ursprungskongregation angeschlossen haben, und zwar Wien im Jahr 1999 und Bratislava 2009.
Doch wie kam es nun zur Etablierung der Wiener Kongregation? Mutter Alfons Maria hatte 1857 fünf Schwestern nach Wien gesandt, um hier Waisenkinder zu betreuen. Die Bitte um Schwestern war von einem Frauenverein (Maria-Elisabethen-Verein) unter der Präsidentschaft von Flora Gräfin Fries (*1814, †1882) gekommen, der zwar über die Mittel für ein entsprechend adaptiertes Haus in Wien-Reindorf (heute im 15. Bezirk) und die Projektfinanzierung verfügte, aber dafür qualifiziertes Personal benötigte.
Neben den städtischen und kommunalen Armen- und Siechenhäusern gab es damals bereits ein etabliertes soziales Netzwerk, dank des karitativen Engagements, das zumeist vom Ortsklerus und von Wohltätigkeitsvereinen getragen wurde, welche prominente Mitglieder hatten.
Die Zusammenarbeit mit dem Maria-Elisabethen-Verein wurde aber offenbar für beide Seiten recht schnell beschwerlich, weil es sich die Schwestern nicht nehmen ließen, auch noch unentgeltliche Hauskrankenpflege auszuüben, während der Frauenverein die beiden Tätigkeitsfelder als nicht wirklich kompatibel erachtete und gern eine Konzentration der Kräfte auf das ursprüngliche Wirkungsfeld gesehen hätte. So trennte man sich bereits nach drei Jahren.

Abb. 4: Die erste Generaloberin der Wiener Kongregation: M. Theophila Daur (amt. 1866–1888) © Archiv/Niederbronner Schwestern
Die Oberin der Wiener Filiale, Schwester Theophile Daur (*1823, †1888), zog mit der ihr anvertrauten Schar von inzwischen achtzehn Schwestern zunächst in ein Mietshaus in der Dreilaufergasse am Schottenfeld im heutigen 7. Bezirk, wo Waisenkinder aus städtischer Obhut betreut wurden und erwarb schließlich ein Bürgerhaus in der Kaiserstraße, die Keimzelle des späteren Generalmutterhauses. Die Schwestern kannte man damals unter dem Namen „Töchter des göttlichen Heilands”, kurz „Heilandstöchter”, ihr Haus wurde nach der Josefsstatue über dem Eingang „Josefskloster” genannt.
Schwester Theophile oder Theophila, wie sie in Wien genannt wurde, war offensichtlich eine sehr tatkräftige Person, leitete schon als Novizin ihre erste Filiale und war unermüdlich damit beschäftigt, weitere Arbeitsfelder zu eröffnen, neue Stationen zu beschicken und die Kongregation ganz allgemein zum Wachsen zu bringen. Diese Bestrebungen waren erfolgreich, denn es gab in der Geschichte der österreichischen Kongregation etwa 150 Filialen und insgesamt rund 4.300 Schwestern. Um die Wende des 19./20. Jahrhunderts war der Orden die zahlenstärkste Frauenkongregation in der Kirchenprovinz Wien.[1] Damals zählten die „Heilandstöchter” etwas über 1.000 Mitglieder, Schwestern inklusive Novizinnen und Postulantinnen. Die Kandidatinnen kamen damals aus allen Teilen der Habsburgermonarchie, überproportional vertreten waren Mädchen aus den nördlichen und östlichen Kronländern, aus Wien und Niederösterreich, aber auch aus dem benachbarten Bayern.
Die Arbeitsfelder waren genauso vielfältig wie die Not der Zeit und erstreckten sich von Kinder- und Altenfürsorge über Erziehung und Unterricht sowie ambulante Krankenpflege bis hin zu Lazarett- und Spitalsdiensten.

Abb. 5: Goldene Dalmatik (Ausschnitt): Nadelmalerei der Hl. Gertrud von Helfta © Niederbronner Schwestern
Sie führten Kindergärten sowie Tagesheimstätten für ansonsten unbetreute Kinder aus Arbeiterfamilien in Wien. Sie unterrichteten in Elementarschulen, Hauptschulen und berufsbildenden Schulen, aber auch in Blindenschulen oder Näh- und Kochschulen, vor allem im ländlichen Bereich, wo Mädchen in den Wintermonaten eine Weiterbildung erhielten. Auf dem Gelände des Mutterhauses bestand schon seit 1868 eine Volksschule, aus der das bis heute florierende Schulzentrum „Mater Salvatoris” in der Kenyongasse[2] erwachsen ist. Angepasst an die Verhältnisse der Großstadt gab es hier auch mittlere und höhere Schulformen, Unterricht im Klavierspielen, ab 1903 eine Lehrerinnenbildungsanstalt und ab 1926 ein Realgymnasium.
