Ordensnachrichten 2005/6 - Zum Geleit

Ordensnachrichten



Geleitwort von

Mag. Sebastian Bock
Redakteur der Ordensnachrichten

„Leidenschaft für Christus, Leidenschaft für die Menschen.“ So lautete das Thema eines internationalen Kongresses über Fragen des Ordenslebens, der vom 23. bis 27. November 2004 in Rom stattfand. Veranstalter waren die Vereinigungen der Ordensoberinnen (UISG) und der Ordensoberen (USG). Einen solchen Ordenskongreß hat es bisher noch nie gegeben, weder was die mit 850 enorm hohe Zahl der Teilnehmer aus allen fünf Kontinenten angeht noch die Tatsache, daß der Kongreß von den Vertretern der Frauen- und der Männerorden gemeinsam veranstaltet wurde. Die Botschaft von Papst Johannes Paul II. an die Kongreßteilnehmer und das mutige Schlußdokument haben die „Ordensnachrichten“ bereits in Heft 1/2005 festgehalten.

Eine Dokumentation des gesamten Kongresses in deutscher Sprache, angereichert durch grundlegende Beiträge zum Ordensleben im deutschen Sprachraum, wird in der Reihe der Deutschen Bischofskonferenz erscheinen. Der Abdruck ausgewählter Beiträge in unseren Ordensnachrichten soll auf die Lektüre dieser Dokumentation schon Geschmack machen.
 An den Anfang haben wir den Beitrag des früheren Generalmagisters der Dominikaner, P. Timothy Radcliffe, gestellt: „Ordensleben nach dem 11. September 2001. Zeichen der Hoffnung für eine globale Welt“ (Seite 3-15). Der Anschlag damals auf das World-Trade-Center in New York hat die Welt verändert: „Wir leben im Schatten des 11. September.“ Radcliffe spricht von der „Krise der Heimatlosigkeit“, in der sich die Menschheit befinde, dem „destruktiven Prinzip von Macht und Kontrolle“, dem sie seitdem mit geballter Macht unterworfen ist, und der weitverbreiteten Angst vor der unsicheren Zukunft. In dieser globalen Welt der Hoffnungslosigkeit sind die Orden ein Zeichen der Hoffnung. Ja, sind nicht „unsere Ordensgelübde eine öffentliche Verpflichtung, offen zu bleiben für Gottes Überraschungen, die all unsere Zukunftspläne auf den Kopf stellen und Dinge von uns verlangen, die wir uns nie vorgestellt hätten“? (Seite 10). Jede Ordensleitung sollte heute die Türen und Fenster unserer Häuser weit öffnen, um den Geist einzulassen, von dem niemand weiß woher er kommt und wohin er geht …
 Im zweiten Beitrag geht es um das Ordensleben als alternative Lebensform: „Die Gelübde der Armut und des Gehorsam als Bausteine zu einer alternativen Welt“ (Seite 16-34). „Durch ihre Gelübde schaffen Ordensleute eine alternative Welt inmitten dieser säkularisierten Welt“, so die Autorin, Sr. Sandra M. Schneiders, Mitglied des Ordens der Dienerinnen des Unbefleckten Herzens Mariens und Neutestamentlerin in Berkely, Kalifornien. Anhand der Unterscheidung zwischen einer Geschenk- und Bedarfswirtschaft zeigt sie, wie heute eine evangeliumsgemäße Armut möglich ist. Und auch das Gelübde des „Gehorsam“ habe durchaus neue Chancen, nämlich wenn man als Ausdruck persönlicher Freiheit durch Teilnahme und Kooperation interpretiere. Diese im Evangelium grundgelegte „prophetische Organisation der Machtausübung innerhalb einer Gemeinschaft dient im letzten zur Stärkung der Freiheit im Dienst der persönlichen Heiligung und des Apostolats“ (Seite 30). Am Beispiel der Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4) und des Barmherzigen Samariters (Lk 10) zeigt Sr. Schneiders abschließend, wie die alternative Welt des Ordenslebens auch zu einem verstärkten Engagement für eine bessere Zukunft für alle Menschen führt.
 Der dritte Beitrag ist ein glänzendes Zeugnis fraulicher Spiritualität und allegorischer Schriftauslegung: „Auf der Suche nach Brunnen und Wegen. Bilder der Bibel zum Ordensleben“ (Seite 35-57). In einem meditativen Prozeß will die spanische Sacré-Coeur-Schwester Dolores Aleixandre die Leserin und den Leser zur Wahrnehmung des eigenen Durstes nach lebendigem Wasser führen und zur Erkenntnis all der Dinge, die sich auf den Straßen des alltäglichen Lebens abspielen – und worauf Ordensleute antworten sollten. An der Hand der Samariterin am Jakobsbrunnen und dem Barmherzigen Samariter macht sie sich auf zu den konkreten Mitschwestern und Mitbrüdern, versucht, alte Gewohnheiten, Verhärtungen und verdorrte Strukturen aufzubrechen, menschliche Wärme und Annahme, Barmherzigkeit und Zärtlichkeit zur Geltung zu bringen und den Durst nach dem lebendigen Wasser zu wecken. So öffnet sie die Wege „für das Neue, das der Geist schafft“.
 Alle Beiträge dieses Heftes schauen nach vorn, in die Zukunft des Ordenslebens, das uns in gewandelter Gestalt begegnen wird. Auch die Ordensnachrichten werden nach über 25 Jahren das Gewand wechseln. Entworfen wurde es 1980 von einem engagierten Team, das dem damaligen Generalsekretär P. Leonhard Gregotsch OSCam zur Seite stand. Allen voran Dr. Peter Kuderer (+ 1985), der fast 20 Jahre lang die Redaktion der Ordensnachrichten mit Können und großem persönlichen Engagement betreut hat. Ich selbst durfte ihm 1983 nachfolgen. Da seitdem die Aufgaben in der Redaktion gewachsen sind, nicht zuletzt durch den Aufbau und die Betreuung der Homepage der Superiorenkonferenz, verstärkt seit dem Jahr 2000 Herr Mag. Hubert Winkler das Redaktionsteam, das jetzt unter der Leitung des Generalsekretärs P. Erhard Rauch SDS steht.
 Immer mehr Laien und engagierte Mitarbeiter von Ordensgemeinschaften informieren sich in unserer Zeitschrift über die Arbeit und Sorgen der Orden und wollen erfahren, wie es mit den Ordensleben in anderen Ländern aussieht. Nicht zuletzt im Blick auf diese Lesergruppe freuen wir uns, daß das neue Kleid der Ordensnachrichten noch ansprechender und lesefreundlicher werden wird. Mögen unsere Beiträge auch in Zukunft unsere „Leidenschaft für Christus und für die Menschen“ lebendig erhalten und die Freude an, mit und in der Kirche verstärken.

Wien, im Dezember 2005