Bucherschließung mit Studierenden: Ein Erfahrungsbericht
Der Beitrag schildert die historische Entwicklung der Stiftsbibliothek Lambach von der mittelalterlichen Handschriftenproduktion bis zum barocken Buchbestand. Im Fokus steht ein Projekt mit Studierenden zur systematischen Erfassung der Druckschriften, das neue Erkenntnisse zu seltenen Werken, Sammlungsschwerpunkten und der Bedeutung der Bibliothek liefert.*
Das mittelalterliche Buchwesen in Lambach war nicht nur für den Benediktinerorden, sondern auch für die Kultur und Geistesgeschichte der Region von Bedeutung. Das Skriptorium des oberösterreichischen Stiftes spielte neben dem von St. Peter in Salzburg und dem des Stiftes Admont in der Steiermark in der Handschriftenproduktion eine bedeutende Rolle und ist vor heute bekannteren Stiften wie Melk oder Göttweig zu nennen.[1] Zahlreiche Manuskripte mit typischen Merkmalen weisen auf die frühe Einrichtung einer Schreibstube hin, in der vom 12. bis zum 16. Jh. viele Abschriften auch für Nachbarklöster angefertigt wurden. In den ersten Jahren wurden in erster Linie liturgische Texte abgeschrieben. Als Charakteristikum für Lambach gelten die typischen Federzeichnungen. Eine nun in Oxford verwahrte Predigtsammlung[2] gehört, wie das Antiphonar von St. Peter in Salzburg, zu den Spitzenprodukten der Buchmalerei dieser Epoche. Der für die Lambacher Klostergeschichte grundlegende Kodex – die Vita Adalberonis – weist ebenfalls diese typischen Charakteristika auf. Das schönste Beispiel für die einzigartigen Federzeichnungen ist jedoch das Rituale aus dem frühen 13. Jahrhundert (Abb. 1). In diesen liturgischen Texten werden nicht mehr praktizierte Ritualhandlungen beschrieben, etwa die zwei halbseitigen Federzeichnungen der Wasser und Feuerprobe (ff. 64v, 72r).[3]
Abb. 1: Rituale aus dem 13. Jahrhundert mit der Darstellung der Wassertaufe. © Christine Maria Grafinger
Zudem sind die sechs Initialminiaturen, die biblische, sakramentale oder liturgische Handlungen darstellen – wie den Einzug in Jerusalem (f. 10v), einen Versehgang (f. 37v) oder die Getreideweihe (f. 2v) – von liturgiegeschichtlichem Interesse.[4]
Druckschriften
Bald nach der Erfindung des Buchdrucks wurden die ersten Bücher durch die Äbte Thomas Messerer (amt. 1436–1474) und Johannes IV. Scherzwadel (amt. 1474–1504) angekauft oder kamen durch Schenkungen wie die des Schwanenstädter Pfarrers Johann Eglwer an das Lambacher Benediktinerstift. Scherzwadel war mit dem bekannten Humanisten und Gelehrten der Wiener Universität Konrad Celtis (*1459, †1508) in Verbindung und erhielt von ihm 1484 sechs Inkunabeln. Dabei handelte es sich vor allem um astronomische Texte. In der Klosterbibliothek waren um 1500 an die 1.000 Bände vorhanden.[5] In der Barockzeit wurden die Buchbestände wesentlich vergrößert. Abt Johannes VIII. Bimmel (amt. 1600-1634) erwarb eine ansehnliche Zahl von Büchern, sein Interesse galt theologischen und historischen Texten. Er verfasste sogar selbst Werke zur Klostergeschichte, wie die Lebensbeschreibung des Gründers Vita et miracula Alberonis (Cml. LIV, Lambach Stiftsarchiv) und eine mittlerweile unauffindbare Geschichte der Abtei. In dieser Epoche wurde auch ein neuer Bibliothekstrakt errichtet, der schließlich, wegen des ständig anwachsenden Buchbestandes, von Abt Placidus Hieber von Greifenfels (amt. 1640–1678) erweitert wurde. Zur Vermeidung von Diebstählen erwirkte Abt Maximilian Pagl (amt. 1705–1725) in Rom die Ausstellung einer Bücherschutzbulle [6], in der jedem Dieb die Exkommunikation angedroht wurde. Daneben konnten die Lambacher Äbte aufgrund eines päpstlichen Privilegs aufklärerische Schriften und solche von Autoren, deren Werke auf dem Index standen, erwerben, wie Werke des Protestanten Christoph Gottsched (*1700, †1766) oder des französischen Philosophen Voltaire (*1694, †1778). Der Bibliotheksbestand, der auf 15.000 Bände angewachsen war, deckte alle Wissensgebiete ab.[7]
Nach dem Bibliotheksneubau wurden die Bestände in drei Räume aufgeteilt: Die historischen Bände befinden sich im Großen Bibliothekssaal, der mit Fresken des zwölfjährigen Jesus unter den Schriftgelehrten im Tempel und den vier lateinischen Kirchenvätern dekoriert ist (Abb. 2). Neuzugänge, vor allem nach 1850, sind im angrenzenden Kleinen Bibliothekssaal aufgestellt worden und noch jüngere Bände sind im Bücherspeicher verwahrt. Die Stiftbibliothek umfasst heute ca. 50.000 Bände.

Abb. 2: Großer Bibliothekssaal im Benediktinerstift Lambach (Oberösterreich). © Reinhard Görner
Projekt der Bestandsaufnahme – Entstehung und Realisierung
Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Benediktiner im Mittelalter in Süddeutschland und Österreich“ im Sommersemester 2019 am Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte der Universität Augsburg sollte die mönchische Wissenschaftspflege im Zuge von Exkursionen zu einigen repräsentativen österreichischen Klöstern veranschaulicht werden. Der Schwerpunkt lag auf der Handschriftenproduktion, den Zeugnissen der zweitausendjährigen christlichen Kultur. Die Bibliotheken waren von jeher „Rüstkammern des Geistes“ und ein fester Bestandteil jedes Benediktinerklosters, denn diese waren jahrhundertelang ein Zentrum der Bildung. Nachdem wir in Lambach einige typische Exemplare der bedeutenden Schreibschule bewundern konnten, erwähnte der Archivar bei der Führung durch den Bibliothekssaal, dass die dort aufgestellten Bücher seit fast 70 Jahren nicht benutzbar sind. Beim Rücktransport nach der Auslagerung des gesamten Bestandes im Zweiten Weltkrieg ging nicht nur der Standortkatalog verloren; die Bände wurden leider auch nach Größe und Farbe des Einbandes aufgestellt, wobei die thematische Einteilung nach dem mittelalterlichen Schema verloren ging. Professor Thomas Krüger hatte nun die Idee, ein Praktikum – ähnlich dem im Staatsarchiv in Augsburg laufenden Projekt mit dem Ziel der Aufarbeitung der dortigen Urkundenbestände – für eine systematische Titelaufnahme aller in Lambach vorhandenen Druckschriften zu veranstalten. Diese Idee wurde von Abt P. Maximilian Neulinger OSB freudig aufgenommen. Nach einigen Gesprächen kam man überein, in den Sommerferien ein vierwöchiges Praktikum für interessierte Studierende anzubieten (Abb. 3). Die Teilnehmenden könnten im Gästetrakt des Klosters wohnen und würden vom Kloster in dieser Zeit auch verpflegt werden, d. h. durch die Klosterküche bzw. den im Klosterhof befindlichen Stiftskeller. Die Möglichkeit eines solchen Praktikums fand auch bei den Studierenden Anklang und an dem fünf Mal durchgeführten Lehrgang nahmen jeweils sechs bis acht Personen teil, im letzten Seminarkurs (2025) sogar elf.