Für die Altenbetreuung schufen die Schwestern in den ordenseigenen Häusern sogenannte „Damenpensionate”, wo unversorgten Frauen ein menschenwürdiger Lebensabend ermöglicht wurde. Zudem besetzte die Kongregation in unzähligen kommunalen Altenheimen Leitung und Pflege sowie Wäsche und Küche. „Wäsche & Küche” war außerdem ein klassisches Arbeitsfeld für Frauenorden in Männerklöstern. Die Schwestern übernahmen diese Dienste etwa im Benediktinerstift Melk und in mehreren bischöflichen Knaben- und Priesterseminaren, erweitert zudem um die Pflege auf den jeweiligen Krankenstationen.
Pflegedienste leisteten die Schwestern aber auch an zeitgenössischen Kriegsschauplätzen, in Feldspitälern und Lazaretten: Sie waren 1859 in Oberitalien, als die Schlacht von Solferino[3] stattfand, 1885 in Bulgarien, ebenso bei den Balkankriegen 1912/13 und natürlich in den Weltkriegen präsent. Während des 1. Weltkrieges waren etwa drei Schwestern für drei Jahre ununterbrochen in einem Sanitätszug – dem sogenannten „Fürst Schwarzenberg´schen Sanitätszug“ – unterwegs, mit dem die verwundeten Soldaten von der Front in die Lazarette des Hinterlandes verlegt wurden.
Im dörflichen und kleinstädtischen Bereich war die Krankenpflege vor allem in Form von Rot-Kreuz-Stationen organisiert, die die Schwestern bespielten, nachdem diese Organisation sich auch der medizinischen Grundversorgung der Zivilbevölkerung angenommen hatte. Im städtischen Bereich übernahmen die Schwestern kleinere Spitäler zur Gänze, in größeren Krankenhäusern, die von mehreren Frauenorden beschickt wurden, einzelne Abteilungen. Allein in Wien waren die Schwestern in sechs verschiedenen Krankenhäusern und Privatsanatorien tätig. Im Jahr 1935 baute der Orden außerdem ein eigenes Krankenhaus in Wien-Dornbach im 17. Bezirk. Bis auf das ärztliche Personal übernahmen die Schwestern den Betrieb des „Göttlichen Heilands” bis 1970 zur Gänze selbst: Pflege, Labor, OP-Dienste, Küche, Wäsche, Reinigung und nicht zuletzt die gesamte Verwaltung. Dieses Krankenhaus gehört seit 2004 zur Vinzenz-Gruppe der österreichischen Ordensspitäler.[4]
Geografischer Schwerpunkt der Niederlassungen blieb eindeutig Wien und Niederösterreich, der Orden wurde aber auch in anderen Kronländern der Habsburgermonarchie aktiv, vor allem im damaligen Böhmen und im Küstenland an der Adria. Bereits vor, aber insbesondere nach dem 1. Weltkrieg, wandte sich die Kongregation außerdem nach Westen und gründete oder übernahm Filialen im damaligen Deutschen Reich (insgesamt dreizehn) und in den Niederlanden (insgesamt sieben). Heute sind alle diese Standorte geschlossen.
Zwischen 1938 und 1945 wurden die Schwestern – so wie in allen anderen Orden damals auch – in allen öffentlichen Häusern gekündigt, ihre eigenen Einrichtungen wurden geschlossen, z. T. beschlagnahmt bzw. mussten an Behörden zwangsvermietet werden (so wurde das Schulgebäude in der Kenyongasse von den Nationalsozialisten zeitweise als „Notarrest“ missbraucht).[5] Das Krankenhaus und die Schule in Wien hatte man zu Lazaretten umfunktioniert und nur dort durften die Schwestern weiterarbeiten.
In dieser Zeit versuchte der Orden, neue Arbeitsfelder zu erschließen. Gefunden wurden sie zum einen vor Ort in der Pfarrhilfe, zum anderen, indem die Kongregation in andere Länder auswich. So eröffnete Ende des Jahres 1938 z. B. eine erste Niederlassung in Argentinien, im äußersten Nordwesten des Landes, in San Salvador de Jujuy. Dort entstanden nach und nach mehrere Filialen, die primär der Kinderbetreuung und Erziehung gewidmet waren und nicht nur auf die Provinz Jujuy beschränkt blieben. In der Provinz-Hauptstadt San Salvador entwickelte sich ein Schulzentrum nach österreichischem Vorbild, das neben Kindergarten und Grundschule bald auch eine Oberstufe und eine Lehrerinnenbildungsanstalt umfasste und seit 1991 ein zweites Standbein in einem Armenviertel der Stadt hat. In Argentinien ist der Orden immer noch tätig und die Niederlassungen unterstehen heute direkt dem Generalmutterhaus in Oberbronn. Der Zeit angepasst liegt der Schwerpunkt der Arbeit inzwischen neben der Bildung für Kinder in Ausbildungslehrgängen für Erwachsene, auf Sozialarbeit und Suchtprävention.
