Das Denkmal der Gräfin Josepha und der Familie Windisch-Grätz

Wenn man die Schottenkirche in Wien betritt, befindet sich gleich beim Eingang, noch unter der Orgelempore, das späteste und auf seine Art vielleicht originellste Grabdenkmal der Kirche. Es erinnert an Josepha Windisch Graetz und an die Familie, in die sie eingeheiratet hat.

In die Konzeption des Denkmals ist eine Tür integriert, die zum barocken Baubestand der Kirche gehört. Faktisch führt die Tür zur Wendeltreppe im Südturm. Symbolisch ist sie aber als Eingang in eine Grabkammer oder gar als Eingang in die Totenwelt zu verstehen. Dadurch erhält sie für den Betrachter eine allgemeine, existentielle Bedeutung. Sie ist ein memento mori, ein Hinweis auf die Schwelle zwischen dieser und der jenseitigen Welt. Das Tor ist ein altes und gleichzeitig junges Motiv der sepulkralen Ikonographie. Es ist alt, weil es schon in der antiken Grabmalkunst eine Rolle spielt. Im Mittelalter tritt es zurück, um im Klassizismus wiederentdeckt zu werden. Ein berühmtes Beispiel dafür ist Antonio Canovas Grabrnal der Erzherzogin Marie-Christine in der Wiener Augustinerkirche Die Architektur des Denkmals in der Schottenkirche besteht aus grauem Kalkstein. Toskanische Pilaster und ein schweres Gebalk bilden den Türrahmen. Am Tursturz steht folgende Inschrift:
JOSEPHAE E COMIT(IBUS) AB ERDÖD CONIUGI OB EXIM(IAS) VIRT(UTES) MAX(IME) DILECTAE AN(NO) AET(ATIS) 29 D(OMINI) 1777 DEFUNCTAE IOSEPHUS NIC(OLAUS) COM(ES) A WINDISCH-GRAETZ P(OSUIT ("Der Gattin Josepha, geborene Gräfin Erdödy, vielgeliebt ob herausragender Tugenden, gestorben im Alter von 29 Jahren im Jahr des Herrn 1777, hat gesetzt Joseph Nicolaus Graf von Windisch-Graetz.")

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Über dem Gebälk leitet ein abgetreppter Giebel über nzu einem Porträtmedaillon der Josepha Windisch-Graetz. Das Porträt ist nicht gemalt, sondern in Mosaik gelegt. Sicher wurde es aus Italien importiert, womöglich aus Rom, denn dort war man auf so kostbare Stücke spezialisiert. Die Mosaiken dieser Zeit sind getreue Umsetzungen von Ölmalerei. Sie erreichen die malerische Wirkung ihrer Vorlagen durch den Gebrauch sehr kleiner Steine. Zudem war das chromatische Spektrum der tesserae (der Steinchen) im 18. Jahrhundert bereits sehr differenziert, sodass die Wiedergabe feinster Nuancen möglich war. Das Gewand der Gräfin Josepha ist dafür ein gutes Beispiel.
Der Rahmen des Porträts steht diesem selbst an Qualität nicht nach. Einer breiten, glatten Leiste ist ein üppiger Kranz aus Eichenlaub vorgesetzt. Laub und Eicheln sind Naturabgusse - also Abgüsse von realen Blättern und Früchten. Zeichnung und Struktur der Blätter sind in den Abgüssen auf verblüffende Weise festgehalten.

Als die Restauratoren das (übrigens sehr schwere) Medaillon abgenommen hatten, fanden sie am Rahmen eine Signatur: "Ferd(inand) Michalitz Fecit An(n)o 1781". Auch die Wappenschilder des Grabmals wurden von Michalitz signiert (aber nicht datiert). Die Datierung des Rahmens räumt den letzten Zweifel aus, dass das Mosaik aus der Entstehungszeit des Grabmals stammt. Im Dehio der Inneren Stadt wird nämlich gemutmaßt, dass es sich um eine Zutat aus der Zeit des Biedermeiers handelt.
Auf dem Porträt wirkt Josepha Windisch-Graetz mit ihrem gepuderten Haar und mit dem Kopftuch etwas ältlich. In Wahrheit muss sie eine sehr anziehende Frau gewesen sein. Es heißt, dass die junge Gräfin Erdödy und Erzherzog Leopold (der spätere Kaiser) einander sehr zugetan waren. Maria Theresia hatte darauf geachtet, dass sich die Wege der jungen Leute trennten. Josepha heiratete den interessanten Niklas Windisch-Graetz. Das junge Paar begleitete 1770 die Erzherzogin Marie Antoinette auf deren denkwürdigen Fahrt nach Frankreich. Im übrigen war Joseph Nikolaus, genannt Niklas, kein typischer Höfling. Er war ein eigenständig denkender Mensch mit ernsthaften philosophischen Interessen. Kind seiner Zeit, dachte er, dass juristische und moralische Fragen auf mathematische Formeln zurückgeführt und auf diese Weise mit Präzision entschieden werden können. Er setzte sogar ein Preisgeld für die Lösung dieser Frage aus, das aber aus Mangel an befriedigenden Eingaben nie ausgezahlt wurde. Obwohl der Aufklärung so offensichtlich verpflichtet, wahrte Niklas zu Joseph II. eine kritische Distanz, die ihn vom Hof und von der Hauptstadt dauerhaft fernhielt.

