Kultur & Dokumentation

Zeichen setzen. Fastentuch und Psalmtuch als dauerhafte künstlerische Zeugnisse eines Jubiläums

Die Gestaltung eines zeitgenössischen Fastentuchs für die Stiftskirche war eines der künstlerischen Projekte, das im Jubiläumsjahr des Stiftes Klosterneuburg 2014 umgesetzt wurde. Anlass war die neunhundertste Wiederkehr der Grundsteinlegung der Stiftskirche.


Ernst-Ferdinand Wondrusch bei der Arbeit am Klosterneuburger Fastentuch im Februar 2014 (c) Walter Hanzmann, Stift Klosterneuburg

Das Fastentuch von Ernst-Ferdinand Wondrusch am Hochaltar der Klosterneuburger Stiftskirche (c) Walter Hanzmann, Stift Klosterneuburg

Damit sollte gezeigt werden, dass sich das Stift bei allem Traditionsbewusstsein als Stätte gelebten Glaubens versteht, das im Sinne seiner ursprünglichen Stiftung durch den heiligen Leopold im Hier und Jetzt wirkt. Bewusst strebte man ein Werk an, das außerhalb des musealen Bereichs seinen Platz hat und in liturgischer Verwendung steht.

Aus einem geladenen Wettbewerb mit vier Teilnehmern kürte eine Jury unter der Mitwirkung von Frau Margit Fischer, der Gattin des damaligen Bundespräsidenten, den Entwurf des in Klosterneuburg lebenden Künstlers Ernst-Ferdinand Wondrusch zum Sieger. Nach Ansicht der Jury fügte sich dieser am besten in das barocke Ambiente der Stiftskirche ohne seine Entstehungszeit zu verleugnen. Das Tuch zeigt die Umsetzung eines Kreuzmotivs vor einem suggestiv gestalteten abstrakten Hintergrund unter Berücksichtigung der traditionellen liturgischen Farbe Violett und unter Einbeziehung des Dreifaltigkeitsgedankens.


Ernst-Ferdinand Wondrusch, Entwurf zum Klosterneuburger Fastentuch, 2013 (c) Ernst-Ferdinand Wondrusch

Ernst-Ferdinand Wondrusch, Entwurf zum Klosterneuburger Fastentuch, 2013 (c) Ernst-Ferdinand Wondrusch

Neben der künstlerischen stellte das neue Fastentuch alle Beteiligten auch vor enorme technische Herausforderungen. Das betraf zunächst einmal die Ausführung des Gemäldes im Format 8,50 x 4,20 m in altmeisterlicher Lasurtechnik mit Acrylfarben auf Leinwand. Da das Atelier des Künstlers für ein Werk in diesen Dimensionen viel zu klein war, entstand das Tuch auf dem Boden eines der Gänge im Stift, der für die Dauer der Arbeiten im Januar/Februar 2014 zu einer improvisierten Werkstatt umfunktioniert wurde.

 

Ernst-Ferdinand Wondrusch bei der Arbeit am Klosterneuburger Fastentuch im Februar 2014 (c) Walter Hanzmann, Stift Klosterneuburg

Ernst-Ferdinand Wondrusch bei der Arbeit am Klosterneuburger Fastentuch im Februar 2014 (c) Walter Hanzmann, Stift Klosterneuburg

Auch die Montage vor dem barocken Altarblatt von Johann Georg Fischer gestaltete sich als überaus kompliziert. Sie war erst nach Anfertigung einer zusätzlichen Zug- und Tragevorrichtung gefahrlos möglich. Bei einem ersten Hängeversuch wäre der Künstler fast von seinem eigenen Werk erschlagen worden… Mittlerweile ist das Aufziehen des Wondrusch-Tuches zur Routine geworden und mit seiner suggestiven Tiefenwirkung, die einen scheinbar in imaginierte Fernen schauen lässt, gehört es zum fixen Bestandteil des Kirchenjahres im Stift Klosterneuburg.

Der zweitgereihte Entwurf der Kärntner Künstlerin Lisa Huber beeindruckte durch seine hohe Qualität und die formal wie inhaltlich außergewöhnliche Gestaltung. Doch war die einhellige Meinung der Jury, dass die Stiftskirche mit ihrer barocken Inneneinrichtung nicht der optimale Ort dafür sein würde. Da man aber auf ein so interessantes Werk nicht ganz verzichten wollte, wurde die Künstlerin beauftragt, eine im Format reduzierte Variation des ursprünglichen Konzeptes auszuführen.

Lisa Huber, Tuch zum Psalm „Singet dem Herrn ein neues Lied“ 150, 2013, Scherenschnitt, umgesetzt von Hand und Maschine gestickt, Leinen/Atlas, Seide gefasst, 190 x 210 cm, Stiftsmuseum Klosterneuburg (c) Bernd Borchardt

Lisa Huber, Tuch zum Psalm „Singet dem Herrn ein neues Lied“ 150, 2013, Scherenschnitt, umgesetzt von Hand und Maschine gestickt, Leinen/Atlas, Seide gefasst, 190 x 210 cm, Stiftsmuseum Klosterneuburg (c) Bernd Borchardt

So entstand das „Psalmtuch“ im Format 190 x 210 cm, das seither zum festen Bestand der Schatzkammer des Stiftes zählt und dort eine perfekte Ergänzung zum Jugendstil-Ornat von Anton Hofer von 1910 bildet. Grundlage ist die doppelchörige Mottete „Singet dem Herrn ein neues Lied“ von Johann Sebastian Bach (BWV 225), die Texte aus dem 149. und 150. Psalm vertont. Lisa Huber schuf dazu abstrakte Scherenschnitte, die in Sticktechnik übersetzt wurden und auf einem groben Leinenstoff appliziert wurden. Im Nachhinein gesehen hat Lisa Huber damit größere Präsenz erreicht als ihr Konkurrent. Während Ernst-Ferdinand Wondruschs Großgemälde alljährlich für 40 Tage in der Stiftskirche präsent ist, kann man das „Psalmtuch“ ganzjährig in der Schatzkammer des Stiftes bewundern. Mit der ihr eigenen Zielstrebigkeit hat Lisa Huber das Projekt ihres „großen“ Fastentuchs mit dem Titel „Davids Harfe“ weiterverfolgt mit dem Ergebnis, dass es in der Fastenzeit 2017 im Dom von Klagenfurt, 2018 im Wiener Stephansdom und 2019 im Dom zu Bamberg zu sehen war.
[MMag. Wolfgang Christian Huber, Sammlungskustos Stift Klosterneuburg]

 

Quellen

Lisa Huber, Eins vom Andern (Klagenfurt/Graz 2015) 53–57.
Lisa Huber, Davids Harfe: Ein Fastentuch (Klagenfurt 2017).
Katalog Ernst Ferdinand Wondrusch, Nah- und Rückblick (mit Ergänzung „Auf der Suche nach den Gemälden aus der verlorenen Zeit“, Klosterneuburg 22018) 20, 139/140.
Fastentuch, in: austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_Österreichs/Fastentuch [abgerufen 18.02.2022].

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