Schulgemeinschaften können sich momentan nicht als Gemeinschaften spüren

Interview: Clemens Paulovics spricht dabei die Gefahr von potentiellen BildungsverliererInnen des Distance Learnings an; betont, dass es auch von Lobbyarbeit abhängt, ob es zu Schließungen kommt; dass es Gesundheitsbehörden und nicht Schulbehörden sind, die eine Schließung bestimmen; dass der Schulstart der Taferlklassler trotzdem schön war und dass Angst immer ein schlechter Ratgeber ist.

 

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Clemens Paulovics in St. Ursula in Wien. (c) schauer-burkart 

Clemens Paulovics ist Leiter des Bildungsbereichs der Österreichischen Ordenskonferenz. Zum heutigen Schulstart am 7.9.2020 sprechen wir offen über die aktuelle Situation.

Medienbüro der Ordensgemeinschaften: Wie geht es den Ordensschulen beim Start ins neue Schuljahr?


Clemens Paulovics: Grundsätzlich sind die Ordensschulen gut vorbereitet auf das, was kommt und gut eingestellt auf die verschiedenen Ampelphasen. Allerdings bemerke ich zunehmend eine Verunsicherung, weil wir schon sehr lange in dieser Coronaphase sind. Vor allem in Fragen, wie Fortbildungen abgehalten werden können, wie man Konferenzen gestalten kann etc.: Wie kann man da auf die Abstände achten, wie kann man da auf die Richtlinien achten…

Ich habe heute erst von einem Schulzentrum gehört, das jetzt einfach alle gängigen Veranstaltungen für den ganzen Herbst abgesagt hat - inkl. Weihnachtsfest für die MitarbeiterInnen. Ihre Sorge ist einfach zu groß, dass sie es nicht schaffen, dafür alle Regeln umzusetzen. Vor allem, weil hier auch MitarbeiterInnen aus verschiedenen Einrichtungen zusammenkämen, die sonst keine Berührungspunkte haben. Die Angst ist da, dass das Virus dadurch in eine andere Einrichtung gelangen könnte.


Medienbüro der Ordensgemeinschaften: Das heißt, man hat einzelne Klassen besser unter Kontrolle als den Austausch unter Erwachsenen?

Clemens Paulovics: Bei den Pflichtschulen haben die Klassen ja eigentlich in geschlossenen Verbänden Unterricht und es findet wenig Berührung zwischen den Klassen statt. Dadurch ist die Sorge geringer.

Das sieht bei den höheren Schulen, wo SchülerInnen verschiedener Klassen zum Beispiel durch Wahlpflichtgegenstände und den Turnunterricht zusammenkommen, anders aus. Die Vorgabe besteht, dass man die Klassen nicht durchmischen sollte, gleichzeitig stellt sich aber die Frage, wie man das stundenplantechnisch lösen soll.

Über allem liegt diese diffuse Unsicherheit und die ständige Frage ob man „eh alles richtig macht“ und nicht irgendwo einen Cluster erzeugt.

 

Medienbüro der Ordensgemeinschaften: Sind die gesetzlichen Vorgaben einigermaßen klar?

Clemens Paulovics: Ich habe besondere Sorge in Bezug auf elementarpädagogische Einrichtungen. Für sie gibt es Vorgaben, die sie einfach nicht erfüllen können. So sollte beispielsweise zweimal pro Tag das gesamte Spielmaterial desinfiziert werden. Das ist schon einmal zeitlich unmöglich, abgesehen davon, dass man manches Material, beispielsweise solches aus Karton, gar nicht desinfizieren kann.

Das ist in den Schulen etwas einfacher. Hier ist es so, dass die Rahmenbedingungen im Großen und Ganzen stimmen. Die Problematik, die hier auftritt, ist, dass den LeiterInnen sehr viel selbst überlassen wird. Sie sollen in der konkreten Umsetzung selbst entscheiden. Das ist einerseits gut, weil viel Spielraum gegeben wird, andererseits hätten die DirektorInnen in manchen Dingen gerne klarere Richtlinien, um Unsicherheiten vorzubeugen.

 

Wieviel von dem, was eigentlich in einem Jahr gelernt werden kann, konnte letztes Jahr gelernt werden? Kann man im kommenden Schuljahr 100% der normalen Lernleistung erbringen?

