Berühren und Behandeln im Ordensspital

Die heutige schnelllebige Zeit ist oftmals geprägt von oberflächlichen Kontakten und Berührungsarmut. Regelmäßig greifen wir zum Smartphone, selten aber nach der Hand eines anderen Menschen. Dabei birgt die Berührung vielerlei Wirkungen in unterschiedlichen Dimensionen – egal ob in der Beziehung oder im Alltagskontext, in Diagnostik, Therapie oder Pflege.

KWG Topakian Raffi Dr Prim Neuro

Prim. Dr. Raffi Topakian, Leiter der Abteilung für Neurologie, Klinikum Wels‐Grieskirchen „Berührung bedeutet für mich: „Ich kümmere mich. Um wahrgenommen zu werden, möchte der Mensch berührt werden. Ich nehme mir Zeit für die  Patienten. Berührung ist in der Lage, Angst und Sorgen abzubauen.” (c) Nik Fleischmann

„Ruhige, sanfte, freundliche Berührung bewirkt eine Aktivierung unseres Beruhigungssystems“, beschreibt Ulrike Auinger die Folgen von achtsamem, sanftem und freundlichem Körperkontakt. „Die Ausschüttung von Oxytocin beruhigt und verbindet, gibt Sicherheit und Geborgenheit, körpereigene Endorphine sind schmerzstillend und weitere Neurotransmitter wirken sich positiv aus.“ In ihrer täglichen Arbeit erkennt und behandelt die Physikalische Ärztin Gesundheitsstörungen unter anderem mit ihren Händen.

Berührung in Diagnostik und Therapie

In einem Arbeitsumfeld wie dem Krankenhaus spielt Berührung eine besondere Rolle: „Generell leben wir heute in einer technokratisierten Welt mit einer auf Wissenschaft und Technik ausgerichteten Medizin. Auch die Patienten sind heute so eingestellt“, reflektiert Raffi Topakian, Leiter der Abteilung für Neurologie. In seiner Fachrichtung ist der Aspekt des Berührens besonders wichtig. „Eine sehr gründliche Anamnese und Untersuchung von Kopf bis Fuß ist zur Erhebung des neurologischen Status essenziell. Aber nicht nur wir ziehen daraus Erkenntnisse, auch der Patient spürt uns, zum Beispiel wenn wir eine Kraftprüfung durchführen.“ In der manuellen Medizin wird mit den Händen untersucht und behandelt. „Schon der Begriff Chiropraktik enthält das griechische Wort für Hand. In der Physikalischen Untersuchung und in der Physiotherapie sind die Hände das wichtigste Instrument. Mit unseren Händen können wir Störungen erkennen und bearbeiten“, erklärt Auinger.

Berührung kann auch heilsam sein

Berührung kann aber auch auf andere Art heilsam sein. Nicht primär in dem Sinne, dass eine Berührung die Krankheit an sich kuriert, sondern die Wirkung der Berührung stärkt die Ressourcen des Menschen und lässt ihn besser mit der schwierigen Lebenssituation umgehen. „Verschiedene Studien zeigen, dass die Lebensqualität und das Wohlbefinden von Pflegebedürftigen und Demenzpatienten durch fürsorgliche Berührungen gesteigert werden und dass sich ihr Gesundheitsstatus dadurch verbessert“, beschreibt Alicia Lanzerstorfer die Wirkung der Berührung, was sich auch im Rahmen ihrer Pflegearbeit auf der Palliativstation immer wieder bestätigt. „Wir haben als Pflegepersonen das Privileg, Menschen im Zuge unserer pflegerischen Tätigkeiten berühren zu dürfen. Wir halten ihnen die Hand, wir setzen uns zu ihnen, wir führen Körperpflege durch und machen Rückeneinreibungen, bevor sie einschlafen, wir messen den Blutdruck und wenn wir sie auf die Toilette begleiten, hängen sie sich ein.“

Berührung schafft Nähe und Vertrauen

Es ist wichtig, die Menschen nicht bloß anzufassen, sondern auf eine qualitative, achtsame und fürsorgliche Berührung zu achten. Berührt man den Menschen mit Empathie, fühlt er sich als Mensch wahrgenommen, auch auf der emotionalen Ebene. So kann eine Berührung zum Auslöser für wichtige emotionale Gespräche werden, insbesondere bei Menschen, zu denen man anders keinen Zugang gefunden hat. „Berührung hat nicht nur diagnostischen, sondern auch symbolischen Charakter.“ Berührung wird dazu in allen Kulturen und Religionen der Welt eingesetzt, etwa beim Handauflegen oder Segnen. „Auch wir im Krankenhaus berühren, beobachten, hören zu. Das alles macht Nähe und Vertrauen. Dadurch schaffen wir eine Brücke zum Patienten und Akzeptanz für Untersuchungen, welche für die Therapie notwendig sind“, so Neurologe Topakian.

[mgsellmann]