30 Jahre Sehfrühförderung Barmherzige Brüder Linz: Ganzheitliches Betreuungssystem als oberösterreichisches Vorzeigeprojekt

Angeborene Veränderungen oder Erkrankungen der Augen gefährden im Kleinkindalter nicht nur die normale Entwicklung des Sehens, sondern können auch die Gesamtentwicklung beeinträchtigen. Die Sehfrühförderung der Barmherzigen Brüder Linz zeigt seit 30 Jahren, was an positiver Entwicklung möglich ist, wenn eine ausgezeichnete medizinische Betreuung und eine sich fortlaufend entwickelnde Frühförderung durch ein kompetentes, empathisches Team zusammenwirken. Am Mittwoch, den 12. Juni 2019 lud man daher zur Jubiläumsfeier in die Bischofstraße.

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V.l.n.r.: Mag. Peter Ausweger (Gesamtleiter Barmherzige Brüder Linz), Christine Springer (Mutter eines betroffenen Kindes), Sandra Schneider (Leitende Sehfrühförderin Barmherzige Brüder Linz), Brigitte Ruttmann (ehem. Leitende Sehfrühförderin), OA Dr. Liselotte Keintzel (Fachärztin für Augenheilkunde Barmherzigen Brüdern Linz), Dir. Prof. Irene Mühlbach, BEd BEd MAS MSc, (Landesschulzentrum Hör- u. Sehbildung, Michael Reitter Landesschule), Prof. Dr. Siegfried Priglinger (Gründer Sehschule und Sehfrühförderung), Frau Mag. Ruth Resch (Direktorin der Fachhochschule Salzburg für Orthoptik), OA Dr. Michael Brandecker

Babys sehen in den ersten Monaten noch unscharf, und trotzdem spielt das Sehen vom ersten Moment an eine wichtige Rolle in der Entwicklung eines Neugeborenen. Nicht nur der direkte Austausch, sondern auch die motorische, geistige und die sprachliche Entwicklung erhalten über das Sehen wichtige Impulse. Mit einer normalen Entwicklung des Sehens wachsen zugleich die Neugier und das Interesse des Babys für seine Umwelt.

Der Schock ist groß, wenn eine Familie erfährt, dass ihr Kind blind oder hochgradig sehbeeinträchtigt – also mit einem Sehrest von unter 5% – ist. Der Faktor Zeit spielt nun eine wichtige Rolle. „Das Sehen ist nicht als eine isolierte Leistung des Auges zu betrachten, sondern ist eng mit den neuronalen Strukturen im Gehirn verbunden. Je früher beim Kleinkind die Diagnose feststeht und die Sehfrühförderung beginnt, desto besser ist die Wirksamkeit des Sehtrainings und der Anregung von neuronalen Funktionen im Gehirn. Bei blinden Kindern ist eine möglichst frühe Schulung aller anderen Sinne indiziert“, erklärt die zuständige Ärztin Dr. Magdalena Geibinger.

Diese Aufgabe übernimmt seit 30 Jahren die Sehfrühförderung der Augenabteilung der Barmherzigen Brüder Linz, in deren Anfänge die ehemalige leitende Sehfrühförderin Brigitte Ruttmann und Mitbegründer Prof. Dr. Siegfried Priglinger die Gäste der Feier zurückblicken ließen. „Wir haben uns damals gemeinsam ambitionierte Ziele gesetzt und viele davon erreicht, wie etwa die Entwicklung von neuen Diagnostik- & Stimulationsmethoden in enger Zusammenarbeit von MedizinerInnen, Technikern und Sehfrühförderinnen“, so Prof. Priglinger.

Bis heute ist die Integration der Sehfrühförderung in eine Augenabteilung österreichweit einzigartig. So kann die Förderung nicht nur nach Frühförderungskriterien optimal erfolgen, sondern auch die augenärztliche Expertise voll genutzt werden. „Wir haben in Oberösterreich sehr gute Angebote in der Frühförderung, und es ist beeindruckend, welche Erfolge hier erzielt werden. Daran haben alle, die sich speziell in der Sehfrühförderung engagieren, einen erheblichen Anteil“, würdigte Landesrätin Birgit Gerstorfer den unermüdlichen Einsatz aller Beteiligten. Auch der Landtagsabgeordnete Wolfgang Stanek richtete sich in seiner Rede vor allem an die MitarbeiterInnen und nahm dabei Bezug auf das Motto des Ordensgründers: „Gutes tun und es gut tun – das gilt für Sie alle in besonderem Maße und dafür möchte ich mich herzlich bedanken.“

Großen Wert legt man bei den Barmherzigen Brüdern Linz in allen Belangen auf eine Förderung der gesamten Familie. Diese aufzufangen, die Eltern zu ermutigen das Kind intensiv zu fördern und die Unterstützung durch die Sehfrühförderung zu nutzen, ist auch die Aufgabe der Sehfrühförderinnen, die in ganz Oberösterreich und im westlichen Niederösterreich die Familien vor Ort besuchen. Derzeit betreut das Sehfrühförderteam 166 sehbehinderte und blinde Kinder. Im Jahr 2018 absolvierte das Sehfrühförderteam rund 1.200 Familienbesuche.

