Ordensnachrichten 2009/4 - Zum Geleit

 

Ordensnachrichten 2009 Heft 4

Geleitwort von Mag. Christine Rod MC

Seit sechs Jahren gibt es im Kardinal König Haus in Wien neben vier anderen Bildungsabteilungen den Bereich „Ordensentwicklung“. Was denn da (überhaupt noch) zu entwickeln sei, fragen manche Leute spöttisch.

Ordensfrauen und -männer aus dem ganzen deutschen Sprachraum und manche auch aus Osteuropa treffen sich hier und bilden sich weiter. Sie lernen. Sie lernen in Lehrgängen über Führen und Leiten und Zukunftsgestaltung in Ordensgemeinschaften (das sind die eher Jüngeren), und sie lernen, wie sie mit dem eigenen Älterwerden und mit der Alterssituation in den Orden umgehen können (das sind die …).

Sie lernen in Einzelseminaren, wie sie, z.B. als Ordensschule oder Ordenskrankenhaus mit vielen „Sympathisanten“ (das sind MitarbeiterInnen), eine gute, wirtschaftliche, professionelle, segensreiche Zukunft gestalten können. Im Gespräch lernen sie, sich mit Fragen auch z.B. der Berufungspastoral, Macht und Ohnmacht, Gastfreundschaft und der Gestaltung geistlicher Zentren auseinander zu setzen.

Ich betone dieses Lernen so, weil es durchwegs Menschen sind, die ich als hungrig nach neuen Erkenntnissen und Handlungsmöglichkeiten erlebe, und die auch wissen, dass sie dazu, in Zeiten großer und schwieriger Umbrüche, neues Wissen brauchen. Aber ich erlebe auch, dass sie bei uns noch etwas anderes Suchen, nämlich Verbündete. Wenn sie erleben, dass sie sehr offen über ihre offenen Fragen reden können, dann entsteht da so etwas wie ein großes, weitgespanntes Solidarnetz. Wenn wir z.B. im Leitungslehrgang 24 TeilnehmerInnen aus 18 verschiedenen Ordensgemeinschaften haben, dann wird die Ordenswelt einerseits größer und reicher und andererseits erleben sie viel Entlastung und stellen einander ihre Erfahrungen zur Verfügung. Sie teilen Freuden über Erfolge und Enttäuschungen über Misserfolge, und wenn Menschen einander so begegnen, dann hat das eine sehr bestärkende und wandelnde Kraft.

In all dem Lernen fragen sie vor allem auch nach der Zukunft des Ordenslebens. Und in gewisser Weise somit auch nach ihrer eigenen Zukunft. Warum sollte es Ordensleuten anders gehen als so vielen Menschen in unserer Gesellschaft, die von Umbrüchen und Übergängen gekennzeichnet ist? Wenn die Zukunft unsicher ist, wird sie zum Thema. Bei Kongressen, im Fernsehen, in der Politik und auch in der Kirche ist das erkennbar. Und natürlich auch in den Orden. Im Kardinal König Haus gibt es zweimal im Jahr eine „Ordenswerkstatt“ mit dem durchgehenden Thema „Orden haben Zukunft, wenn …“. Im einzelnen hat dann der zweite Teil des Satzes, das jeweilige Thema mit biblischen Deutungsmöglichkeiten für Übergangssituationen, mit Struktur- und Lebensstilfragen, mit gesellschaftlichen Analysen oder mit Kooperationsmöglichkeiten zwischen den Ordensgemeinschaften zu tun.

Die meisten TeilnehmerInnen sind Führungskräfte, also Männer und Frauen in gestaltenden Positionen. Ein Teilnehmer der Ordenswerkstatt ist Manfred Krautsieder, Augustiner-Chorherr aus dem Stift St. Florian. Er hat kürzlich an der Katholisch-Theologischen Universität Linz eine Diplomarbeit zum Thema „Ordensleben. Eine attraktive Lebensform in der Welt von heute?“ vorgelegt. Eine ermutigende Arbeit, die die neuere Ordenstheologie gründlich studiert hat und in eine spannende Synthese bringt. Mögen er, der Autor, und viele andere eines Tages diese Botschaft ohne das Fragezeichen am Ende formulieren können: „Eine attraktive Lebensform in der Welt von heute!“

Ich komme zu der Frage vom Anfang zurück: Was ist hier zu entwickeln? – Viel, wenn sich Menschen miteinander auf neue Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten einlassen. Dann können sie sich auch selber wandeln, und sie können „ihre Welt“ neu und anders gestalten, wenigstens ein kleines Stück weit, und dann kann dabei Zukunft entstehen.