7 Dinge, die bei jeder ordenshistorischen Tagung passieren

Die Tagung über 400 Jahre Kapuziner in Wien (19./20. September 2019) war interdisziplinär angelegt und hat viele neue Aspekte zur Geschichte des Ordens freigelegt. Ich wurde eingeladen, eine Tagungssektion zu moderieren. Die Inhalte der Vorträge wird eine Tagungspublikation wiedergeben, hier möchte ich aber einen etwas anderen Tagungsbericht geben und aufzeigen, was typischerweise bei ordenshistorischen Tagungen (fast) immer passiert.

1. Wir wissen, dass wir nichts wissen: Feststellen von Forschungsdesideraten

Herbert Karner (Österreichische Akademie der Wissenschaften) konstatierte bei der Eröffnung der Veranstaltung, dass „die Forschung über die Kapuziner in einem groben Missverhältnis zur Bedeutung des Ordens in der Geschichte, besonders in der Zeit der Gegenreformation“ steht. Nun versucht ja zwar jede Tagung, eine Lücke in der wissenschaftlichen Forschung zu schließen, aber bei der Erforschung der Geschichte und Kunstgeschichte von Ordensgemeinschaften gibt es in der Tat unverhältnismäßig viele weiße Flecken. Religiöse Orden sind weder bei den Theologen noch bei den Historiker*innen und Kunsthistoriker*innen ein beliebtes Thema. Warum eigentlich?1

Heute bestehen in Österreich 195 katholische Ordensgemeinschaften. Rund 5000 Ordensleute, davon 3300 Frauen und 1700 Männer, die in etwa 600–700 Ordensniederlassungen leben (nur ein Bruchteil davon sind Klöster) gibt es hierzulande.2 Die Handelskette Billa hat in Österreich über 1000 Filialen und 20.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter3, prägt sie dadurch unseren Alltag nicht wesentlich mehr? Und wäre darum der Wirtschaftsgeschichte nicht der Vorrang vor der Kirchen- und Ordensgeschichte einzuräumen? Eine Suche nach dem Schlagwort „Geschichte“ kombiniert mit den Schlagworten „Kloster“, „Kirche“ und „Wirtschaft“ im Katalog des Österreichischen Bibliothekenverbunds seit 1850 bringt ein überraschendes Ergebnis.

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  Abb. 1: Treffer im Österreichischen Verbundkatalog zum Schlagwort „Geschichte“ kombiniert mit den Schlagworten „Kirche“, „Kloster“ und „Wirtschaft“

Dass die Anzahl kirchenhistorischer Publikationen in den 1960er Jahren, zur Zeit des zweiten Vatikanischen Konzils und tiefgreifender Veränderungen in Struktur und Gehalt kirchlicher Institutionen, einen Höhepunkt erreichte und seitdem im Abnehmen begriffen ist, verwundert nicht: Der gesellschaftliche Bedeutungsverlust der Kirchen ist evident und fortschreitend. Dass die wirtschaftshistorische Forschung in den neoliberalen Nachwendejahren einknickte, geht nicht mit einer abnehmenden Relevanz ökonomischer Systeme einher, sondern mit der Skepsis an deren Veränderbarkeit. Auch das geringer werdende kirchenhistorische Forschungsinteresse könnte mit der Rezeption einer starren, reformresistenten Kirche zu tun haben: Ohne Visionen erscheinen Traditionen sinnentleert.

Eine Überraschung ist die Anzahl von Medien, die zum Thema Kloster und Geschichte in Österreichs Bibliotheken zu haben sind.

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Abb. 2: Treffer im Österreichischen Verbundkatalog zu den Schlagworten „Geschichte“ und „Kloster“

Dass die Publikationstätigkeit dazu nach dem Ende der Habsburgermonarchie einbricht und zur Zeit des Nationalsozialismus einen Tiefpunkt erreicht, scheint nachvollziehbar. Auch der Anstieg danach ist plausibel, es überrascht allerdings, dass die Kurve auch weiterhin ansteigt. Sollte meine Einschätzung, dass die Ordensgeschichtsschreibung heute ein Orchideenfach ist, das kaum noch Präsenz in der Forschungslandschaft hat, falsch gewesen sein?