Die sechs Sehfrühförderinnen haben eine hochspezialisierte Ausbildung und ein besonders entwickeltes soziales Einfühlungsvermögen und Engagement. „Das Lächeln eines Kindes, wenn es sich freut etwas geschafft zu haben, das Vertrauen, das einem die Eltern und Kinder schenken - als Frühförderin hat man die Möglichkeit ein Kind über einen sehr langen Zeitraum in seiner Entwicklung zu begleiten, man freut sich gemeinsam mit den Eltern über jeden kleinen Fortschritt“, erzählt Sandra Schneider, Leiterin der Sehfrühförderung, die ihren Beruf mit ganzem Herzen lebt und liebt.

Die Finanzierung der Sehfrühförderung erfolgt mit Unterstützung der Sozialabteilung des Landes Oberösterreichs. Die Eltern haben einen Selbstbehalt von 10% bei Pflegegeldbezug.
Seit etwa 10 Jahren unterstützt auch der Lions Club Linz City über das Projekt „Klein.Blind.Kind“ die Sehfrühförderung. Projektverantwortlich seitens der Lions war in all den Jahren Dkfm. Peter Apfalter.

Durch die kontinuierliche Unterstützung können unter anderem seit 2008 jährliche Förderwochenenden für alle oberösterreichischen Sehfrühförderkinder und deren Familien angeboten werden. „Es ist an diesen Wochenenden immer wieder ergreifend mitzuerleben, wie gut sich die betroffenen Familien verstehen, verstanden fühlen und einander stützen,“ erzählt Peter Apfalter. Ziel dieser Zeit ist neben diesem Erfahrungsaustausch weitere Therapien zu ermöglichen, medizinische Information zu vermitteln, Erholung für die Familien zu bieten und den Eltern die Möglichkeit zu geben, ihre Aufmerksamkeit vermehrt auf die nicht beeinträchtigen Geschwister und Ihre PartnerInnen zu richten. „Wir waren beim allerersten Familienwochenende mit dabei, und es war für meinen Mann und mich die erste Auszeit, die wir seit der Geburt von Marcel hatten. Wir wussten ihn wunderbar betreut, das gab uns Freiheit und Sicherheit zugleich“, erinnert sich Christine Springer.

Zudem wurde vom Lions Club Linz City ein Begegnungszentrum bei den Barmherzigen Brüdern Linz errichtet. Dort wurde ein, mit den neuesten technischen Geräten ausgestatteter, Stimulationsraum eingerichtet und es werden unter anderem tiergestützte Therapie, Musiktherapie, Physiotherapie sowie rechtliche und augenärztliche Beratung angeboten. Eltern können sich vernetzen und austauschen, und es finden regelmäßig Elternrunden in psychologischer Betreuung statt.
In einem Fach-Talk mit Sandra Schneider, OA. Dr. Liselotte Keintzel und Dkfm. Peter Apfalter widmete man sich im Zuge der Jubiläumsfeier der Zukunft der Sehfrühförderung.
Diplompsychologe Matthias Zeschitz bekräftigte in seinem Plädoyer für die Hausbetreuung, wie wichtig das Einbeziehen der individuellen Lebenswelt ist: „Der familiäre Alltag ist der zentrale Ausgangspunkt der Therapie. Es geht um die Gestaltung einer entwicklungsfördernden Umgebung.“ Er bestätigt damit das Sehfrühförderungskonzept der Barmherzigen Brüder Linz, das seinen Fokus klar auf die Betreuung der Familien vor Ort legt.

„In langjähriger Zusammenarbeit eines ausgezeichneten Ärzteteams, dem engagierten Sehfrühförderteam sowie dem Einsatz des Lions Club Linz City ist ein umfassendes und vor allem auch ganzheitliches Betreuungssystem aufgebaut worden, das nicht nur in Oberösterreich einzigartig ist, sondern auch ein Vorzeigeprojekt für ganz Österreich,“ freut sich Mag. Peter Ausweger, Gesamtleiter der Barmherzigen Brüder Linz.