Ordensnachrichten 2007/2 - Zum Geleit

Ordensnachrichten  

Geleitwort von Sr. Dr. Beatrix Mayrhofer SSND
Vorsitzende der Direktoren ordenseigener Schulen (ADOS)

Ich hab ihn schon immer gern gehabt, den Karsamstag. Schon als Kind war er für mich ein ganz besonderer Tag. Mein Vater war Mesner im Hauptberuf, Mesner rund um die Uhr und sieben Tage die Woche. Täglich begann sein Dienst vor sechs Uhr morgens mit der Frühmesse und dem Angelus-Läuten. Elektrischen Strom gab es damals ja nicht für die Glocken. Nie war der Vater am Morgen daheim – außer an den großen heiligen Tagen der Karwoche, denn da gab es keine Frühmesse, und am Karfreitag und Karsamstag „waren die Glocken in Rom“ . Wir haben in der Familie auch geschwiegen. Aber während unsere Eltern uns lehrten, am Karfreitag ganz bei Jesus in seinem Leiden zu sein, hatte der Karsamstag so seine besondere Stimmung. Die Stille war erfüllt von einem eigenartigen Knistern, von der mühsam niedergehaltenen Vorfreude auf das Fest, vom verheißungsvollen Rascheln und schließlich vom Krachen der brennenden Holzscheite, vom Aufflackern des Osterfeuers.

Ich kann auch heute nicht traurig sein am Karsamstag. Ja, Jesus ist tot – aber er wirkt, was wir glaubend bekennen: er steigt hinab in die letzten Tiefen der Unterwelt, er holt sie alle – und einmal auch mich –  heraus aus den Winkeln der Verlassenheit. Eindrucksvoll zeigen uns das die Oster-Ikonen, in denen sich uns ein Fenster zur Ewigkeit öffnet.
Bei uns im Kloster ist die Stille des Karsamstags auch erfüllt von den eiligen Schritten aller, die das große Fest vorbereiten, die sich kümmern um die Liturgie, die Blumen, die Kerzen, die köstlichen Speisen. Das Osterlicht bricht schon überall durch, während wir Grabwache halten.
Da ist es den Jüngern damals ganz anders ergangen. In ihre Stille am Sabbat ist die Trauer hereingebrochen, die große Verzweiflung. Sie wussten noch nicht, dass es eine Zusage gibt, die auch im Tod nicht verlöscht. Trostlos waren sie, ratlos und sprachlos. Stumm vor Schmerz.
Die Frauen, so erzählen uns die Evangelisten, finden als erste die Sprache wieder. Sie beraten, sagt Markus, wer ihnen wohl den Stein wegwälzen hilft, und Lukas berichtet von der Maria von Magdala, die ihren geliebten Rabbuni anredet und dann den Jüngern von der Auferstehung berichtet.
Und diese Rede ist bis heute nicht verstummt. Sie darf nicht verstummen, denn trostlos, ratlos und in tiefer Seele sprachlos sind viele Menschen. Sie wissen nicht, noch nicht oder nicht mehr, dass es eine Zusage gibt für ihr Leben. Sie haben noch nie gehört oder vergessen, was Christen zu Ostern feiern.
Gottvergessen haben sie auch Jesu Tod vergessen. Erlösung erhoffen sie nicht vom Gekreuzigten. Darum können sie das Kreuz auch zur Modenschau tragen. Todessymbole sind zur Zierde, zum Spielzeug geworden, zum Markenzeichen für Musikgruppen. Totenköpfe prangen auf T-Shirts und Skateboards und baumeln in niedlichem Silber als Schmuck in den Ohrgehängen der jungen Frau, die am Karfreitag neben mir in der U-Bahn steht.
Durch die Fugen des Lebens zwängt sich der Tod in den Alltag.
Wer verkündet das Leben?
Wir dürfen nicht schweigen, wir Christen, die in jeder Eucharistiefeier den Erlösertod Christi bekennen und die Auferstehung bezeugen im österlichen Dienst des Gotteslobes, des Gottes-Dienstes in seinen vielfältigen Formen.
„Wir sind dabei, unser kostbarstes Erbe zu verschleudern: Gott zu kennen, wie Jesus Christus ihn uns bekannt gemacht hat“ – zitiert P. Dr. Hubert Lenz in dieser Ausgabe der Ordensnachrichten die deutschen Bischöfe und stellt das Projekt „Wege gemeinsamen Glaubens“ von Valledar vor. „Zukunftsgespräch“ haben die Bischöfe und die Gemeinschaften des geweihten Lebens ihr Treffen in Würzburg genannt und Kardinal Karl Lehmann spricht in seinem theologischen Hauptvortrag vom „lebensnotwendigen Beispiel einer christlichen Existenz, die auf alle sonstigen Lebenssicherungen verzichtet“. Kardinal Christoph Schönborn hat beim Schultag in Wien-Lainz im Herbst 2006 eindringlich von der Aufgabe der katholischen Schule gesprochen, in der „Arbeit auf Zukunft hin“ geschieht.  Als Beitrag auf Zukunft hin können auch die Ausführung des rumänisch-orthodoxen Bischofsvikars Nicolae Dura über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der Orthodoxie und den Katholiken gelesen werden.
Möge diese Ausgabe der Ordensnachrichten uns wieder darin bekräftigen , dass wir „unmöglich schweigen können über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4,20), weil wir – um Dorothee Sölle zu zitieren – wissen:

„dass ein mensch dem tod nicht mehr entgegenrast
dass der tod hinter einem sein kann
weil vor einem die liebe ist“

(aus: dorothee sölle. fliegen lernen. gedichte. fietkau, berlin 1994)