Abb. 3: Studierende bei der Bestandsaufnahme im Rahmen eines Praktikums der Universität Augsburg. © Christine Maria Grafinger
Realisierung des Projekts
Den Arbeitsablauf betreffend, wurde jeder teilnehmenden Person am ersten Tag ein Bücherkasten zugewiesen. Ziel der Aufarbeitung war die Eintragung jedes in einem Regal befindlichen Buches in eine in der Anfangsphase entwickelte Tabelle. Zwei Bibliothekarinnen hatten für ihre Abschlussarbeit Kasten 39 und 40 bearbeitet und eine Datei erstellt, die als Grundlage diente. Die entsprechende Excel-Datei wurde so konzipiert, dass die systematische Eintragung der einzelnen Merkmale jedes Exemplars gewährleistet ist. Dazu wurden deskriptive Kategorien in folgender Reihenfolge geschaffen: Standort des Buches (Kasten-, Regal- und Laufnummer), Erscheinungsjahr und -ort, Verleger oder Drucker (zur Unterscheidung von Büchern, die im selben Jahr und am gleichen Ort gedruckt wurden), Autor, Titel, Themenbereich, Buchbeschreibung (Einband, Wappen, Exlibris, Besitzvermerke, Beschädigungen), Serie oder Reihe, soweit der Band in einer solchen erschienen ist, und der Nachweis des Exemplars im Katalog des Bayerischen oder des Österreichischen Verbundkatalogs und, soweit vorhanden, im Katalog der Österreichischen Ordensbibliotheken.[8] Mit der dadurch entstandenen Nummer kann sofort für jedes Buch eine vollständige und korrekte Erfassung abgerufen werden. Außerdem wurde in jedes katalogisierte Buch ein Zettel mit der Standortsignatur und der jeweiligen Verbundnummer als Nachweis gegeben. In den Praktika wurden, je nach Anzahl der Seminarteilnehmenden, jeweils über 2.000 Exemplare bearbeitet und im dritten Lehrgang konnte die Katalogisierung der im Großen Bibliothekssaal aufgestellten Exemplare abgeschlossen werden. Es handelte sich dabei zum überwiegenden Teil um frühe Drucke. Daher wurde bei der Bearbeitung der Bücher im Kleinen Bibliothekssaal, in Absprache mit dem Bibliothekar P. Jakob Stoiber OSB, entschieden, sich auch hier auf die Altbestände zu konzentrieren, d. h. auf Drucke vor 1800, weil Erscheinungen des 19. und 20. Jh. in jeder größeren Bibliothek der unmittelbaren Umgebung vorhanden sind. Später erschienene Exemplare wurden daher aussortiert und durch ältere Druckschriften ersetzt, die sich im Zwischengang zur Klausur, im Bücherspeicher verstreut und im Nebenraum in gestapelten Schachteln befunden haben.
Schwerpunkte der Sammlung und nicht erwartete Themenbereiche
In der Lambacher Bibliothek[9] ist jene Standardliteratur vorhanden, die die Benediktiner für Gottesdienste und das tägliche Stundengebet verwendeten (und immer noch verwenden), wie Bibeln und Bibelkommentare, Texte der Kirchenväter, vor allem von Papst Gregor dem Großen (*540, †604) und Texte mittelalterlicher Theologen, zudem Missale, Breviere etc. Da umliegende Pfarren vom Stift Lambach aus betreut wurden, hat sich eine umfangreiche Predigtsammlung erhalten. Überraschend ist allerdings, dass viele von Jesuiten kompilierte und meist in Ingolstadt gedruckte Texte, besonders Streitschriften gegen Lehrsätze der Reformatoren und oft von polemischer Art, im Bestand nachzuweisen sind, wie die Verteidigung einiger Thesen von Kardinal Roberto Bellarmin (*1542, †1621) durch Jakob Gretser (*1562, †1625) aus 1607 oder dessen Streitschrift gegen calvinistische oder lutherische Prediger aus 1603. Vermutlich wurden diese Bücher mit ausreichend informativen Texten angeschafft, da ein Großteil der Bevölkerung in der Umgebung sich der Reformation angeschlossen hatte. Die Mönche mussten die Grundsätze der weit verbreiteten „Irrlehre“ verstehen, um mit entsprechenden Argumenten das Kirchenvolk vom falschen Glauben überzeugen und zur Rückkehr in den Schoß der Kirche bewegen zu können.
