Kultur & Dokumentation

Einblick in die Schlierbacher Stiftsbibliothek

Bei jedem Betreten der Bibliothek stehe ich vor der Frage: Was war zuerst, die Henne oder das Ei? Haben die Schlierbacher einen Prachtbau hingestellt um mit den anderen Stiften mithalten zu können, oder haben sie eine Menge Bücher gekauft und brauchten dann einen Raum um sie unterzubringen?

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Anlass für diese Frage ist ein Sermo des Abtes Christian Stadler aus dem Jahr 1735, in dem er rügt, dass die Bücher, die sein Vorgänger um teures Geld gekauft habe noch immer herumlägen und von manchen sogar eigenmächtig weggeschafft bzw. verkauft würden. Er ernennt deshalb P. Melchior Zobl zum Bibliothekar und beauftragt ihn mit der Erstellung eines Verzeichnisses. Damit beginnt auch unsere eigentliche Bibliotheksgeschichte.

Aus dem sicher nicht sehr umfangreichen Buchbestand des Nonnenklosters (gegründet 1355) überdauerten nur wenige Bände die Zeit in der das Kloster von den Nonnen verlassen, von verschiedenen Leuten recht und schlecht verwaltet wurde. Einer der Codices fungiert aber als „Geburtsurkunde“ für das Frauenkloster. Erst aufgrund einer Untersuchung der Handschrift Nr 2 am Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man die Herkunft der Nonnen einigermaßen sicher feststellen. Als 1620 die Mönche aus Rein kamen und Schlierbach wiederbesiedelten hatten sie wohl auch nur die vom Orden vorgeschriebenen Bücher mit.

Wie kam wohl der weitere Buchbestand zustande: Durch den Kauf eines der Patres oder zentral, worauf die verschiedenen äbtlichen Supralibros verweisen. In vielen Bänden findet man den Namenszug „P. Petrus Fischer“. Schlierbach war Mitte des 19. Jahrhunderts so sehr verschuldet, dass man fürchtete aufgehoben zu werden. Dieser Pater erklärte deshalb fast sämtliche Bibliotheksbücher zu seinem Privateigentum.

Bei den im Sermo erwähnten „teuren Büchern“ handelt es sich um einen Großteil des Buchbestandes des 1627 verstorbenen Job Hartmann Enenkel. Enenkel war mehr als ein Biblophiler, er besaß die Bücher nicht nur, er arbeitete mit ihnen. Unzählige Vermerke hat er in seine Bücher geschrieben, auch ließ er die Nachbesitzer wissen, wie, wo und wann und von wem er sie erworben hat. Aus seinem Besitz lassen sich 1107 Titel in 772 Bänden nachweisen. Erweitert wurde die Bibliothek u.a. aus den Beständen der Schallenberg und Rödern. 486 Titel stammen aus der Bibliothek des Landschaftsarztes Christoph Bitterkraut. (+1680) Nach Fachleuten eine medizinische Bibliothek, die für ihre Zeit am aktuellsten Stand war.

Waren vielleicht die verschiedenen Provenienzen auch der Grund für die Umschrift des äbtlichen Wappens? „Construens Bibliotecam. Congregavit de Regionibus libros“. Etwa so: Um eine Bibliothek zu errichten trug er von überall her Bücher zusammen.

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Die damals geordneten Bücher und viele von den anderen, die im Zeitraum von 1500-1900 erschienen sind, insgesamt 1050 Bände befinden sich nun geordnet in 48 Schränken im 1712 fertiggestellten zentralen Kuppelbau. Die anderen, für eine Klosterbibliothek eher bescheidenen Buchbestände Schlierbachs sind in verschiedenen Räumen untergebracht. Um einen nicht vergessen zu lassen, dass die Bibliothek mehr als ein Prachtbau sein will, fällt der Blick beim Eintritt in den Raum sofort auf ein Deckenfresko. Es zeigt den König Salomo zu dem die Königin von Saba auf Besuch kommt. Sie rühmt seine Weisheit, die überall bekannt sei. Wie reagiert nun Salomo? Er zeigt mit seinem Szepter auf die Bücher seiner Bibliothek.

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Einen guten Einblick in die Aktivitäten im Stift Schlierbach finden Sie hier!

[Text und Bilder: P. Friedrich Höller OCist, Bibliothekar Stift Schlierbach]

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