2. Special interest Klöster: Epochenmäßige Schwerpunktsetzungen

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Abb. 3: Treffer im Österreichischen Verbundkatalog zu den Schlagworten „Geschichte“ und „Kloster“ 2000 – 2009

Eine Durchsicht der einzelnen Medien mit den Erscheinungsjahren 2000 bis 2009 bringt eine Erklärung: Die ganz überwiegende Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen beschäftigt sich mit dem mittelalterlichen Religiosentum4. Der Mediävistik scheinen die Fragestellungen zur Klostergeschichte nicht auszugehen. Ich wage zu behaupten, dass das nicht immer damit zu tun hat, dass die Forscher*innen von der Wichtigkeit der Klöster überzeugt sind, sondern mit der Quellenlage: Die Überlieferung für klösterliches Schriftgut des Mittelalters ist gerade in Österreich, wo sich so viel davon in situ erhalten hat, besonders günstig.

Die neuzeitliche Forschung konzentrierte sich auf epochenübergreifende Darstellungen – im untersuchten Zeitraum erschienenen die Austria benedictina und das Österreichische Chorherrenbuch – , weiters auf die Säkularisation, die 2003 ihr 200jähriges Gedenken beging, auf den Nationalsozialismus und auf die Frühe Neuzeit, Stichwort Konfessionalisierungsparadigma. Aber diese Klosterforschungen sind weit abgeschlagen und liegen nur knapp vor den belletristischen Publikationen, die in wissenschaftlichen Bibliotheken zu haben sind (in Wahrheit dürfte es also wesentlich mehr davon geben) und die Titeln wie „Das Geheimnis spanischer Nonnen“ oder „Tod im Skriptorium“ tragen.

Viel bedeutsamer und umfangreicher sind die historischen Untersuchungen und Darstellungen ostkirchlicher Klöster. Hier scheint ein Zusammenhang mit dem Anwachsen der orthodoxen Glaubensgemeinschaften in Österreich im Zuge von Migrationsbewegungen gegeben zu sein. Interessanterweise erfreut sich der populäre Klosterführer großer Beliebtheit, als Vademecum für den Kulturreisenden, der auf der Suche nach „Österreichs schönsten Klöstern“ ist.

Mit der Marginalisierung zeitgenössischen Religiosentums hat auch die Mystifizierung des Klosterlebens zugenommen: Man interessiert sich für „Das geheime Heilwissen der Klosterfrauen“. „Schlemmen hinter Klostermauern“ oder das „Universum der Stille“, als welches sich Klöster auch gerne selbst darstellen.

Klöster und Orden interessieren Historiker*innen häufig als epochenprägende Phänomene: das zwölfte Jahrhundert ist das der Zisterzienser, das 13. Jahrhundert jenes der Mendikanten und Dominikaner. Bei den Orden der Gegenreformation liegen die Jesuiten ganz weit vorne im Forschungsinteresse. Auch die Kapuziner tragen das Etikett eines Gegenreformationsordens, ihre Epoche ist die Frühe Neuzeit. Ihr Wirken im 19. Jahrhundert wurde auch bei der Wiener Kapuzinertagung nicht behandelt. Denn obwohl die katholischen Orden in diesem Jahrhundert ihren bei weiten höchsten Personalstand in der österreichischen Geschichte hatten, werden sie nicht als Agenten dieser Geschichte wahrgenommen. Sie erscheinen in der nachaufklärerischen Epoche geradezu als anachronistisches Phänomen. Besonders den sozial-karitativen Kongregationen wird man bei der Erforschung der Entwicklung zum Sozialstaat Österreich dadurch nicht gerecht.

