Karmeliten in Wien Döbling eröffnen neuen Ausstellungs- und Depotraum

V. l. n. r: Provinzial P. Paul Saji Bavakkat, Martina Lehner und Prior P. Antonius Dewa. (c) ÖOK/km
„Größer denken“: Verantwortung für kommende Generationen
Prior P. Antonius Dewa berichtete in seiner bewegenden Eröffnungsrede vom Ringen nach einer nachhaltigen und langfristigen Lösung für das kulturelle und geistliche Erbe seines Ordens. Er verwies ausdrücklich darauf, wie wichtig es in diesem Prozess gewesen sei „größer zu denken“. Auch wenn die finanziellen Aufwände für die Umsetzung hoch waren, sieht er die Erhaltung dieser Güter als eine zentrale und unaufschiebbare Aufgabe für die nächsten Generationen. Dank der Unterstützung der Provinzleitung durch P. Paul Saji Bavakkat konnte die Finanzierung dieses Projekts erfolgreich gesichert werden.

Großer Andrang bei der Eröffnung. (c) ÖOK/km
Vom vergessenen Lagerraum zum modernen Kompetenzzentrum
Die Geschichte der neuen Räumlichkeiten ist eine Transformation für sich: Die um 1900 gestalteten Räume im Oratorium der Kirche, wurden von Architekt Richard Jordan gestaltet. Im Laufe der Jahrzehnte wandelte sich der Raum zu einem Lagerraum, indem sich viele, im aktiven Klosteralltag nicht mehr gebrauchte Gegenstände angesammelt hatten.
Nach Beratungsgesprächen mit der Bereichsleiterin der Österreichischen Ordenskonferenz, Karin Mayer, startete 2022 das Projekt mit einer systematischen und wissenschaftlichen Erfassung der Bestände, darunter zahlreiche Gemälde, Skulpturen und Textilien. Dieser erste, fundamentale Schritt gelang durch eine Kooperation mit dem Institut für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst in Wien, unter der Leitung von Gabriela Krist. Im Rahmen intensiver Projektwochen leistete eine Gruppe von Studierenden die Mammutaufgabe, über 800 Objekte zu fotografieren, Maße zu nehmen, detailliert zu beschreiben und fachgerecht zu reinigen.
Unterstützung erhielten die Studierenden dabei von ihren Lehrkräften und der kunsthistorischen Expertise durch den Textilexperten Michael Ullermann und den Kunsthistoriker Johann Kronbichler. Das Konzept zur optimalen Lagerung der empfindlichen Textilien wurde im Zuge einer Diplomarbeit erarbeitet und anschließend von einem Architekten an die baulichen Besonderheiten der historischen Räume angepasst. Die beiden engagierten Projektangestellten Claudia Rapberger und Martina Lehner begleiteten und koordinierten das gesamte, mehrjährige Großprojekt.

Die Jubiläumsausstellung ist noch bis Ende 2026 für Besucher:innen geöffnet. (c) Martina Lehner
Die Jubiläumsausstellung: 125 Jahre Klosterkirche Wien Döbling
Der neu gestaltete Ausstellungsraum widmet sich in seiner aktuellen ersten Präsentation einem besonderen Meilenstein: dem 125-jährigen Bestehen der Klosterkirche zur heiligen Familie. Historische Bilder, originale Entwürfe und detaillierte Baupläne stellen das monumentale Bauprojekt anschaulich dar.
Nachdem sich der Orden im Jahr 1897 neu konstituiert hatte, erhielten die Karmeliten als Abfindung für ihr altes Klostergebäude eine Summe aus dem Religionsfonds um den Baugrund im Wiener Bezirk Döbling zu erwerben und mit einen zeitgemäßen Neubau zu beginnen. Das alte, bestehende Klostergebäude im 2. Bezirk wurde schließlich 1904 abgerissen, die ehemalige Klosterkirche blieb als Pfarrkirche erhalten. Mit der Planung und dem Neubau der umfangreichen Döblinger Klosteranlage ist 1898 der Architekt Richard Jordan beauftragt worden, die neue Kirche wurde 1901 feierlich eingeweiht. Die vollständige Innenausstattung zog sich jedoch noch weitere 30 Jahre hin. Bei der Auswahl der Archivalien konnte die Historikerin Martina Lehner ihr Fachwissen gewinnbringend einbringen.
Besondere Highlights der aktuellen Ausstellung sind u.a. historische Messgewänder mit fein gestickten Bildnissen: eine Kasel mit dem Bildnis der „Maria mit dem geneigten Haupt“, ein Pluviale mit der Darstellung der Heiligen Familie (dem Patrozinium der Kirche) und einer Dalmatika des sogenannten „Türkenornats“, mit einem Stoff aus osmanischer Zeit: Ein bemerkenswertes Zeugnis sakraler Textilkunst, das aus dem Material des 1683 beim Entsatz von Wien erbeuteten Zeltes des türkischen Großwesirs Kara Mustafa angefertigt worden sei. Die Karmeliten hätten den Ornat von einem Angehörigen des Hauses Liechtenstein erhalten.

Die Gemälde während des Bearbeitungsprozesses der Konverservierung und Inventarisierung. (c) ÖOK/km
Der neue Depotraum: Konservierung und Raum für Forschung
Ein weiteres Herzstück des Projekts ist der zeitgemäße Depotraum. Die über 800 wertvollen Objekte – darunter Messgewänder, Gemälde und Skulpturen aus der Zeit um 1700 bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – befinden sich nun in geschlossenen Schränken, liegend oder hängend, oder sind auf Auszugswänden montiert. Dies garantiert nicht nur eine optimale, konservatorisch einwandfreie und geschützte Aufbewahrung, sondern bietet auch einen guten systematischen Überblick über die dargestellten Ordensheiligen, Oberen und historischen Motive der Ordensgeschichte.
Viele dieser Gegenstände stammen vermutlich aus im Laufe der Jahrhunderte geschlossenen Niederlassungen des Ordens. Die historische Spurensuche und Provenienzforschung ist hierbei noch keineswegs abgeschlossen. Das neue Depot bietet Forschenden somit auch in Zukunft reichlich Raum für wertvolle wissenschaftliche Arbeiten.
Besondere professionelle Unterstützung für die fachgerechte und schonende Präsentation der empfindlichen Messgewänder erhielten die Karmeliten durch das Know-how der Textilrestaurierung Neugebauer (Wien, Schönbrunn). Für die Textilien wurde ein spezieller Unterbau aus Lochblech konstruiert, über den eine exakt angepasste Form aus Filz auf Ständern montiert wurde. Dadurch liegen die historischen Gewänder maximal schonend auf, wodurch langfristigen mechanischen Schäden effektiv vorgebeugt wird.
Für die kostbaren Messgewänder wurde ein Unterbau aus Lochblech und Filz konstruiert. So können sie nicht nur wirksam sondern auch sicher präsentiert werden. (c) Textilrestaurierung Neugebauer GmbH
Im Anschluss an den offiziellen Eröffnungsakt wurden alle Besucher:innen sowie die mitwirkenden Helferinnen und Helfer, die zum Gelingen dieses Meilensteins beigetragen haben, zu einer feierlichen Agape im „Glashaus“ eingeladen. In schöner Atmosphäre konnte dort die gemeinsame Freude über das vollendete Werk noch nachklingen.
Informationen zur Ausstellung
Ausstellungsdauer: bis Ende 2026
Besichtigung & Führung: bei Voranmeldung möglich
Karmelitenkloster
1190 Wien, Silbergasse 35
Telefon: +43 1 3203340 (zu den Pfortenöffnungszeiten)
E-Mail: wien@karmel.at