Jahrestagung der ARGE Ordensbibliotheken: Bestandserhaltung als Beitrag zum Kulturgüterschutz

Die Jahrestagung der ARGE Ordensbibliothek fand am 1. Juni 2021 online via Zoom mit rund 50 Teilnehmer*innen statt. Im Zentrum der Tagung stand die Bestandserhaltung in Bibliotheken als Beitrag zum Kulturgüterschutz.

Eva-Maria Gärtner (Bundesdankmalamt Wien) und Norbert Donhofer (Kulturgüterschutz-Panel und Antiquariat) gaben wertvolle Einblicke in die Fragen „Wie gehe ich mit meinem Buchbestand richtig um?“ „Wie schütze ich mich vor Diebstahl?“ und „Wie gehe ich im Falle eines Diebstahls damit um?“.

20210329 jt bib webThema der Jahrestagung der ARGE Ordensbibliotheken war Bestandserhaltung in Bibliotheken als Beitrag zum Kulturgüterschutz (c) Ordensgemeinschaften Österreich

Gärtner: Nicht als alte Bücher?
Eva-Maria Gärtner, von der Abteilung für bewegliche Denkmale – Internationaler Kulturgütertransfer des Bundesdenkmalamtes, ging in ihrem Vortrag auf den denkmalgerechten Umgang mit dem Schrifttum vergangener Zeiten ein und erläuterte zu Beginn die Entstehung des Denkmalschutzes in Österreich im 19. Jahrhundert. 1850 wurde die Zentralkommission zur Erhaltung der Baudenkmäler gegründet, in diesem Jahr wurde auch das Westportal von St. Stephan erstmals erforscht. 1911 kam es zum ersten Statut für das Bundesdenkmalamt. Mit dem Zerfall der Monarchie 1918 wurde ein Ausfuhrverbotsgesetz ins Leben gerufen, um die beweglichen Denkmale in Österreich zu halten. 1923 wurde das Denkmalschutzgesetz erlassen, heute wird mit einer Novelle von 1999, in der das Ausfuhrverbotsgesetzt aufgehoben wurde, gearbeitet.

Behalten, aussondern oder wegwerfen?
Ein wichtiges Thema im Zusammenhang des Denkmalschutzes sei die „Deakzession“, also die dauerhafte Entfernung eines Objektes aus einer bestehenden Sammlung von Veräußerung, Tausch, Schenkung oder anderen Übertragungsgeschäften sowie irreparabler Schäden. Eva-Maria Gärtner betonte in diesem Zusammenhang, dass eine Deakzession niemals eine Rechtfertigung sein könne, wenn personellen oder finanziellen Ressourcen reduziert seien. „Man muss immer im Hinterkopf haben, dass es eine dauerhafte Entfernung ist“, mahnte Gärtner.

Die Expertin betonte, dass man für eine Deakzession den Bestand erfasst haben und die Historie der Bibliothek/des Bestandes kennen muss. „Wenn man einen Bestand auflöst, gilt das auch für jene Objekte, die nicht inventarisiert sind. Man muss davon ausgehen, dass die gesamte Sammlung, die gesamte Bibliothek unter Denkmalschutz steht. Dies hat der Gesetzgeber so veranlasst, weil man weiß, dass man von heute auf morgen keine vollständigen Listen des Bestandes der einzelnen Orden, Stifte, Pfarrgemeinden etc. erstellen kann“, erklärte die Fachexpertin.

Für eine Zerstörung oder Veränderung braucht es eine Bewilligung, denn die Aufhebung der Schutzwürdigkeit, geht nur über das Bundesdenkmalamt. An einem Beispiel erklärte Gärtner: „Wenn Sie ein Buch vor sich liegen haben, dass schon von Käfern zerfressen ist, stehen diese Papierreste auch noch unter Denkmalschutz. Hier muss dann von Amtswegen mit Antragsformular und Foto der Denkmalschutz aufgehoben werden. Falls Sie Sammlung auflösen müssen, sollten Sie sich unbedingt mit dem Bundesdenkmalamt zusammenschließen, um gemeinsam das Schützenswerte zu definieren.“

Verleihen oder nicht?
Leihverkehr sei wichtig und diene dem Schutz und Erhalt des kulturellen Erbes Österreichs. Vorsicht sei aber geboten, denn Manipulationen mit dem Original – und hier gebe es viele besondere Kostbarkeiten – bergen immer ein erhöhtes Risiko und hier entstünden oft die meisten Schäden.