Eine besondere Überraschung stellen Erstausgaben der Abhandlungen der angesehensten mittelalterlichen Juristen des damaligen Zentrums der Rechtwissenschaft, der Universität von Bologna (IT), dar. In einem Benediktinerkloster auf dem Land ist juristische Literatur dieser Art eigentlich nicht zu erwarten. Diese Editio princeps des Kirchen- und Zivilrechts wurde vermutlich in der ersten Hälfte des 17. Jh. von Abt Philipp Nagl (amt. 1634–1640) angeschafft, denn in den meisten Großfolianten ist auf der Innenseite des Vorderdeckels „Philippus Abbas Lambacensis“ vermerkt. Wahrscheinlich waren juristische Texte für die vom Kloster seit der Frühzeit ausgeübte Gerichtsbarkeit, aber auch für das Recht, Zölle beim Salztransport traunabwärts einheben zu dürfen, erforderlich, um möglichen Konflikten mit benachbarten Klöstern und weltlichen Grundherrn entgegenzuwirken.
Nicht weniger erstaunt war ich über die in der ersten Hälfte des 16. Jh. in den bekanntesten Druckorten der damaligen Zeit erschienenen Ausgaben der griechischen und lateinischen Klassiker, darunter z. B. Ciceros, De Amicitia und De officiis in der Kölner Werkstatt von Quentell[10], ja sogar einige Exemplare aus der berühmten Druckerei von Aldo Manuzio (*1449, †1515) in Venedig. Dieser hatte eigene Lettern in Latein und Griechisch für die Ausgabe von klassischen Texten entwickelt. Die sog. Aldinen sind sehr seltene und wertvolle Editionen. Es stellt sich nun die Frage: Wie kamen so seltene Klassikerausgaben in das oberösterreichische Benediktinerkloster? In solchen Konventen werden Werke des klassischen Altertums kaum angekauft worden sein. Daher ist anzunehmen, dass diese Editionen nur durch Schenkungen oder Nachlässe in den Bestand kamen, die anhand von seltenen Besitzvermerken nachgewiesen werden können. Einige dieser Exemplare kamen vom Augustiner Chorherrn Christophorus Rechlinger CanReg.[11], der eine umfangreiche Sammlung mit wertvollen Bänden besaß, in die er am Vorsatzblatt das Erwerbungsdatum, den Namen, die Ordenszugehörigkeit und seinen Leitspruch eintrug. Neben Frühdrucken klassischer Texte besaß der Augustiner auch juristische, theologische und philosophische Werke.
Darüber hinaus konnten in der Lambacher Bibliothek ungewöhnliche Ausgaben gefunden werden, die in keinem Online-Katalog nachzuweisen sind und laut Nachfrage weder in der Oberösterreichischen Landesbibliothek noch in der Österreichischen Nationalbibliothek vorhanden sind. Dabei handelt es sich vorwiegend um in Linz oder Steyr herausgegebene Predigten oder juristische Abhandlungen wie die von Benediktiner Ulrich Öttl OSB (* 1731, †1795) verfasste Studie über das Zivilrecht und dessen Methoden.[12] Außerdem konnten in den Regalen einige in Prag, Frankreich oder Italien gedruckte Werke gefunden werden, die in keinem österreichischen oder deutschen Online-Katalog dokumentiert sind, wie ein französisches kirchenrechtliches Traktat über geistliche Richter auf Konzilien und Synoden. An die 30 solcher Drucke sind in der Stiftsbibliothek vorhanden.