Ab den 1970er Jahren gingen die Eintrittszahlen zurück und die Niederlassungen mussten Schritt für Schritt aufgegeben werden, die Kongregation musste ihre Kräfte bündeln. Der Kontakt innerhalb der „Ordensfamilie“ und zur Ursprungskongregation wurde verstärkt. Und so kam es am 31. Juli 1999 zur Fusion.
Sr. Judith Lehner: Wir sind sehr froh, dass wir in den großen Kontext der Kongregation eingebunden sind! Seit 2005 gehören wir zur Provinz Deutschland-Österreich. In Europa ist die Kongregation nach wie vor im alten Kerngebiet, also Deutschland, Frankreich und Österreich präsent. Auch in den Niederlanden, Ungarn, der Slowakei und Tschechien gibt es noch Gemeinschaften. Aus Portugal hat sich der Orden mittlerweile ganz zurückgezogen.
Die Verbreitung in Südamerika ergab sich aus dem Kontakt des Bischofs von San Salvador de Jujuy mit den Schwestern im Wiener Mutterhaus im Jahr 1938. Neben mehreren Standorten in Argentinien gab es zwischenzeitlich auch eine Niederlassung in Bolivien, die aber 2010 wieder geschlossen werden musste.
In Indien ist die Kongregation vor allem im Süden beheimatet. Durch die Vermittlung eines Missionspriesters Anfang der 1960er Jahre sollten indische Kandidatinnen in Deutschland aufgenommen werden, um die spärlicher werdenden einheimischen Eintritte auszugleichen. Allerdings entschied die damalige Generaloberin, M. Marie-Vianney Bilves (amt. 1964–1976) stattdessen, die Mädchen in Deutschland als Krankenschwestern auszubilden und sie so auf einen entsprechenden Einsatz in ihrer Heimat vorzubereiten.
In Afrika ist die Kongregation in Angola, Kamerun und Namibia vertreten, weil in den 1930er Jahren beschlossen wurde, sich auch in Missionswerken zu engagieren.
In Afrika verzeichnen die Schwestern, ebenso wie in Indien, Zulauf. Dort wächst der Orden, während er in Europa schrumpft, entsprechend international ist der Generalrat heute zusammengesetzt. Überall arbeiten die Schwestern in den Arbeitsfeldern, die seit jeher ausgeübt werden. In Europa kam in der Zwischenzeit noch die Verwaltung von Erholungs- und Gästehäusern hinzu, denn die zum Teil sehr großen historischen Gebäudekomplexe mussten einer alternativen Nutzung zugeführt werden.
Das Stickzimmer
Martina Lehner: Wie kam es dazu, dass eine Kongregation, deren Schwerpunkte auf der Krankenpflege und Kinderfürsorge lagen, ein eigenes Stickzimmer einrichtete? In der Chronik des Ordens ist ein wenig blumig von den „eher schwächlichen Naturen” die Rede, die sich wohl berufen fühlten, ins Kloster zu gehen, aber nicht über die nötige Robustheit verfügten, die man damals für die Krankenpflege, bei Kindern oder im Hauswesen als nötig erachtete. Also ließ die Generaloberin M. Theophila jene, die Geschick und Begabung zeigten, im Zeichnen, Malen und Sticken unterrichten.
Es scheint, als ob der Ursprung dieser Idee im Umfeld des Mutterhaues zu suchen ist: Das Schottenfeld um die heutige Seidengasse war ein Gewerbegebiet, in dem das bürgerliche Handwerk blühte. Namhafte Stoffmanufakturen, Seidenfabrikanten und Posamentirwerkstätten, die Borten, Tressen, Kordeln, Bändern u. Ä. herstellten, waren hier ansässig. In derselben Straße, in der die Schwestern zunächst zur Miete gewohnt hatten, gab es damals ein Familienunternehmen namens Giani: Josef Giani war spezialisiert auf die Herstellung von Stoffen für den kirchlichen Gebrauch und die Herstellung von Paramenten. Sein Bruder Carl Giani führte eine Anstalt für Weberei und Kunststickerei. Es fehlen zwar die Quellen, aber ich gehe davon aus, dass die ersten Schwestern in diesem Institut ausgebildet wurden.
Später wurden die Nachwuchskräfte wohl im eigenen Haus herangezogen. Belegt sind zumindest zwei Schwestern, die in den 1940er Jahren eine Meisterprüfung in Paramentenstickerei abgelegt haben. Nach dem 2. Weltkrieg hatte sich die Welt jedoch verändert und diese Ressourcen kamen für das Stickzimmer zu spät. Die Produktion brach ein und die Generalleitung ließ diesen Erwerbszweig offenbar auslaufen.
