Das flämische Altarretabel in der Deutschordenskirche St. Elisabeth in Wien

In der Zeitschrift "Deutscher Orden" Heft 1/2021 berichtete Natalia Zborka über ihre jüngsten Forschungsergebnisse zum flämischen Flügelretabel mit geschnitztem Schrein und bemalten Flügeln aus dem 16. Jahrhundert in der Deutschordenskirche Wien.

Zwischen 1204 und 1206 erhielt der Deutsche Orden als Schenkung von Herzog Leopold VI. dasjenige Grundstück, auf dem sich heute das Deutschordenshaus in Wien befindet. Ab 1258 wurde das Areal von mehreren Bränden heimgesucht, lediglich der romanische Glockenturm blieb dabei verschont. 1326 begann der Bau einer neuen gotischen Kirche, die Konsekration unter dem Patrozinium der Heiligen Elisabeth von Ungarn erfolgte vor genau 625 Jahren am vierten Adventssonntag 1395. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren die Wirtschafts- und Wohngebäude so baufällig geworden, dass Hochmeister Johann Caspar von Ampringen den Auftrag erteilte, sie abzureißen und neu zu errichten. Die Kirche konnte dabei vor der Zerstörung bewahrt werden, man veränderte aber in der Folge Aussehen und Einrichtung: Der Glockenturm wurde erhöht und drei Altäre aus dem Inneren der Kirche durch einen Hochaltar ersetzt; das noch heute ansehnliche Altarbild Maria mit Kind und Heiligen fertigte der Maler Tobias Pock 1667/68 an. Von 1720 bis 1722 wurde die Kirche dann barockisiert, dabei wurde eines der ursprünglich vier großen Fenster der Südfassade zugemauert, die übrigen drei erhielten einen Giebel, der mit Ordenswappen, Statuen und Fialen verziert wurde. Der Glockenturm wurde außerdem erneut erhöht und mit einem barocken Zwiebeldach bedeckt. An beide Seiten der Kirche baute man zusätzlich Ordenshäuser, die sich stilistisch an dem gotischen Vorbild orientieren.

Ab 1864 ließ der Landkomtur Eugen Wilhelm Graf von Haugwitz die Kirche dann regotisieren; der leitende Architekt war damals der Dombaumeister Josef Lippert. An der Außenfassade wurden die Wappen, Figuren und Fialen entfernt, nur das Wappen des Hochmeisters blieb an seiner Stelle. Der Glockenturm wurde im Zuge dieses Prozesses mit einem neogotischen Helm versehen, die barocken Malereien der Kirche wurden durch ein Quadermuster ersetzt. Anlässlich dieser Regotisierung wurde auch ein Retabel aus dem 16. Jahrhundert im Chor der Kirche aufgestellt: Es handelt sich dabei um ein flämisches Flügelretabel mit geschnitztem Schrein und bemalten Flügeln, dessen Fertigung vermutlich auf 1520 zu datieren ist. Dieses sogenannte Passionsretabel weist durch eine Erhöhung des mittleren Teils die Form eines umgedrehten T auf.

Dt orden Innenraum3 klAbb: Der Altarretabel in der Deutschordenskirche. Foto: Zentralarchiv des Deutschen Ordens Wien.

Der Schrein ist in vier Nischen unterteilt, die vergoldete und polychromierte Schnitzfiguren enthalten, er kann zudem von einem großen und einem kleinen Flügelpaar verschlossen werden. Im geschlossenen Zustand sind vier Bildtafeln mit Bildnissen der Apostel Andreas, Petrus, Johannes und Jakobus dem Älteren zu sehen. Die beiden kleinen oberen Flügel zeigen die Gregorsmesse und eine Mariendarstellung im Strahlenkranz. Im geöffneten Zustand erkennt man die Passionserzählung, dabei sind folgende Szenen gemalt und geschnitzt dargestellt: Gefangennahme Christi, Vorführung vor den beiden Hohepriestern Kaiphas und Pontius Pilatus, Geißelung Christi, Dornenkrönung, eine Ecce-Homo-Darstellung, Kreuztragung, Kreuzigung, Christus in der Vorhölle, Kreuzabnahme, Grablegung, Auferstehung und Christus als Gärtner. Die Geschichte des Retabels ist nur teilweise rekonstruierbar, zumindest lässt sich durch die Beschaumarken am Schrein das belgische Mecheln als Herkunftsort bestimmen. Die Werkstättensignatur WAVERE deutet darauf hin, dass Schrein, Skulpturen und Polychromierung aus der Werkstatt des Mechelner Fassmalers Jan van Wavere stammen. Das Retabel wurde nach seiner Anfertigung in der Kapelle der Trägerzunft in der Danziger Marienkirche aufgestellt. Über einen möglichen Auftraggeber, den Kauf oder den Transport nach Danzig können nur Vermutungen angestellt werden, da keine schriftlichen Überlieferungen erhalten sind. Es existieren jedoch Unterlagen über den Verkauf des Retabels an Erzherzog Maximilian Joseph von Österreich-Este, dem Hochmeister des Deutschen Ordens. 1808, kurz vor dem Verkauf der Trägerzunftkapelle, wurde das Retabel von dem Kaufmann Hannemann ersteigert. Bei einer weiteren Auktion 1833 erwarb es der Danziger Zeichenlehrer Johannes Baptista Breysig. 1842 wurde es schließlich an den Hochmeister Maximilian Joseph von Österreich-Este verkauft. Von Danzig aus wurde das Retabel über Berlin und Ratibor auf das Gut des Käufers in Ratsch gebracht und dort von dem Gutsverwalter Joseph Wagini entgegengenommen. Die Aufstellung im Konvent der Deutschordensschwestern in Troppau wird gerne tradiert, belegt ist lediglich die Überführung von dort nach Wien, wo es sich ab 1864 befand. Hier wurde es zunächst von Johann Hutterer restauriert und mit einer neuen Predella und einem neugotischen Gesprenge ergänzt. Hutterer fertigte außerdem drei geschnitzte Gesprengefiguren: eine Madonna, eine Heilige Elisabeth und einen Heiligen Georg. 1867 fand das Retabel einen Platz im Chor der Deutschordenskirche.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde es im Salzbergwerk Altaussee zur Kriegsbergung gelagert. In den Jahren 1947 bis 1954 und 1976 bis 1979 kam es zu umfangreichen Dokumentations-, Reinigungs- und Restaurierungsarbeiten des Bundesdenkmalamtes Wien; diese Arbeiten sind jedoch nur teilweise dokumentiert. Seit 2014 werden die Gesprengefiguren Johann Hutterers von der Akademie der Bildenden Künste Wien gereinigt und restauriert.

Die Erstveröffentlichung dieses Beitrags von Natalia Zborka erfolgte in der Zeitschrift "Deutscher Orden" Heft 1/2021. Wir danken für die Erlaubnis, den Beitrag übernehmen zu dürfen.

[Red.: Irene Kubiska-Scharl]


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