Die langfristige Erhaltung der Stiftsbibliothek Klosterneuburg

In der Stiftsbibliothek Klosterneuburg wird mit einer langfristigen, minimalinvasiven Strategie zur Bestandserhaltung und -pflege, die schonend für Buch und Budget ist, ein guter Weg beschritten.

Die historischen Bücher in der Stiftsbibliothek Klosterneuburg sind ein wichtiger Fundus für Forschungen verschiedenster Zugänge. Deshalb ist es wichtig, für gute Pflege und dauerhafte Erhaltung der Handschriften, Bücher, Musikalien, historischen Fotos, Plakate und Landkarten zu sorgen. Insgesamt sind etwa 300.000 Objekte in 14 Räumen gelagert – aufgefädelt wären die Regale mehr als sechs Kilometer lang.

Eine der Voraussetzungen für eine langfristige Konservierung der Objekte sind geeignete Depoträume, was gerade in historisch gewachsenen Sammlungen oft eine Herausforderung darstellt. 2013 wurde gemeinsam mit externen Expert*innen und Spezialist*innen mit der strukturierten Bestandspflege begonnen und zuerst alle Räumlichkeiten hinsichtlich ihres Klimas, der Staub- und Schimmelbelastung analysiert sowie ein kontinuierliches Schädlingsmonitoring (IPM – Integrated Pest Management) eingeführt. Als Ergebnis stellte sich heraus, dass die Klimasituation nahezu ideal ist und auch keine Kontaminierungen vorliegen, die hohe Staubbelastung als Nährboden für mikrobiologischen Befall und Insekten allerdings problematisch ist.

Das IPM zeigte starken Brotkäferbefall im Kuppelsaal, dem 2017 nur durch eine Begasung Einhalt geboten werden konnte. Um künftigem Schädlingsbefall vorzubeugen, wurde im Zuge der Sanierung des Parkettbodens in den Unterbau Kieselgur eingearbeitet und der gesamte historische Buchbestand einer trockenen Oberflächenreinigung durch studentische Hilfskräfte unterzogen. Jedes Buch wurde dafür einzeln aus dem Regal genommen und mit einem Staubsauger mit HEPA-Filter abgesaugt. Anschließend wurden sie mit einem Mikrofasertuch abgewischt, mit einem Naturkautschukschwamm an den Buchschnitten nachgereinigt und auf die mit 70 prozentigem Ethanol desinfizierten Regalböden zurückgestellt.

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Mobile Restaurierwerkstatt im Kuppelsaal der Stiftsbibliothek © Mirjam Bazán Castañeda

Die Restaurierung der Bücher selbst ist angesichts der umfangreichen Bestände eine größere Herausforderung und erst seit kurzem rückt die Gesamtrestaurierung von historischen Bibliotheken in den Vordergrund. Es wurde ein Konzept erarbeitet, das seit mittlerweile sechs Jahren konsequent umgesetzt wird. Wichtigste Voraussetzung war, die Bücher vor Ort in der Bibliothek bearbeiten zu können. Das verringert den logistischen Aufwand und die Belastung der Buchobjekte durch Umlagerungen. Darüber hinaus können die hohen Ausgaben für Transport und Versicherungen gespart werden, welche wiederum in die Restaurierung fließen können. Jedes einzelne Buch wird auf seinen Erhaltungszustand hin beurteilt. Kleinere Schäden werden im Zuge von konservatorischen Sicherungsmaßnahmen sofort in einer kleinen mobilen Restaurierungswerkstätte, welche in der Bibliothek selbst aufgebaut ist, behandelt. Essenziell ist, dass die getroffenen Maßnahmen reversibel sind, falls es in Zukunft bessere Möglichkeiten zur Instandhaltung gibt. Deshalb werden ausschließlich wasserlösliche Klebstoffe eingesetzt. Für die Restaurierung wird Japanpapier verwendet, das gute Alterungseigenschaften sowie eine hohe Stabilität und Lebensdauer aufweist. Japanpapier ist in vielen verschiedenen Stärken erhältlich und kann dünn wie ein Spinnennetz oder dick wie Löschkarton sein. Für Sicherungen an Ledereinbänden wird gefärbtes Japanpapier verwendet. Ansonsten wird mit weißem Japanpapier gearbeitet und gegebenenfalls mit Aquarellfarben retuschiert.

