Kultur & Dokumentation

Bücher und Handschriften auf Reisen

Vom 13. bis 15. Juni 2022 war das Benediktinerstift Melk Gastgeber der Jahrestagung der kirchlichen Bibliotheken Österreichs. Das Motto dieser Veranstaltung lautete „Bücher auf Reisen“.

 Rund 25 Teilnehmer*innen waren Gäste im Benediktinerstift Melk. (c) ÖOKRund 25 Teilnehmer*innen waren Gäste im Benediktinerstift Melk. (c) ÖOK

Montag, 13. Juni

Der erste Tag startete mit einer Begrüßung der rund 25 Tagungsteilnehmer*innen durch Johannes Deibl, Bibliothekar des Stiftes Melk und Karin Mayer, Bereichsleiterin Kultur und Dokumentation sowie Iris Forster, Referentin für Archive und Bibliotheken der Österreichischen Ordenskonferenz. Die beiden Mitveranstalter Markus Bürscher, Mitglied des Vorstandes der AKThB und Ingo R. Glückler, Vorsitzender der VÖB-Kommission für Theologische Spezialbibliotheken richteten ebenso begrüßende Worte an die Tagungsteilnehmer*innen.

Johannes Deibl: Mit den Eigentumsverhältnissen nahm man es nicht immer genau

Anschließend ging es gleich in medias res. Johannes Deibl, Bibliothekar des Stifts Melk, referierte über den „Leihverkehr der Melker Stiftsbibliothek historisch und aktuell“. Die Stiftsbibliothek Melk wurde im Jahre 1089 gegründet und umfasst heute rund 100.000 Bände, darunter 798 Inkunabeln und rund 1230 mittelalterliche Handschriften (9.-16.Jh.). Klosterbibliotheken unterscheiden sich stark von Ausleihbibliotheken, bei denen die Entlehnung von Werken eine Kernaufgabe bildet. Der Klosterbestand bleibt in Präsenz vor Ort; nur in Ausnahmefällen dürfen Bücher das Kloster verlassen.

„Die Herstellung handschriftlicher Codices erfolgte in der hauseigenen Melker Schreibstube. Dabei spielte auch das Abschreiben bereits vorhandener Texte weiterer Stätten ein Rolle. Oft musste eine Abschrift vor Ort geschehen, doch konnten aus gewichtigen Gründen auch Entlehnungen gestattet werden.“ Der Crux war: Mit den Eigentumsverhältnissen nahm man es nicht immer genau. Viele Handschriften fanden den Weg nicht mehr zurück in die Heimat. So entlieh etwa Kaspar von Nydbruck, der in Diensten des späteren Kaisers Maximilians II. stand, am 5. September 1555 ganze 13 Codices aus dem Stiftsbestand. Auf dem bis heute erhaltenen Entlehnschein (ÖNB Cod. 9737i, fol. 379r/v) wurde eine Rückgabe zugesichert. Allein, die Worte entpuppten sich als leere Versprechen. Der Großteil dieser Bücher befindet sich heute in der Österreichischen Nationalbibliothek. „Das Stift Melk wurde sozusagen zum Vorbesitzer degradiert“, so Johannes Deibl.

Johannes Deibl: Entlehungen erfordern ein ausgeklügeltes Prozedere und werden im Stift Melk auch nicht im großen Stil gemacht. (c) ÖOKJohannes Deibl: Entlehnungen erfordern ein ausgeklügeltes Prozedere und werden im Stift Melk auch nicht im großen Stil gemacht. (c) ÖOK

Heute sind die Voraussetzungen für eine Entlehnung völlig anders geordnet. „Der Leihverkehr beschränkt sich im Wesentlichen auf seriöse Ausstellungen; viele der Vertragspartner sind dabei im Umkreis von wenigen Stunden zu finden.“ Johannes Deibl: Entlehnungen wertvoller Schriften erfordern ein ausgeklügeltes Prozedere und bilden einen heiklen Vorgang. Aktuell sind nur einige wenige Melker Exponate außerhalb des Klosters einsehbar.

Adrien Hofbauer-Bankós und Theresia Burkheiser: Konservatorische Aspekte

Den zweiten Vortrag mit dem Titel „Ein Buch verlässt das Haus – konservatorische Aspekte zum Umgang mit Leihgaben von Bibliotheksgut“ hielten die beiden Papier- und Buchrestauratorinnen Adrien Hofbauer-Bankós und Theresia Burkheiser. Bevor ein mittelalterliches Buch eine Bibliothek verlässt, muss es genau auf Schäden untersucht und eventuell restauriert werden; erst dann wird entschieden, ob es überhaupt verliehen wird.