Clemens Paulovics: Es gibt Untersuchungen wonach von dem, was man in der Schule lernt, ohnedies nur 10 Prozent behalten werden. Ich denke, 10 Prozent sollten in einem Jahr immer schaffbar sein, egal unter welchen Bedingungen. Vielleicht ist diese Phase ein Weckruf, darauf zu schauen, was wirklich notwendig ist. Vielleicht müssen wir den Lehrstoff nicht in seiner ganzen Breite und Tiefe umsetzen sondern etwas genauer hinschauen und filtern.
Das bedarf einer hohen Aufmerksamkeit der LehrerInnen diesbezüglich und auf die vertraue ich an unseren Ordensschulen. Insofern mache ich mir da keine Sorgen. Trotzdem bleibt die Sorge um die schwächeren SchülerInnen im gesamten Schulsystem und auch die Sorge um diejenigen SchülerInnen, deren Psyche eine labilere ist.

 

Medienbüro der Ordensgemeinschaften: Was ist Ihr Wunsch an die Regierung?

Clemens Paulovics: Ab der Ampelphase orange wird das Distance Learning für die Sekundarstufe II aktiv. Hier wünsche ich mir klarere Vorgaben und dass man genauer schaut, ob es nicht doch teilweise Präsenzphasen geben kann.
Manche Fächer sind leicht bewältigbar über das E-learning, bei manchen brauche ich jedoch mehr Präsenz. Beispielsweise sind der Sprachunterricht oder Fächer, wo viel – mitunter auch individuell – erklärt werden muss, sehr schwer online abzuwickeln.
Da ist es einfach so, dass die schwächeren Schüler wieder stärker zurückfallen. Die guten SchülerInnen organisieren sich in diesen Situationen selbst und in finanzstarken Familien wird vielleicht einfach mehr Nachhilfe zugekauft, aber für die Schwächsten in der Gesellschaft ist hier wieder sehr wenig gesorgt.

In unserem Schulsystem tun wir letztlich immer wieder so, als ob alle SchülerInnen die gleiche Voraussetzung mitbringen, auch wenn Begriffe wie Diversität immer wieder in den Raum gestellt werden. Doch auf viele Faktoren trifft das nicht zu. Und ich spreche hier nicht über den IQ oder besondere Fähigkeiten, sondern von der wirtschaftlichen Basis, die oft eine sehr unterschiedliche ist.

Zwar ist unser Schulsystem eigentlich gratis, aber manches davon dann eben doch nicht, und wenn man dann einen Laptop und einen Internetanschluss voraussetzt, beginnt es schwierig zu werden. Solange die Kinder im Präsenzunterricht in der Schule sind, wird das weniger offensichtlich. Aber wenn das Distance Learning anfängt und Kindern die notwendige Infrastruktur fehlt, und sie dann auch noch plötzlich sozusagen personell auf das Zuhause angewiesen sind, tun sich Unterschiede auf.
Und je jünger die Kinder sind, umso mehr brauchen sie die Unterstützung der Eltern beim Homeschooling. Und da stellt sich dann die Frage, wie die Familie aufgestellt ist: Kann sie sich eine Betreuung vom Zeitmanagement her leisten und haben die Eltern den Bildungsstand, um das überhaupt leisten zu können? Das war im Lockdown noch einfacher, weil viele Eltern zuhause waren, doch jetzt sind die Voraussetzungen andere. Viele sind jetzt auf den guten Willen des Arbeitgebers angewiesen; ein Rechtsanspruch besteht nicht mehr.

Die Volkshilfe hat übrigens dazu im Juni armutsgefährdete Familien befragt und die Studie ergab, dass über die Hälfte der Eltern die Sorge hat, dass ihre Kinder die Schule nicht gut abschließen werden. Mehr als zwei Drittel der befragten Elternteile gaben an, dass ihnen das Wissen fehle, ihren Kindern beim Homeschooling zu helfen.

Distance Learning ermöglicht neue Formen des Unterrichtens und Lernens; ohne vielfältige Unterstützung wird es aber mehr BildungsverliererInnen verursachen. Und so vertrete ich den Standpunkt, dass es weitgehend vermieden werden sollte.
Die Regierung sollte sich von ExpertInnen gut beraten lassen, ob Schulschließungen so einen großen Unterschied machen in Bezug auf die Fallzahlen. Ich habe das Gefühl, dass man es sich von Seiten der Regierung jetzt sehr leicht macht:
Dort, wo der zu erwartende Widerstand kleiner ist, schließt man gleich einmal. Weite Teile der Wirtschaft haben eine mächtigere Lobby hinter sich als es Schulen haben und dort wird auch anders vorgegangen.


Die Ordensschulen betrieben während des Lockdowns das Projekt #ORDENTLICH LERNEN bei dem versucht wurde, die Schwächeren zu unterstützen und alle SchülerInnen mit Laptops zu versorgen. Planen Sie eine Fortführung? Braucht es weiterhin solche Initiativen oder sind jetzt alle SchülerInnen gut abgedeckt?

