Neurodermitis-Behandlung bei Kindern: Die richtige Schulung macht’s!

Vor allem durch den typischen, ausgeprägten Juckreiz und die daraus resultierende Schlaflosigkeit ist die Lebensqualität der jüngsten Neurodermitis-Patienten und ihrer Familien stark eingeschränkt. Die Betroffenen finden am Klinikum Wels-Grieskirchen eine besondere Betreuung. Seit vielen Jahren werden hier mit großem Erfolg Schulungen für Eltern und Kinder durchgeführt. Die Expertinnen des Klinikums geben zudem 5 Sommertipps für Neurodermitis-Eltern.

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 OÄ Dr. Vera Bauer, Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde, Klinikum Wels-Grieskirchen. Foto: © Klinikum Wels-Grieskirchen / Nik Fleischmann

Die Haut juckt, ist trocken und gerötet – wer von Neurodermitis betroffen ist, muss ständig dem Reiz zu kratzen widerstehen. Die atopische Dermatitis, auch atopisches Ekzem oder Neurodermitis genannt, ist die häufigste Hauterkrankung im Kinder- und Jugendalter. Meist tritt sie schon früh auf. „Nämlich bereits bei Säuglingen im Alter von drei bis vier Monaten“, erklärt Vera Bauer, Oberärztin an der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Klinikum Wels-Grieskirchen. Der Schweregrad kann unterschiedlich sein, erste Anzeichen sind oft nicht klar zu werten. Den Eltern fällt die zunehmende Hauttrockenheit und Rötung auf und sie äußern ihre Sorgen meist erstmalig im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchung. „Die frühen Symptome treten typischerweise an Wangen, Rumpf und Extremitäten auf, wobei der Windelbereich ausgespart bleibt. Bei Schulkindern und Jugendlichen sind eher Knie- und Ellenbeugen betroffen. Neurodermitis tritt schubförmig auf und wächst sich meist aus“, so die Neurodermitis-Spezialistin. Eine Botschaft ist ihr besonders wichtig: „Neurodermitis ist nicht ansteckend!“

Auslöser nicht eindeutig

Wodurch genau die Erkrankung ausgelöst wird, kann in der Regel nicht eindeutig bestimmt werden. „Wir sprechen von einer multifaktoriellen Genese. Einerseits kann die Veranlagung für die Erkrankung vererbt werden – leiden die Eltern an Allergien oder Neurodermitis, ist das Risiko für das Kind höher. Zum anderen spielen Triggerfaktoren, wie etwa Infekte, Hitze oder Kälte, Impfungen, Zahnen oder Stress, eine Rolle. Bei älteren Kindern sind auch inhalative Allergene, wie Birke, Gräser, Tierhaare oder Hausstaubmilbe, als Auslöser von Bedeutung. All diese Einflüsse können die wellenartig verlaufende Erkrankung aufflammen lassen.“ Manchmal sind es Kleidungsstoffe oder Ähnliches. „Wir raten den Eltern von Säuglingen, Waschetiketten zu entfernen und Bodys umzudrehen, damit die Nähte die Haut nicht reizen.“ Ca. 30 Prozent der Fälle sind nahrungsmittelassoziiert.

Grundstein der Behandlung

Vor allem durch den typischen, sehr stark ausgeprägten Juckreiz ist die Lebensqualität der Betroffenen massiv eingeschränkt. In der Entwicklung der Krankheit spielt die Hautbarrierestörung eine zentrale Rolle. Die Basistherapie ist der Grundstein einer erfolgreichen Behandlung. „Schritt eins ist das Auftragen wirkstofffreier Cremen auf die Haut, so werden Lipide zugeführt, Feuchtigkeit gespendet, Geschmeidigkeit gefördert und Reizzustände gelindert“, erklärt Beatrix Wintersteiger, ebenfalls Oberärztin an der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Klinikum Wels-Grieskirchen. „Erst in einem weiteren Schritt werden anti-entzündliche Wirkstoffe verabreicht. Bei schweren Formen kann die lokale Anwendung von Corticosteroiden oder Immunmodulatoren sinnvoll sein.“ Gelegentlich ist auch eine orale Antibiotikatherapie erforderlich, etwa bei einer starken bakteriellen Infektion, die mit lokalen antiseptischen und pflegerischen Maßnahmen nicht in den Griff zu bringen ist.