3. Sprechen Sie katholisch? Unkenntnis der Fachterminologie

Der Katholizismus im Allgemeinen und die Ordenswelt im Besonderen sind voll von Fachbegriffen, deren Kenntnis und Verständnis auch im akademischen Feld rapide abnimmt. Auf eine Anfrage zu seinem Vortrag über „Die Geschichte der Kapuzinerprovinz Österreich-Südtirol“ musste Manfred Massani zuerst richtigstellen: „Bei den Kapuzinern sprechen wir nicht von Mönchen, sondern von Brüdern“. Wo die Unterschiede zwischen monastischen Klöstern, Brüdergemeinschaften, Klerikerorden oder Kongregationen liegen, lernt man auch als Historiker*in nicht im Regularstudium, und dass Mönche und Nonnen nur einen geringen Prozentsatz unter den Ordensmännern und -frauen ausmachen ist kaum bekannt. Katholischer Analphabetismus ist auch unter versierten Wissenschaftler*innen keine Seltenheit mehr. Für die ordenshistorische Forschung ist das eine enorme Hürde.

kapuzinertagung

Abb. 4: Referenten: Br. Niklaus Kuster OFMCap, Provinzbibliothekar der Kapuziner Manfred Massani, Professor Ralf Bogner (Universität des Saarlandes)

Die Erläuterung theologischer Hintergründe überlässt man daher bei ordenshistorischen Tagungen gerne den Experten aus den Orden selbst. Bei der Wiener Kapuzinertagung referierte Br. Niklaus Kuster OFMCap. über die „Spiritualität der Kapuziner“.  Ordensleute setzen ein solches Thema aus guten Gründen immer beim Gründungscharisma an. Bei den Kapuzinern liegt das weit vor der Ordensgründung beim hl. Franziskus. Br. Niklaus versuchte, die Fremdsprache „katholisch“ ins heutige Deutsch zu transponieren. Seine Publikation über Franziskus von Assisi betitelte er „Freiheit und Geschwisterlichkeit“5, Franziskus verglich er mit Martin Luther und bezeichnete ihn als „frühen Reformator“ – eine Einschätzung, die seine Mitbrüder nicht unbedingt teilten, wie sich in der Diskussionsrunde der Sektion zeigte. Eine Übersetzungsleistung theologischer (historischer) Sprache in einen Anklang an die Moderne ist immer auch eine Neuinterpretation.

Martin Scheutz (Universität Wien) brachte in seinem Vortrag über „Die Ansiedelung des Ordens in Österreich im Zeitkontext“ eine moderne Fachterminologie ein, um die historische Bedeutung der Kapuziner für ein heutiges Verständnis zu erklären. So bezeichnete er sie als „Low cost“-Orden, weil ihre Gründung weniger kostete als etwa die Stiftung eines Jesuitenkollegs, was mit der Tätigkeit der Kapuziner zu tun hat, die keine Schulen oder Spitäler führten. Wegen ihres besonderen pastoralen Wirkens im Zeitalter der Gegenreformation bezeichnete er die Brüder als „flexible konfessionelle Dienstleister“ und sprach in Bezug auf die Angebote ihrer Klöster besonders für die Stifter (Stiftergruften, Eremitagen) von „Product-Placement“. Derlei Begrifflichkeit transponiert eine für viele fremde Ordenswelt in den Verständnisrahmen der Gegenwart.

4. Exotische Religiosität: Klöster als Andersorte

Jede Beschäftigung mit religionshistorischer Forschung setzt ein Grundverständnis von Religion voraus. Der gesellschaftliche Diskurs über Religiosität wirkt sich unweigerlich auch auf den wissenschaftlichen aus. Besonders der Katholizismus mit seiner Fülle an traditionalen Glaubenspraktiken stößt hier an Verständnisgrenzen. Susanne Hehenberger formulierte es in ihrem Vortrag über den kaiserlichen Reliquienschatz im Kapuzinerkloster so: „Aus der säkularen Perspektive des 21. Jahrhunderts erscheinen diese Reliquienverehrung und Frömmigkeit allgemein befremdend.“ Als besonders exotische Form brachte sie das Beispiel der frühneuzeitlichen katholischen Bußübungen, insbesondere die Anwendung des Bußgürtels.