Theresia Burkheiser: Schäden in mittelalterlichen Codices können vielfältig sein. (c) ÖOKTheresia Burkheiser: Schäden in mittelalterlichen Codices können vielfältig sein. (c) ÖOK

Schäden in mittelalterlichen Codices können vielfältig sein: Ein Buch ist ein Zweckgegenstand und wurde zu allen Zeiten so konstruiert, dass man es permanent verwenden kann. Dennoch unterliegen Papier und Einbände nach etlichen Jahrhunderten der Benutzung nicht nur natürlichen Alterungsprozessen, sondern sind auch aufgrund schlechter Lagerumgebung oftmals in einem desolaten Zustand. Schäden in Form von Pergament- bzw. Papierzerfall (aufgrund der bei der Herstellung säurehaltigen Inhaltsstoffe oder durch Feuchtigkeit) gehören genauso dazu wie Schimmelbildung, Bakterienbefall, Mäusefraß oder Insektenbefall. Ähnlich verheerend kann auch die im Mittelalter oft verwendete Eisengallustinte auf Papier und Pergament wirken; die Tinte beginnt im Laufe der Zeit wortwörtlich zu rosten und frisst sich durch das Papier. Zu guter Letzt können auch mechanische Beschädigungen der Bucheinbände, vor allem der Buchrücken, zur Unbrauchbarkeit führen.

Adrien Hofbauer-Bankós: Drei Monate Ausstellungszeit erfordern drei Jahre Ruhezeit. (c) OÖKAdrien Hofbauer-Bankós: Drei Monate Ausstellungszeit erfordern drei Jahre Ruhezeit. (c) OÖK

Sollte ein mittelalterlicher Codex tatsächlich den Weg in eine Ausstellung finden, müssen besondere Bedingungen beachtet werden: Der Ausstellungsort sollte eine konstante Temperatur von 16-20°C und 40-60% relative Luftfeuchte erreichen und über keine UV-haltige Lichtquellen wie beispielsweise Sonnenlicht verfügen, da Tinte und Farbe ausbleichen würden. In den Vitrinen mit UV-Schutzglas sollen die Bücher mit einem Öffnungswinkel von maximal 120° und einem Neigungswinkel von maximal 15° ausgestellt werden; dazu gibt es spezielle Unterlagen aus Plexiglas oder Filz. Abschließend gilt die Faustregel: Drei Monate Ausstellungszeit erfordern drei Jahre Ruhezeit.

Manfred Auer: Optimaler Transportweg

Manfred Auer, Geschäftsführer der hs art service austria GmbH, berichtete über „Planung des Transports von Leihgaben – Verpackung, Transportkisten, Kurierdienst“. Er präsentierte verschiedene Arten der Verpackungen, die speziell für den jeweiligen Transportweg (Straßen- bzw. Lufttransport oder Seeweg) entwickelt wurden und es ermöglichen, dass für einige Stunden die Temperatur im Inneren konstant aufrecht gehalten werden kann.

Manfred Auer, Geschäftsführer der hs art service austria GmbH. (c) ÖOKManfred Auer, Geschäftsführer der hs art service austria GmbH. (c) ÖOK

Aus der Praxis erzählte er, dass Kunstgüter bei sommerlichen Temperaturen verpackt und am Zielort bei winterlichen Temperaturen ankommen; auch hier muss ein optimaler Transport gewährleistet sein. Dazu verfügt seine Firma über eine eigene Zollabteilung, welche direkt mit der österreichischen Zollverwaltung zusammenarbeitet und eine einfache Zollabwicklung (zum Beispiel am Flughafen) ermöglicht.

Round Table

Der Nachmittag stand ganz im Zeichen des kollegialen Austausches und Informationen.

Katrin Jilek, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sammlung von Handschriften und alten Drucken in der Österreichischen Nationalbibliothek, ist zuständig für Leihansuchen. Aus der Praxis heraus konnte sie berichten, dass Facility Reports, also Fragebogen z.B. zur konservatorischen Ausstattung der Ausstellungsräumlichkeiten oder der Ausstellungsbedingungen essenziell sind. Höchstes Augenmerk muss dabei vor allem auf die Überwachung der Klimawerte gelegt werden.

Sonja Führer, Leiterin der Bibliothek St. Peter in Salzburg, wies darauf hin, dass nicht immer die Originalhandschrift als Leihgabe hergegeben werden muss; ein angefertigtes Faksimile erfüllt oft denselben Zweck wie das Original, ist aber natürlich nicht so unersetzlich und empfindlich wie das Original.

Markus Bürscher, Leiter der Bibliothek der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz, brachte die Schwierigkeit bei internen Ansuchen von Mitarbeitenden der Pädagogischen Hochschule betreffend älterer Bücher zur Sprache, die in einem konservatorisch schlechteren Zustand sind.

