Ordensnachrichten 2010/4 - Zum Geleit

Ordensnachrichten 2010 Heft 4


Mag. Hubert Winkler
Redakteur der Ordensnachrichten

Geleitwort

Bis zum Ende seines Lebens habe er sich für die Gerechtigkeit eingesetzt und dafür, das Licht des Evangeliums vor allem den einfachen und armen Menschen in seiner brasilianischen Diözese Barreiras zu bringen. So würdigte Kardinal Dr. Christoph Schönborn am 25. August 2010 beim Requiem für Richard Weberberger OSB den verstorbenen Bischof, der aus dem Benediktinerstift Kremsmünster stammte. Wie dieser Einsatz für die Gerechtigkeit und die von der Brasilianischen Bischofskonferenz verkündete „Option für die Armen“ im brisanten Konflikt um die ungerechte und ungleiche Verteilung des Landbesitzes in seiner Diözese umgesetzt wurde, schilderte Bischof Richard bei seinem letzten öffentlichen Vortrag in Kremsmünster (dieses Heft, Seite 23-45).

Bischof Richard Weberberger recht zu würdigen ist nicht möglich, ohne auf seine vielen pastoralen Initiativen hinzuweisen. Er sei ganz und gar ein „Mensch des Zweiten Vatikanischen Konzils“ gewesen, so der Linzer Altbischof Maximilian Aichern OSB. Eine seiner ersten Initiativen als Bischof war der Bau des Bildungshauses São Bento. Bischof Richard gewann zusätzlich zu den Benediktinerinnen von Steinerkirchen noch elf weitere Schwesterngemeinschaften aus dem In- und Ausland für die Arbeit in der neuen Diözese. Das Leben der Basisgemeinden hat er mit viel Engagement gefördert. Laienmitarbeiter zur Taufspendung beauftragt und die Errichtung von Kirchen, Pfarrhäuser und pastoraler Zentren unterstützt. Die Ausbildung von Katechisten und Diakonen war ihm ein wichtiges Anliegen. Kirchliche Straßenkinderprojekte, Landwirtschaftsschulen, Einrichtungen zum Schutz der Kleinbauern, der Menschenrechte und der Umwelt, medizinische Ambulatorien und Altenbetreuung sind weitere sichtbare Zeichen seines übergroßen Einsatzes.
„Wir müssen uns immer in das Heute und Morgen wagen und den Herrn der Geschichte bitten, dass wir die Zeichen der Zeit erkennen und begreifen können, um das zu tun, was der Herr heute von uns erwartet: Sein Reich zu erbitten und es für die Menschen sicht- und erlebbar zu machen.“ Mit diesen Worten schließt der Vortrag von Bischof Weberberger.
Sich in das Heute und Morgen wagen und nicht abschotten und abgrenzen gegen die Welt, gegen die Naturwissenschaften, gegen Anfragen der Medizin, gegen die Medien und die vermeintlich atheistische Umwelt, dafür plädiert auch der Moraltheologe und Medizinethiker Univ. Prof. Dr. Matthias Beck in seinem Beitrag „Christentum in (post-) moderner, säkular naturwissenschaftlich geprägter Zeit“ (Seite 3-22). Freilich bedarf es einer tiefen Spiritualität und einer guten argumentativen Reflexion, um der Angst der modernen Welt gegenüber zu begegnen. „Wir Christen brauchen uns nicht zu verstecken ... Das Christentum ist weit und groß genug, um all diese Bereiche [Naturwissenschaften, Genetik und Stammzellforschung, Dialog mit dem Atheismus …] in seine Diskussion hereinzuholen und in die Weite der göttlichen Schöpfung zu stellen“, so Professor Beck.
In den Dialog des Christentums mit der (chinesischen) Welt, den Menschen, mit den Wissenschaften ist vor 400 Jahren bereits der Jesuit Matteo Ricci getreten, wie Rita Haub in ihrem Beitrag „Matteo Ricci (1552-1610): Botschafter Europas und erster Weltbürger Chinas“ (Seite 46-59) zeigt. So ist er zum großen Bahnbrecher der neuzeitlichen Missionsmethode geworden. Er lernt Chinesisch, studiert die Schriften des Konfuzianismus, legt sich einen chinesischen Namen zu, kleidet sich wie ein chinesischer Gelehrter, entwirft eine Weltkarte mit chinesischen Namen und China als der Mitte der Welt, baut Kultur und Religion des Landes in seine christliche Verkündigung ein, arbeitet wissenschaftlich auf vielen Gebieten, gründet Missionsstationen und Christengemeinden. Der Dialog mit den Wissenschaften diente dem Jesuiten Matteo Ricci und seinen Nachfolgern als Wegbereiter für die Mission.
Über die Tätigkeit der Jesuiten in China heute berichtet P. Hans Tschiggerl SJ, der Leiter der Österreichischen Jesuitenmission in Wien (Seite 60-68). Er stellt dar, unter welch schwierigen Bedingungen die Missionare heute, obwohl sie wie alle anderen internationalen Ordensgemeinschaften in China verboten sind, als Wissenschaftler, Sozialarbeiter, Lehrer oder in der Leprahilfe tätig sind, welche neue Herausforderungen sich ihnen stellen, wie sie auch heute den Dialog mit der Wissenschaft, der Kultur und Mentalität der Menschen und mit anderen Glaubensgemeinschaften und ihren Anliegen pflegen und fördern. Und er erzählt, dass die Zahl der Katholiken, der Priester und Schwestern in China wächst, dass diözesane Schwesterngemeinschaften gegründet wurden und werden, die in Kindergärten und Schulen, Behinderten- und Alten-Einrichtungen oder in Kliniken ihr Apostolat leben.
Wo hat das Christentum seinen Platz in der modernen säkularen Gesellschaft, fragt Matthias Beck abschließend in seinem Vortrag und kommt auf das Gottesbild zu sprechen. Immer wieder müsse die Kirche um das „richtige“ Gottesbild ringen, müsse den Blick nach vorn öffnen für die Größe Gottes und die Größe des Menschen. „Das schließt ein, eine neue Sprache zu finden, um verständlicher zu erklären, worum es geht: um den Menschen, seine Befreiung und die Hinführung zum Leben in Fülle.“ Dazu bedürfe es tieferer Reflexion und spiritueller Tiefe sowie des Blicks auf das Große der Tradition – wozu diese Ausgabe der Ordensnachrichten alle Leserinnen und Leser ermutigen und anregen will.

Wien, im September 2010