Praktische Tipps der Expertin, die beim Verleihen zu beachten sind:

  • Bedingungen zur Minimierung des Transport- und Ausstellungsrisikos formulieren!
  • Vorgabe zur Restaurierung, Koservierung, Handhabung und/oder Präsentation, Verpackung und den Transport von Objekten.
  • Für jede Ausstellung formulieren, unabhängig davon, ob im eigenen Haus oder an eine andere Institution.

Checkliste und Risikoanalyse
Eva-Maria Gärtner riet den Teilnehmer*innen, immer eine Checkliste vorzubereiten. In dieser sollen Ort, Dauer, Präsentationsart, Angabe der Seiten, das Material, die angewandte Herstellungstechnik, der aktuelle Zustand des Buches festgehalten werden, aber auch überlegt werden, welche negativen Einflüsse die Ausstellung auf das Objekt haben könnte. Als Belastungskriterien nannte sie Klima, Licht, Schadstoffe und Erschütterungen.

Zudem sei laut der Expertin vom Bundesdenkmalamt auch eine Risikoanalyse von großer Bedeutung. Diese beinhalte Fragen nach der Präsentationsform, dem Platz in der Ausstellung, dem Platz der Vitrine sowie Überlegungen zu Verpackung und Transport. Weiters solle man sich unbedingt nach einem Facility Report erkundigen und ein Zustandsprotokoll erstellen, in dem der aktuelle Zustand des Werkes bildlich und schriftlich festgehalten werde.

Sie appellierte und ermutigte Orden, ihre Objekte, Bestände zu verleihen. Einerseits aus kulturellen Gründen, dass der Bestand bekannt wird, man ihn erforschen kann und zeigen kann, was Stifte, Klöster, Pfarren für den Erhalt des Kulturgutes beitragen, andererseits sollen auch die monetären Gründe mitbedacht werden. So riet sie dazu, sich nicht zu scheuen und Verleihgebühren zu verlangen oder eine Restaurierung nach der Ausstellung zu fordern. Weiters empfahl sie bei fehlenden Ressourcen die Zusammenarbeit und Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen wie Universitäten oder Akademien zu suchen.

Donhofer: Das gedruckte Kulturerbe von Ordensbibliotheken in Gefahr
Mit den Themen Diebstahl, Aufklärung und Prävention beschäftigte sich im zweiten Vortrag der Tagung Antiquar Norbert Donhofer. Er gab Kriminalgeschichten rund um Buchdiebstähle zum Besten und nahm die Teilnehmer*innen mit auf eine spannende Reise. „Es sind mannigfaltige Gefahren, denen ihre Schützlinge – nämlich der historische Bestand Ihrer Bibliothek – ausgesetzt sind“, begann Donhofer seine Ausführungen. Gier und Geltung seien oft die primären Motive, die Diebe antreiben und dabei schrecken sie vor nichts zurück.

„Diebstähle sind kein Phänomen dieser Tage. Schon immer waren Bücher begehrte Objekte. Oft galt es auch die Bücher zu vernichten, um die kulturelle Identität zu zerstören. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Diebstähle jedoch ein Ausmaß angenommen, die ein Gegensteuern bedürfen“, betonte der Antiquitäten-Experte.

Anhand von drei konkreten Beispielen zeigt er auf, wie dreist Diebe oft sind, verdeutlichte aber auch, was hätte gemacht werden können, um die Geschehnisse zu verhindern.