Die Produktion des Stickzimmers, respektive der beiden Stickzimmer – denn um die Wende des 19./20. Jh. florierte der Betrieb so, dass in der Expositur des Mutterhauses in Gablitz (NÖ) ein zweiter Standort eingerichtet wurde – umfasste Messkleider und Antependien für den eigenen Gebrauch, aber auch für mehrere Kirchenneubauten in Wien sowie als Geschenke für befreundete Geistliche. Außerdem wurden Kirchenfahnen geschaffen, Fahnen für Marianische Kongregationen und katholische Vereine, aber auch profane Stücke wie Zunft- und Vereinsfahnen.

Abb. 6: Teilkolorierte Zeichnung einer Fahne für die Kirche „Am Steinhof“ nach einem Entwurf von Otto Wagner © Archiv/Niederbronner Schwestern
Es gab mehrere Großprojekte, mit denen sich die Schwestern und ihre Werkstatt offensichtlich bald einen Namen gemacht hatten. Das erste davon war gleich zu Beginn die Wiener Weltausstellung im Jahr 1873. Damals hatte die Firma Carl Giani die Möbelstoffe für den Kaiserpavillon geliefert und die Stickereien darauf waren von den Schwestern angefertigt worden.
Das nächste Prestigeprojekt war die Ausstattung der Kirche zum Hl. Leopold für die damalige Niederösterreichische Heilanstalt für Nerven- und Geisteskranke am Steinhof im Jahre 1907, nach den Entwürfen des Jugendstil-Architekten Otto Wagner (*1841, †1918). Inzwischen ist das ganze Ensemble ein externer Standort des Wien Museums und einige der von den Schwestern hergestellten Paramente werden dort in einer Vitrine präsentiert.
Eine prominente Rolle nahm das Stickzimmer auch bei der „Ausstellung für Kirchliche Kunst” im Jahr 1912 ein, die im Rahmen des 23. Eucharistischen Kongresses in Wien gezeigt wurde. Die Schwestern waren laut Katalog nicht nur mit mehreren Werkstücken vertreten[6], sondern fertigten überdies eine Art Lehrmittelschau an, die in einem eigenen Studiensaal am Veranstaltungsort, dem damaligen k.k. Museum für Kunst und Industrie, heute das Museum für Angewandte Kunst (MAK), gezeigt wurde.[7] Denn die Ausstellung verfolgte den Zweck, das ästhetische Empfinden des Klerus zu heben, sprich: ihn mit der Moderne vertraut zu machen. Dazu entwickelten die Schwestern gemeinsam mit dem vom Erzbischöflichen Ordinariat dafür eingesetzten Prälaten Heinrich Swoboda (*1861, †1923) Muster und Modelle, welche die Entwicklung der Messkleider dokumentieren, dabei aber auch als stilistische Verfehlungen gewertet wurden.

Abb. 7: Engelsfries (Ausschnitt) in der Klosterkirche in der Kaiserstraße, Wien © Museum am Dom St. Pölten/Tobias Seebacher
Neben den Paramenten, die sich alle feinsäuberlich in weiße Baumwolltücher verpackt, dicht an dicht in mehreren Kästen drängten, bestand die Hinterlassenschaft des Stickzimmers vor allem in Form von zahlreichen Musterblättern, Vorlagenbüchern und Entwürfen. Um zu sehen, welchen Schatz es hier zu bewahren galt, musste das gesamte Material gesichtet, geordnet und dokumentiert werden. Der Lohn für unsere Mühe war, dass einige der Stücke 2023 in der Ausstellung „Sakraler Jugendstil” im Museum am Dom in St. Pölten (NÖ) präsentiert werden konnten. Wir möchten uns an dieser Stelle ganz herzlich bei Karin Mayer, Leiterin des Bereichs Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz bedanken, die das ermöglicht hat und die uns auch den Weg zu weiteren Kooperationspartnern geebnet hat, sodass es gelungen ist, unsere Bestände bestmöglich unterzubringen. So konnten wir 2025 alle Paramente, die nicht mehr in Verwendung standen, an das Zisterzienserstift Heiligenkreuz (NÖ) abgeben, wo sie nun sogar wieder in liturgischer Verwendung sind. Das Museum für Angewandte Kunst konnten wir für die Sammlung der Musterblätter begeistern. Ich bin sehr froh über diese Lösung, denn Entwürfe wie jene von Otto Wagner für die Paramente der Kirche am Steinhof sollten einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden können und nicht verborgen in einem Klosterarchiv bleiben.