Das Fremde im Ordensleben hat natürlich seinen Reiz und das Exotische kann faszinieren. Historiker*innen sind stets Betrachter*innen aus der Ferne, die Balance von Nähe und Ferne zum Forschungsgegenstand ist eine besonders sensible. Gerade in der ordenshistorischen Forschung gelingt diese Balance oft nicht, von einer säkularen Position aus müssen Frömmigkeit und Ordensleben grundsätzlich als fremd wahrgenommen werden. Es ist meine Erfahrung, dass bei wenigen anderen historischen Forschungsgegenständen die Innen- und Außensicht so weit auseinanderliegen wie bei der ordenshistorischen Forschung.

5. Erbe und Auftrag: Innen- und Außensicht von Ordensgeschichte

Warum jemand vor 600 Jahren in ein Kloster eintrat, kann der Mediävist nachvollziehen, aber schon die Jesuiten des 16. Jahrhunderts hielten das herkömmliche Mönchtum für überholt und anachronistisch6. Und dass man heute „noch“ ins Kloster gehen will, produziert Erklärungsbedarf. In der Ordensgeschichte hat auch der Historismus dem Fortschrittsbegriff, der von einem universalen und unaufhaltsamen Prozess eines zunehmenden Bedeutungsverlusts des Religiösen ausgeht, nichts anhaben können. Es ist sehr bemerkenswert, dass dies auch zu drastischen Veränderungen in der Geschichtsschreibung der Orden selbst geführt hat.

Hohes Alter und lange Tradition stellten in den Stiften der sogenannten alten Orden Kontinuität her und waren in diesem Sinn eine Legitimation. Sich in die Geschichte des Klosters, in das man eintritt, einzuschreiben, bringt Sicherheit und Selbstvergewisserung: Historia bedeutete in der Frühen Neuzeit Geschichtsdeutung. Die Geschichtsschreibung in den Orden legte früh Wert auf den Quellenbezug, und die historischen Hilfswissenschaften wurden zuerst in den Klöstern und Orden entwickelt. Im 19. Jahrhundert wurde allen Pfarren das Führen von Pfarr- und von Schulchroniken angeordnet. Auch in den Kongregationen sind Ordenschroniken bis heute üblich. Sie dienen der Selbstreflexion und der Erinnerung, der Jahresrückblick formt das kollektive Gedächtnis der Gemeinschaft und eine Sprachregelung für die Kommunikation nach außen. Bereits die Jesuiten haben seit ihrer Gründung die Litterae Annuae für den Austausch zwischen den einzelnen Kollegien und Residenzen und für die Darstellung ihrer Erfolgsgeschichte in der öffentlichen Meinungsbildung gebraucht.

In der wissenschaftlichen Forschung argumentierten Ordenshistoriker, die selbst Ordensleute waren, lange Zeit, dass die wesentlichen Dimensionen dem Weltmenschen fremd bleiben und bleiben müssen, nur aus der Innensicht sei ein vollständiges auch historisches Verständnis von Ordensleben möglich7. Ordensgeschichtsschreibung aus der Innensicht ist darum nicht selten apologetisch gewesen. Geschichtsschreibende Ordensmänner sind heute rar geworden, geschichtsschreibende Ordensfrauen waren es schon immer. Forschungsfragen über Ordensgemeinschaften werden heute meist nicht mehr von den Ordensleuten selbst gestellt. Anfragen von außen müssen aber notwendigerweise anders aussehen als von innen, der Fokus der ordenshistorischen Forschung verschiebt sich dadurch.