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OÄ Dr. Beatrix Wintersteiger, Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde, Klinikum Wels-Grieskirchen. Foto: © Klinikum Wels-Grieskirchen

Darum ist die Schulung wichtig

„Der Juckreiz kann zu erheblichen Schlafstörungen führen, was über einen längeren Zeitraum eine starke Einschränkung der Lebensqualität für betroffene Kinder und ihre Bezugspersonen zur Folge hat“, so Wintersteiger. Unter anderem deshalb ist eine Schulung möglichst bald nach der Diagnosestellung von besonderer Bedeutung. „Hier erhalten die Eltern eine praktische Anleitung zur Anwendung der Stufentherapie, aber auch wie Kindern Kratzalternativen angeboten werden können.“ Die Elternschulung durch qualifizierte Neurodermitis-Trainer am Klinikum wurde bereits 2006 etabliert. Sie findet dreimal im Jahr statt und umfasst jeweils fünf mal zwei Stunden. Das Ziel ist: Eltern sollen Neurodermitis-Experten für ihre Kinder werden.

Der Weg zur richtigen Therapie

Vor der Schulung wird eine ambulante Vorstellung empfohlen, dafür ist eine Zuweisung über den Kinder-, Haus- oder Hautarzt notwendig. Behandelt wird die Erkrankung, die sich im Erwachsenenalter eher selten fortsetzt, am Klinikum Wels-Grieskirchen in Kooperation mit der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten.

Nahrungsmittel im Visier

Bei schweren Formen des atopischen Ekzems müssen die Kinder auf Nahrungsmittelallergien untersucht werden. Diagnostik und Therapie von allergischen Erkrankungen bilden einen großen Schwerpunkt an der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde. Viele junge Patienten kommen ans Klinikum Wels-Grieskirchen zur Nahrungsmittelprovokation, ein starker überregionaler Zustrom wird verzeichnet. Die Abteilung zählt hier zu den Vorreitern in Österreich. Wichtig ist, eine Unterscheidung zwischen sogenannter Sensibilisierung und Allergie zu treffen. Viele neurodermitische Kinder haben nämlich positive Allergiewerte im Blut, können aber die Nahrungsmittel trotzdem problemlos konsumieren. Der Goldstandard der Diagnostik ist die orale Nahrungsmittelprovokation. Die häufigsten Allergien im Säuglingsalter sind Kuhmilchprotein, Hühnereiweiß, Weizen und Erdnüsse oder sonstige Nüsse. Interessant ist, dass manchmal auch der über die Muttermilch übertragene Proteinanteil für die entsprechenden Hautreaktionen ausreicht. Sollte eine schwere allergische Sofortreaktion auftreten, wird die Familie mit einem Notfallset versorgt und eine Anaphylaxieschulung durchgeführt.

5 Sommertipps für Neurodermitis-Eltern

1) Sonnencreme muss sein! Ist die Haut in einem stabilen Zustand, verträgt sie die meisten Cremen gut. Im Neurodermitis-Schub ist eher kein Produkt genau das richtige, wichtig ist dennoch, für ausreichend Sonnenschutz zu sorgen.
2) Produkte mit hohem Lichtschutzfaktor und UVA- und UVB-Schutz verwenden! Möglichst ohne unnötige Zusatzstoffe, wie Parfums oder Konservierungsstoffe.
3) Beachten, ob sich das Kind mit der Creme auf der Haut wohl fühlt. Eventuell sind das Produkte mit eher flüssiger Konsistenz, die schnell einziehen und über einen hohen Feuchtigkeitsgehalt verfügen. Ausprobieren ist angesagt. Entweder beim Hersteller oder Apotheker um eine Probegröße oder kleine Einheit anfragen!
4) Direkte Sonneneinstrahlung von 11 bis 15 Uhr meiden, bei starker Hitze auch bis zu einem späteren Zeitpunkt. Achten Sie darauf, dass das Kind nicht zu viel schwitzen muss – das reizt die Haut zusätzlich.
5) Egal ob Strand oder Sandkiste – nach einem Sonnentag die Kleinen am besten nur kurz und eher lauwarm abduschen, wichtig ist vor allem, dass der Sand entfernt wird und nicht auf der Haut kratzt.