Franz Schneiders Veni Sancte Spiritus

Gleich mehrere Versionen einer einzigen Komposition enthalten die Umschläge unter den Signaturen III 188 und III 189 des Musikarchivs von Stift Melk. Komponist ist Franz Schneider (1737–1812), der 1787 bis 1811 im Stift das Amt des Chordirektors bekleidete. – Und damit ist er der erste Nicht-Benediktiner, der die Stiftsmusik leitete.

Schneider komponierte über 80 Messen, dazu eine Vielzahl kleinerer Kompositionen, vor allem Kirchenwerke. Und obwohl er heute vielleicht als Kleinmeister belächelt werden mag, erfreuten sich seine Werke nicht nur in Melk großer Beliebtheit. Denn auch in den Benediktinerklöstern Göttweig, Seitenstetten und Kremsmünster führte man seine Musik im 19. Jahrhundert eifrig auf. Viele seiner Werke sind in Vergessenheit geraten, aber einige sind bis heute in der Liturgie zu Weihnachten und zu Ostern immer wieder zu hören.

Die originalen Umschläge der beiden Faszikel, die Schneiders Veni Sancte Spiritus-Vertonungen enthalten, sind leider verloren gegangen. Sie wurden im 20. Jahrhundert durch schmucklose Packpapierumschläge ersetzt. Umso schöner ist es, dass die zwei Partituren und Aufführungsmaterial aus Schneiders Hand erhalten geblieben sind. Das Aufführungsmaterial, also die Stimmen, aus denen die Musiker Ende des 19. Jahrhunderts sangen und spielten, sind äußerst sorgfältig geschrieben und könnten heute durchaus noch verwendet werden. – Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass sie nun mehr als 200 Jahre alt sind! Lediglich der Tintenfraß, das Durchdrücken der Tinte von der Rückseite, zeigt, dass der Zahn der Zeit an den Noten schon genagt hat. Den Partituren widmete Schneider hingegen kaum Aufmerksamkeit, schließlich benötigte man sie nur, um daraus die Stimmen abzuschreiben. Für die Aufführungen brauchte man keinen Dirigenten und daher auch keine Partitur.

Franz Schneiders Veni Sancte Spiritus-Vertonungen (c) Stift Melk, Johannes Prominczel

Es ist nicht ganz einfach, bei der Vielzahl an Stimmen einen Überblick über die verschiedenen Versionen zu gewinnen, denn neben Schneiders Handschrift finden sich auch später ergänzte Stimmen in den Umschlägen. Es dürfte sich um drei Fassungen handeln, jeweils für unterschiedliche Besetzungen und in verschiedenen Tonarten. Immerhin eine der drei Versionen für acht Solisten, Chor und Orchester lässt sich datieren. Denn in einer Rechnung aus dem Jahr 1788 bittet Franz Schneider um „eine Discretion“ (also ein Honorar) für die Sequenz. Daher könnte die Erstaufführung am Pfingstsonntag, dem 31. Mai 1789 stattgefunden haben.

Bleibt zu hoffen, dass auch eine der Fassungen dieser Pfingstsequenz-Vertonung wiederentdeckt und wieder aufgeführt wird. Damit sich daran nicht nur der Musikarchivar, sondern auch die Kirchenbesucher erfreuen können! Und damit aus Kunst im Blick Kunst im Ohr werde.

[Johannes Prominczel, Musikarchivar, Stift Melk]