Ein Vorbild für Verzeihen und Versöhnung

Marcello Martini war der letzte Überlebende des KZ Hinterbrühl. Im Buch „Mit 14 Jahren im KZ“ zeichnet der Steyler Missionar P. Jakob Mitterhöfer sein Leben nach.

 Mit 14 Jahren im KZ Buchumschlag Titel 144"Er war für mich wie ein älterer Bruder“, sagt Pater Jakob Mitterhöfer SVD über seine Beziehung zu Marcello Martini, der im Vorjahr im 90. Lebensjahr verstorben ist. Nun hat er über das erschütternde Schicksal seines Freundes ein Buch geschrieben und den letzten Wunsch des KZ-Überlebenden zusammen mit der Pfarre und der Gemeinde Hinterbrühl erfüllt: Als bewusste Geste der Versöhnung wünschte sich Martini, dass nach seinem Tod ein Teil seiner Asche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Hinterbrühl beigesetzt werden soll.

Der Italiener wurde 1944 in der Nähe von Florenz von der SS gefangen genommen. Eigentlich hatten die Nazis seinen Vater Mario, einen Widerstandskämpfer, im Visier. Als dieser entkam, verhafteten sie an seiner Stelle seinen erst 14jährigen Sohn.

Marcello wurde zunächst in das Konzentrationslager Mauthausen gebracht und später in die Außenlager Wiener Neustadt und Hinterbrühl verschleppt. Dort musste er zusammen mit rund 800 anderen Häftlingen in der unterirdischen Flugzeugfabrik der Heinkel-Werke Zwangsarbeit leisten. In der sogenannten „Seegrotte“ , einem ehemaligen Gipsbergwerk, wurden unter dem Tarnnamen „Languste“ Teile des „Volksjägers He 162“ gebaut. Martini überlebte nicht nur die unvorstellbaren Lebensbedingungen in dem Barackenlager und die Grausamkeiten des Wachpersonals, sondern nach der Auflösung des Lagers auch den achttägigen, am Ostersonntag 1945 begonnenen, Todesmarsch über 200 Kilometer zurück nach Mauthausen. „Dass er überlebte, verdankte er seiner Jugend, der Unterstützung von Mithäftlingen, aber auch Glück und Zufall spielten eine Rolle“, weiß Jakob Mitterhöfer. Nach der Befreiung von Mauthausen durch die US-Armee kehrte Martini zurück nach Italien. Trotz der traumatischen Erlebnisse maturierte er, studierte Chemie  und wurde später ein bekannter italienischer Flugzeugbauer.

Gedenkstätte wurde für ihn zum Heiligtum

Lange Zeit gelang es ihm nicht, über die Leiden in seiner Jugend zu sprechen. Erst die Teilnahme an einer Befreiungsfeier in Mauthausen brach sein Schweigen und ermöglichte ihm, das Erlebte aufzuarbeiten. Er hielt Vorträge, und  sprach vor Jugendlichen über die Erlebnisse in seiner Jugend. Martini sah es nun als seine Aufgabe an, beizutragen, dass die Schrecken der Nazi-Herrschaft nicht in Vergessenheit gerieten. Gleichzeitig war es ihm aber auch wichtig, zur Versöhnung aufzurufen.

Immer wieder kam Marcello Martini mit Gruppen von Widerstandskämpfern und jungen Leuten nach Hinterbrühl, dem Ort, in dem er die dunkelsten Stunden seiner Jugend erlebte. Dort hatte die Pfarre – zunächst gegen lokalen Widerstand - 1989 auf Initiative des mittlerweile verstorbenen Pfarrers Franz Jantsch ein Stück des ehemaligen KZ-Areals erworben und auf dem Grundstück eine Gedenkstätte errichtet. „Bei einem seiner Besuche sind Marcelllo und ich uns zum ersten Mal begegnet. Weil ich Italienisch spreche, wurde ich gebeten, als Dolmetscher zu fungieren“, erinnert sich Pater Jakob Mitterhöfer, der Franz Jantsch als Pfarrer nachgefolgt war. „Marcello hat sich in Hinterbrühl angenommen gefühlt und Freunde gefunden“, betont Mitterhöfer. „Der Ort des Grauens ist für ihn zu einem Ort der Freundschaft geworden.“ Die Gedenkstätte bezeichnete der KZ-Überlebende sogar als sein „Sacrario“, sein Heiligtum.

Eine Aussage von Marcello Martini beindruckte Pater Mitterhöfer besonders: „Er sagte: ‚Ich wünsche mir einen Zauberstab, um drei Worte für immer auszulöschen: Hass, Gewalt und Rache’“. Jakob Mitterhöfer hat diesen Satz seinem Buch „Mit 14 Jahren im KZ“ vorangestellt, in dem er das Leben Marcello Martinis nachzeichnet. Das Buch basiert auf Martinis Lebenserinnerungen „Un Adolescente in Lager“ und wurde mit Fakten über das KZ Hinterbrühl, die Gedenkstätte und Beiträgen von Martinis Familie ergänzt.

Letzte Geste der Versöhnung

Im August 2019 starb Marcello Martini, inzwischen 90jährig, in seiner Heimat Italien. „Nach seinem Tod hat sich seine Familie bei mir gemeldet und mir von seinem Wunsch erzählt“, berichtet Mitterhöfer. „Als letzte Geste der Versöhnung und des Verzeihens wollte er, dass ein Teil seiner Asche auf der KZ-Gedenkstätte Hinterbrühl beigesetzt wird.“

Am Freitag, 23. Oktober 2020, war es soweit: In Anwesenheit von seiner Witwe Mariella, seiner Tochter Alessandra und seiner Enkelin Matilde wurde auf der Gedenkstätte, genau über jener Stelle, wo nun seine Asche ruht, in einer bewegenden Feier eine Gedenktafel für Marcello Martini enthüllt. Doch dem nicht genug: Beim anschließenden Festakt in der Pfarrkirche Hinterbrühl verlieh Bürgermeister Erich Moser dem ehemaligen KZ-Häftling aufgrund eines einstimmigen Gemeinderatsbeschlusses posthum die Ehrenbürgerschaft der Marktgemeinde – die höchste Auszeichnung, die eine Gemeinde vergeben kann. „Es darf niemals vergessen werden, was sich an diesem Ort ereignete und es darf nie wieder passieren, was damals vor unserer Haustür geschah“, forderte der Bürgermeister. Ausdrücklich bedankte er sich bei Pater Jakob Mitterhöfer, dass er die Ehrung Martinis angeregt und dessen Lebensgeschichte niedergeschrieben hat.

Auch der derzeitige Pfarrer von Hinterbrühl, Pater Elmar Pitterle SVD würdigte Marcello Martini: „Er ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass der Mensch, auch wenn er viel erleiden musste und aufs Schlimmste gedemütigt wurde, nicht rachsüchtig werden und nicht Böses mit Bösem vergelten muss.“

Buchtipp

P. Jakob Mitterhöfer SVD: Mit 14 Jahren im KZ. Vom Todesmarsch zur Versöhnung, 96 S., 19,50 Euro.
Erhältlich in der Buchhandlung Kral St. Gabriel
E: office@kral-moedling