Ergriffen von der (Oster-)Botschaft - Was Kunstvermittlung leisten kann

„Gleich außer der Stadt auf dem Berg, welcher heutigen Tages Berg Calvariae genannt, ist ein heiliges Grab, welches vor etlichen Jahren ich Strasoldo cum licentia superiorum habe erbauen lassen. Dabei ist auch eine heilige Stiegen, welche andächtig frequentiert wird.“ (Georg Andreas de Strassoldo 1675, Pfarrer von Eggenburg von 1653 bis 1676)

Die Eggenburger Grabkapelle reiht sich ein in die zahlreichen Nachbauten der Heilig-Grab-Ädikula in Jerusalem aus dem Mittelalter und der Zeit des Barock. Tragende Kräfte des Anliegens, die Jerusalemer Grabkapelle im kleineren Maßstab in Mittel- und Osteuropa nachzubauen, waren die Orden, der Weltklerus, der Adel und seltener Stifterinnen und Stifter aus der wohlhabenden Bevölkerung. Als Hüter der Heiligen Stätten im Heiligen Land setzte in erster Linie der Franziskanerorden in seinen verschiedenen Zweigen Initiativen für die Errichtung von Nachbildungen der Grabeskapelle Christi. Über die letzten Jahrzehnte suchte die wissenschaftliche Forschung die Nachbauten des Jerusalemer Vorbildes zu katalogisieren, zu beschreiben, Vorbilder für die jeweiligen Kapellenbauten zu eruieren und ihre Stifterinnen und Stifter festzumachen. Die Frage, welchen „Sitz“ im religiösen Leben der Menschen sie haben, wurde zumeist stiefmütterlich behandelt.

Im Zuge wissenschaftlicher Recherchen zur Grabkapelle auf dem Eggenburger Kalvarienberg stieß ich auf einen engen Schacht, der schräg durch die Seitenwand des Gebäudes in dessen Vorraum führt. Die Literatur beschreibt an weiteren Beispielen diese Wandöffnung, liefert jedoch keine befriedigende Interpretation dazu. Die Zeit des ersten coronabedingten Lockdowns ließ mir in den Stunden des Sonnenaufgangs Zeit, meiner Vermutung nachzugehen: Durch die enge Öffnung in der Seitenwand der Grabkapelle fällt einmal im Frühling für wenige Minuten das volle Licht der aufgehenden Sonne. Prachtvoll strahlt es als Zeichen der Auferstehung durch die offene Tür der Kapelle.

Im Vorjahr durfte ich erstmals dieses Ereignis am frühen Morgen selbst erleben. Es war ein großes Geschenk für mich. Ich war so überwältigt, dass die Tränen in mir hochstiegen. Das Foto, das ich dabei machen konnte, fängt nur einen Bruchteil des wirklichen Erlebens ein.
Aber, was ist es, das einen in solchen Momenten so direkt – auch körperlich spürbar – berührt?
Da ist die Hochachtung vor der großartigen Überlegung und architektonischen Leistung der Erbauer der Grabkapelle vor 350 Jahren. Ich bin jetzt überzeugt davon: Pfarrer Andreas de Strassoldo ließ die Lichtluke auf den Tagesanbruch des Ostersonntags im Jahr 1669 hin orientieren. Da fiel die Sonne erstmals durch den kleinen Schacht und berührte die Menschen auf dem Vorplatz.


Durch den Bau, das gebündelte Licht der aufgehenden Sonne und noch viel mehr durch das persönliche Erleben wird seither das Osterereignis von Jerusalem nach Eggenburg geholt, so als wollte uns Ostern „nachgehen“. Und dieses Bewusstsein ist noch viel „anrührender“ als die Hochachtung vor der technischen Glanzleistung.
In unserem kleinen Ort kennen alle die Kapelle am Kalvarienberg. Das Bild vom Durchbruch der Auferstehungssonne überraschte und begeisterte jedoch alle, mit denen ich darüber ins Gespräch kam. Gewiss werde ich heuer nicht mehr allein sein, wenn ich am 21. April vor Sonnenaufgang bei hoffentlich schönem Wetter zur Grabkapelle wandere.
Am besten kann man das glaubhaft vermitteln, wovon man selbst berührt worden ist.

[Text und Fotos: Christian Jordan / Religionslehrer, Theologe und Kunsthistoriker, Mitglied des Leitungsteams der Arge Kirchenpädagogik]