72 Jahre lang Heiligenverwechslung

Bei Forschungen über die Glocken im Stift Kremsmünster konnte eine interessante Entdeckung gemacht werden.
In einer Broschüre zur Glockenweihe 1949 ist angegeben, dass die Frauenglocke 5 den heiligen Frauen Anna, Barbara und Notburga geweiht ist. Dies ist ebenso im 1. Teil der „Österreichischen Kunsttopografie“ über das Stift Kremsmünster zu lesen (Vgl. S. 275).

Diese Angaben gehen auf P. Altman Kellner († 1981) zurück, der dies ebenfalls in drei Läutordnungen aus den 1950/60er Jahren notiert hat.
Jedoch handelt es sich bei der Frauenglocke 5, ebenso wie bei der Aveglocke 4 um eine Glocke, die noch von 1924 stammt.
Verwunderlich war dann auf einmal, dass Pfarrvikar P. Anton Kreutzer († 1934) im Jahr 1924 auf einer Niederschrift über die neuen Glocken festhält, dass die Frauenglocke der heiligen Anna, Barbara und Elisabeth geweiht wurde. Ebenso dokumentiert dies ein Zeitungsartikel im Tagebuch des Abtes Leander Czerny († 1944), der die Glockenweihe von 1924 ausführlich beschreibt. Auch die „Glockenkunde der Diözese Linz“ von Prälat Florian Oberchristl erwähnt, dass die Glocke auch der Heiligen Elisabeth und nicht der heiligen Notburga geweiht ist (Vgl. S. 262).

kremsmuenster frauenglocke 1Die Frauenglocke mit der Aufschrift „Ihr Heiligen Gottes bittet fuer uns“

Auf diese Neuigkeiten hin, machten sich zwei Kremsmünsterer Mönche bereit, den Anstieg des Südturms zu beginnen, um den Sachverhalt vor Ort zu prüfen. Oben angekommen erwartete sie tatsächlich die heilige Elisabeth von Thüringen, auf der Glocke dargestellt mit Rosen in der Hand. Zu dieser feierlichen Wiederentdeckung der heiligen Elisabeth konnte man am Dienstag vor einer Woche, um kurz vor halb elf, den einmaligen Anschlag der Frauenglocke vernehmen.

kremsmuenster frauenglocke 2Detailansicht der Frauenglocke, die Heilige Elisabeth von Thüringen

Schließlich handelt es sich bei der Sache um eine Verwechslung, denn die frühere Kompletglocke war unter Anderem auch der heiligen Notburga geweiht. Aus dem Gedächtnis heraus meinte P. Altman Kellner vermutlich, dass die dritte heilige auf der Frauenglocke die Heilige Notburga war.
Seine Unsicherheit über die Heiligen auf der Frauenglocke ist sogar ebenfalls durch eine Zusammenfassung der Glocken von 1949 belegt, in der er bei der Glocke 5 schreibt, dass sie „Anna, Barbara etz.“ geweiht ist.

kremsmuenster frauenglocke 4Detailansicht der Frauenglocke, die Heilige Barbara

Auf die Läuteordnung hat diese Entdeckung jedoch keinen Einfluss: Die Frauenglocke 5, die im letzten Jahrhundert auch als Elferglocke um 11 Uhr Mittags ertönte, wird weiterhin als größte Glocke zur Wochentagsvesper um 18 Uhr läuten.

[Text und Bilder: fr. Raphael Philipp]