Das Lambacher Benediktinerkloster erlebte nach den schwierigen Jahren der Reformation und Bauernkriege eine Blütezeit, die nicht nur in der regen Bautätigkeit, sondern auch in der wissenschaftlichen Vernetzung ihren Niederschlag fand.[13] Fast zwei Drittel der Lambacher Mönche studierte in der zweiten Hälfte des 17. Jh. an der neu gegründeten Benediktineruniversität in Salzburg Theologie, Philosophie oder Kirchenrecht. Die Beziehungen zu Salzburg wurden durch Lehrtätigkeiten in Philosophie, Logik oder Rhetorik einiger Mönche aus dem Kloster intensiviert, so war P. Kilian Halmschmidt OSB (*1632, †1683) der erste Lambacher Professor an der Benediktineruniversität.[14] Selbst im Buchbestand sind diese engen Kontakte zu Salzburg erkennbar, denn fast alle von der Druckerfamilie Mayr [15] herausgegebenen Thesen der Doktorarbeiten der Salzburger Theologischen, Philosophischen und Juristischen Fakultät sind in der Bibliothek vorhanden.
Besitzvermerke und Exlibris sind wertvolle Zeugnisse von Erwerbung und Benutzung und wurden bei der Titelaufnahme ausnahmslos berücksichtigt. Neben den Abtwappen auf den Einbänden und innen im Vordeckel eingeklebten Exlibris dokumentieren handschriftliche Vermerke (am Vorsatzblatt oder auf der Titelseite) die Erwerbung oder den Besitz von Büchern durch Mönche oder Novizen des Klosters, meist mit dem Hinweis, dass der Besitzer oder Schenker in Lambach die Profess abgelegt hat. Zum überwiegenden Teil handelt es sich um theologische, kirchenrechtliche, philosophische oder literarische Werke, manchmal auch um Wörterbücher und Grammatiken in lateinisch-griechischer Sprache.
Bei der Erfassung der Bibliotheksbestände gelang bereits im ersten Jahr ein bemerkenswerter Fund: Unter den zahlreichen Bänden, die zu einem großen Teil unter Abt Placidus Hieber einheitlich in weißes Leder gebunden worden waren, kam ein Buch mit einem mit Eisenbeschlägen versehenen Holzdeckel zum Vorschein. Es ist dies die erste nachgewiesene Inkunabel des Lambacher Bestandes. Sie zeichnete sich durch typische Merkmale aus: einen in der Form einer kopfstehenden Pyramide angeordneten Titel und die Aufteilung des Textes nach der Manier mittelalterlicher Handschriften in zwei Spalten. Letzteres verdeutlicht somit den Status als Bindeglied zum neuen, revolutionären Medium Druck; außerdem durch die Ergänzung von traditionellen Glossen und kleinen Zeigehänden, um auf besondere Textstellen hinzuweisen. Jeder unerwartete Fund einer Inkunabel oder eines raren Druckes war für die Studierenden mit Aufregung verbunden, nicht nur weil so seltene Exemplare kaum zu erwarten waren, sondern weil die Bearbeitung auch einige Anforderungen stellte und nicht selten mit Problemen verbunden war: Die detaillierte Beschreibung konnte nur mit erheblichem Zeitaufwand bewerkstelligt werden und der Nachweis in einem Online-Katalog erforderte viel Zeit und Geduld. Der Großteil dieser Frühdrucke sind auf das Kirchenjahr abgestimmte Predigtsammlungen, in denen die Anfangsbuchstaben fehlen oder mit roter Tinte nachträglich eingesetzt wurden; in zwei Exemplaren sind diese Initialen verschiedenfarbig – wie in Handschriften – gemalt und bei Kapitelanfängen auch verziert. Eine seltene, in Straßburg 1496 gedruckte Ausgabe der Anleitung für Seelsorger (Regula pastoralis) Gregors des Großen[16] ist zweifelsohne ein wertvolles Exemplar für eine benediktinische Mönchsgemeinschaft. Ebenso ist die Ausgabe des Lebens und der Wunder des heiligen Benedikt der bekannten Druckerei Giunta[17] von 1505 aus Venedig im österreichischen Raum kaum nachweisbar. Die Auflage theologischer Abhandlungen des syrischen Theologen und Kirchenlehrers Johannes von Damaskus (*675/6, †754) des bekannten Pariser Druckers Stephanus[18] aus 1507[19] wird sich vermutlich kaum in einer der Büchersammlungen anderer Klosterbibliotheken finden. Die Straßburger Ausgabe von 1518 des bekannten Gelehrten und Theologen Erasmus von Rotterdam (*um 1467, †1536) „Lob der Ehe“ (Encomium matrimonii)[20] dürfte für den ursprünglichen Besitzer oder für einige Mönche von Lambach von besonderem Interesse gewesen sein, denn das Exemplar weist eine Vielzahl von Randnotizen verschiedener Hände auf. Das für Regensburg in Augsburg 1515 hergestellte Breviarium[21] zeigt, dass sich das Interesse der Lambacher Mönche nicht nur auf die unmittelbare Umgebung und die eigene Diözese beschränkte, sondern vielseitige Interessen zum Tragen kamen.
