Ordensnachrichten 2010/3 - Zum Geleit

Ordensnachrichten 2010/3


Geleitwort von Sr. Melanie Wolfers SDS
Leiterin von IMpulsLEBEN, ein Projekt der Salvatorianerinnen  in Wien für junge Erwachsene

„Du kannst dich sehen lassen. Berufung leben und fördern in der Spannung von Ideal und Wirklichkeit“ – so lautete der Titel eines Berufungspastoral-Symposiums, das vom 20. bis 22. April 2010 in St. Georgen am Längsee stattgefunden hat. 104 Teilnehmende aus Österreich und Südtirol sind der Einladung von Bischof Dr. Alois Schwarz, vom Österreichischen Pastoralinstitut, dem Canisiuswerk, der Vereinigung der Frauenorden und der Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften gefolgt.  Die Zusage „Du kannst dich sehen lassen“ ist die Basis einer jeden christlichen Berufung. Diese hat ihren guten Grund im Wunsch Gottes: „Wende mir nicht deinen Rücken, sondern dein Angesicht zu. Lebe in meinem Augen-Blick.“

Damit ist zugleich die Aufgabe der Berufungspastoral skizziert: Menschen zu helfen, dass sie die Zuwendung Gottes „Du kannst dich sehen lassen“ erfahren und mit ihrem Leben darauf antworten. Eine Form der Lebensantwort findet sich in den drei Ordensgelübden Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. In ihrem Vortrag „Um des Himmels willen?! Leben nach den Weisungen des Evangeliums“ weitet Sr. Dr. Anneliese Herzig MSsR jedoch die Rede von den „Evangelischen Räten“ in mehrfacher Hinsicht: Die Evangelischen Räte seien nicht allein ein Kennzeichen einer bestimmten Menschengruppe in der Kirche, sondern in ihnen drücke sich aus, „welche Haltungen angesichts des Reiches Gottes erfordert sind und sich im ‚neuen Leben‘ der Christen umsetzen müssen.“ Des Weiteren kenne das Evangelium viele Räte, z. B. Gast­freund­schaft, Feindesliebe, Vergebung und Dankbarkeit – Räte, die es im Dialog mit den Entwicklungen der Gegenwart (neu) zu entdecken und zu leben gilt. Und schließlich seien die Räte des Evangeliums auf das Reich Gottes ausgerichtet, so dass es ihnen „nicht nur und vielleicht auch nicht in erster Linie um das rechte Leben des Einzelnen, sondern um den Aufbau von heilsamen Strukturen geht“. Die Aussage „Du kannst dich sehen lassen“ deutet auch das Thema Öffentlichkeitsarbeit in der Berufungspastoral an: Der Journalist und Theologe Markus Nolte fordert in seinem Vortrag „Sein und Design“ auf, in der Arbeit und bei öffentlichen Auftritten mehr auf die medialen Gesetzmäßigkeiten zu achten. Ein zeitgemäßes „Design“ sei unumgänglich, um in der medial geprägten Welt mithalten zu können. Entscheidend sei die Fähigkeit, verständlich und überzeugend „‚auf den Begriff zu bringen‘, ‚griffig‘ zu machen, wovon ich ergriffen bin“ – und dafür brauche es die intensive persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben „vor dem Tabernakel und auf dem Trottoire“.  Der „Ethikkodex professioneller Seelsorger“, der von den MoraltheologInnen Sigrid Müller, Michael Rosenberger, Walter Schaupp und Werner Wolbert erstmalig im Juli 2009 veröffentlicht worden ist, reagiert auf die (erstaunliche) Tatsache, dass im Unterschied zu anderen Berufsgruppen bislang „einzig die professionellen Seelsorgerinnen und Seelsorger … keinen Ethikkodex im umfassenden Sinn“ besitzen. Die Autoren verstehen ihren Entwurf als Diskussionsanregung. Sie legen einige ethische Grundhaltungen dar und entwickeln Leitlinien für einzelne Aufgabenbereiche. Konkret behandeln sie „die Verantwortung für das eigene Wohlergehen, für die eigenen beruflichen Kompetenzen, für die beruflichen Beziehungen, für den Umgang mit Macht, für den Umgang mit kirchlichem Besitz und Geld, für den Umgang mit Sexualität und emotionaler Nähe [und] für den Umgang mit vertraulichem Wissen“.  Eine menschenfreundliche und lebensdienliche Ethik zu entfalten und einladend zu vermitteln ist unabdingbar. Ebenso wichtig ist, darüber nachzudenken, welche psychischen und strukturellen Voraussetzungen es braucht, um die eigenen ethischen oder spirituellen Überzeugungen auf Dauer gut leben zu können. In diesem Bereich ortet der Theologe und Psychotherapeut Dr. Wunibald Müller große Probleme. Seinem Artikel „Sexueller Missbrauch und Kirche“ liegt eine psychologische und psychotherapeutische Sicht zugrunde. Bei der abschließenden Frage, was man tun könne, um Missbrauch zu verhindern, stellt Müller die Bedeutung der persönlichen psychischen Reife sowie die Bedeutung des Umfeldes in den Mittelpunkt. Hier werden Themen angesprochen, die für uns als Einzelne wie auch als Gemeinschaften wichtig sind und über die sprechen zu können oder sprechen zu lernen not-wendig ist. Als Moraltheologin möchte ich noch abschließend bemerken: Der tabuisierende Umgang mit Sexualität, der in der Folge zur Behinderung sexueller Reifungsprozesse führen kann, gründet auch in der kirchlichen Morallehre, die über weite Strecken durch unumstößliche Denk- und Sprechverbote gekennzeichnet ist. Hier wünsche ich nicht zuletzt den Theologietreibenden und Ordensleuten, dass wir mutig, kreativ und mit denkerischer Schärfe umsetzen, was Papst Benedikt XVI. kurz nach seinem Amtsantritt gefordert hat: Dass wir die kirchliche Lehre über Sexualität und Partnerschaft nicht von ihren negativen Verboten, sondern von ihrem positiven Leitbild her beurteilen und entfalten.