13. Oktober 2026

Historischer Wallfahrtsführer in der KOBi-Bibliothek entdeckt

Wohl kaum eine andere Publikation repräsentiert die Bedeutung der Wallfahrt nach Maria Taferl so nachdrücklich wie das ab 1723 in vielen Auflagen erschienene Mirakel- und Legendenbuch „Oesterreichischer Myrrhen-Berg […]“. Ein seltenes Exemplar der zweiten Auflage aus dem Jahr 1735 ist in der historischen Bibliothek der Mary Ward Schulen in St. Pölten vorhanden. Es wurde im Zuge der derzeit laufenden Katalogisierung der geschichtsträchtigen Bibliothek in KOBi dort „wieder-entdeckt“.

Oesterreichischer Myrrhen-Berg Wallfahrtsführer

Der „Oesterreichische Myrrhen-Berg“ ist ein handliches, bebildertes Kompendium, das historische Erzählungen mit Gebeten verband und zum Besuch der Wallfahrtskirche in Maria Taferl einlud.  © ÖNB/Canva

 

Ein kürzlich im Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich veröffentlichter Beitrag von Werner Telesko und Veronika Decker zeichnet die publizistische Erfolgsgeschichte des mit Kupferstichen illustrierten Werks im Verlauf des 18. Jahrhunderts genau nach. An seiner Herstellung und wiederholten Drucklegung waren neben den in enger Abstimmung mit dem Passauer Fürstbischof agierenden Administratoren und Kuraten der Wallfahrt nach Maria Taferl Verlage in Passau, Krems und Steyr sowie Kupferstecher in Augsburg und Wien beteiligt.

 

„Vademecum“ für die Wallfahrt nach Maria Taferl

Während die erste Auflage von 1723 in öffentlichen und klösterlichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum mit derzeit 14 bekannten Exemplaren weiter verbreitet ist, ist die zweite Auflage von 1735 deutlich seltener überliefert. Das bisher einzige in Österreich nachgewiesene Exemplar dieser zweiten Auflage befindet sich in der Bibliothek der Mary Ward Schulen in St. Pölten (Signatur XII-1-3;), wie sich bei der Katalogisierung der Bibliothek im „Katalog der Ordensbibliotheken“ (kurz KOBi) gezeigt hat. Der Band wurde für die Forschungsarbeiten der Autor:innen durch Kolleg:innen des Diözesanarchivs St. Pölten digitalisiert und steht weiteren Forschungen zur Verfügung. Neben der zweiten Auflage ist in St. Pölten übrigens auch die erste Auflage nachgewiesen (Signatur XII-1-2).

 

Der Band von 1735 zeigt beispielhaft die reiche Ausstattung des Buches mit bildlichen Darstellungen der Legende, die wesentlich zu seiner anhaltenden Popularität beitrugen. Ein faltbarer Kupferstich am Beginn des Werks bietet eine Ansicht des oberhalb von Marbach an der Donau reizvoll gelegenen Wallfahrtsorts. Diesen deutet der anonyme Autor mit Bezugnahme auf das dort verehrte Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes und Hohelied 4, 6 als „österreichischen Myrrhen-Berg“ und lädt den Leser dazu ein, ihm dorthin zu folgen. Als handliches Kompendium, das eine Erzählung des Ursprungs, der Geschichte des Ortes und Sammlung der mit ihm verbundenen Mirakel mit einer spirituellen Anleitung samt Gebeten verband, fungierte der „Oesterreichische Myrrhen-Berg“ als ansprechend bebildertes Vademecum für die Wallfahrt nach Maria Taferl.

 

Abb.: Ansicht der Wallfahrtskirche Maria Taferl, aus: Anonym, Oesterreichischer Myrrhen-Berg […] (Passau 1735), Falttafel (Kupferstich). © IÖO/Bibliothek der Mary Ward Schulen St. Pölten, Sign.: XII-I-3.

 

Der aktuelle Beitrag zeigt, wie die erstmals 1723 gedruckte Publikation die Wallfahrt nach Maria Taferl besonders durch den Leitbegriff des „Myrrhen-Bergs“ und die anschauliche Vermittlung der Legende in Text und Bild popularisierte. Auf dieser Grundlage sollte Maria Taferl als Pilgerziel wohl nicht zufällig fast gleichzeitig mit der Weihe der Kirche (1724) in neuer Weise attraktiviert und in Konkurrenz zu anderen Destinationen gestärkt werden. Durch die erweiterten Auflagen mit den jeweils rezentesten Mirakeln wurde das Werk laufend inhaltlich aktualisiert und prägte die Wallfahrt nach Maria Taferl weit über das 18. Jahrhundert hinaus.

 

Mary Ward Schulen St. PöltenEinblick in die Historische Bibliothek der Mary-Ward-Schulen in St. Pölten © ÖOK/Karin Mayer

 


Werner Telesko und Veronika Decker, Der „Oesterreichische Myrrhen-Berg“: das Mirakelbuch zur Wallfahrt nach Maria Taferl. Ein Beitrag zur frühneuzeitlichen Druck- und Illustrationsgeschichte, in: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich 91 (2025), S. 283–330. Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich


Text und Bild: Werner Telesko und Veronika Decker

Redaktion: Irene Kubiska-Scharl