Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhungert: Erinnern, Forschen, Weiterdenken

Von 20. bis 22. Februar 2026 fand in Vallendar die 26. Wissenschaftliche Fachtagung des Arbeitskreises Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert statt. (c) Gisela Fleckenstein OFS
Die Tagung wurde mit dem Dokumentarfilm „Nicht in Gottes Namen“ von Adolf Winkler aus dem Jahr 2025 eröffnet. Der Film dokumentiert die Verfolgung von Geistlichen und Ordensangehörigen während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Historische Aufnahmen, nachgestellte Szenen und Interviews mit Historikern, kirchlichen Vertretern und Verwandten der Verfolgten zeichnen die Biographien verfolgter Priester, Ordensleute, evangelischer Pfarrer und Ordensschwestern mit Schwerpunkt im Bistum Trier nach. Der Film zeigt exemplarisch Fälle wie die von Pfarrer Joseph Bechtel, Peter Schlicker, Johannes Schulz und Josef Zilliken, die in Konzentrationslagern starben. Der Film versteht sich als Mahnung und Dokument gegen das Vergessen von Antisemitismus, Rassenhass und Menschenverachtung. Auch die beiden Pallottiner P. Franz Reinisch und P. Richard Henkes (seliggesprochen 2019) fanden im Film Erwähnung.
Robert Fischer (Molln, Österreich) zog einen Vergleich zwischen den nicht aufgehobenen Benediktinerklöstern in Deutschland und Österreich während des Zweiten Weltkrieges. In Deutschland wurde der Blick geworfen auf die Abteien Metten, Ettal, Ottobeuren, Weltenburg, Niederaltaich und Maria Laach. In Österreich auf die Stifte Melk, Seitenstetten und die Schottenabtei in Wien. Die Äbte in den deutschen Klöstern waren in größerer Gefahr verhaftet zu werden als die in Österreich. Es ist zu vermuten, dass dies daran lag, dass die bayerischen Benediktiner bei Verhören ein Schweigen vereinbart hatten. Der Klostersturm von 1941 war in Deutschland kürzer als in Österreich. Klöster die von der Wehrmacht beschlagnahmt worden waren und zum Teil auch als Lazarett dienten, hatten mit den Besatzern weniger Probleme als mit Organisationen der NSDAP, die gezielt auf eine Zerstörung der Klöster setzten. Bei Kriegsende gab es mit den Amerikanern weniger Turbulenzen und Beschädigungen als mit den sowjetischen Truppen. Das Vorgehen gegen die Klöster war oft willkürlich und regional geprägt: Auflösung der Schulen, Einquartierungen, Nutzung als Kunstdepots, Flüchtlingslager, Lazarett und Schulungsstätten. Ein Klosterleben war eingeschränkt möglich, aber immer mit der Angst der Aufhebung. Personell erlitten alle Benediktinerklöster Verluste, da viele Mönche zum Militär eingezogen wurden und im Krieg fielen und einige auch nach dem Krieg austraten. Dies führte zu einer Überalterung der Konvente. Nach Kriegsende erfolgte ein mühsamer Wiederaufbau.
P. Klaus Schatz SJ (Berlin) beleuchtete das Verhältnis eines Jesuiten zu seinen Ordensoberen im NS-Staat. Der aus Mettingen stammende Jesuitenpater Joseph Spieker SJ (1893-1968) wirkte überwiegend in Köln und Berlin in der Männerseelsorge. Spieker warnte schon 1932 vor den Nationalsozialisten. Er vermied immer die offene Konfrontation, aber seine Predigten waren voller Anspielungen und Doppeldeutigkeiten, so dass er ins Visier der Gestapo geriet. Er wurde zwischen 1935 und 1937 mehrmals in Schutzhaft genommen, auch vor ein Sondergericht gestellt, aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Spieker war der erste Jesuit, der in einem KZ (Börgermoor) inhaftiert wurde. Die staatlichen Behörden verhandelten mit dem Provinzial der Jesuiten. Die Oberen sollten den Pater abziehen und versetzen. Auch der Ordensgeneral wurde involviert, der sich bemühte, eine Konfrontation mit dem NS-Staat zu vermeiden. Josef Spieker wurde schließlich nach seiner Haftentlassung gegen seinen Willen mit Hinweis auf das Gehorsamsgelübde 1937 nach Chile versetzt. Spieker sollte sich jeglicher gegen das Deutsche Reich gerichteten staatsfeindlichen Tätigkeit enthalten. Von 1938 bis 1950 war er in der Deutschenseelsorge bei Puerto Montt tätig und kehrte 1950 als Männerseelsorger nach Düsseldorf zurück. Von Spieker war ein politischer Gehorsam gefordert worden. Im Fall P. Rupert Mayer (1876-1945) gab es ähnliche Vereinbarungen mit der Gestapo. Mayer wurde von 1940-1945 im Kloster Ettal interniert und so aus seinem Münchner Arbeitsfeld entfernt. Damit sollte vermieden werden, dass Rupert Mayer zum Märtyrer wurde.