6. Verborgende Klosterarchive: Quellenlage und Überlieferungsbildung

Eine zunehmend wichtiger werdende Position kommt in der ordenshistorischen Forschung jenen Wissenschaftler*innen zu, die in einer Ordensgemeinschaft Archive, Bibliotheken und Sammlungen betreuen. Der Provinzbibliothekar der Kapuziner Manfred Massani hielt bei der Wiener Tagung den Vortrag zur komplexen Institutionengeschichte des Ordens. Er führte aus, dass ein Kloster die „Einpflanzung eines Ordens in eine Region“ darstellte, die Provinz aber die Ausdehnung, deren Größe sich durch die Visitationsaufgaben des Provinzials entscheidet. Das sind Mechanismen in der Geschichte eines Ordens, die nur durch intime Kenntnis interner Überlieferung verstehbar ist. Aus der Innensicht ist auch die Entwicklung der Ordensdisziplin nicht wertfrei darstellbar, und wird für die nachaufklärerische Phase von Massani daher auch nicht als Veränderung, sondern Niedergang beschrieben.

Die Provinzarchivarin Miriam Trojer gab erhellende Einblicke in die archivische Quellenlage und die Überlieferungsbildung. Sie führte aus, warum welches Archivgut in welcher Form überliefert ist, wie dies mit Ordensstrukturen zusammenhängt und vor welchen Herausforderungen eine Archivarin steht, die für eine Gemeinschaft arbeitet, die ihr pastorales und soziales Wirken als Hauptaufgabe sieht und die den Wunsch einer Historikerin, schriftliche Zeugnisse darüber an die Nachwelt weiterzugeben, zuerst einmal nicht recht nachvollziehen kann.

Die Zeichen der Zeit zu deuten und danach zu handeln, geht, so scheint mir, in vielen Orden heute einher mit einem Zögern, sich mit historischen Zeiten zu beschäftigen, vor allem mit solchen, in denen es nicht gelang, das Gründungscharisma zu leben. In der Sorge, rückwärtsgewandt, ja veraltet zu erscheinen und damit dem gängigen Klischee vom Klosterleben zu entsprechen, ist Geschichtslosigkeit in den Orden bisweilen zum Ideal geworden. Bedauerlicherweise führt das zu einer Musealisierung des Ordenslebens, weil das Fachverständnis für Geschichte und kulturelles Erbe der Orden meist nicht mehr im Orden selbst liegt: Die Orden sind vom Subjekt zum Objekt ihrer Kultur und Geschichte geworden. Archivar*innen und Bibliothekar*innen in den Ordensgemeinschaften, die einer wissenschaftlichen Herangehensweise verpflichtet sind, zugleich aber auch ein Grundverständnis dieser Gemeinschaften haben, sind hier ein wichtiges Korrektiv.

Erfreulicherweise zeigt sich die kunsthistorische Forschung zur Ordensgeschichte als besonders eifrige Auswerterin archivischer Überlieferung in Ordensarchiven.  Kunsthistoriker*innen, die über Bau- und Ausstattungsgeschichte von Klosterkirchen und Klöstern arbeiten, begnügen sich nicht mit klassischen Stilvergleichen, sondern gehen Bauaufträgen, Funktionen von Räumen und Bedeutung künstlerischer Elemente in den Quellen nach, nur so ist der Multifunktionalität von Sakralräumen auch wirklich gerecht zu werden. Dies zeigten insbesondere die Vorträge von Herbert Karner über die Kaiserkapelle in der Kapuzinerkirche, von Günther Buchinger über die Baugeschichte des Wiener Klosters sowie von Elisabeth Luger und Nina Harm über die Kapuzinerarchitektur in Nieder- und Oberösterreich.

7. Klostersuppe und Kapuzineräffchen: Konkretisierungen in der Ordensgeschichte

Bei ordenshistorischen Tagungen erfährt man immer nette Details, die bei Quizfragen und Partygesprächen hohen Unterhaltungswert haben, denn Ordensgemeinschaften aller Epochen haben viele Spuren im alltäglichen Sprachgebrauch hinterlassen. Als Ordenshistoriker*innen deren Ursprünge aufzudecken lockert jeden Vortrag auf. Dass die Wiener Tagung den Titel „Klostersuppe und Kaisergruft“ trägt, kommt nicht von ungefähr. Die „Klostersuppe“ als Repräsentant der sozial-karitativen Funktion des Ordens ist sprichwörtlich geworden. Die besondere Erscheinungsform der Kapuziner mit ihren braunen Kutten und weißen Bärten war namensgebend für so verschiedene Dinge wie dem Kapuzineräffchen und dem Cappuccino.

