Alte Mauern - Neue Erkenntnisse

Das Wissen über die Baugeschichte auf dem Göttweiger Berg hat sich seit den 1960er-Jahren wesentlich erweitert. Das zeigt eine Sonderausstellung im Stift Göttweig.

Stift Göttweig sowie Areale außerhalb der Klostermauern standen im Mittelpunkt archäologischer Untersuchungen und es kam zu Befundaufnahmen durch Grabungen, Georadar-Messungen und Drohnenfotografie. All diese Maßnahmen führten zu neuen Erkenntnissen im Hinblick auf Bauten, die von der Römerzeit bis in die Neuzeit entstanden sind, von denen sich allerdings nur Teile bis in die Gegenwart erhalten haben.

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Bereits im 19. Jahrhundert zeigten drei Göttweiger Benediktiner ein außergewöhnliches historisches und archäologisches Interesse. Adalbert Dungel, von 1886–1923 Abt von Göttweig, war an zahlreichen Ausgrabungen beteiligt, auch in leitender Funktion. Leopold Hacker (1843–1926) entdeckte die Gudenushöhle, wo er ab 1884 archäologische Grabungen durchführte. Lambert Karner (1841–1909) erlangte Berühmtheit als Erdstallforscher und legte 1903 sein Hauptwerk „Künstliche Höhlen aus alter Zeit“ vor. Adalbert Dungel, Leopold Hacker und Lambert Karner – bekannt als „Göttweiger archäologisches Dreigestirn“ – beschäftigten sich freilich noch nicht mit der Baugeschichte Stift Göttweigs; Grabungen im Bereich des Klosters fanden erst Jahrzehnte später statt.

In den 1960er-Jahren wurde die Neugestaltung des Göttweiger Stiftshofes in Angriff genommen. Archäologen des Bundesdenkmalamtes begleiteten die umfangreichen Erdarbeiten und sie nahmen ihrerseits gezielte Ausgrabungen vor. Eine vergleichsweise günstige Fundsituation konnte im Bereich der Erentrudiskapelle festgestellt werden und es gelang, eine keltische Wohnstelle, römische Mauerreste sowie das Fundament einer mittelalterlichen Saalkirche freizulegen, bei der es sich vermutlich um jenen Sakralbau handelt, der 1072 durch Bischof Altmann von Passau (ca. 1015–1091) geweiht worden war.

Die Archäologische Forschung auf dem Göttweiger Berg pausierte nach den ausgedehnten Grabungen der Jahre 1963–1967 für längere Zeit, intensivierte sich allerdings wieder ab 2005. Damals wurde der Predigtstuhl, im Süden des „Göttweigers“, Schauplatz von Ausgrabungen, die bis 2010 andauerten. Archäologen war es insbesondere möglich, die Kirche St. Georg zu lokalisieren, eine Sensation, denn damit bestätigte sich, dass die in der „Vita Altmanni prior“ (um 1140) genannte Georgskirche tatsächlich existierte.

Herausragende Forschungsergebnisse erzielten Archäologen auch in der Folgezeit

Bei Grabungen im Priorgarten 2016 wurden Fundamentmauern des „Neuen Kreuzganges“ entdeckt, der unter Abt David Gregor Corner (1631–1648) vollendet wurde. 2018 war die Burg von Göttweig Gegenstand bauhistorischer Untersuchungen, die sorgfältige Begutachtung des Mauerwerks erfolgte mit Blick auf historische Ansichten und Pläne. Die Forschungen ergaben, dass ab der Mitte des 15. Jahrhunderts eine viertürmige Geschützfestung mit umlaufendem Graben entstanden war. Der Wehrbau sollte im 18. Jahrhundert zum Teil den barocken Stiftsbauplänen zum Opfer fallen, um 1780 wurde nämlich die Osthälfte abgerissen; die Westhälfte der Burg von Göttweig blieb bis heute erhalten. Noch im selben Jahr 2018 erwies sich eine Gebäudeaußenmauer im Westen des Klosters, nach Abschlagen des Putzes, überraschend als hochmittelalterlich. Der Mauerabschnitt, so die Deutung, könnte von einem Saalgeschoßbau stammen, der wiederum zur Göttweiger Residenz Bischof Altmanns von Passau gehörte – entlang der hochmittelalterlichen Außenmauer durchgeführte Grabungen des Jahres 2019 bestätigten diese Vermutungen jedoch nicht.

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In jüngster Zeit bedienten sich Archäologen moderner Technologien, um Fragen zur Göttweiger Baugeschichte beantworten zu können. Anfang 2019 lag der Fokus archäologischer Betrachtungen auf napoleonischen Stellungsbauten, die 1809, strategisch günstig, im Wald nordöstlich von Stift Göttweig errichtet worden waren. Mit dem Ziel, die noch erhaltenen Oberflächenstrukturen der mehr als 200 Jahre alten Geschützstellungen zu dokumentieren, steuerten Archäologen eine Fotodrohne über das ehemals militärische Gebiet (auch als Stuckplatz bezeichnet).

Der Monat Juli stand 2019 im Zeichen von Georadarmessungen, und es galt, verschüttetes, bodennahes Mauerwerk im Stiftsareal zu erfassen. Die Bestandsaufnahme der Überreste von Vorgängerbauten des heutigen Stiftes Göttweig erfolgte mit Hilfe eines fahrbaren Georadars, das über Freiflächen im Osten, Süden, Westen und im Zentrum des Stiftsareals geschoben wurde.

Die Göttweiger Sonderausstellung 2020 „Archäologie in Göttweig: Alte Mauern – Neue Erkenntnisse“ veranschaulicht den notwendigen Zusammenhang von Archäologie und Baugeschichte am Beispiel maßgeblicher Forschungsprojekte der Vergangenheit. Die Vielfalt der archäologischen Kampagnen wird anhand zahlreicher Originale aus den Göttweiger Stiftssammlungen sowie anhand von Leihgaben und fotografischen Ansichten erfahrbar. Die Sonderausstellung, eine Leistungsschau archäologischer Forschung auf dem Göttweiger Berg, schafft auch ein Bewusstsein für die Neugierde und den Pioniergeist jener Personen, die archäologische Maßnahmen verwirklichen – handelnde Personen werden im wahrsten Sinne des Wortes „sichtbar“ gemacht. Insofern ist die Ausstellung auch zukunftsweisend zu nennen: Mit wissenschaftlichem Engagement und Ehrgeiz, in Stift Göttweig und Umgebung weitere archäologische Initiativen anzustoßen und Forschungsprojekte umzusetzen, darf auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gerechnet werden!

[Mag. Dr. Angelika Kölbl – Kuratorin der Ausstellung]

Ausstellungssaison 2020 in Göttweig: 5. Juni –1. November, Öffnungszeiten: täglich 10:00–17:30 Uhr.

Beitragsbild: Burg von Göttweig (c) Bernhard Rameder, Abb.1: Abt Adalbert Dungel (1886-1923) unternahm archäologische Forschungen (c) Stift Göttweig, Abb. 2: Göttweiger Konventgarten: Georadarmessung 2019 (im Bild: Alarich Langendorf B.A.) (c) Bernhard Rameder