Vom Ordensspital nach Äthiopien

2019 absolvierte Gottfried Falkensammer, Oberarzt des Fachschwerpunkts für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Klinikum Wels-Grieskirchen, bereits seinen zweiten Auslandseinsatz in Addis Abeba. Gemeinsam mit dem plastischen Chirurgen Tomas Kempny reiste er nach Äthiopien zum African Leprosy Research (ALERT) Hospital, um kieferchirurgische Tumorresektionen und Rekonstruktionen vorzunehmen.

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„Wer nicht flexibel und erfinderisch ist, kommt hier als Chirurg nicht weit!“ (c) KWG

„Meine Hauptintention für die Reise über die Haddis Agape Bell’s Palsy Foundation war natürlich mein Wille zu helfen, andererseits aber auch ein wenig die Abenteuerlust“, erzählt der gebürtige Welser. Ausgestattet mit Spenden aus dem eigenen Umfeld und Nahtmaterial von Sponsoren entpuppte sich die Arbeit vor Ort als alles andere als einfach: „Angefangen von Steckdosen und grundlegender Sterilität fehlte es neben einer adäquaten postoperativen Betreuung vor allem am Verständnis für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie – um optimal im Kopfbereich arbeiten zu können, sind gewisse organisatorische Strukturen erforderlich, zum Beispiel die richtige Beatmung und ausreichend Platz rund um den Kopf.“

Keine Eile in Afrika

In Äthiopien ist dieses Verständnis nicht selbstverständlich, vor allem schnelle Abläufe sind nicht garantiert. „Oft bekommt man zu hören: ‚Don’t hurry, you are in Africa!‘!“, so Falkensammer. Außer der Sprachbarriere – die Ärzte sprechen zwar Englisch, die OP-Assistenten aber nicht – machen mangelhafte Infrastruktur und unzureichende technische Hilfsmittel von zuhause gewohnte reibungslose Abläufe nicht möglich. „Wer nicht flexibel und erfinderisch ist, kommt hier als Chirurg nicht weit!“

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„Viele ‚österreichische Probleme‘ relativieren sich in Afrika.“ (c) KWG

Perspektivenwechsel

Trotzdem konnte das Team gemeinsam beinahe täglich äußerst schwierige Eingriffe erfolgreich absolvieren, zum Beispiel die Entfernung eines sehr großen Tumors im Unterkiefer und dessen Rekonstruktion mit einem mikrovaskulär anastomosierten Wadenbein oder die Rekonstruktion des Oberkiefers in gleicher Art und Weise bei einem Patienten, der ausgedehnte Gesichtsverletzungen mit Verlust des Oberkieferknochens hatte. Betroffen machte jedoch der Fall eines sechsjährigen Kindes mit fibröser Dysplasie – der gutartige Tumor konnte vor Ort operativ nicht behandelt werden, ein langfristiges Überleben des jungen Patienten ist unwahrscheinlich. „So lernt man die bei uns selbstverständlichen Dinge wieder extrem zu schätzen – aber auch, dass vieles mit deutlich geringerem Aufwand möglich wäre. Viele ‚Probleme‘ relativieren sich, zum Beispiel das Thema der ‚Transportscheine‘, wenn man sieht, wie lange Fußmärsche die äthiopischen Patienten auf sich nehmen, nur um für eine Behandlung in Frage zu kommen.“

Blick über den Tellerrand

Ermöglicht wurde der humanitäre Einsatz für den jungen Vater zweier Kinder aufgrund eines Sonderurlaubs. „Ich war dankbar für die Chance, einen Blick über den Tellerrand werfen zu können. Man sieht, in welchen idealen Verhältnissen wir hier in Österreich arbeiten. Jedem Kollegen würde ich eine solche Reise nicht empfehlen – ein hohes Maß an Flexibilität und Resilienz ist gefragt, viele Anforderungen für eine OP sind in Afrika nicht garantiert“, so Falkensammers Resümee.

Das Klinikum Wels-Grieskirchen – www.klinikum-wegr.at

Das größte Ordensspital Österreichs ist eine Institution der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz und der Franziskanerinnen von Vöcklabruck. Mit rund 30 medizinischen Abteilungen, 1.227 Betten und rund 3.800 Mitarbeitern leistet das Klinikum Wels-Grieskirchen umfassende medizinische Versorgung in Oberösterreich. Rund 90.000 Patienten werden hier jährlich stationär behandelt. Aufgrund seiner zahlreichen Schwerpunkte und Kompetenzzentren bündelt das Klinikum fachübergreifendes Know-how und ermöglicht interdisziplinäre Diagnosen und Behandlungen zum Wohle der Patienten.