Das Malerzimmer
Judith Lehner: Neben dem Stickzimmer unterhielt die Kongregation ab dem Jahr 1891 noch ein zweites künstlerisches Standbein, das genauso schlicht als Malerzimmer bezeichnet wurde. Eingerichtet hat es die damalige Stickzimmermeisterin, nachdem der Zufall den Wiener Historienmaler Josef Kastner (*1844, †1923) ins Kloster in der Kaiserstraße geführt hatte, eigentlich nur, um den Entwurf für eine Kirchenfahne zu besprechen.
Kastner, der auf sakrale Kunst im Stil der Nazarener spezialisiert war, förderte eine begabte und ambitionierte Schwester, die davor schon autodidaktisch Aquarelle gemalt hatte. Unentgeltlich unterwies er sie in seinem Atelier in der Technik der Ölmalerei. Zeitgleich erklärte sich ein alter Vergoldermeister aus der Nachbarschaft bereit, ebenfalls kostenlos Schwestern auszubilden.
So entstanden die ersten Gemälde, Altarbilder, Apostelmedaillons und Kreuzwege für die Klosterkirchen in Wien und in Gablitz und das Echo war überwältigend: Laufend kamen neue Aufträge, Oberinnen von Filialen bestellten Bilder für Hauskapellen und Refektorien, Statuen mussten restauriert oder polychrom gefasst und Altäre vergoldet werden.
Eines der gewünschten Sujets war zum Beispiel „Der Gang Mariens über das Gebirge“ von Josef Führich (*1800, †1876), ein Gemälde von 1841, das damals im Kunsthistorischen Museum gezeigt wurde und heute im Belvedere hängt. Wie hoch die Ansprüche der Schwestern waren, lässt sich daran ablesen, dass sowohl von der kirchlichen Behörde als auch von der Museumsdirektion ausnahmsweise eine Erlaubnis erteilt wurde, sodass die Schwestern das Bild an Ort und Stelle kopieren durften. Und da es als unstatthaft galt, dass eine Schwester allein ein Museum besuchte, zogen also zwei Schwestern Tag für Tag los, bis das Werk vollendet war.
Natürlich arbeiteten die Malerzimmer-Schwestern auch Hand in Hand mit den Schwestern des Stickzimmers. Die einen entwarfen die Motive, die anderen übernahmen deren textile Umsetzung. So war im Haus um die Jahrhundertwende eine regelrechte Kunstschule[8] entstanden, in der auch der eigene Nachwuchs angelernt wurde.
Ihre Fähigkeiten stellten die Schwestern bei zwei Mammutprojekten unter Beweis: 1906 wurde die neu erbaute Klosterkirche in Gleiß (NÖ) ausgestattet, 1925 die vergrößerte Mutterhauskirche in Wien. Erweitert wurde das Potenzial der Werkstatt außerdem um plastische Arbeiten in Wachs, Terracotta und Kunststein, nachdem eine Schwester eine entsprechende Ausbildung beim Wiener Bildhauer Karl Philipp (*1872, †1949) absolviert hatte. Durch den frühen Tod von zwei der drei letzten Malerinnen in den 1950er Jahren fand das ehemals reiche Schaffen ein abruptes Ende.

Abb. 8: Ich sah Wasser fließen, 1988 © Sr. Judith Lehner
Kunsterzieherin und Malerin
Ich durfte durch Vermittlung der Ordenskonferenz im Jahr 2021, mitten in der Covid-19-Pandemie, eine Ausstellung im „Quo Vadis Wien“ am Stephansplatz gestalten. Lisa Huber, die damalige Leiterin, hat mir geholfen, die Bilder gut anzuordnen. Es kamen verschiedene Leute zur Eröffnung und zu den Führungen, die ich angeboten habe, darunter auch Schüler:innen unserer Schule. Lisa Huber sagte zu den Jugendlichen: „Also die Schwester Judith zeigt hier ihr Lebenswerk.“ Nun, mein Lebenswerk? Ist das schon vorbei? Nein. Wirklich nicht. Ich habe noch manches vor.
Ich möchte nun ein wenig über den Hintergrund meiner Bilder berichten: Sie hängen sehr mit unserer Ordensspiritualität zusammen. Auch mit meiner Herkunft. In meiner Heimatpfarre, wo die Schwestern unserer Kongregation tätig waren, wurde geformt, was in mir steckt. Für mich war die Basis unter anderem immer die Liturgie der Karwoche und des Osterfestes.
Wir sagen: De Fontibus Salvatoris, aus den Quellen der Erlösung schöpfen wir. (Jesaja 12).
Obwohl Schwestern vor mir da waren, die diplomierte Malerinnen waren, sehe ich mich nicht in einer durchgehenden Linie mit jenen, die hier gemalt und gestickt haben. Ich habe von ihnen und einigen anderen, die auch Kunsterziehung unterrichteten, Utensilien und Materialien geerbt. Ich stand in der Tradition der Lehrerinnen, die Schüler:innen kreativ geformt haben, vor allem in der Kindergartenpädagogik, in der das Musische eine große Rolle spielt. Die Musik und das Kreative waren in unserer Gemeinschaft immer wichtig.
