ksoe-Direktorin Magdalena Holztrattner: "Fratelli tutti" kritisiert auch Österreich

Die neue Enzyklika "Fratelli tutti" von Papst Franziskus stellt einen klaren Gegensatz zur Regierungslinie der Abschottung gegenüber Flüchtlingsleid dar. Das sagte Magdalen Holztrattner, Direktorin der Katholischen Sozialakademie (ksoe), in einem Ö1-Interview in der Sendereihe "Praxis - Religion und Gesellschaft" am 7. Oktober 2020.

20201009 Magdalena Holztrattner Christliche Soziallehre

2019 erklärte ksoe-Direktorin Magdalena Holztrattner in jeweils 3-minütigen Videos, die in Zusammenarbeit mit den Ordensgemeinschaften Österreich entstanden, die sechs Prinzipien der christlichen Soziallehre. (c) Magdalena Schauer-Burkart

Papst Franziskus habe mit seiner eben erschienenen Enzyklika Österreichs Asylpolitik kritisiert - zwar nicht explizit, aber dennoch "ganz deutlich für den, der zwischen den Zeilen lesen und die Botschaft auf den eigenen Kontext anwenden will", zeigte sich Magdalena Holztrattner überzeugt. Was den Umgang mit Flüchtlingen betrifft, stehe das Schreiben "Fratelli tutti" im klaren Gegensatz zur Regierungslinie, trotz brennenden Flüchtlingscamps und großer humanitärer Not niemanden ins Land zu lassen. Grundsätzlich gehe es immer zuerst um die Hilfe vor Ort, doch, so die ksoe-Direktorin im O-Ton: "Wenn das aber nicht geht, weil zum Beispiel Flüchtlingslager überquellen wie etwa derzeit Moria, dann ist es wichtig diese Mitmenschen als Geschwister aufzunehmen."

Flüchtlinge dürfen nicht eingesperrt werden

Franziskus habe wohl Europa ebenso wie die USA vor Augen gehabt, als er darüber hinaus auch klare Vorschläge wie etwa die Vereinfachung der Visaprozesse, ein Recht auf Arbeit für Migranten und erleichterten Zugang zur Staatsbürgerschaft für die schnellere volle Eingliederung in der Gesellschaft eingebracht habe. Der Papst habe auch darauf gepocht, dass Asylwerber mehr Bewegungsfreiheit benötigten und nicht eingesperrt werden sollten. Dass er für sie Unterkünfte, die nicht nur funktional, sondern auch schön sein sollten, eingefordert habe, hob Holztrattner besonders hervor: "Schließlich müssen Menschen oft zu lange darin leben."

In seiner Enzyklika fordert Papst Franziskus eine Welt ohne Krieg, eine Welt, in der Politiker für das Gemeinwohl arbeiten und nicht von der Finanz oder dem Populismus geleitet sind. Er spricht sich gegen eine Kultur der Mauern aus, die Welt gehöre allen, Schutzsuchende seien aufzunehmen. Aber zum Frieden komme man nur mit Geschwisterlichkeit und dem Bewahren der Schöpfung.

Einzig den Titel "Fratelli tutti" (Alle Brüder) findet die Theologin ein wenig missglückt gewählt, weil sie Frauen unerwähnt lässt. Holztrattner schloss sich der Kritik von Vatikan-Journalistin Gudrun Sailer an. Denn schon der Heilige aus Assisi habe sich seinerzeit "sicher nicht nur an seine Ordensbrüder gewandt, sondern an alle Menschen auf dieser Welt."

Zum NACHHÖREN: Das Interview von Magdalena Holztrattner kann sieben Tage lang auf Ö1 nachgehört werden. 

Zum NACHSEHEN: Solidarität ist eine der sechs Prinzipien der christlichen Soziallehre, die Magdalena Holztrattner in jeweils 3-minütigen Videos in Zusammenarbeit mit den Ordensgemeinschaften Österreich erklärt.

Quelle: Kathpress.at

[robert sonnleitner]