Zum Abschluss möchte ich darauf hinweisen, dass zahlreiche Werke – vor allem liturgische, theologische, kirchenrechtliche und philosophische – von der Frühzeit bis ins 18. Jh. aus bekannten Augsburger Druckereien in der Bibliothek des Stiftes vorhanden sind. Zu den frühen in Augsburg hergestellten Büchern gehören „ein summarisches Verzeichnis der unterschiedlichen Arten und Orden des Ritterstandes“[22] von 1593 und eine lateinisch-griechische Ausgabe des Kirchenvaters Johannes Chrysostomos[23] (*344/49, †407) über den Priesterstand von 1599 aus der Offizin des Buchdruckers Michael Manger. Von Christoph Mang, der in dieser Werkstatt das Handwerk perfektionierte, nach langen Jahren 1601 als Katholik wieder eine Druckerei in Augsburg etablierte und auch für die Jesuiten polemische Schriften herausbrachte, besitzt Lambach einen Katechismus von Petrus Canisius[24] (*1521, †1597) aus dem Jahre 1617. Im Bestand befinden sich zahlreiche in Augsburg von den bekanntesten Buchdruckern und Verlegern hergestellte Bücher. Von der angesehenen Werkstatt der Gebrüder Veith sind eine beträchtliche Anzahl von Bänden vorhanden, darunter die Regula Pastoralis von Papst Gregor dem Großen[25] von 1757 oder die Editio princeps der siebenteiligen Philosophie der Religion von 1771 – 1781, das Hauptwerk des österreichischen Philosophen und Jesuiten Sigmund von Storchenau[26] (*1731, †1797). Aber auch aus der bekannten und in ganz Deutschland angesehenen Wolf’schen Verlagsbuchhandlung sind Ausgaben im Bestand nachweisbar: die Studie zum Prinzip des Kirchenrechtes unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Gebiete des Salzburger Kanonisten Georg Zallwein[27] von 1763, die Predigtsammlung des Salzburger Benediktiners Beda Seeauer von 1764[28] oder eine deutsche Übersetzung der Untersuchung über die wahre Andacht des Christen des italienischen Gelehrten Ludovico Antonio Muratori[29] von 1775 sowie das mehrbändige Sammelwerk der Kirchengeschichte von Claude Fleury[30] von 1760–1779. Vom Verleger Matthäus Rieger, dessen weit verzweigtes Netzwerk vor allem Schwaben, Bayern und die österreichischen Erblande umfasste, konnten viele Werke nachgewiesen werden: darunter das kanonistische Werk des Benediktiners Domenik Schram[31] von 1774 und die Einführung in die Mathematik und Algebra des Dillinger Professors Josef Spengler[32] von 1773. Abschließend möchte ich noch zwei eigens für Lambach in der Werkstatt von Johannes Pretorius hergestellte Bücher erwähnen: ein 1616 gedrucktes Sammelbuch von für den Klostergebrauch in Lambach zusammengestellten Formeln der Verwaltung, sog. Diurnum monasticum[33] und eine Zusammenstellung von Gebeten und Bitten verschiedener Autoren durch den Abt Johannes Bimmel[34] aus 1625.