Etwa in den 1980er Jahren habe ich ein Bild für das Herz Jesu Fest gemalt, es ist nicht fertig. Für dieses Herz Jesu Fest habe ich den Text grundgelegt: „Ich sah Wasser fließen aus der rechten Seite des Tempels“, „und alle, zu denen es kam, wurden heil“. Nach Ezechiel. „Alle, zu denen es kam, wurden heil.“

Abb. 9: Quelle, 1996 © Sr. Judith Lehner
Was ich eigentlich darstellen wollte, war der Moment, in dem sich Jesus in die Hände des Vaters fallen lässt. Er sieht nach oben. Der Moment des Todes ist der Moment der Auferstehung. Ein bekannter Priester von uns sagte: „Ein bisschen mehr österlich müssen Sie das schon noch machen.“ Gerne, irgendwann. Aber wenn ich das mache, mache ich ein neues Bild. Eines ist gewiss: Dieses Bild wurde für mich zum Ursprung meiner Quellenbilder. Ausgehend von diesen Gedanken habe ich viel über das Pascha-Mysterium, unsere Spiritualität, nachgedacht.
Zum Bild „Quelle“: Das Zentrale ist hier das Herz und das Herz ist Jesus, die Sonne ist Gott. Und aus dem Herzen heraus strömt das Licht und das Wasser des Lebens und die Fruchtbarkeit. Und könnte man sagen, das ist die Dreifaltigkeit von mir? De Fontibus Salvatoris, aus den Quellen des Erlösers. Ich habe einst einen Entwurf für ein Glasfenster gemacht, der nicht verwirklicht wurde. Diesen Entwurf habe ich im Bild „Quelle“ umgesetzt. 2008 hat es unser damals neuer Geschäftsführer als Start für seine Tätigkeit bekommen. Die Fruchtbarkeit ist das eine Thema, das mich bewegt. Das andere sind die Lebensbäume, die ich zu den verschiedensten Anlässen verschenkt habe. Bei den Lebensbäumen hat mich immer auch das Samenkorn fasziniert. Daraus ist das „Samenkorn-Bild“ entstanden. Es hängt nun im Lehrerzimmer als Leihgabe.

Abb. 10: De Fontibus Salvatoris, 2008 © Sr. Judith Lehner
Die Bilder haben mir manchmal mitgeteilt, wie sie heißen. Das Samenkorn hat plötzlich zu sprechen begonnen und ich habe eine Geschichte dazu verfasst: „Ich will nicht in die dunkle Erde hinein“, sagte das Samenkorn zum lieben Gott, als es merkte, dass da etwas höchst Ungemütliches passieren würde. Und Gott beruhigte das Samenkorn und sagte: „Du wirst nicht umkommen, du wirst verwandelt und neues Leben wird aus dir herauswachsen. Es wird ein Trieb die Erdkruste durchbrechen und du wirst Knospen bekommen.“ „Was wird aus den Knospen?“, fragte das Samenkorn, das fassungslos zugehört hatte. Der liebe Gott lächelte. „Leben. Immer neues Leben. Fürchte dich nicht. Glaube nur!“ Das hat mir dieses Samenkorn damals erzählt.

Abb. 11: Samenkorn, 1995 © Sr. Judith Lehner
Die Bäume. Die Lebensbäume. Der Baum mit den fünf Hauptästen, das ist der „Kongregations-Baum“. Die Hauptäste sind die fünf Kongregationen aus der ursprünglichen Gründung. Jetzt sind es nur mehr drei: die Generalate Oberbronn, Würzburg und Sopron-Eisenstadt. Der Grund, aus dem der Kongregationsbaum wächst, ist das Evangelium, ist Christus. Der Stamm ist die Gründerin, und daraus ist sehr viel gewachsen. Als ich das Bild damals vorgestellt habe, habe ich gesagt: Es gibt Hauptäste und viele kleine Äste und dann gibt es viele Blätter. Äpfel gibt es auch. Und jede Schwester ist ein Blatt oder ein Apfel. Der Baum muss gepflegt werden, so wie jeder Baum. Diesen Baum habe ich immer in meiner Nähe. Ich kann ihn immer irgendwohin tragen und verwenden. Er lässt sich immer wieder benützen. Er ist sehr handlich.
Abb. 12: Der Kongregationsbaum, 1994 © Sr. Judith Lehner
1999 hatte ich eine große Ausstellung in unserem Schulhaus mit dem Motto: „Quelle und Ursprung, Brennpunkt und Mitte, Samenkorn und Lebensbaum“. Diese Themen haben mich beschäftigt und beschäftigen mich bis heute.

