Ordensnachrichten 2006/4 - Zum Geleit



Geleitwort von P. Erhard Rauch SDS



Ordensleben heute: Unser spirituelles Leben angesichts der Herausforderungen in Europa.


„Es gibt Anzeichen, die darauf hinweisen, dass die Europäer sich wieder auf die Suche machen, nach etwas suchen!“ Bischof Amédée Grab sprach diese Worte bei der vatikanischen Tagung zum 40. Jahrestag des Konzilsdekretes „Perfectae caritatis“. Ausgangspunkt dieses neuen Denkens waren eher die Tragödien der jüngsten Vergangenheit als eine Reflexion der Zeichen der Zeit. Die Sicherheiten, auf die Europa gesetzt hat, sind ins Wanken geraten. Terror und Naturereignisse haben sowohl den Wohlstand als auch die Sehnsucht nach Geborgenheit und Frieden aus dem Gleichgewicht gebracht. Selbstgemachtes unter Ausschluss der Solidarität hat sich als angreifbar erwiesen. Plötzlich sucht man wieder den größeren Zusammenhang, die übergeordneten Werte.

Gibt es sie doch, die christlichen Wurzeln dieses Kontinents?

Die Generalversammlung der Union der Europäischen Konferenzen der Höheren Ordensoberen/innen – UCESM stellte sich dieser Herausforderung. Die Vertreter und Vertreterinnen aus 42 nationalen Ordenskonferenzen in 26 europäischen Ländern mit ungefähr 400.000 Ordensfrauen und Ordensmännern versuchte dieser Frage auf der 12. Generalversammlung in Fatima/Portugal vom 6. bis 12. Februar 2006 nachzugehen.

Die Diplom-Sozialwissenschaftlerin und Vizesekretärin der vatikanischen Ordenskongregation Sr. Enrica Rosanna FMA stellte in ihrem Referat vier Fragen: nach Wahrheit, nach der Würde des Menschen, nach Liebe und nach Frieden. Besonderen Akzent setzte sie auf die richtige Sicht der Globalisierung. Ihr tiefster Sinn sei nicht wirtschaftlich und politisch, sondern anthropologisch. Es geht um eine auf die Person ausgerichtete Globalisierung, eine Globalisierung der Solidarität. Gerade die Ordensleute sollten bezeugen, dass allein der Glaube an Gott den Vater dem Wert der Person ein heiliges Fundament gibt, das die wahre Bedeutung des Reichtums jedes Mitmenschen entdecken lässt.

P. Mark Rotsaert SJ, Vorsitzender der Konferenz der Europäischen Provinzoberen der Jesuiten, versuchte aus der Geschichte des Ordenslebens ein konstantes Merkmal aufzuzeigen: Eine Krise der Zivilisation hatte immer neue Formen des religiösen Lebens zur Folge. Aber immer standen im Zentrum die drei Gelübde, die drei grundlegende Dimensionen jedes menschlichen Lebens berühren. Sie stehen im krassen Gegensatz zu den drei Versuchungen Jesu in der Wüste, die ebenfalls genau auf diese Lebensdimensionen abzielen: Nahrung, Anerkennung und das Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Es gilt, der Kultur des Lebens zu folgen und der Strategie des Bösen die Strategie Christi entgegenzusetzen.

Vielleicht ist es gerade die Strategie, die wir in unserem Ordensleben vermissen. Routine, tägliche Wiederholungen lassen unser religiöses Leben oft eintönig werden. Eine Strategie, kurzfristige bis langfristige Ziele, stellen unser Leben in ein Verhältnis von Vermächtnis und Vision, verbinden sie mit den Zeichen und Anfordernissen der Zeit.

Gute Gedanken zur Heiligung der Zeit im Stundengebet, die diese Routine unterbrechen können, hat Christoph Freilinger zum „Tag des geweihten Lebens“ in Linz im Rahmen eines Vortrages ausgesprochen. Er zeigt ein „Haus der Zeit“ auf, das Ordensleute gemeinsam betreten können, und spricht von einem Privileg, das aber nicht nur zur persönlichen Erbauung gegeben ist, sondern auch einen Auftrag, der stellvertretend für die ganze Welt wahrgenommen wird. Damit sind Ordenschristen ein Zeichen der von Gott erfüllten Zeit, die als zunehmendes und bereicherndes Geschenk gegeben wird.

Bedanken möchte ich mich für die Reaktionen auf das neue Layout der Ordensnachrichten. Die neue Form wird gut angenommen. Dank auch an Herrn Sebastian Bock und Herrn Hubert Winkler, die diese Vorgabe der Grafikerin immer mit gutem Inhalt füllen.

P. Erhard Rauch SDS