Kultur & Dokumentation

"...dass die Codices finanziell unproduktiv im Archiv des Stiftes liegen" - Bücherverkäufe österreichischer Klöster in der Zwischenkriegszeit

Nicht Kriege oder Katastrophen, sondern die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse führten in der Zwischenkriegszeit zum größten Verlust an Handschriften und alten Drucken aus klösterlichen Bibliotheken seit den Josephinischen Klosteraufhebungen.

Seit Jahrhunderten bewahrtes Kulturgut wurde in verzweifelten und oft fehlgeleiteten Versuchen, die klösterlichen Finanzen zu sanieren in den Antiquariatshandel eingebracht, wo es noch heute immer wieder in Verkaufs- und Auktionskatalogen auftaucht. Meisterwerke mittelalterlicher Buchkunst wie das Perikopenbuch von St. Peter oder die Admonter Riesenbibel gelangten damals in in- und ausländischen Institutionen, wo sie noch heute fern von ihrem Entstehungs- und Provenienzkontext aufbewahrt werden.

Der Band, der aus einer 2018 in Zusammenarbeit des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, der Ordensgemeinschaften Österreichs und der Österreichischen Nationalbibliothek abgehaltenen Tagung hervorging, arbeitet erstmals diese Verkaufsvorgänge großflächig auf. In vier Beiträgen werden zunächst die Rahmenbedingungen beleuchtet, die die Verkäufe (vermeintlich) nötig und überhaupt möglich machten: die wirtschaftliche Lage der Stifte, die rechtlichen Grundlagen sowie die involvierten Behörden, allen voran das Bundesdenkmalamt und die (Österreichische) Nationalbibliothek. Es folgen ausführliche Fallstudien zu Verkäufen aus Göttweig, Melk, Lilienfeld, St. Florian, Lambach und St. Peter sowie ein Überblick zu Verkäufen Tiroler Klöster. In Kurzberichten wird die Situation in St. Lambrecht, Kremsmünster, Schlägl, Herzogenburg, Klosterneuburg und Zwettl vorgestellt.

buecherverkauf rahmen

Die Fallstudien konzentrieren sich weniger auf Recherchen nach dem heutigen Aufenthalt der Bücher – für Handschriften ist dies häufig bekannt, für Drucke kaum vollständig zu erfassen –, sondern ermitteln die Akteure des Verkaufsgeschehens und ihre Akquisitionsmethoden. Durch umfangreiche Recherchen in klösterlichen und staatlichen Archiven zeigen sie ein Netzwerk von Vermittlern und Händlern auf, die gezielt auf Bibliothekare und Klostervorsteher zukamen und mit allen Mitteln versuchten, die wertvollsten Bände zu günstigen Preisen an sich zu bringen. Vieles gelangte auf diese Weise weit unter Wert und teils ohne offizielle Genehmigungen in den Handel. Der - in der Regel überschaubare und wenig nachhaltige - finanzielle Gewinn stand dabei (wie so mancher Bibliothekar kritisch bemerkte) meist in keinem Verhältnis zum dauerhaften Verlust von Kulturgütern, die ja nicht nur Ausdruck der gewachsenen Identität des jeweiligen Klosters sondern darüber hinaus der jahrhundertelangen Geschichte Österreichs in seinem europäischen Umfeld waren.

Dem Band beigegeben sind umfangreiche Register zu den involvierten Personen, Stiften und Klöstern und den verkauften Handschriften und Drucken, die der zukünftigen Forschung einen Referenzrahmen bieten und so eine weiterführende Beschäftigung mit der Materie anstoßen sollen.

[Text: Katharina Kaska]

Infos & Bestellung

Herausgeber: Katharina Kaska und Christoph Egger
Reihe: Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 77 (2022)
Verlag: Böhlau
336 Seiten; Hardcover; 17,5 x 24,5 cm
ISBN: 978-3-205-21553-0
EISBN: 978-3-205-21555-4
Preis (Buch): € 51
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Quelle: Böhlau Verlag




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