Ordensnachrichten 2006/5 - Zum Geleit

On 2006/5

Geleitwort von Weihbischof Dr. Franz Scharl
Bischofsvikar für die Kategoriale Seelsorge und die anderssprachigen Gemeinden in der Erzdiözese Wien

Als einer, der von Salzburg nach Wien zum Studium zog, habe ich irgendwie die alte Heimat zugunsten einer neuen Heimat eingetauscht, die anders war und mich mit ihrer neuen Weite anzog. Eine Art Entdeckungsreise in eine neue Welt. Das Studium von Philosophie und Ethnologie an der Universität Wien vermittelte mir darüber hinaus das Kennenlernen von erweiterter Welt – an Denkweisen, Kulturen, Musik, Religionen, Spiritualitäten … Dieses Kennenlernen bezog sich auch auf Menschen. Es muss – wenn ich mich recht entsinne – das erste oder zweite Weihnachtsfest als Student wieder einmal zuhause im kleinen Dorf gewesen sein, als ich zu diesem Fest einen Gynäkologen aus Khartoum und einen Gehirnchirurgen aus Manila auf den Bauernhof einlud. So konnte auch meine Familie zuhause etwas von der weiten Weltluft schnuppern. Damals war von meinem Weg zum Priestertum noch nicht die Rede. Diese überraschende Wende kam erst etwas später.

Mein Interesse an der Verschiedenheit der Welt kam mir als Pfarrer der Pfarre „Auferstehung Christi“ in Wien-Margareten (5. Bezirk) zugute. Als der Wunsch eines afrikanischen Priesters, der für die englischsprachige Afrikanisch-katholische Gemeinde zuständig war, nach einer größeren Kirche an mich herangetragen wurde, suchte ich Wege, dieser Gemeinde – in Abstimmung mit dem Pfarrgemeinderat – in meiner  damaligen Gemeinde ein Stück Heimat zu geben. Aus einer eher kleineren anderssprachigen, anderskontinentalen Gemeinde von ca. 70–80 Personen wurde im Laufe etlicher Jahre eine Gemeinde, die über 400 Leute anziehen konnte. Gemeinsam gestalteten wir den Palmsonntag, Fronleichnam, das Pfarrfest ... Die Reaktionen der Gemeinde waren quer durch die Altersgruppen entweder recht positiv, immer wieder aber auch kritisch. Viele bekamen Angst vor der großen Zahl dieser vor allem jungen Burschen aus Afrika. Manche Gewohnheiten waren sehr viel anders als unsere. Es gab manches zu lernen, z. B. der Bereich Reinigung, wo es manche Bemühungen seitens der Mitglieder der Afrikanisch-katholischen Gemeinde gab, unseren Standards näher zu kommen. Wie verschieden Weihnachten gefeiert wurde, zeigte die kulturellen Auffassungsunterschiede an. Die in Österreich Inkulturierten wollten etwas von einer stillen Weihnacht  erleben, für unsere afrikanischen Brüder und Schwestern war Weihnachten eher ein fröhliches Fest. So eine Erfahrung hilft, das Evangelium von der Inkulturation zu unterscheiden.

In der Erzdiözese Wien bieten mehr als 30 anderssprachige Gemeinden Katholiken aus den verschiedensten Ländern eine „geistliche Heimat“. Nach Schätzungen hat jeder fünfte Wiener Katholik eine andere Muttersprache als deutsch; viele dieser anderssprachigen Katholiken nehmen sowohl in der Wohnsitz- als auch in der Sprachgemeinde am kirchlichen Leben teil. Sie sind kein exotischer Aufputz für Pfarrfeste, sondern repräsentieren die Vielfalt der Kirche und sind Ansporn, sich mit den verschiedenen Traditionen auseinander zu setzen.

Als Zuständiger für anderssprachige Gemeinden freue ich mich einfach über die enorme Vielfalt der Kirche, auch unserer katholischen Kirche u. a. in unserer Erzdiözese Wien. Sie lässt die noch viel größere Weltkirche erahnen, und das lässt mich aufatmen. Das heißt aber nicht, dass damit automatisch schon alle Probleme gelöst wären. Allerdings geben uns anderssprachige Gemeinden die Möglichkeit, viel zu lernen, viel  voneinander zu lernen – es ist keine Einbahn, sondern mindestens eine zweispurige Straße. Anderssprachige (früher sagte man: fremdsprachige) Gemeinden sind eine große Chance, aber auch eine gewisse Herausforderung für uns als Erzdiözese. Es handelt sich z. T. um schon länger in Wien befindliche Gemeinden (ungarische, tschechische …), aber auch um erst in den letzten Jahrzehnten gewachsene Gemeinden  (philippinische, afrikanische Gemeinden …). Viele Menschen ziehen zu uns, da sie eine gute Ausbildung absolvieren können, bessere Arbeitschancen vorzufinden scheinen.

Als erste Anlaufstellen für die Hilfe zur Bewältigung des Lebens in der Fremde leisten die Gemeinden auch einen wichtigen Beitrag zur Integration von Migranten. Ziel ist die Integration bei gleichzeitiger Bewahrung der eigenen Identität. Zwischen den beiden Extremen totale Anpassung und totale Ablehnung gibt es den Weg, voneinander zu lernen. Dabei ist es wichtig, unterschiedliche Wertvorstellungen gegenseitig zu akzeptieren. Ich freue mich, dass die Internationale Missionsstudientagung der Superiorenkonferenz dieses wichtige Thema Migration aufgegriffen hat und kann die in dieser Ausgabe der Ordensnachrichten dokumentierten Beiträge nur eindringlich zur Lektüre und zur Umsetzung in den einzelnen Pfarren und Ordensgemeinschaften empfehlen.