Das Unmögliche wagen. Anna Dengel – Ärztin, Missionarin, Ordensgründerin

Mit ihrer Hartnäckigkeit schrieb die Tirolerin Anna Dengel (1892­–1980) Kirchengeschichte: Sie gründete die „Gemeinschaft der missionsärztlichen Schwestern“ und rang dem Papst eine wichtige Erlaubnis ab.

Das Leben von Anna Dengel wurde von einem Satz bestimmt: „Das Unmögliche wagen.“ Dazu bedurfte es gleichermaßen Durchsetzvermögen, Hartnäckigkeit und Mut. Dies alles besaß Anna Dengel, die 1892 in Steeg im Tiroler Lechtal geboren wurde, in reichem Maße. Bei ihrer Lebensplanung schwankte sie vorerst zwischen Ordenseintritt oder Medizinstudium. Dass sie einmal beides würde vereinen können, ahnte sie damals noch nicht.

dengel swAnna Dengel 1934 in einem islamischen Dorf Indien (c) Freunde Anna Dengel.

Mut bewies sie, als sie 1913 mit 21 Jahren zum Medizinstudium nach Cork in Irland fuhr. Sie hatte das Angebot einer schottischen Ärztin angenommen, die Frauen ein Medizinstudium ermöglichen würde, wenn sich diese nach dem Studium zu einen Einsatz in der Mission verpflichten.

Durchsetzungsvermögen musste Anna beweisen, als sie ihre Arbeit als Ärztin in Rawalpindi (Indien) aufnahm. Die den Frauen aufgezwungene Lebensweise und die hygienischen Verhältnisse erschwerten die medizinische Betreuung auf unvorstellbare Weise. Um die Versorgung aufrechterhalten zu können, bat sie um Unterstützung in der Pflege bei den Franziskaner-Tertiarinnen. Die Ordensoberin musste dies aber ablehnen. Anna erfuhr erstmals von dem seit dem Mittelalter bestehenden Verbot, wonach Priester und Ordensleute keine medizinischen Tätigkeiten verrichten dürfen. Die Aufhebung dieses Verbots wurde ihr daraufhin zum Lebensziel. 

Durchsetzungsvermögen bewies Anna Dengel auch, als sie 1924 nach Amerika fuhr, um dort wichtige Kontakte zu Vertretern der Kirche zu knüpfen, die ihr Vorhaben, eine religiöse Gemeinschaft von medizinisch ausgebildeten Frauen zu gründen, unterstützen sollten. Dadurch wollte sie in den Missionsländern „einer Not abhelfen, die nur von Frauen behoben werden könne“. 1925 wurde die „Gemeinschaft der missionsärztlichen Schwestern“ gegründet.

Hartnäckigkeit bewies sie schließlich bei der Knüpfung eines Netzwerkes aus Missionaren, Ordensleuten und Bischöfen, die sich in Rom für die Aufhebung des seit 1215 bestehenden Verbotes der Tätigkeit von Priestern und Ordensleuten im medizinischen Bereich einsetzten: Im Jahre 1936 hob Pius XI. dieses per Dekret auf.

Die Tirolerin Anna Dengel starb 1980 in Rom und fand am Campo Santo Teutonico ihre letzte Ruhe. Die von ihr gegründete Gemeinschaft ist heute mit über 600 Schwestern aus 23 Nationen auf fünf Kontinenten und in 17 Staaten tätig.

Zum Weiterlesen: Einen Bericht über das 90-jährige Jubiläum der "Gemeinschaft der missionsärztlichen Schwestern" aus dem Jahr 2015 finden Sie hier. Aktuell sind Anna Dengels Mitschwestern auch im Kampf gegen das Coronavirus engagiert, wie Sie hier nachlesen können.

 

Ingeborg Schödl:
„Das Unmögliche wagen. Anna Dengel – Ärztin, Missionarin, Ordensgründerin“,
Tyrolia Verlag, Innsbruck 2019, ISBN 978-3-7022-3795-0, € 10,00

Zur Autorin: INGEBORG SCHÖDL ist freie Publizistin und Verfasserin zahlreicher Frauenbiografien. Sie war maßgeblich an der Seligsprechung von Hildegard Burjan, eine der ersten Frauen im österreichischen Parlament und Gründerin der Caritas Socialis, beteiligt.

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[Text: Ingeborg Schödl. Dieser Text wurde in der Serie "Gottes starke Töchter" in der Zeitschrift "miteinander. Das Magazin des Canisiuswerkes" 93. Jg., 1-2, 2021 veröffentlicht.]