Jesuitische Biologie
Benedict Dahm (Münster) stellte die Frage nach einer jesuitischen Biologie bzw. einer jesuitischen Methode für naturwissenschaftliche Erkenntnisse in Bezug auf P. Erich Wasmann SJ (1859–1931). Anhand von Wasmanns Studien über den Trichterwickler (Birkenblattroller) erläuterte Benedict Dahm den entomologischen Gottesbeweis. Aus der hohen Komplexität, und Zweckmäßigkeit dieses Käfers, der nach einem effizienten System Blätter schneidet und zu einem perfekten Trichter zusammenrollt (Differentialgeometrie), wird auf eine ordnende, intelligente Ursache in der Natur geschlossen, also auf Gott. Wasmann war ein deutscher Jesuit, Naturwissenschaftler und Philosoph, der vor allem durch seine Arbeiten zur Entomologie und zur Beziehung zwischen Evolutionstheorie und katholischer Theologie bekannt wurde. Wasmann versuchte die Vereinbarkeit von Darwins Theorien mit dem katholischen Glauben. Wasmann akzeptierte eine begrenzte Evolution innerhalb von Artgruppen und versuchte diese, mit der katholischen Lehre in Einklang zu bringen. In seinem Buch „Die moderne Biologie und die Entwicklungstheorie“ von 1904 sah er die Evolution nicht im Widerspruch zur Schöpfungslehre, sondern als eine Ergänzung. Durch Vorträge, Publikationen und öffentliche Diskussionen trug er wesentlich dazu bei, den Dialog zwischen Naturwissenschaft und Kirche zu fördern. Insgesamt verbindet Wasmanns Tätigkeit naturwissenschaftliche Forschung auf hohem Niveau mit philosophisch-theologischer Reflexion, wodurch er zu einer wichtigen Figur im Wissenschaftsdiskurs des frühen 20. Jahrhunderts wurde. Er war durchaus bereit, die Theologie den Naturwissenschaften unterzuordnen. Ein Gedanke, der erst später modern wurde, als sich Pius XII. in seiner Enzyklika Humani generis vom 12. August 1950 kritisch mit der Evolutionstheorie auseinandersetzte.
Sr. Lucia Wagner OSB (München) berichtete über 100 Jahre klösterliches Leben in der Abtei Venio in München. Diese benediktinische Frauengemeinschaft entstand zwischen 1924 und 1926 in München. Die Gründung stand in engem Zusammenhang mit der Liturgischen Bewegung. Die Idee war, das monastische Leben ohne abgeschlossene Klausur mit der Berufstätigkeit von Frauen zu verbinden. Die Gründerin M. Agnes (Marianne) Johannes (1900-1993) war zunächst Oblatin von Kloster Beuron. Sie gründete Venio in enger Zusammenarbeit mit dem Beuroner P. Alois Mager OSB (1883-1946). Einfluss auf die Gründung hatte auch der belgisch-französische Liturgiewissenschaftler P. Eugène Vandeur OSB (1875-1967), der 1917 eine ähnliche Frauengemeinschaft gegründet hatte. 1929 wurde in München ein erstes Haus erworben, in dem eine Kapelle eingerichtet wurde. Die Schwestern trugen Zivilkleidung und erst ab 1930 bzw. 1935 einen Chormantel und einen Schleier für die Feier der Liturgie. Die Gründerin wurde ab 1938 von Sr. Renata (Ilse) Lohr OSB (1911-1963) in der geistlichen Entwicklung der Gemeinschaft unterstützt. Kontakte nach Maria Laach wurden intensiviert. 1952 zog die größer gewordene Gemeinschaft in ein Haus im Münchener Stadtteil Nymphenburg um. Die kirchenrechtliche Stellung von Venio schwankte lange zwischen Orden und Säkularinstitut und wurde erst 1992 abschließend geklärt. Venio wurde ein selbständiges benediktinisches Priorat und 2013 zur Abtei erhoben. Immer stand in Venio das geistliche Leben im Mittelpunkt und nicht die Rechtsfragen. Inzwischen entstand 2007 auch eine Niederlassung von Venio in Prag. Venio kann 2026 auf 100 Jahre zurückblicken; die Gründergeneration ist abgelöst, die Erneuerungen durch das II. Vatikanische Konzil sind umgesetzt und die Abtei zeigt, wie in der Gegenwart benediktinisch gelebt werden kann.
