Die Bibliotheca Theresiana als 10. Teilnehmerbibliothek bei KOBi

Die Katalogisierungsarbeit liegt in den Händen der leitenden Bibliothekarin, Katharina Bočkayová © Bibliotheca Theresiana der Stiftung Theresianische Akademie/Susanne Dolezal
Das 1746 gegründete Collegium Nobilium Theresianum Societatis Jesu, heute unter der Bezeichnung „Theresianum“ bekannt, stand von Anbeginn unter der besonderen Gunst der Namensgeberin Maria Theresia (1717–1780) und wurde in den folgenden Jahren durch großzügige Stiftungen und Benefizien unterstützt, welche den Lebensalltag und die Bildungsqualität der adeligen Erziehungsanstalt fördern sollten.
Ein wertvoller Bücherschatz und seine wechselvolle Geschichte
So erhielt das Theresianum im Sommer 1748 mitunter die sogenannte Garellische Bibliothek, deren Bestand auf den Arzt und Hofbibliothekar Pius Nikolaus Garelli (1675–1739) zurückführt. Die Bibliotheksräume wurden im Laufe des Jahres 1749 eingerichtet – der Hauptsaal befindet sich bis heute mit kleinen Abweichungen in seiner ursprünglichen Gestaltung. Die Sammlung wurde unter den Bibliothekaren Erasmus Fröhlich SJ (1700–1758), Joseph Khell von Khellburg SJ (1711–1772) und Michael Denis SJ (1729 –1800) fachlich betreut und vermehrt. Publikationen der am Theresianum wirkenden Professoren – bis 1773 fast ausschließlich Jesuiten, später ehemalige Jesuiten im Weltpriesterstand sowie Piaristen – zählten ebenfalls zum Sammlungsprofil. In den Bibliotheksräumen erteilten die Bibliothekare sogar Unterricht in einigen freien Gegenständen wie z. B. Altertumskunde, Numismatik, Bibliographie oder Daktyliographie. Unter Kaiser Joseph II. (1741–1790) wurde die Erziehungsanstalt 1783 aufgelöst und nahezu der gesamte Bibliotheksbestand Ende 1784 an die neuerrichtete Universität in Lemberg übergeben, wo ein Großteil während der Revolutionskämpfe 1848 verbrannte und Restbestände nur zum Teil wiederentdeckt worden sind.
Neues Leben für die Bibliotheca Theresiana
Nach der Restitution der k. k. Theresianischen Ritterakademie 1797 wurden die nun leerstehenden Bibliotheksregale zunächst mit 6.300 Duplikaten aus der k. k. Universitätsbibliothek gefüllt, die ihrerseits zum Großteil aus Beständen der aufgelösten Klosterbibliotheken stammten, etwa von den Dominikanern, Jesuiten, Zisterziensern, Kartäusern u.a. Auch aus den Bibliotheken der Wiener Karmeliten auf der Laimgrube kamen ca. 4.000 Bände und aus dem aufgelösten Kloster Mondsee ca. 5.000 Bände in die Bibliotheca Theresiana. Schenkungen und Nachlässe ergänzten den Bestand. Dadurch gelangten in die Bibliothek nicht nur brauchbare zeitgenössische Werke, sondern auch eine Vielzahl an älteren Drucken, Inkunabeln und Handschriften sowie eine Reihe verschiedener Sammelobjekte, darunter Kupferstiche, Zeichnungen, Landkarten, Pläne, Münzen und Medaillen.
Einblick in den Hauptsaal der Bibliotheca Theresiana © Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien / René Steyer u. Karl Pani
Der Bibliothekar Joseph Ritter von Sartori (1749–1812) bemühte sich alle bedeutsamen Disziplinen abzudecken und vermehrte die Sammlung um entsprechende Desiderate. 1803 gab er in seiner Historischen Nachricht von der neuen Bibliothek der Theresianischen Ritterakademie einen Bestand von mehr als 35.000 Bänden an. Seine Nachfolger erweiterten den Bibliotheksbestand um weitere Werke und Schauobjekte.
Kupferstich Bibliotheca C. R. Acad. Theresianae von Hieronymus Benedicti in: Sartori, Joseph Ritter von Catalogus Bibliographicus Librorum In Bibliotheca Caes. Reg. Et Equestris Academiae Theresianae Extantium 1800 © unveröffentlichtes Digitalisat der Bibliotheca Theresiana der Stiftung Theresianische Akademie, Signatur II26594/1.
1804 wurde die Leitung der k. k. Theresianischen Ritterakademie dem Piaristenorden böhmisch-mährischer Provinz übergeben. Neben der Lehr- und Erziehungstätigkeit übten die Piaristen auch weitere Ämter aus, dazu zählte auch die Leitung der Bibliotheca Theresiana. Mit der Reorganisation der k. k. Theresianischen Akademie 1849 wurde die Leitung durch den Piaristenorden zwar aufgehoben, aber einige Patres weiterhin im Dienst beibehalten. Der letzte Bibliothekar aus dem Piaristenorden Ignaz Hradil (1816-1879) konnte das Amt von 1853 bis zu seinem Ruhestand 1870 ausüben. Ihm verdanken wir die einzigen erhaltenen Verzeichnisse der Handschriften und Inkunabeln, welche gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum Großteil an die k. k. Hofbibliothek und k. k. Universitätsbibliothek verkauft worden sind. Er und seine Nachfolger erweiterten den Bibliotheksbestand um weitere Werke und Schauobjekte.
Detailansicht eines Bibliothekregals © Bibliotheca Theresiana der Stiftung Theresianische Akademie/Katharina Bočkayová
Anhand des erhaltenen Bestandskatalogs aus dem Jahre 1922 umfasste die Bibliotheca Theresiana zum damaligen Zeitpunkt 84.070 Werke, davon 47.477 Bände und 36.593 Jahresberichte. Bis zum Zweiten Weltkrieg sind nur einige Weiterbezüge hinzugekommen, sodass keine weiteren Signaturen vergeben wurden. 1939 wurde das Theresianum in eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt umgewandelt. Um die Bibliotheksbestände vor den Luftangriffen gegen Kriegsende zu schützen, wurden sie im Oktober 1944 an das (zu dieser Zeit von den Nazis beschlagnahmte) Benediktinerstift nach Göttweig ausgelagert, wo sie bis zur Wiedereröffnung des Gymnasiums 1957 verweilten.
Zum heutigen Zeitpunkt befinden sich in den historischen Räumlichkeiten der Bibliotheca Theresiana etwa 46.000 Drucke, 95 Handschriften und 4 Inkunabeln; die historischen Jahresberichte gingen in den Wirren der Kriegszeit verloren. Zu den Besonderheiten des Bestands zählen beispielweise die illuminierte Ausgabe des Missale Pataviense aus dem Jahr 1503 vom ersten namentlich hinterlegten Wiener Drucker Johannes Winterburger (1460/65-1519), die reichlich dekorierte Plantin-Bibel aus dem Jahr 1583, die erste griechische Gesamtausgabe der Werke Galens, welche 1525 in der berühmten venezianischen Aldinen-Offizin gedruckt wurde, der kolorierte Teatrvs Orbis Terrarvm sive Novvs Atlas der barocken Kartographen Willem (157–1638) und Joan Blaeu (1598–1673) sowie Giovanni Battista Ferraris (1584–1655) Werk über Zitrusfrüchte, das zu den prächtigsten und wissenschaftlich präzisesten botanischen Arbeiten des 17. Jahrhunderts gehört.
Text: Katharina Bočkayová, leitende Bibliothekarin; Redaktion: Irene Kubiska-Scharl