Ordensnachrichten 2010/5 - Zum Geleit

ON 2010 Heft 5


Geleitwort von P. Christian Tauchner SVD
Chefredakteur „Stadt Gottes“ und Leiter des Zeitschriftenverlages St. Gabriel


Mit einem Aufruf zu Zivilcourage und Einsatz für eine menschenwürdige Behandlung der Flüchtlinge in unserem Land, an den Außengrenzen der EU und in ihren Herkunftsländern endete am 24. Juli 2010 im Benediktinerstift Lambach die zweitägige Fachtagung Weltkirche zum Thema „Flucht. Dimensionen eines Dramas“, zu der die Ordensgemeinschaften Österreichs eingeladen hatten.

Vorträge und Erlebnisberichte über die Situationen und Ursachen, die Menschen in die Flucht treiben, sowie ein ausführliches Rollenspiel machten die etwa hundert TeilnehmerInnen an der Fachtagung betroffen und zeigten ihnen, welch unmenschlicher Behandlung Flüchtlinge ausgesetzt sind. Erzbischof Rafael Cheenath aus Orissa (Indien) berichtete über die Christenverfolgung durch fanatische Hinduparteien in den Jahren 2007 bis 2009 (siehe dieses Heft, S. 9–19). Er vermittelte den TeilnehmerInnen in einem kurzen Video von den Christenverfolgungen des Jahres 2008 einen Eindruck von der Brutalität der Übergriffe. Die Verfolgung der Christen in Orissa wurde von radikalen hinduistischen Parteien organisiert und durchgeführt, die im Sinne der Ideologie von „Hindutva“ arbeiten und die in Indien einen Hindustaat unter Ausschluss anderer Religionen durchsetzen wollen. Politische und religiöse Bewegungen dieser Ideologie stellen für Erzbischof Cheenath die größte Bedrohung für den religiösen Pluralismus und die Zivilgesellschaft Indiens dar.

Schwester Petra Bigge von den Steyler Missionsschwestern informierte über die Flüchtlingsbewegungen im Südsudan. Sie arbeitete von 2006 bis 2009 mit dem „Jesuit Refugee Service“ in diesem Land, das seit 50 Jahren im Krieg lebt. In ihrem Bericht klagte die Schwester, dass die Großmächte Interesse daran haben, im Südsudan die Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen anzufachen und aufrechtzuerhalten. Das lenkt von ihren wirklichen Interessen dort ab: die ungehinderte Ausbeutung von Erdölvorkommen und der Zugang zu anderen Bodenschätzen. Schwester Petra Bigge erzählte aber auch von der großen Solidarität, die den Flüchtlingen aus dem Südsudan von den Nachbarländern entgegengebracht wird. So wurden zum Beispiel in Uganda allein über 30.000 Flüchtlinge aus dem Sudan aufgenommen. Im Vergleich dazu Österreich: Unser Land hat nach UNHCR-Statistik in dieser Zeit lediglich 2.290 Menschen Asyl gewährt.

Der Autor und Journalist Elias Bierdel, Mitbegründer der Organisation „borderline- europe – Menschenrechte ohne Grenzen“, berichtete der Fachtagung von seinen Erfahrungen mit dem Schiff Cap Anamur und den Konsequenzen von humanitären Aktionen im Mittelmeer, die ihm im Jahr 2004 eine Anklage wegen Schlepperei und Menschenhandel in Sizilien eingebracht hatte und von der er erst vor wenigen Monaten endgültig freigesprochen wurde. Anhand dieser Erfahrungen wurde deutlich, wie sich Europa grundsätzlich selbst versteht. Zweierlei machte in dieser Hinsicht betroffen: Zunächst die Tendenz vieler Länder der Europäischen Union, Flüchtlinge an den Grenzen Europas mit allen möglichen Mitteln abzuwehren, Asylsuchende als Bedrohung und Gefahr für den Wohlstand und den sozialen Frieden zu sehen und für steigende Kriminalität verantwortlich zu machen und die wirtschaftliche und politische Verantwortung für Zustände, die Menschen zur Flucht bewegen, auszuklammern und zu ignorieren. Betroffen machte aber auch, wie wenig die Bürger über politische, wirtschaftliche und militärische Aktionen den Flüchtlingen und Asylsuchenden gegenüber wissen. Jährlich sterben etwa bis zu 5.000 Tote im Mittelmeer auch deshalb, weil ihnen nicht geholfen werden darf, wenn sie in Seenot geraten. Wer es trotzdem tut, wie Elias Bierdel, gerät mit dem Gesetz und dem „Rechtsstaat“ in Konflikt.

Diese Berichte machten klar, dass die wirklichen Gründe für Migration und Flucht oft nicht in religiösen Konflikten liegen, sondern in politischen und wirtschaftlichen Motivationen, die von außen Bevölkerungsgruppen auferlegt werden. Der Lebensstil und das Wirtschaftssystem unserer Länder wurden von den TeilnehmerInnen der Fachtagung als ein wesentlicher Auslöser dafür gesehen, dass sich so viele Menschen auf die Flucht begeben.

Eine theologische und ethische Reflexion von Pater Franz Helm führte die Fachtagung auf die Grundlage ihres Glaubens (S. 3–8). Solidarität und Option für die Armen sind eine grundlegende Handlungsausrichtung der Christen, die auch vom Evangelium gefordert wird (Mt 25), so P. Helm. Und wenn so wie in Österreich in jüngster Zeit Kinder in Schubhaft genommen werden und selbst gut integrierte Familien auseinander gerissen werden, dürfen Christen, Kirchen und Religionsgemeinschaften nicht schweigen.

Die TeilnehmerInnen der Fachtagung verpflichteten sich zu Bewusstseinsbildung in ihren Gemeinschaften und in der Kirche sowie zu einer kritischen Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs über Flüchtlinge und zu aktiver Hilfestellung und solidarischem Handeln. Sie bekräftigten ihre Hoffnung und Entschlossenheit, an der Gestaltung einer Gesellschaft mitzuarbeiten, die sich auf Menschenwürde und Gerechtigkeit weltweit gründet und Leben in Fülle für alle erwarten kann (siehe Schlusserklärung, S. 71).


Wien, im November 2010