Abb. 13: Lebensfenster, 2003 © Sr. Judith Lehner
Das Bild „Lebensfenster“ habe ich für meine Taufpatin zum 80. Geburtstag gemacht.
Auf der Akademie der bildenden Künste Wien habe ich viel Porträtmalerei geübt. Das Porträtzeichnen hat mich auch mit den Schüler:innen oft beschäftigt. Zur Erstkommunion meines Neffen habe ich ein Christusbild – Christus als Schmerzensmann – gemalt. Vorbild dafür war das Glasfenster von Viktring in Kärnten. Es ist mit Deckfarbe gemalt. Mit Hilfe von Overheadprojektoren in der Schule habe ich das Gemälde von Cranach projiziert und die Schwarz-Weiß-Flächen, also die Hell-Dunkel-Effekte herausgearbeitet. Auch eine Muttergottes-Ikone habe ich mit Deckfarben versucht zu gestalten. Nachdem ich heuer bei einer Ikonenmalwoche mitgemacht habe, weiß ich aber gut, dass das mit Ikonenmalen nichts zu tun hat.

Abb. 14: Die vorletzte Generaloberin der Wiener Kongregation, Sr. Edeltraut Wittmann (*1932, †1999) auf dem Totenbett © Sr. Judith Lehner
1999 wurde mir ermöglicht, unsere Generaloberin, Mutter Edeltraut Wittmann, am Totenbett – sie hatte Krebs und war erst 67 Jahre alt – zu porträtieren. Wir haben ihr sehr viel zu verdanken. Für den Kindergarten habe ich das Bild „Kinderkosmos“ gestaltet. Die Kindergartenleiterin wies mich darauf hin, dass ich „nicht alles so genau“ machen sollte. Ich hielt mich daran, so konnte ich es schließlich auch vollenden.
Auf meinen Bildern sind immer Tag und Nacht zu sehen, der Rhythmus des Lebens, die Sterne, das Wasser und die Sonne, immer dieser Kreislauf des Lebens, der mir wichtig ist. Hier sind Kinder von allen Kontinenten zu sehen und viele Tiere. Es soll ein Wimmelbild für die Kinder sein.
Und das nächste Projekt wartet schon.

Abb. 15: Kinderkosmos, 2025 © Sr. Judith Lehner
Für die Weihe unserer Kirche wurde vor 100 Jahren ein goldenes, wunderschönes und sehr schweres Messkleid von den Schwestern mit echten Goldfäden gestickt. Wenige Tage nach der Ernennung von Josef Grünwidl zum Wiener Erzbischof hat er mit uns die Jubiläumsmesse anlässlich der 100-jährigen Weihe unserer Kirche gefeiert. Er war bereit, zu diesem Anlass dieses Messkleid zu tragen. Bei der Weihe der ersten Kirche 1864 war Kardinal Joseph Othmar von Rauscher (*1797,†1875) der Konsekrator, vor 100 Jahren Kardinal Friedrich Gustav Piffl (*1864, †1932), und jetzt der neue Erzbischof. Es war eine große Freude und ein sehr schönes Fest, das sowohl textlich als auch musikalisch eindrucksvoll gestaltet wurde. Zu diesem Anlass habe ich Josef Grünwidl eines meiner Bilder geschenkt, und zwar den ersten Lebensbaum, den ich 1991 gemalt habe. Dieser Lebensbaum heißt: „Die fünf Jahreszeiten“. Die fünfte ist die ewige.
Abb. 16: Sr. Judith Lehner überreicht dem neu ernannten Erzbischof von Wien, Josef Grünwidl, ihren „Lebensbaum“ © Schulzentrum Mater Salvatoris/Susanne Stangl
Für unsere Klosterkirche läuft aktuell ein Projekt, bei dem Möglichkeiten eruiert werden, wie der Kirchenraum weiterverwendet und neu gestaltet werden kann. Wieder ein Projekt, wo etwas Neues wird, wo nichts stirbt. Das ist mein Thema: Die Samenkörner. Die Samenkörner können in die Erde fallen, aber sie wachsen wieder und unser Leben ist Wachstum und alles ist Wachstum. Unsere Einrichtungen sind Wachstum, die Ordensgemeinschaften sind Wachstum. Wir können nur mithelfen, pflegen.
An den Abschluss meiner Ausführungen setze ich ein wunderbares Wort, gehört von einer Schwester, die eigentlich in die Benediktinerinnenabtei in Säben in Südtirol (IT) eintreten wollte, die jedoch aufgehoben wurde. Sie ist nun in der Benediktinerinnenabtei Nonnberg in Salzburg.
