Zelt-OP statt Zentral-OP

Im Dezember 2018 wechselte Florian Haller für einige Wochen seinen Arbeitsplatz. Statt Spitzenmedizin im modernen Zentral-OP des Klinikum Wels-Grieskirchen leistete er medizinische Grundversorgung in einem Feldspital in Bangladesch.

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Feldspital in Bangladesch: Neben der Behandlung akuter Erkrankungen versorgen die medizinischen Teams Brüche, Verbrennungen und schwierigen Schwangerschaften. Mehr als 100 lokale und internationale Helfer verschiedener Berufe arbeiten in dem 60-Betten-Krankenhaus. Foto: © Florian Haller

In Cox’s Bazar in Bangladesch befindet sich das derzeit größte Flüchtlingslager der Welt. Die Größe des Camps entspricht in etwa jener von Wien. Rund eine 1,6 Millionen Menschen, die vor der Gewalt in Myanmar geflohen sind, finden hier Schutz. Erwachsene und Kinder leben in eng aneinandergereihten einfachen Bambushütten. Inmitten des Camps wird seit August 2017 vom finnischen Roten Kreuz ein Feldspital betrieben. Dorthin folgte Anästhesist Florian Haller dem Ruf der Hilfsorganisation zu seinem ersten Auslandseinsatz. Im Feldkrankenhaus von Cox’s Bazar erhalten täglich rund 100 bis 150 Menschen medizinische Hilfe. Bis Ende 2018 wurden dort mehr als 40.000 Menschen behandelt und über 400 Babys sicher entbunden.

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Flüchtlingscamp in Cox’s Bazar: Schutz für 1,6 Millionen Menschen. Man geht acht Stunden gerade aus und befindet sich immer noch innerhalb des Camps. Foto: © Florian Haller

Vom Bus in den OP

Der aus Tirol stammende Oberarzt der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin I hat im Frühjahr 2018 die Ausbildung für Auslandseinsätze abgeschlossen. Das Angebot des internationalen Roten Kreuzes ließ nicht lange auf sich warten. Haller, der im Welser Klinikum im Juli 2007 mit dem Turnus begonnen hat, erfüllt als Allgemeinmediziner und Anästhesist alle Anforderungen. Haller hat sich vor seiner Reise mit der Geschichte und Kultur der Menschen im Camp vertraut gemacht. Die fachliche Einschulung sollte direkt vor Ort erfolgen. Darauf wollte sich Haller nicht gänzlich verlassen. „Ich habe versucht, einen Überblick über die verfügbare medizinische Ausstattung zu bekommen, mich in die technischen Betriebsanleitungen einzulesen“, berichtet Haller. Was sich als sehr nützlich herausstellte. Seine Ankunft hat der Mediziner noch genau in Erinnerung: „Gerade aus dem Bus ausgestiegen, hat mich die Narkoseschwester instruiert: ‚Hier ist das Gerät, hier sind die Spritzen, das ist der Patient – können wir starten?‘“. Der septische Patient mit Lungenödem und Abszess im Bauch wurde gut versorgt.

Wenig Mittel, große Hilfe

„Hier lernt man das Bestmögliche mit einfachen Mitteln herauszuholen. Wie man dies macht, ist in den Richtlinien der ‚Ärzte ohne Grenzen‘ geregelt“, so Haller. Die medizinischen und pflegerischen Fachkräfte waren vor allem mit geburtshilflichen Eingriffen, wie Kaiserschnitten, Traumen nach Verbrennungen oder Unfällen, Frakturen, Schnittwunden und Amputationen konfrontiert. Angefangen vom Verbandswechsel bis hin zu Notfallbehandlungen bei Herzinfarkt und Schlaganfall war hier eine große Bandbreite an Fachwissen gefragt. Die Einschränkung bei Medikamenten, eine Befundung ohne umfassende radiologische Diagnostik, für alles verantwortlich zu sein – für die Station, den OP-Bereich und die Blutbank – beschreibt Haller als größte Herausforderungen. Einprägsam waren auch die kulturellen Gegebenheiten, die man dort schnell akzeptieren lernen muss. Etwa wenn bei einem Kind die medizinisch notwendige Behandlung nicht durchgeführt werden darf. Die Eindrücke, die Florian Haller in Bangladesch gesammelt hat, sind schwer zu beschreiben. Nachhaltig beeindruckt haben ihn Fälle, die bei uns ganz anders abgelaufen wären, dort mit wenig Mitteln trotzdem gut ausgegangen sind.