Ordensnachrichten 2009/2 - Zum Geleit

Ordensnachrichten 2009 Heft 2

 

Geleitwort von Mag. Anton Eder
Direktor des Stiftsgymnasiums der Benediktiner in Melk
Stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Direktoren ordenseigener Schulen (ADOS)

Erziehung und Bildung sind in Folge der mittelmäßigen Ergebnisse bei internationalen Vergleichsstudien wie PISA schon seit längerer Zeit ein gesellschafts­politisches und mediales Thema.  Katholische Schulen bieten ein qualitativ hochwertiges Angebot sowie eine klare Wertorientierung und erfreuen sich steigender Schülerzahlen. Der rasante gesellschaftliche Wandel, gekennzeichnet durch Religions-, Traditions- und Werteverlust, hat aber auch in den Katholischen Schulen Spuren hinterlassen. Damit stellt sich die Frage nach dem besondern Auftrag einer Katholischen Schule heute.

Prof. Dr. Wilhelm Wittenbruch hat sich im November 2008 am Schultag in Wien/Lainz dieser Frage angenommen. Für ihn ist entscheidend, dass der christliche Glaube nicht nur liturgisch behauptet, sondern auch zum Bestimmungsmoment des Lebens und Lernens in der Schule wird. Ausgehend von der Konzilserklärung „Gravissimum educationis“ orientiert sich das Erziehungskonzept (Progetto educativo) der Katholischen Schule am jungen Menschen als einem Ebenbild Gottes, aus der sich die Würde und Bildsamkeit des Menschen ableitet. Die katholische Schule soll einen Lebensraum schaffen, in dem im Miteinanderleben und Miteinanderlernen auch die soziale Dimension der Erziehung gestärkt und die Übernahme sozialer Verantwortung eingeübt wird. Zur Arbeit an einem Leitbild, in dem das spezifisch Katholische nicht über religiöse Zusatzangebote wie Schulpastoral definiert wird, sondern die gesamte Schule durchwirkt, ist jede Katholische Schule herausgefordert. Diese kann keine Einheitsschule sein, sondern orientiert sich an regionalen und nationalen Gegebenheiten.   Die sinkende Zahl an Ordensberufungen hat zur Folge, dass Erziehung und Bildung immer mehr Laien übertragen werden bzw. Orden als Schulerhalter überhaupt wegfallen. Damit verknüpft ist die Frage, wie weit die Spiritualität des Ordens gelebt werden kann, welcher Geist die Ordensschulen prägt.  Mit dieser Thematik hat sich P. Dr. Frido Pflüger SJ im Rahmen eines Vortrages im Kollegium Kalksburg über „Die ignatianische Vision von Er­ziehung“ auseinandergesetzt.  Ausgehend von der Biographie des Ignatius von Loyola und der historischen Entwicklung der Jesuitenschulen kommt er zum Schluss, dass Bildung nicht privat gedacht werden kann, sondern grundsätzlich eine soziale Verpflichtung hat. Kennzeichen jesuitischer Bildung sind ein hoher intellektueller Anspruch, Einsatz für Gerechtigkeit und der Dienst am Nächsten, insbesondere an den Armen. Es geht also um die Bildung von Menschen mit Wissen, Gewissen und einem mitfühlenden Engagement.  Mitfühlendes Engagement führte im 19. Jahrhundert zum Phänomen des „Wiener Ordensfrühlings“. Dr. Adele Haszprunar berichtet über die Welle der Gründungen und Niederlassungen von Frauenkongregationen in Wien. Viele erkannten in Bildung und Erziehung einen Weg aus der Armut und eine Möglichkeit, Menschen zu Gott zu führen.  Lehren und Leiten haben immer auch mit Führung zu tun. Br. Andreas Knapp hat im Jänner 2009 in Salzburg/St. Virgil zum Thema „Menschenführung aus geistlicher Haltung“ gesprochen. Im Unterschied zur Manipulation beschreibt er Führung positiv als „E-ducation“, als Herausführung aus Abhängigkeiten zur Freiheit und Liebe. Das Alte Testa­ment bietet mit der Flucht aus Ägypten ein Bild für eine befreiende Erfahrung. Erziehung – verglichen mit dem langen Weg durch die Wüste – ist gepflastert mit Rückschlägen und bedarf unendlich viel Geduld. Mose führt die Israeliten; er handelt aber nicht aus eigenem Machtanspruch, sondern ist ein geführter Führer, rückgebunden an Gott. Von Jesus wird berichtet, dass er mit Autorität lehrt, als einer, der Vollmacht hat, der das Wachstum der anderen fördert. Jesus will nicht Vater genannt werden, sondern Freund. Er will also, dass seine Schüler aus der gleichen Würde leben wie er. Schüler und Schülerinnen dürfen als Kinder Gottes so sein, wie sie sind, müssen nicht nach unseren Vorstellungen „gebogen“ werden. Auch in Führungspositionen sind wir nicht letzte Instanz, sondern dürfen auf Gott vertrauen.  Was wir brauchen, sind Orte und Zeiten der Stille, wo wir uns mit Gott beraten, beten können. Solche Unterbrechungen sind wichtig gegen die Tendenz, sich zu wichtig zu nehmen oder sich völlig in der Arbeit zu verlieren.  Wie viel Zeit nehmen Muße, Spiel, Gebet in meinem Leben ein? Habe ich Menschen, mit denen ich mich austauschen kann? Vertraue ich mich Gott an? Bin ich der, der ich von Gott her bin?