Die religiöse Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts war eine Blütezeit der sogenannten Erbauungsschriften. Karl-Friedrich Kemper (St. Augustin) führte aus, dass diese Texte weniger dogmatisch belehren als vielmehr das persönliche Glaubensleben vertiefen wollten. Besonders prägend waren Autoren aus religiösen Orden, deren spirituelle Praxis eng mit ihrem Schreiben verbunden war. Ein herausragendes Beispiel waren die Werke des Kapuziners Martin von Cochem (1634-1712): Leben Christi, 1677 (mit 177 Aufl.), Goldener Himmelsschlüssel, 1690 (mit 331 Aufl.), Der große Baum-Garten, 1675 (274. Aufl.). Oder die in mehr als 120 Auflagen 1690 erstmals erschienene „Handpostille“ des Prämonstratenser-Chorherren Leonhard Goffiné (1648-1719).
Charakteristisch für viele (Ordens)autoren war die Verbindung von geistlicher Übung, Seelsorge, und literarischer Form. Ihre Texte sind oft als Anleitungen zur Meditation, Gewissenserforschung oder zur inneren Sammlung konzipiert. Sie enthalten Ausführungen über das Fegefeuer, Heiligenleben, Tagzeitgebete, Litaneien und Betrachtungen. Damit verschoben sie den Akzent von äußeren Frömmigkeitsformen hin zu einer verinnerlichten Spiritualität. Der Einfluss dieser Werke reichte weit ins 19. und 20. Jahrhundert hinein. In der katholischen Erneuerungsbewegung und der Romantik wurde die persönliche Glaubenserfahrung erneut betont. Die spirituellen Klassiker wurden neu aufgelegt und dabei zum Teil überarbeitet.
Die „luxemburgische“ Katholizität
Maike Jung (Saarbrücken) präsentierte einen Teilaspekt ihres Dissertationsprojekts zur Transformation des Katholizismus in der Grenzregion zwischen Trier, Metz und Luxemburg zwischen 1830 und 1870. Ausgehend von der These, dass sich das katholische „revival“, also die Rekatholisierung der gesamten Gesellschaft, in Luxemburg nicht isoliert national, sondern im Kontext transnationaler Verflechtungen vollzog, analysierte sie insbesondere die Rolle von Ordensgemeinschaften in grenzüberschreitenden Transfer- und Kommunikationsprozessen. Am Beispiel der unter Bischof Johannes Theodor Laurent (1804-1884) initiierten Ordensansiedlungen in Luxemburg zeigte sie, wie religiöse Reformimpulse, sozial-karitative Modelle und zeitgenössische Krisendiagnosen nach Luxemburg transferiert und dort institutionell verankert wurden. Der Beitrag plädierte dafür, die vermeintlich spezifisch „luxemburgische“ Katholizität – Luxemburg selbst sieht sich als „Marienland“ – stärker als Ergebnis grenzüberschreitender Transfer- und Aushandlungsprozesse des 19. Jahrhunderts zu verstehen.
