Stift Zwettl: Inventare aus der Klosterapotheke

Übergabe der Inventare der Klosterapotheke von Sammlungsleiterin Sabine Laz vom „museumkrems“ an Stiftsarchivar Andreas Gamerith. (c) Stiftsarchiv Zwettl
Die Dokumente schließen eine wichtige Lücke in der historischen Überlieferung: Sie decken den Zeitraum von 1833 bis 1887 ab und geben detaillierte Einblicke in die Ausstattung und Arbeitsweise der Klosterapotheke. Besonders die Auflistung der verschiedenen „Requisiten“ erlaubt Rückschlüsse auf die medizinische Versorgung im 19. Jahrhundert.
Dem Engagement des Stadtarchivars Daniel Haberler-Maier ist es zu verdanken, dass diese historischen Quellen nun wieder an ihrem ursprünglichen Platz sind.
Die Klosterapotheke als Zentrum der Gesundheitsversorgung
Die Apotheke des Stifts Zwettl blickt auf eine lange Tradition zurück. Während über die medizinische Versorgung im Mittelalter kaum Quellen existieren, lässt sich ab dem 17. Jahrhundert eine gut ausgestattete und organisierte Apotheke nachweisen.
Dokumente aus den 1660er-Jahren belegen beispielsweise Lieferungen aus dem Friaul. Die aufgeführten Ingredienzien dienten nicht nur medizinischen Zwecken, sondern erinnern teilweise auch an das Sortiment moderner Drogerien. Namen wie Balsamo Indico nigro, Lacca praeparata florentina oder Zibesta finissima zeugen von der Vielfalt – auch wenn ihre genaue Identifikation heute aufgrund barocker Schreibweisen und schwer lesbarer Handschriften nicht immer eindeutig ist. Einige Begriffe lassen sich jedoch interpretieren: Olei Cariophyllorum etwa dürfte Nelkenöl bezeichnen, das nicht nur medizinisch, sondern auch in der Malerei verwendet wurde.
Blütezeit im Barock
Die Klosterapotheke genoss über Jahrhunderte hinweg einen ausgezeichneten Ruf. Besonders unter Abt Melchior von Zaunagg erlebte sie im frühen 18. Jahrhundert eine Blütezeit. Ein Revisionsbericht aus dem Jahr 1725 beschreibt die Apotheke in überschwänglichen Worten: Eine derartige Fülle an „Spezereien“ würde man eher in einer großen Stadt wie Wien erwarten als in einem Kloster.
Ein möglicher Grund für diese außergewöhnliche Ausstattung liegt in der Persönlichkeit des Abtes selbst. Melchior von Zaunagg litt seit jungen Jahren an Gicht, und Krankheit spielte eine zentrale Rolle in seinem Leben. Es liegt nahe, dass sein persönliches Leiden die umfangreiche Ausstattung der Apotheke beeinflusste.
Ein eskalierter Konflikt
Die Geschichte der Klosterapotheke ist jedoch nicht frei von Konflikten. Im Jahr 1725 kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Abt und dem Apotheker Gregor Ignaz Lauffer. Lauffer hatte ohne Rücksprache die Klosterapotheke von Melk übernommen – ein Schritt, der im Stift Zwettl auf massive Kritik stieß. Die Reaktion des Abtes war eindeutig: Entschuldigungsschreiben wurden ungeöffnet zurückgeschickt, versehen lediglich mit einer scharfen schriftlichen Botschaft, in der Lauffer unredliches Verhalten vorgeworfen wurde. Wie der Konflikt letztlich beigelegt wurde, ist nicht vollständig überliefert. Sicher ist jedoch, dass sich sogar der Melker Abt persönlich einschaltete und sich schriftlich für den Apotheker einsetzte.
Historische Bedeutung der Inventare
Die wiederentdeckten Inventare sind weit mehr als einfache Listen. Sie geben Einblick in den Alltag einer Klosterapotheke, zeigen Handelsbeziehungen, medizinische Praktiken und den Umgang mit Krankheit in einer Zeit, in der moderne Medizin noch in den Kinderschuhen steckte. Ihre Rückkehr ins Stift Zwettl bedeutet daher nicht nur die Wiederherstellung eines Archivbestands, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der regionalen Medizingeschichte.
Die Inventare der Zwettler Klosterapotheke sind ein faszinierendes Zeugnis vergangener Gesundheitsversorgung. Sie verbinden persönliche Geschichten, wirtschaftliche Netzwerke und medizinisches Wissen zu einem lebendigen Bild des 19. Jahrhunderts – und darüber hinaus.
Quelle: Andreas Gamerith, NÖN, 22.04.2026