Kinder waren Josepha und Niklas verwehrt. Josepha starb im Jahr 1777 an einem Lungenleiden. Drei Jahre später setzte Niklas das Monument in der Schottenkirche. Josepha wird in diesem sonst sehr strengen, dynastischen Denkmal eine außerordentliche Stellung eingeräumt. Wahrscheinlich lässt sich daran ermessen, was sie für ihren Mann bedeutet hat. An den Seiten des Portals stehen Obelisken wie zwei steinerne Wächter. Ihr Denkmalcharakter ist durch kubische Sockeln betont. Auf den Spitzen der Stelen brennen Feuer. Die Obelisken sind Träger von Schrift und Bild. In Augenhöhe prangt zwei Mal das Wappen Windisch-Graetz mit einer Collane des Ordens vom Goldenen Vlies. Oberhalb der Wappen sind die Obelisken mit Inschriften bedeckt, in denen vier Generationen der Familie Windisch-Graetz dokumentiert sind. Obelisken waren schon im alten Ägypten Schriftträger. Ich nehme an, dass die beschrifteten Obelisken unseres Denkmals von den Zeitgenossen als „ägyptisch“ wahrgenommen wurden. Dazu passen auch die schwere Formensprache der Architektur und der abgetreppte Giebel. Ägyptomanie war damals im Schwange. Man stelle sich vor, man hätte auch noch die Familienchronik der Windisch-Graetz in Hieroglyphen gesetzt …

Interessant ist, mit wem die Chronik beginnt: mit Graf Gottlieb (Amadeus) Windisch-Graetz (1630-1695) und seinen drei Frauen. Gottlieb ist 1682 zum Katholizimus konvertiert, nachdem davor mehrere Generationen Windisch-Graetz protestantisch waren. Gottliebs Konversion wird in der Inschrift erwähnt. Offenbar wurde sie als Beginn eines neuen Kapitels der Familiengeschichte angesehen. Vielleicht ist das Denkmal sogar in Hinblick auf die Centenarfeier dieses Ereignisses gesetzt worden. Nach Gottlieb Windisch-Graetz wird seiner beiden Brüder Ernst Friedrich (1670-1727) und Leopold Johann Victorin (1686-1746) gedacht. Der ältere (Ernst Friedrich) starb kinderlos, sodass der Stamm über den jüngeren weiterging. Dessen Sohn Leopold wird in der Inschrift nur kurz erwähnt, was damit zusammenhängen dürfte, dass er bereits das schöne Grabmal im Kirchenschiff hatte. Der Sohn dieses Leopolds, Joseph Nikolaus (1744-1802), war Auftraggeber des Denkmals. In der Inschrift wird auch festgehalten, wann Niklas das Grabmal errichtet hat: im Jahr 1780. Mit dieser Entstehungszeit ist das Familienmonument Windisch-Graetz ein frühes und bedeutendes Werk des Klassizismus in Wien. Georg Kugler hat seinen Entwurf vor einigen Jahren mit Isidor Canevale in Verbindung gebracht. Der Zustand des Denkmals wurde zuletzt dessen künstlerischen und historischen Bedeutung nicht gerecht. Es war alles unendlich schmutzig.

Die Restaurierung brachte die schöne Farbe und die Struktur des Steines wieder zur Geltung. Vor ein spezielles Problem stellten die metallenen Teile. Sie wurden im späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert mit einem Lack überzogen, der wahrscheinlich die Strahlkraft der Feuervergoldung dämpfen sollte. Der Überzug ist mit den Jahren nachgedunkelt und opak geworden. Beim Rahmen des Mosaiks wurde er im Zuge der Restaurierung entfernt. Zum Vorschein kam die originale Vergoldung mit einem Spiel von polierten und matten Oberflächen. Eine analoge Oberfläche hätten auch die Wappen und die Kugelfüße der Obelisken. Hier war die Abnahme des Überzugs allerdings nicht möglich, weil diese Elemente nicht demontiert werden konnten. Bei einer Abnahme vor Ort hätten die am Metall zum Einsatz kommenden Lösungsmittel den Stein angegriffen.Völlig neu präsentiert sich das Mosaikbild der Josepha Windisch-Graetz. Niemand ahnte, welche Qualität hier unter dickem Schmutz verborgen lag. Einige Steine im Gesicht der Dargestellten wirken irritierend: Sie sind zu dunkel. Wahrscheinlich haben sie sich im Lauf der Zeit verfärbt. Diese Veränderung war leider nicht reversibel.

Die Arbeiten begannen Anfang März 2020 – kurz vor dem ersten Lockdown. Die ausführenden Firmen waren die Firma Bruno Rey für den Stein und die „Objektrestaurierung“ für das Metall. Das Mosaik reinigte Marcus Langeder. Die Restaurierung stieß bei Nachkommen des Auftraggebers auf reges Interesse. Es gab von dieser Seite auch bedeutende finanzielle Unterstützung, für die die Mönche des Schottenklosters von Herzen Dank sagen.

[Text: P. Augustinus Zeman; Fotos: 1-3, 7: Schottenstift, P. Christoph Merth. – 4: Marcus Langeder. – 5, 6: Objektrestaurierung]