Screenshot1Rund 50 Teilnehmer*innen nahmen online an der Jahrestagung teil. Bild: Screenshot

Ein dreister Auftragsdiebstahl
2006 wurde für die Ausstellung „Krötengift und Hexenkraut“ von einem österreichischen Stift ein besonders spektakuläres Buch als Leihgabe erbeten. „Es handelte sich um das schönste jemals gedruckte Buch der Wissenschaft. Das 1540 gedruckte Buch „Astronomicum Caesareum“, das Meisterwerk von Petrus Apianus mit astronomischen Abbildungen“, schilderte Donhofer. Am 4. September dann die Schlagzeile: „Ein historisches Buch im Wert von 30.000 Euro […] gestohlen.“ Es handelte sich um das besagte „Astronomicum Caesareum“. Der Diebstahl hatte sich bereits im August zugetragen, wurde aber erst einen Monat später entdeckt. Der Diebstahl wurde sofort gemeldet und alle notwendigen Schritte eingeleitet, doch leider vergebens.

Was war passiert? Norbert Donhofer erläuterte, dass das Buch in einer unversperrten Tischvitrine aufbewahrt war. Der Dieb konnte die Kamera ganz leicht außer Kraft setzen, indem er sie verdrehte. Für den Dieb war es also nicht schwierig, die Glasplatte der Vitrine anzuheben, das Buch rauszuholen und ein ähnliches Buch zu platzieren. Es handelte sich hierbei um einen klaren Auftragsdiebstahl.

Was hätte anders gemacht werden können? „Das Buch stand ohne ausreichende Sicherung zum Abholen bereit. Die Leihgeber hätten sich auf jeden Fall ein Bild der Sicherungsmaßnahmen machen müssen und in Folge bessere Sicherungsmaßnahmen verlangen müssen. Und der Wert des Buches war mit einem viel zu geringen Wert angegeben“, analysierte Donhofer den Fall.

Wie zuvor auch schon Eva-Maria Gärtner appellierte auch Norbert Donhofer dennoch an Ordensbibliotheken, Bücher herzuzeigen. Aber unter bestimmten Bedingungen, wie zum Beispiel einer ordnungsgemäßen Diebstahlsicherung und einer Überprüfung des Ausstellungsortes und der Sicherheitsvorkehrungen.

Drei Viertel aller Diebstähle sind In-House-Diebstähle
Einen weiteren Fall, diesmal einen sogenannten In-House-Diebstahl, schilderte er aus dem Prunksaal der Nationalbibliothek. Für einen hohen Staatsbesuch wurde eines der schönsten Werke über Blumen gezeigt: „Roses“ von Pierre Joseph Redouté. Vor dem Besuch wurde alles kontrolliert und begutachtet, nach dem hohen Besuch wurde die drei Bänder an ihren Standort zurückgebracht. Monate vergingen, bis wieder jemand das Werk sehen wollte. Unter den Argusaugen des Sicherheitspersonals holte man im Augustiner Lesesaal die Werke hervor. Beim Durchblättern des ersten Bandes stellt sich heraus, dass Tafeln aus dem Buch fehlten. Etliche Tafeln des wertvollen Buches wurden feinsäuberlich herausgeschnitten und waren verschwunden. Alle Versuche die Tafeln wieder zu finden, blieben erfolglos. „Es handelt sich um einen In-House-Diebstahl, das ist nichts Ungewöhnliches. Der Internationale Antiquariatsverband analysierte, dass drei Viertel aller Diebstähle in Bibliotheken auf dieses Muster zurückzuführen sind. Je größer der Personenkreis, der Zutritt hat, desto schwieriger wird die Nachverfolgung“, so der Experte.