Markus Helmut Lenhart (München) sprach über die Emigration von Sr. Renata Marschall IBMV (1892-1977) in die USA. Sie emigrierte 1939 aus dem nationalsozialistischen Deutschland und nahm 1945 die amerikanische Staatsangehörigkeit an. Sr. Renata kam aus einer jüdischen Familie, konvertierte 1913 zum Katholizismus und trat 1917 in den Orden der Englischen Fräulein (heute Congregatio Jesu) ein. Sie war ab 1921 in Mainz Lehrerin für Englisch und Französisch und begriff 1933 sehr schnell, in welche Gefahr sie geraten konnte. 1933 wurde sie – wohl aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums – nach Bingen versetzt, wo sie nur noch Musik unterrichtete. Ab Juli 1933 versetzte sie die Ordensleitung kurz nacheinander in verschiedene Klöster, was Sr. Renata im Gehorsam hinnahm. Im Oktober 1933 wurde sie nach Rom versetzt, um dort drei Jahre zu unterrichten. 1937 kehrte sie nach Deutschland zurück, und wurde dann in die Niederlande geschickt. Die häufigen Versetzungen waren wohl eine Taktik der Ordensleitung, da Sr. Renata so keinen Wohnsitz hatte. Sie taucht in Listen der Finanzämter jedenfalls nicht auf. Die drei Generalate des Ordens in Mainz, Rom und Österreich arbeiten grenz- und provinzüberschreitend zusammen und schafften es nach vielen verwaltungstechnischen Schwierigkeiten Sr. Renata, nach einer Zwischenstation in den Niederlanden, 1939 die Ausreise in die USA zu ermöglichen. 1938 erhielt sie von unbekannter Hand eine Bürgschaft für die USA. Aus Wiedergutmachungsakten geht hervor, dass sie Verwandtschaft in den USA hatte. Sie reist über Southampton und London mit dem Schiff nach New York. Sie wurde von den Loreto-Schwestern aufgenommen, die sie an verschiedenen Stationen für den Schulunterricht einsetzten, bis sie 1954 doch nach Deutschland zurückkehrte. Dieses Schicksal zeigt, dass der Orden bereit war, für ihre Rettung alle Grenzen zu überschreiten, ohne dass sie die Ordensgemeinschaft verlassen musste. 2025 wurden die Loreto-Schwestern mit der Congregatio Jesu vereinigt. Die Biographie von Sr. Renata ist Teil einer Provinzgeschichte. Eine wertvolle Quelle sind dabei die überlieferten Tagebücher.
Clemens Brodkorb (München), berichtete über die Neuorientierung der ostdeutschen Jesuiten am Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine zentrale Figur war dabei P. Bernhard Hapig SJ (1888-1969), der von 1942 bis 1948 Provinzial der Germania orientalis (GO) war. In einem Rundbrief stellte er im Juli 1945 einen moralischen Bankrott auf ganzer Linie bzw. die völlige Aufgabe christlicher Grundsätze in öffentlichen Leben und im Leben der Völker untereinander fest. Er sah die Notwendigkeit der Rückbesinnung auf ein christliches Fundament, sonst würde man unweigerlich in der nächsten Katastrophe landen. Hapig nahm Kontakt mit der polnischen Provinz auf, die bis Ende 1946 die Häuser der Ostprovinz außerhalb der sowjetischen Besatzungszone übernahm. Die verbliebene GO war deckungsgleich mit der späteren DDR. Außer in der Rhön, der Oberlausitz und im Eichsfeld handelte es sich um reine Diasporagebiete. Die Jesuiten sahen diese extreme Diaspora als Herausforderung, ja Bernhard Hapig sah darin eine „heilsgeschichtliche Chance“ an Menschen heranzukommen, die man sonst nie erreicht hätte. Karl Rahner ging einige Jahre später theologisch noch einen Schritt weiter und beschrieb die „Diaspora als ein heilsgeschichtliches Muss“. Christen sollten missionarisch bleiben und nicht verzweifelt versuchen zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Zu „Inseln im Meer der Zerstreuung“ wurden neue Häuser in Erfurt (1946-2001) und Magdeburg (1951-1983). Die Vertreibung der ostdeutschen Jesuiten aus ihren Kerngebieten erwies sich damit als (heilsgeschichtliche) Chance.
Termine und Kontakt
Die nächste Tagung des Arbeitskreises Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert ist geplant für den 12. – 14. Feb. 2027 in Vallendar.
Kontakt zu den Leiterinnen des Arbeitskreises: E-Mail-Adresse von Gisela Fleckenstein, E-Mail-Adresse von Carolin Hostert-Hack
Text: Gisela Fleckenstein OFS
[teresa bruckner]