Bruder und Botaniker

Frater Norbertus Boccius auf einem Gemälde (Fotoretusche). Das Original befindet sich im Konvent in Feldsberg, wo er viele Jahre lang lebte und wirkte. © Canva | Veinfurter/Barmherzige Brüder
Norbertus Boccius stammte aus Temesvár im heutigen Rumänien. Über seine genaue familiäre Herkunft und seine Schulbildung ist nichts überliefert. Schon in jungen Jahren kam er nach Prag, wo er die Mittelschule besuchte und 1748, im Alter von nicht einmal 20 Jahren, in den Orden der Barmherzigen Brüder eintrat. Hier begann er ein medizinisch-chirurgisches Studium, das er in Wien fortsetzte. Danach wirkte er einige Jahre als Prior in Görz und erwarb anschließend das Diplom als Wundarzt.
Im Alter von 34 Jahren wurde er nach Feldsberg (Valice) in Südmähren berufen, wo die Barmherzigen Brüder 1605 ihre erste Niederlassung nördlich der Alpen gegründet hatten. Hier wurde er Subprior, Lehrer für Anatomie, Chirurgie und Krankenpflege sowie Leibarzt des hier ansässigen Fürsten von Liechtenstein. Von 1766 bis 1769 sowie von 1772 bis 1781 war er Prior des Konvents. Von 1784 bis 1796 leitete er von Feldsberg aus als Provinzial die gesamte Österreichisch-Böhmische Ordensprovinz. Er war damit für 24 Konvente samt Spitälern und Apotheken verantwortlich und dementsprechend viel unterwegs. Danach war er wieder Prior in Feldsberg bis zu seinem Tod vor genau 220 Jahren, am 14. Juli 1806.
Begeisterter Botaniker
Neben seinen umfangreichen Aufgaben als Prior, Provinzial, Lehrer und Arzt fand Frater Norbertus in Feldsberg auch Zeit, sein Interesse für die Botanik zu entfalten. Er legte mehrere Gärten an, wo er Pflanzen züchtete und Obstbäume veredelte. Diese Gärten sind heute allerdings nicht mehr erhalten, dafür aber seine beiden umfassenden botanischen Werke.
In den ersten Jahren seiner Anwesenheit in Feldsberg entstand auf seine Initiative und unter seiner tatkräftigen Mitarbeit das dreibändige „Herbarium vivum“, eine Sammlung von 1.216 perfekt gepressten und getrockneten Pflanzen. Sie bietet einen Überblick über die natürliche Vegetation der Gegend um Feldsberg und besticht durch ihre detaillierte und liebevolle Gestaltung: Die Pflanzen „wachsen“ in unterschiedlich gestalteten Töpfen, in geschwungenen Bändern ist ihr lateinischer Name zu lesen. Verwahrt werden die Bände heute im Konvent der Barmherzigen Brüder in Brünn.

Über 1.200 Pflanzen wurden für die dreibändige Sammlung „Herbarium vivum“ gesammelt, gepresst, getrocknet und liebevoll arrangiert. © Veinfurter/Barmherzige Brüder
Wesentlich umfangreicher ist sein zweites botanisches Werk: das „Liber regni vegetabilis“ („Buch des Pflanzenreichs“). Frater Norbertus und seine Mitarbeiter trugen die Pflanzen zusammen, die dann unter seiner Anleitung von mehreren Malern festgehalten wurden. Das Ergebnis sind 14 Bände mit naturgetreuen Darstellungen von etwa 3.100 Pflanzenarten. Die natürliche Pflanzenwelt der Umgebung ist darin ebenso enthalten wie kultivierte Nutz- und Zierpflanzen und auch Arten, die erst kurz davor nach Europa gebracht worden waren und in Gewächshäusern wuchsen. Bekannt ist das Werk unter dem Namen „Codex Liechtenstein“, weil Frater Norbertus die ersten zwölf Bände dem Fürsten Alois I. von Liechtenstein schenkte. Im Gegenzug errichtete der Fürst eine Stiftung, deren Erträge dem Hospital der Barmherzigen Brüder in Feldsberg zugute kamen. Für die zwei nachgelieferten Bände erhielt der Orden einen Geldbetrag.
Die Fürsten von Liechtenstein bewahrten die Bände bis 1944 in ihrer Bibliothek in Wien auf. Danach kamen sie auf abenteuerlichen Wegen nach Vaduz und sind heute Teil der Fürstlichen Sammlungen. 2003 wurden erstmals einige Seiten im Rahmen einer Sonderausstellung im Liechtensteinischen Landesmuseum öffentlich gezeigt. Unter dem Titel „Ein Garten für die Ewigkeit“ ist auch ein umfangreicher Bildband über den „Codex Liechtenstein“ erschienen, der allerdings nur noch antiquarisch erhältlich ist.