Der Bibliothekskrimi von Neapel
Im dritten Fall schilderte Donhofer den größten Diebstahl und Skandal, der jemals publik geworden ist. Experten gehen von 5.000 bis 6.000 Bücher aus, die im Zuge dieses Kriminalfalls gestohlen wurden. Zahlreiche dubiose Verstrickungen und mafiöse Geschäfte kamen erst später ans Tageslicht: Berlusconi-Vertraute Marcello Dell“Utri machte Marino Massimo De Caro zum Direktor der Biblioteca dei Girolamini in Neapel, zuvor war dieser schon in vielen weiteren Bibliotheken des Landes, etwa in Padua, Verona, Montecassino, etc. unterwegs und bediente sich auch schon dort an wertvollen Büchern. In Neapel, in der berühmten Girolamini, lies er dann ganze Kisten von Büchern verschwinden.

Es gebe keine Anleitung, wie man diesen spektakulären Diebstahl hätte verhindern können. Um Bücher und die wertvollen Bestände der Bibliotheken bestmöglich zu schützen, hatte Antiquar und Experte Norbert Donhofer ein paar wertvolle Tipps für die Teilnehmer*innen:

• Bestände vollständig erfassen! Am besten eine elektronische Bestandserfassung. Der gute alte Zettelkatalog ist nicht ausreichend und zudem fehleranfällig.
• Führen Sie regelmäßig Inventuren durch.
• Führen Sie Zugangsbeschränkungen ein (Ausweiskontrolle) und stellen Sie Bücher nur nach vorheriger Anmeldung und unter Aufsicht bereit. (Das gilt auch für Mitbrüder / Mitschwestern aus anderen Orden)
• Besucher*innen dürfen keine Mäntel, Jacken, Taschen mitnehmen!
• Wenn doch etwas passiert, zählt Schnelligkeit und Transparenz. Informieren Sie sofort alle Behörden, Polizei, BKA etc. Nehmen Sie auch Kontakt mit dem Antiquariatsverband auf. Geben Sie so viele Informationen wie möglich bekannt. Je vernetzter diese Aktivitäten sind, desto erfolgreicher werden Sie sein.
• Wenn keine Ressourcen zur Betreuung der Bibliothek sind, finden Sie andere Wege. Zum Beispiel: Mehre Klöster teilen sich eine oder mehrere Bibliotheken, Zusammenarbeit mit Universitäten etc.
• Das alles wird Geld kosten, aber die angeführten Beispiele zeigen, dass es weniger Geld kostet als der Diebstahl des Astronomicum Caesareum.

Austausch und KOBi
Im Anschluss folgten Kurzberichte von Ordensbibliotheken und aus diversen Expertenrunden sowie die Vorstellung des neuen Projektes KOBi – Katalog der Ordensbibliotheken Österreich. Seit mehreren Jahren bestand der Wunsch für eine Verbundlösung der Katalogbestände der Stifts- und Klosterbibliotheken in Österreich. Nun erfolgte der Durchbruch und die erste Ordensbibliothek ist online. Über 165.000 Katalogdaten der Stiftsbibliothek St. Peter in Salzburg sind nun im neuen Verbundkatalog KOBi einsehbar.

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Der Vorteil von KOBi ist, dass eine kostenfreie Software genutzt wird und daher nur Installations- und Wartungskosten anfallen, somit auch für kleinere Klosterbibliotheken zu nutzen ist. Ziel des neuen Verbundkataloges ist es, das bisher schwer zugängliche Büchererbe österreichischer Klöster und Ordensgemeinschaften als Dokument eines Jahrhunderte langen seelsorglichen, aber auch kultur- und geistesgeschichtlichen Wirkens mit Hilfe eines, den modernen Standards entsprechenden Bibliothekssystems zu erschließen, sichtbar und wissenschaftlich nutzbar zu machen. Mehr Informationen zum Projekt KOBi lesen Sie hier.

Veranstalter:
Arbeitsgemeinschaft der Ordensbibliotheken, Bereich Kultur und Dokumentation der Ordensgemeinschaften Österreich
Arbeitsgemeinschaft katholischtheologischer Bibliotheken, Landesgruppe Österreich/Schweiz/Südtirol (AKThB)

Kurzvideos:

 Richtiges Raumklima in Bibliotheken

 

 Licht in Bibliotheken