Blutverdünnung: Gut zu wissen!

Immer mehr Menschen in Österreich nehmen regelmäßig Blutverdünner. Herz-Kreislauferkrankungen wie Vorhofflimmern oder eine tiefe Beinvenenthrombose sind oft Grund der Verschreibung. Aber auch nach einem Schlaganfall, oder um diesem vorzubeugen, sowie bei Lungenembolien werden Blutverdünner verordnet. Im Interview erklärt Prim Priv. Doz. Dr. Benjamin Dieplinger, Ärztlicher Leiter des B&S Zentrallabor des Konventhospitals der Barmherzigen Brüder Linz und des Ordensklinikums Linz Barmherzige Schwestern, die Wirkweise und Vorteile der neuen Generation an Blutverdünnern und wie diese das Leben der Betroffenen sicherer machen.

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Prim Priv. Doz. Dr. Benjamin Dieplinger, MBA (c) Barmherzige Brüder Linz

Viele Menschen nehmen sogenannte Blutverdünner – teils nur für kurze Zeit, teils ihr Leben lang. Was bewirken diese Medikamente genau?

Wir sprechen hier konkret von Gerinnungshemmern (Antikoagulanzien) wie den Vitamin-K-Antagonisten (VKA) wie Marcoumar und den direkten orale Antikoagulanzien (DOAK) wie Apixaban, Dabigatran, Edoxaban und Rivaroxaban. Die Gruppe der Blutplättchenhemmer, wie beispielsweise das Thrombo-Ass® oder Clopidogrel, lassen wir mal außen vor.

Auch wenn der Begriff „Blutverdünner“ geläufig ist, haben Medikamente aus der Gruppe der VKA und NOAK entgegen der landläufigen Meinung nicht die Aufgabe, das Blut zu verdünnen oder seine Fließeigenschaften zu verbessern. Stattdessen hemmen sie ganz spezifische mehrere oder einzelne Gerinnungsfaktoren und senken damit, das Risiko für die Entstehung eines Blutgerinnsels (Thrombose).

Bekanntlich hat alles, das wirkt, auch Nebenwirkungen. Worauf ist hier besonderes Augenmerk zu legen?

Im Falle von Blutverdünnern sind weniger die Nebenwirkungen ein Thema, sondern das Auftreten von Komplikationen wie einer Blutung oder einer Thrombose. Die Sorge vieler Patienten, dass sie nach einem Sturz oder einer Schnittverletzung nicht mehr zu bluten aufhören, ist oft groß. In den meisten Fällen sind diese Blutungen jedoch durch lokale blutstillende Maßnahmen wie Kompression einfach und schnell in den Griff zu bekommen.

Besondere Vorsicht ist bei spontanen inneren Blutungen im Harn- bzw. Magen/Darm-Trakt oder im Hirn geboten. Warnhinweise sind zum Beispiel Braunfärben des Urins, schwarze Stuhl, Erbrechen von Blut oder ungewöhnliche Kopfschmerzen auch in Verbindung mit Sehstörungen, Schwindel oder Lähmungserscheinungen. Je nach Schwere oder Anzeichen kontaktieren Sie Ihren Hausarzt oder rufen Sie die Rettung bzw. den Notarzt.

Marcoumar® ist ja mittlerweile ein Synonym für Blutverdünner. Es gibt aber eine neue Generation von Gerinnungshemmern. Wo liegen deren Vorteile?

VKA wie Marcoumar® bedürfen einer engmaschigen Kontrolle beim Hausarzt. Bei stabil eingestellten Patienten sollte die Dosierung alle 4 – 6 Wochen mittels Bestimmung des INR-Wertes beim Hausarzt überprüft werden. So der Patient dazu in der Lage ist, kann dies nach einer Schulung auch über ein Selbstmanagement erfolgen. Diese werden von zertifizierten Schulungszentren, wie dem B&S Zentrallabor, angeboten. ‚Insbesondere bei einer VKA Therapie muss auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Nahrungsmitteln geachtet werden.

DOAKs sind in puncto Wechselwirklungen deutlich unproblematischer. Zudem sind sie in der Anwendung einfacher, da die Dosis im Regelfall nicht angepasst werden muss. Das routinemäßige Monitoring entfällt also. Bei den meisten Patienten kommt die Standarddosis zum Einsatz. Für bestimme Patientengruppen ist jedoch eine Dosisreduktion angezeigt. Faktoren wie etwa ein niedriges Gewicht, ein eingeschränkte Nierenfunktion oder eine Komedikation spielen hier eine Rolle. Der größte Vorteil der DOAKs besteht darin, dass es im Vergleich zu DOAKs zu deutlich weniger Hirnblutungen kommt. Bei lebensbedrohlichen Blutungen gilt es, so rasch wie möglich die Normalisierung der Gerinnbarkeit des Blutes wiederherzustellen. Gab es bis vor kurzem nur für das Dabigatran ein Gegenmittel (Antidot), stehen seit heuer für das Apixaban, Edoxaban und Rivaroxaban ebenfalls Antidots zur Verfügung.

Welche Risiken gilt es zu beachten?

Unabhängig von der Art der Blutverdünner ist ein gut eingestellter Blutdruck sehr wichtig. Ein zu hoher, bzw. nach oben schwankender, schlecht eingestellter Blutdruck, erhöhen das Blutungsrisiko bei Patienten mit einer Blutverdünnung deutlich. Zudem ist die regelmäßige Bestimmung der Nierenfunktion in der Behandlung mit DOAKs von besonderer Bedeutung.

Was müssen Patienten vor und nach einer Operation beachten?

An erster Stelle steht die Kommunikation mit dem behandelnden Arzt. Mit der Information, dass und welche Blutverdünner verwendet werden, kann dieser sehr gut einschätzen, ob ein Absetzen notwendig ist. Bei kleineren Eingriffen, wie einer Zahnbehandlung oder auch einer Darmspiegelung, ist es meist nicht notwendig. Bei größeren Operationen hingegen müssen die Blutverdünner abgesetzt werden. Nimmt der Patient einen VKA, erfolgt meist eine Überbrückung mit Heparin, bei den DOAKs ist dies nicht notwendig. Das Absetzen und der Wiederbeginn der Blutverdünner-Einnahme müssen unter ärztlicher Aufsicht stattfinden. Hier gilt: niemals eigenmächtig handeln.

Was bedeuten die Entwicklungen im Bereich der Blutverdünner für die Patienten?

Aufgrund der neuen Medikamente und damit immer größer werdenden therapeutischen Breite können immer mehr Menschen immer besser und zielgerichteter mit Blutverdünnern behandelt werden. Es sinken das Komplikationsrisiko und die Gesamtsterblichkeit. Gerade im Hinblick auf eine immer höhere Lebenserwartung steigt dadurch auch die Lebensqualität der Menschen merklich.

Prim Priv.-Doz. Dr. Benjamin Dieplinger, MBA
Ärztlicher Leiter des B&S Zentrallabor, Konventhospital Barmherzige Brüder Linz und Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern
FA für Medizinische und Chemische Labordiagnostik
FA für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin

Kontakt Schulungszentrum:
B&S Zentrallabor, Konventhospital Barmherzige Brüder und Ordenklinikum Linz Barmherzige Schwestern
Seilerstätte 4, 4010 Linz