In einer „Kreuz & Quer“-Sendung des ORF wurde sie gefragt: „Wie wird es weitergehen mit dem Nonnberg oder mit uns allen?“ Ihre Antwort: „Der Nonnberg ist nicht unser Nonnberg. Er ist Gottes Nonnberg. Und wenn Gott will, dass er bleibt, dann bleibt er.“
Dies sei mein Schlusswort: Wenn Gott will, bleibt es … Amen.
Sr. Judith Lehner absolvierte ein Lehramtsstudium für Kunsterziehung an der Akademie der Bildenden Künste Wien, Schillerplatz in der Meisterklasse von Professor Anton Lehmden und für Geschichte an der Universität Wien. Gleichzeitig mit dem Eintritt ins Kloster 1973 begann sie mit der Unterrichtstätigkeit im ordenseigenen Schulzentrum „Mater Salvatoris“, Kenyongasse im 7. Wiener Gemeindebezirk. Dort arbeitete sie von 1981–2011 auch als Erzieherin und Leiterin im Internat. Seither ist sie Oberin in der Hausgemeinschaft Kaiserstraße.
Kontakt: srjudithlehner@gmail.com
Martina Lehner studierte Geschichte sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien, danach war sie als freie Mitarbeiterin in der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften tätig. Seit 2004 ist sie als Ordensarchivarin in verschiedenen Orden tätig, seit 2021 ist sie Archivarin bei den Schwestern vom Göttlichen Erlöser für das Archiv der Wiener Kongregation und seit 2024 Provinzarchivarin. Parallel dazu arbeitet sie an Erschließungs- und Inventarisierungsprojekten in den Karmelitenkonventen Linz und Wien.
Kontakt: martina_wallisch_lehner@hotmail.com
Literaturhinweise:
Mutter Alfons Maria (Elisabeth) Eppinger. Positio über Leben, Tugenden und Ruf der Heiligkeit (Speyer 2020).
An den Quellen des Erlösers. Mutter Alfons Maria Eppinger und die Schwestern vom Göttlichen Erlöser (Niederbronner Schwestern) (Paris 1991).
Theoda (Margaretha) ZIMMERMANN, Die Heilandstöchter in Wien (Winterberg 1928).
Purissima (Helene) KARLBERGER, Ruf der Zeit (Wien 1983).
Norberta (Maria Magdalena) ROHRWECK, Frauen des Glaubens im Dienst des Lebens. Schwestern vom Göttlichen Erlöser seit 1857 in Österreich (Kehl am Rhein 2012).
Martina LEHNER: Zur Geschichte des „Stickzimmers“ der Niederbronner Schwestern, in: Sakraler Jugendstil. Sonderausstellung Museum am Dom St. Pölten (St. Pölten 2023) 126-141.
* Vortrag gehalten beim Kulturtag der Orden „Hoffnung und Zukunft“ des Bereichs Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz am 26. November 2025 in Wien (Überarbeitete Fassung).
[1] P. Maurus (Josef) KINTER OSB, Die Kongregation der „Töchter des göttlichen Heilandes” mit dem Mutterhause in Wien, VII. Kaiserstraße 25. Ein Beitrag zur Geschichte der christlichen Caritas (Brünn 1905) 7.
[2] Nähere Informationen zum Schulzentrum: https://www.kenyon.at/ [Zugriff: 16.07.2026].
[3] Die Schlacht von Solferino führte zur Gründung des Roten Kreuzes.
[4] Nähere Informationen zu den Ordensspitälern: https://www.ordensspitaeler.at/ [Zugriff: 16.07.2026].
[5] Philipp HILBLINGER, Erinnerungskultur im digitalen Zeitalter. Möglichkeiten und Grenzen von Digital Storytelling am Beispiel des "Notarrests" Kenyongasse (Diplomarbeit an der Universität Wien, 2020). Online unter: https://utheses.univie.ac.at/detail/54161 [Zugriff: 31.07.2026].
[6] Vgl. K.k. Österreichisches Museum für Kunst und Industrie, Ausstellung für Kirchliche Kunst (Wien 1912) Katalog-Nummern 190, 213 und 224.
[7] Ein Foto dieser „Lehrmittelschau” ist auf der Tafel 50 des Ausstellungskatalogs zu sehen. Laut Kongregationschronik wurde diese Lehrmittelschau nach Abschluss der Ausstellung von der Theologischen Fakultät der Universität Wien als Unterrichtsmaterial übernommen. Allerdings ließ sich ihr weiterer Verbleib zum Zeitpunkt der Recherche weder an der Theologischen Fakultät noch im Archiv der Universität oder im MAK nachweisen.
[8] KINTER (wie Anm. 1) 13 sowie Friedrich PESENDORFER, Künstlerinnen und Schriftstellerinnen im Nonnenkleide. Die Leistungen der katholischen Frauenklöster auf dem Gebiet der Wissenschaft und aller schönen Künste (Linz 1932) 201.