Kultur & Dokumentation

Das heikle Erbe vergangener Missionen

Neben Museen und Instituten beherbergen etliche Ordensgemeinschaften ethnologische Sammlungen. Was tun mit diesem äußerst heterogenen Erbe der Missionstätigkeit? Jene Artefakte sind Zeugnisse einer fernen Welt vom Barock bis ins 20. Jahrhundert und sind dennoch ein relevanter Teil der Geschichte von missionierenden Ordensgemeinschaften.

Missionssammlungen transportieren neben ihrer Materialität und Kunstfertigkeit unterschiedlichste persönliche Geschichten von Ordensmitgliedern wie von den Orden selbst. Sie sind gleichzeitig Träger europäischer und außereuropäischer Kultur- und Kunstgeschichte. Eine Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit ethnologischen Sammlungen aus missionarischer Tätigkeit, kann eine heilsame Reise in die Vergangenheit sein, die gleichsam problematisch wie spannend ist. Diese oft vernachlässigten Sammlungen wiederzuentdecken, neu zu bewerten und vor allem zu erhalten ist das ursprüngliche Anliegen der Initiatoren dieses Tagungsreigens.

Was macht ein Objekt religiös? – Kulturkontakte damals

Die Artefakte werden als Zeugnisse des Religions- und Kulturkontakts verstanden und sind bis heute Kontaktzonen von Missionsorden und Missionsgesellschaften. Die Tagung versucht u.a. die Dimension dieser Kontaktzonen und Bedeutungsschienen anhand von Missionssammlungen aufzuzeigen. Als mögliche Kontaktzonen, neben der schon erwähnten Sammlungsstrategie und dem einzelnen Sammlungsobjekt in seiner Materialität, gelten Sammlungen als Vehikel zur Wissensvermittlung: nach innen zum didaktischen Gebrauch für Missionsordensmitglieder (unter diesem Aspekt sind die Einrichtung von Wunderkammern zu sehen) und nach außen als Teil der europäischen Kulturgeschichte (Sammlungsausstellungen des 19. und 20. Jahrhunderts, Weltausstellung etc.).

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Afrikanischer Jesus am Kreuz, Teil der Sammlung "Weiße Väter" im CERES (c) Projekt Ceres: ACADEMIC UNBOXINGS #3: Opening the archives of Africa missionaries "White Fathers" (w/ Birgit Meyer). https://www.youtube.com/watch?v=Rowq_6AdFlI
 

Missionssammlungen zeichnen sich durch ihre Heterogenität aus. Ein weites Feld an Formen, Materialien, Traditionen und u.a. möglichen Bedeutungsebenen können hier bewusst oder unbewusst mitschwingen.
Was macht ein Objekt religiös? Nicht alle Objekte sind per se religiös, sondern erhalten diese Bedeutungsebene über soziale Handlungen oder kommunikative Vermittlung. Artefakte werden zu Symbolträgern, neben der religiösen Aufladung, können sie unter Umständen Machtverhältnisse widerspiegeln. Ebenso kann eine Sammlung für den Missionsorden identitätsstiftend bzw. Bedeutung für das Ordenscharisma haben. Nicht außer Acht zu lassen ist die ursprüngliche Zweck- und Bedeutungsebene der Objekte.


chr st ausustin mission Jesus mit Brüsten, „Haus Völker und Kulturen“ Missionssammlung St. Augustin (D) der Steyler Missionare derzeit geschlossen (c) Deutschlandradio / Monika Dittrich.

Ein Aspekt der wissenschaftlichen Aufarbeitung beschäftigt sich mit der gegenseitigen Beeinflussung der Kulturen, der unter dem Begriff der Interkulturation zusammengefasst werden kann. Dort, wo sich der Kulturkontakt an den Objekten tatsächlich sichtbar in Erscheinung tritt, wo christliche Ikonografie in der jeweiligen Tradition und Ausdruckssprache der Ursprungsgesellschaft umgesetzt wurde.
Ein anderer Aspekt greift die, nicht unwesentliche, Bedeutung von MissionarInnen und Missionsstationen als wichtigen und oft einzigen Kontakt für die Ethnologen bei der beginnenden Feldforschung auf.

Neue Wege der Erschließung und Präsentation

Eng verknüpft mit der Auseinandersetzung mit Missionssammlungen ist die Suche nach einem zeitgemäßen Weg für eine adäquate museale Präsentation, um die überholte eurozentristischen Sichtweise hinter sich zu lassen. Ein Zugang für eine objektivere Aufarbeitung und Vermittlung von Missionssammlungen liegt in der aktiven Einbeziehung von ForscherInnen der Herkunftsgesellschaft der Artefakte, die erwartungsgemäß eine unterschiedliche Sichtweise und Lesart der Sammlung in den Diskurs einbringen. Eine Kooperation bei der Neubewertung und Erforschung einer Missionssammlung durch beide Seiten erscheint ein vielversprechender Ansatz.
Die Mehrheit der kleinen Missionssammlungen in den Orden sind kaum erfasst, wenig bearbeitet und selten zugänglich. Die Struktur der Ordensgemeinschaften befindet sich in Veränderung und steht vor neuen Herausforderungen. Heute stammt ein Teil der nachfolgenden Generation von Ordensmitgliedern ursprünglich aus gerade jenen Herkunftsländern der Objekte früherer Missionen. Auch dieser Umstand kann eine Chance für eine Neubewertung der Missionssammlungen sein!