Christine Maria Grafinger absolvierte ein Lehramtsstudium in Geschichte, Geographie und Französisch an der Universität in Salzburg und das Doktoratsstudium in Neuerer Geschichte. Nach Forschungsaufenthalten in Paris und Rom wurde sie als erste Frau in der Handschriftenabteilung der Vatikanischen Bibliothek angestellt und leitete das Archiv der Bibliothek. Sie verfasste Publikationen zur Geschichte der Vatikanischen Bibliothek und deren Sammlung und erhielt das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen (1997). Sie erlangte ihre Habilitation an der Universität Salzburg (2004). 2022 wurde sie zum Mitglied des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften ernannt. Kontakt: cm.grafinger@gmx.at
* Vortrag gehalten bei der Jahrestagung kirchliche Bibliotheken „Brücken bauen“ der Arbeitsgemeinschaft der Ordensbibliotheken des Bereichs Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz, der Kommission für Theologische Spezialbibliotheken im Verband Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB) sowie der Landesgruppe Österreich/Schweiz/Südtirol der Arbeitsgemeinschaft Katholisch-Theologischer Bibliotheken (AKThB) von 12.–13. März 2026 in Stift Lambach.
[1] Ulrich FAUST–Waltraud KRASSNIG, Die benediktinischen Mönchs- und Nonnenklöster in Österreich und Südtirol in: Germania Benedictina III/2(St. Ottilien 2001) 252–317.
[2] Oxford. Lyell 56, ursprünglich Lambach Stiftsarchiv Cml. XXIV; Kurt HOLTER, Das mittelalterliche Buchwesen des Benediktinerstiftes Lambach, in: 900 Jahre Klosterkirche Lambach, Oberösterreichische Landesausstellung 1989 (Linz 1989) 53–64.
[3] Lambach Stiftsarchiv Cml LXXIII. RITUALE LAMBACENSE.
[4] Lambach Stiftsarchiv Cml. LXXIII; Holter 1989, 58; Im Fluss – am Fluss: 950 Jahre Benediktinerstift Lambach; Jubiläumsausstellung im Stift Lambach, 20. März – 26. Oktober 2006 (Lambach 2006) 22–23, 74.
[5] Peter F. KRAMML, Das Kloster Lambach im Spätmittelalter (1246 bis 1514), in: 900 Jahre (wie Anm. 2), 81– 92, hier 89.
[6] Dokument, mit dem der Papst den Bestand an Büchern und Handschriften unter besonderen Schutz stellt, um Raub, Diebstahl oder Beschädigung zu verhindern.
[7] Georg HEILINGSETZER, Zwischen Humanismus und Aufklärung. Das Kloster Lambach vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, in: 900 Jahre (wie Anm. 2) 93–102, hier 100.
[8] https://www.bib-bvb.de/ (Bibliotheksverbund Bayern), https://www.obvsg.at/ (Österreichischer Bibliothekenverbund), https://kobi.ordensgemeinschaften.at/cgi-bin/koha/opac-main.pl (Katalog der Österreichischen Ordensbibliotheken) [Auf alle angegebenen Hyperlinks wurde zuletzt zugegriffen am 30.04.2026].
[9] Christine Maria GRAFINGER, Eine Bibliothek erwacht aus dem Dornröschenschlaf. Projekt zur Verifizierung und Aufarbeitung des Buchbestandes der Benediktinerabtei Lambach, in: Michaela SOHN-KRONTHALER–Jacques VERGER (Hg.), Europa und Christentum, Europe et Christianisme. Festschrift für Andreas Sohn zum 65.Geburtstag, Mélanges offerts à Andreas Sohn à l´occasion de son 65ème anniversaire (Münster 2024) 130–142.
[10] Marcus Tullius Cicero, Marci Tullius Ciceronis Dialogus de Amicitia ... (Coloniae: Quentell 1505).
[11] Christophorus Rechlinger Augustanus Pietas Fundamentum Virtutum.
[12] Ulrich ÖTTL, Institvtionvm Ivris Civilis (Styrae: Literis Menhardtianis 1770).