Der Großteil der Schäden beruht auf dem alten Insektenfraß, welcher sich meist durch Löcher in Seiten und Einbänden erkennen lässt. Auch durch Mäusefraß geschädigte Buchobjekte finden sich vereinzelt. Unsachgemäßes Entnehmen aus den Regalen führt überdies häufig zu ab- oder eingerissenen Abschlüssen der Buchrücken, in der Fachsprache als Kopf- und Fußhäubchen bezeichnet. Als Klebstoffe für das Japanpapier oder auch das Wiedereinkleben gelöster Seiten wird hauptsächlich Methylcellulose und Weizenstärkekleister verwendet. Ersteres wird vorwiegend für Arbeiten im Inneren der Bücher genutzt, der Weizenstärkekleister allerdings für Restaurierungen an den Ledereinbänden, da dieser eine höhere Klebkraft aufweist. Mehr als 99% der Klosterneuburger Bücher können auf diese Weise für die nächsten Jahrzehnte gesichert werden. Nur bei wenigen Ausnahmen werden Seiten neu gebunden oder auch Schutzumschläge angefertigt. Bände, die eine aufwändigere Restaurierung benötigen, werden zum Teil extern bearbeitet.

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Buchrestaurierung mit Japanpapier © Mirjam Bazán Castañeda

Eines der aktuell in Bearbeitung befindlichen Objekte, das etwas tiefgreifendere Maßnahmen erfordert, ist das Inventar B aus der Musiksammlung. Dabei handelt es sich um ein Musikalieninventar, in etwa um 1830 datiert, das nach Gattungen und innerhalb der Gattungen alphabetisch nach Komponisten geordnet ist. Das Inventar war über hundert Jahre lang in Verwendung und enthält zahlreiche Nachträge und Anmerkungen. Vor etwa 20 Jahren wurde es neu gebunden und im Zuge dessen auch restauratorisch-konservatorisch behandelt. Dabei wurden bereits damals gefährdete Stellen mit hauchdünnem Japanpapier hinterklebt. Die Seiten weisen einen mit Eisengallustinte gezogenen Rahmen um den Satzspiegel herum auf. Das übliche Schadensbild von Eisengallustinte ist Tintenfraß, wobei die in der Tinte befindlichen Eisenionen einen korrosiven Prozess auslösen und das Trägerpapier brüchig machen. Ist der Tintenfraß in einem fortgeschrittenen Stadium kann es zu Ausbrüchen und Textverlust kommen. Im Falle unseres Patienten würde es das Herausfallen des kompletten Satzspiegels bedeuten. Da der Tintenfraß tatsächlich relativ fortgeschritten ist, werden die betroffenen mit Tinte gezogenen Linien mit sehr dünnem Japanpapier unterlegt. Dabei kommt ein Klebstoff auf Alkoholbasis statt eines wässrigen zum Einsatz, da Wasser den Tintenfraß noch verschlimmern würde.

Präventiv erhalten alle Benutzer*innen eine kleine Einschulung in die richtige Handhabung der Bücher, um künftige Schäden zu reduzieren. Jede historische Bibliothek ist anders und hat besondere Anforderungen. Es hat sich gezeigt, dass eine langfristige, minimalinvasive Strategie, die möglichst viele unterschiedliche Sichtweisen auf die Bestände der Sammlungen integriert, schonend für Buch und Budget ist. In der Stiftsbibliothek Klosterneuburg konnte ein Weg erarbeitet werden, der durch Zusammenarbeit mit etablierten Expert*innen verschiedenster Gebiete, gut geschulten Nachwuchskräften und der permanenten Aufmerksamkeit durch das eigene Personal – von den Bibliothekar*innen, über die Bauabteilung, das Kammeramt bis hin zur Stiftsfeuerwehr – eine gute Zukunft bereitet.

[Text und Bilder: Mirjam Bazán Castañeda, Marina Potesil und Martin Haltrich].