Dienstag, 14. Juni 2022

Der zweite Tag stand am Vormittag ganz unter dem Motto: „Ein Buch verlässt das Haus - Vom Umgang mit Leihgaben in der Praxis“. Adrien Hofbauer-Bankós und Theresia Burkheiser ergänzten durch praktische Beispiele ihren Vortrag vom Vortag. Verschiedene Bücher aus der Stiftsbibliothek Melk wurden genau unter die Lupe genommen und auf Schäden wie Fraßspuren von Insekten oder schadhafte Bucheinbände untersucht. Die beiden Buchrestauratorinnen zeigten auch, wie Bücher mittels Buchstützen aus Schaumstoff oder Karton richtig präsentiert werden sollten. Auch ideale Transportmöglichkeiten standen auf dem Programm.

Adrien Hofbauer-Bankós und Theresia Burkheiser zeigten im Workshop welche Schäden bei mittelalterlichen Büchern auftauchen können. (c) ÖOKAdrien Hofbauer-Bankós und Theresia Burkheiser zeigten im Workshop welche Schäden bei mittelalterlichen Büchern auftauchen können. (c) ÖOK

Das Fazit lautete: Häufig sind keine großen Restaurierungen nötig; ein schadhaftes Kapitelband eines Buches kann zum Beispiel mittels Japanpapiers gefestigt werden. Schutzumschlag aus säurefreiem Papier sind oft die effizienteste Möglichkeit, Bücher besser zu schützen. Auch die Notwendigkeit eines Notfallplanes wurde angesprochen.

Der Workhshop der beiden Buchrestauratorinnen war gut besucht. (c) ÖOKDer Workshop der beiden Buchrestauratorinnen war gut besucht. (c) ÖOK

Am Nachmittag standen die „bibliophilen“ Sehenswürdigkeiten des Benediktinerstifts Melk im Mittelpunkt. Bernadette Kalteis, Mitarbeiterin der Stiftsbibliothek Melk, führte durch die barocke Bibliothek. Ein Blick in die sogenannten „Bergl-Zimmer“ durfte natürlich auch nicht fehlen. Sie verwies auf die großangelegten Restaurierungsarbeiten, welche seit heuer durchgeführt werden.

Bibliothekar Johannes Deibl führte durch die Privatbibliothek des 2010 verstorbenen Musikwissenschaftlers Manfred Angerer, welche an das Stift übergeben worden war. Die vollständige Katalogisierung erfolgte zwischen 2014 und 2021. (Siehe auch: https://www.ordensgemeinschaften.at/kultur/aktuelles/1731-die-stiftsbibliothek-melk-stellt-sich-vor).

Anschließend folgte eine Führung durch die Stiftskirche. P. Prior Jakob Deibl zeigte die Besonderheiten des barocken Schmuckstücks. Unter anderem durften die Teilnehmenden einen Blick in die Sommersakristei werfen.

P. Prior Jakob Deibl zeigte die Sehenswürdigkeiten der Stiftskirche. (c) ÖOKP. Prior Jakob Deibl zeigte die Sehenswürdigkeiten der Stiftskirche. (c) ÖOK

Der Nachmittag fand seinen Abschluss mit einem Vortrag von Verena Bull, Teamleiterin Teilbibliothek Freisaal, Universitätsbibliothek Salzburg. Sie gab mit dem Thema „Einfach erklärt: Tutorials für die Bibliothek“, das sich mit Online Tutorials an der Uni Salzburg beschäftigte, eine Einstimmung auf den nachfolgenden Tag.

Mittwoch, 15. Juni 2022

Am letzten Tag der Veranstaltung tagte die Kommission für Theologische Spezialbibliotheken zum Thema „Online Tutorials für die Bibliothek“. Ingo Glückler, Bibliotheksdirektor der Katholischen Privatuniversität Linz, führte durch das Programm. Dabei erläuterte Workshop-Leiter Hannes Valtiner von Rec Play Media sowohl in Theorie als auch in der Praxis Beispiele für das Erstellen eines Online-Tutorials.

Die Workshops am Mittwoch zeigten sowohl in theorie als auch in Praxis beispiele für das Erstellen eines Online-Tutorials. (c) ÖOKDie Workshops am Mittwoch zeigten sowohl in Theorie als auch in Praxis Beispiele für das Erstellen eines Online-Tutorials. (c) ÖOK

Veranstaltet wird die Tagung durch die Arbeitsgemeinschaft der Ordensbibliotheken Österreichs (Bereich Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz), der Arbeitsgemeinschaft katholisch-theologischer Bibliotheken (Landesgruppe Österreich/Schweiz/Südtirol) sowie der Kommission für Theologische Spezialbibliotheken der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB).

[robert sonnleitner]

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