Zahlen und Fakten aus Österreich

Die 2016 von Helga Penz durchgeführte Umfrage zum Bestand von missionarischen und ethnologischen Sammlungen in den österreichischen Ordensniederlassungen, gibt einen ersten Überblick über die Bandbreite, Herkunft, Zugänglichkeit und Größe von Missionssammlungen.
Von den ca. 193 österreichischen Ordensgemeinschaften haben rund 25% den Fragebogen ausgefüllt retourniert. Demnach existieren, neben den drei großen Sammungsbeständen mit mehr als 1000 Objekten, größtenteils kleine Sammlungen aus der Missionstätigkeit, vorzugsweise aus Afrika und Asien. Die Hälfte davon sind nicht betreut und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

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Wie geht man‘s an? – Tipps aus der Praxis

Falls noch keine schriftliche und fotografische Dokumentation der Missionssammlung vorhanden sein sollte, müssen zuallererst sämtliche verfügbaren Daten zu jedem einzelnen Objekt aufgenommen werden (Beschreibung, Maße, Material, Zweck, Künstler, Zustand etc.). Es dient zur zweifelsfreien Identifizierung und Sicherung der Artefakte und dient als solide Basis für eine spätere wissenschaftliche Erforschung.
Zur Datenrecherche und Kontextualisierung eines Sammlungsbestands führt der Gang geradewegs ins Ordensarchiv, wo im besten Fall alte Inventarlisten, aber auch Nachlässe von MissionarInnen, Tagebücher, Briefverkehr, Chroniken, Leitfäden und Anleitungen für MissionarInnen der Ordensleitung oder Zeichnungen, Fotografien oder Filmmaterial zu finden sind. Nicht immer, aber meist liegt dem Objektbestand eine Sammlungsstrategie zu Grunde, die oft auf ersten Blick nicht erkennbar ist. Sie stellt ein wichtiges Element zum Verständnis für die Existenz der Missionssammlung dar.

Kulturkontakt - heute

Das Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität Bochum ist eine konfessionell ungebundene Einrichtung, die sich seit Jahren dem Forschungsschwerpunkt Materialität – Mission – Kulturkontakt widmet. Auftakt der Tagungsreihe bildete 2017 die Tagung zum Thema Missionsgeschichte Sammlungen heute: Herausforderungen, Chancen, Visionen in St. Augustin (D) im Haus Völker und Kulturen. Anfang Juni wurde die zweite Tagung in diesem Rahmen über Missionsgeschichtliche Sammlungen an drei intensiven Tagen im CERES abgehalten. Gefördert wurde die Tagung von der Deutschen Ordensobernkonferenz, vom Landschaftsverband Rheinland (LVR-Fachbereich Regionale Kulturarbeit) sowie vom Landschaftsverband Westfahlen-Lippe (LWL-Kulturabteilung). Rund 40 Vertreter der Museumslandschaft und öffentlicher Kultureinrichtungen sowie Leiter und Kustoden von Missionssammlungen des deutschsprachigen Raums sowie eine chinesische Wissenschaftlerin, über Video, waren hier versammelt. Spannende Vorträge und rege Diskussionen gaben Einblick in neue Ansätze zur Aufarbeitung, der Präsentation von großen wie kleinen Sammlungen, der Vermittlung und der Dokumentation von Sammlungsgut. In den Vorträgen wurde der Umgang mit den problematischen Begleitthemen von Missionssammlungen, wie Kolonialismus, Eurozentrismus, Missionstheologie, Schwierigkeiten in der Provenienzforschung sowie die Frage der Restitution menschlicher Überreste angesprochen.

Ziel der Tagungsreihe ist, neben dem fachlichen Ehrfahrungsaustausch und sich daraus ergebende mögliche Kooperationen und Perspektiven, den, oft vernachlässigten, ethnografischen Bestand in Museen, Instituten und Ordenshäusern wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Gleichzeitig werden durch die Kulturabteilung LWL in Deutschland bzw. durch den Bereich Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz Anleitungen und Hilfestellung und Vermittlung bei der Inventarisierung und der Kontextualisierung von Missionssammlungen angeboten.


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Ausstellungsstücke der Sammlung "Weiße Väter" im CERES Tagungsraum arrangiert (c) ÖOK/Susanne Barabas.
 

Die Beiträge der Tagung von 2017 wurden im Franz Schmitt Verlag unter dem Tagungstitel Missionsgeschichtliche Sammlungen heute, vom LVR-Fachbereich Regionale Kulturarbeit/Museumsberatung, Köln und dem LWL – Museumsamt für Westfalen, Münster herausgegeben. Es bleibt zu hoffen, dass die durchwegs interessanten Beiträge von der zweiten Tagung 2022 ebenfalls in einem Tagungsband veröffentlicht werden und so einem breiteren Interessentenkreis künftig zur Verfügung stehen werden.

[susanne barabas]

CERES - RUB - Tagung zu Missionssammlungen

202206_missionssammlungen_programm.pdf


 Weiterlesen:

CERES Projekte Missionssammlungen
Bericht des BMBF Deutschland über CERES

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