[13] Walter LUGER, Barock in Lambach, in: 900 Jahre (wie Anm. 2) 103–114.
[14] HEILINGSETZER, Humanismus (wie Anm. 7) 97.
[15] Johann Baptist Mayr (* 1634, †1703) Hof- und Universitätsbuchdrucker.
[16] Pastorale sancti Gregorij pape (Argentine: Georg Husner 1496).
[17] Der bedeutende Florentina Buchdrucker Lucantonio Giunti (*1457, †1538) richtete 1489 in Venedig eine Druckwerkstatt ein. Durch die Herausgabe von wertvollen Drucken stieg Giunti zu einem der erfolgreichsten Verleger der Epoche auf.
[18] Der französische Buchdrucker Henricus Stephanus (Henri Estienne) (*1460, †1520), richtete 1495 in Paris eine Druckerei ein und begründete mit seinen Söhnen ein Familienunternehmen, das zu einer der bekanntesten Druckdynastien wurde.
[19] Joannes DAMASCENUS, Contenta Theologia Damasceni (Parisiis: Stephanis 1507).
[20] Desiderius ERASMUS, Encomium Matrimonii, per Des. Erasmum Rotterda. Encomium Artis Medicae per eundem Declamatiuncula. Oratio Episcop…. (Straßburg: Schürer, Matthias 1518).
[21] Breviarium Ratisbonense (Augusta Vindelicorum 1515).
[22] Samuel DILBAUM, Kurtze vnd Sumarische verzeichnüss, von vnderscheid, Sorten vnd Orden aller Ritterstände. …Auss dess Hieronymi Megiseri Tractat, auffs kürtzest in Teutsche Reimen gestelt (Augsburg: Manger 1593).
[23] Johannes CHRYSOSTOMUS, De Sacerdotio Libri VI. (Augsburg: Manger 1599).
[24] Petrus CANISIUS, Catechismus Petri Canisii Societatis Iesv Theologi (Augsburg: Mang 1617).
[25] GREGOR I., Regula pastoralis (Augustae Vindelicorum: Veith 1757).
[26] Sigmund von STORCHENAU, Die Philosophie der Religion (Augsburg: Veith 1771–1781).
[27] Georg ZALLWEIN, Principia Juris Ecclesiastici Universalis, Et Particularis Germaniæ,… (Augustæ Vindelicorum et Oeniponti: Sumptibus Josephi Wolff 1763).
[28] Beda SEEAUER, D. Bedæ Seeauer Ord. S. Bened. In Antiquissimo Monasterio Ad S. Petrum Salisburgi Professi Et Abbatis Ibidem&c. Sermones Pastorales Et Capitulares Numero Quinquaginta (Augustæ Vindelicorum et Oeniponti: Sumptibus Josephi Wolff 1764).
[29] Ludovico Antonio MURATORI, Die Wahre Andacht Des Christen (Augsburg: Im Verlag bey Joseph Wolff 1775).
[30] Claude Fleury, Claudii Fleurii Abbatis Historia Ecclesiastica (Augustæ Vindelicorum et Oeniponti: Wolff 1760).
[31] Domenik SCHRAM, P. Dominici Schram Benedictini Banthensis, SS. Theologiae Et SS. Canonum Professoris Emeriti Epitome Canonum Ecclesiasticorum (Augustae Vindelicorum: Rieger 1774).
[32] Josef Spengler, Anfangsgründe der Rechenkunst und Algebra (Augsburg Rieger 1773).
[33] Diurnum monasticum Secundum Rubricam Romanam, & consuetudinem Monasterii Beatae Mariae Virginis in Lambach Austriae superioris, Ordinis Sancti Benedicti (Augustae Vindelicorum: Praetorius 1616).
[34] Johannes Bimmel, Fascicvlvs, Sacrarvm Precvm Ex Variis Catholicis Authoribus Per admodum Reverendum in Christo Patrem, ac DD. Ioanne Abbatem Lambacensem in privatum usum collectus (Augustae Vindelicorum: Praetorius 1625).