Musik ermöglicht Begegnung

20170629 musik 120Junge Musikerinnen und Musiker in Ausbildung treffen auf Menschen am Ende ihres Lebens. Diese Idee legte den Grundstein für die erste „Musikalische Begegnung“ auf der Palliativstation der Elisabethinen Graz.

Live-Musik zwischen Krankenbetten und Sauerstoffflaschen konnten Patienten, Pflegepersonal und Ordensschwestern auf der Palliativstation im Krankenhaus der Elisabethinen genießen. Lehrende und Studierende der Kunstuniversität Graz erklärten sich bereit, sich auf das Thema Lebensende einzulassen und für die unheilbar kranken Menschen zu musizieren. „Es ist eine Erweiterung des Erfahrungsraums und verbindet die Universität konstruktiv mit der ‚Außenwelt‘“, sagt Stefan Heckel, Lehrender im Bereich Jazz, der das Projekt koordinierte.

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Inmitten der Patientenzimmer wurde der Gang der Palliativstation am 1. Juni 2017 zur Bühne umfunktioniert. Die Patienten wurden mitsamt ihren Betten zu den Musikern gerollt oder blieben im Zimmer und hörten aus der Ferne mit. Gespielt wurde leichte, beschwingte Musik von Robert Stolz und Duke Ellington, die zum Mitwippen im Rollstuhl einlud und die Stimmung der Zuhörer aufhellte. Dazu passend las die Grazer Autorin Christa Carina Kokol Passagen aus ihrem Buch „Himmlisch geerdet“ vor – Geschichten von vier Ordensschwestern aus dem Konvent der Elisabethinen, die Kokol nacherzählt hat. Turbulente Ereignisse wie der Heiratsantrag eines russischen Kommandanten, die Busfahrt mit einem Ziegenkitz und die Beharrlichkeit einer Neunjährigen brachten das Publikum zum Schmunzeln. „Jeder von uns hat einzigartige Erfahrungen in seinem Leben gemacht“, sagte Kokol, und brachte damit das zum Ausdruck, was alle Anwesenden – unabhängig von Alter und Lebensabschnitt – gemein hatten. „Das sind Erinnerungen, die uns niemand nehmen kann.“

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Als krönenden Abschluss spielten die Musiker eine orientalische Improvisation, die geistige Bilder von Wüstenlandschaften entstehen ließ und in die sich ganz leise das Rauschen der Sauerstoffschläuche mischte. Ergreifend und gleichzeitig voller sprühende Lebensfreude berührte die Musikalische Begegnung jeden Anwesenden auf ganz individuelle Art. Désirée Amschl-Strablegg, Leiterin der Palliativstation, erzählt: „Einer der Patienten hat geschlafen. Normalerweise findet er keine Ruhe, aber während der Musik und auch in dieser Nacht war er so friedlich wie sonst nie.“ Bei der anschließenden Agape tranken die einen aus Weingläsern, die anderen bekamen den Wein ganz selbstverständlich in einer Schnabeltasse serviert. Der Austausch zeigte, dass beide Seiten Freude an der Begegnung hatten. Für die Musiker und die Autorin war es ein unkompliziertes Teilhaben an dem Alltag unheilbar kranker Menschen. Für diese wiederum bedeutete der Abend, trotz der Einschränkungen durch ihre Erkrankungen Kultur genießen zu können.

Anna Felber