Martin Scheutz (Universität Wien) konzentrierte sich bei seinem Vortrag über „Die Ansiedelung des Ordens in Österreich im Zeitkontext“ auf konkrete Handlungsweisen und gesellschaftliche Implikationen. Auch Gerald Hirtner (Erzabtei St. Peter) bezog sich in seinem Vortrag über das Tamsweger Kapuzinerkloster auf Alltagspraxis und Mikrohistorie. Mit einem Augenzwinkern erhob er sogar das in der ordenshistorischen Forschung so beliebte Thema Essen zum Strukturmerkmal seines Vortrags und gliederte ihn wie einen Speiseplan. Scheutz und Hirtner positionierten ihre Ordensgeschichten in Alltag und Lokalkolorit.

Werner Telesko (Österreichische Akademie der Wissenschaften) verwies in seinem Vortrag über die Kapuzinergruft als „Kulturdenkmal“ auf den Umstand, dass die Wahrnehmung bestimmter Ordensspezifika durch die Einführung in den allgemeinen Sprachgebrauch zu einem Transformationsprozess führt. Die „Kapuzinergruft“ als Grablege des habsburgischen Kaiserhauses hat schon früh ein von der Ordensgeschichte entkoppeltes Eigenleben entwickelt. Auf Gemälden des 19. Jahrhundert, die das Ableben eines Kaisers zeigen, ist der Kapuziner Staffagefigur, ein Memento mori und Hinweis auf die ewige Ruhestätte des Monarchen. In Joseph Roths Roman „Die Kapuzinergruft“ wird diese zur Metapher eines Abgesangs auf die Monarchie.

Bleibt zu hoffen, dass die ordenshistorische Forschung nichtsdestoweniger ein interessantes Aufgabengebiet für Historiker*innen und Kunsthistoriker*innen bleibt oder zunehmend wird. Die Wiener Kapuzinertagung hat jedenfalls einen überzeugenden Beitrag dazu geleistet.

[Helga Penz, Historikerin]

1 Ich gebe im Folgenden einen Auszug aus meinem Vortrag „Angelus Novus. Vom Begriff der Ordensgeschichte“ wieder, den ich bei der Tagung „600 Jahre Melker Reform“ am 11.12.2018 in Stift Melk gehalten habe, online unter: www.mirko-online.at [Zugriff am 23.9.2019].

2 www.ordensgemeinschaften.at/presseraum/zahlen [Zugriff am 23.9.2019].

3 www.rewe-group.at [Zugriff am 1.12.2018].

4 Die Suche nach „Orden“ und „Geschichte“ bringt von 376 Treffern 173 zu Ehrenzeichen, zu Ordensgemeinschaften vor allem fremdsprachige Literatur, und auch hier wiederum hauptsächlich zu Mönchs- und Ritterorden.

5 Niklaus Kuster, Franz von Assisi: Freiheit und Geschwisterlichkeit in der Kirche (Würzburg 2015)).

6 Helga Penz, Jesuitisieren der alten Orden? Anmerkungen zum Verhältnis der Gesellschaft Jesu zu den österreichischen Stiften im konfessionellen Zeitalter, in: Frömmigkeitskultur der Jesuiten in der Frühen Neuzeit. Konfessionelle Interaktion in Ostmitteleuropa 1570–1700, hg. von Anna Ohlidal und Stefan Samerski (Leipzig 2006) 143–161.

7 Vgl. Giancarlo Rocca, Art. Storiografia, in: Dizionario degli istituti di perfezione 9 (1997) 325–356.