Clemens Paulovics: Ich weiß, dass das Problem nach wie vor besteht, dass man gar nicht alle erreichen wird können. Die verschiedenen Hilfsaktionen wie unser #ORDENTLICH LERNEN oder das Projekt #weiterlernen vom Bildungsministerium sind gut gelaufen, aber sie konnten gar nicht alles bedienen, was an Bedarf da war.

Und ich zweifle auch, ob wirklich jeder, der Bedarf hat, diesen auch gemeldet hat. Hier müssen die Eltern verstehen, dass ihr Kind das braucht und dass das jetzt gerade wichtig ist. Doch wenn Eltern gerade andere Sorgen haben und damit kämpfen, das Überleben der Familie irgendwie abzusichern, haben sie eventuell gerade keinen ausreichenden Blick auf die Bildung.

Das eine ist, die Grundinfrastruktur Laptop zu besitzen, aber das andere ist dann der passende Breitbandanschluss, um damit auch ins Internet gehen zu können und die Klasse und die LehrerInnen zu erreichen.

 

Was ist Ihr Best Case bzw. Worst Case Szenario?

Clemens Paulovics: Die Hoffnung bleibt, dass sich die Coronakrise bald von selbst löst, dass das Virus verschwindet oder medizinisch bekämpft werden kann. Unabhängig davon ist mein Best Case Szenario, dass es zu keinen Schulschließungen kommen muss, dass möglichst wenig Distance Learning, bzw. unbeabsichtigtes Distance Learning verwendet werden muss.
Wenn ich es gezielt als Unterrichtsmaßnahme einsetze, ist das ja gut, aber wenn ich es plötzlich einsetzen muss, sieht das anders aus.

Ich wünsche mir, dass die Kinder relativ viel Normalität in den Schulen erleben können und möglichst angstfreie Schulgemeinschaften. Angst ist ein schlechter Ratgeber und zu „Tode gefürchtet, ist auch gestorben“. Da braucht es, glaube ich, von den Schulbehörden her, aber genauso auch von unseren SchulerhalterInnen viel Mut, den wir zusprechen müssen und immer ein offenes Ohr. Ja, wir müssen klassische Seelsorge betreiben, da viele PädagogInnen und Leiterinnen am Anschlag sind.

Ein Riesenfehler aus meiner Sicht war die Geschichte mit Linz und Wels vor dem Sommer. Hier habe ich die Notwendigkeit mit dem Lockdown vor Schulschluss nicht gesehen, und wahrscheinlich hätte man die SchülerInnen allgemein im Frühjahr auch schon früher zurückholen können.

Deshalb auch meine Hoffnung und Forderung an die Regierung, jeweils sehr genau hinzuschauen und zu überlegen! Wichtig ist auch zu wissen, dass nicht die Schulbehören beschließen, ob eine Schule oder ein ganzer Bezirk geschlossen wird. Das macht die jeweilige Gesundheitsbehörde- und die regionalen Gesundheitsbehörden ticken da sehr unterschiedlich.

Wenn Freitagmittag niemand mehr erreichbar ist und ich habe einen Corona-Fall in der Schule, was tue ich dann? Wir hören heute von Fällen, wo das Kind am Wochenende Fieber bekommen hat, die Eltern bei 1450 angerufen haben und die Information bekamen, dass erst in 4 Tagen jemand zum Testen vorbeikommt. Da muss sich dann die ganze Familie bis dahin selbst in Quarantäne schicken?

 

Gibt es konkrete Pläne, wie man mit dem Ampelsystem umgehen wird?

Clemens Paulovics: Im Grunde gibt es regelmäßig Besprechungen zum Beispiel unter den GeschäftsführerInnen von Schulvereinen, die sich miteinander abstimmen.

Das primäre Thema war, wie man den Schulstart gut hinbekommt. Unsere größte Hoffnung, die sich erfüllt hat, war, dass die Ampel höchstens auf gelb steht. Das ist jetzt auch so eingetreten. Und dann auch die Sorge, wie tut man mit Taferlklassen, wie können unsere Erstklässler trotzdem einen schönen ersten Schultag erleben.
Da gibt es verschiedene Modelle und es geht ja nicht nur um die Kinder, sondern auch für ihre Eltern ist das ein besonderes Erlebnis. Hier werden heute verschiedene Modelle umgesetzt. Beispielsweise warten die Eltern gemeinsam im Schulhof und dürfen dann trotzdem kurz in die Klasse schauen etc. Hier hat sich jede Schule eigentlich etwas Gutes überlegt.

 

Gibt es Masken in den Klassenräumen?

Clemens Paulovics: In den Klassenräumen sind Masken gar kein Thema. Im Schulgebäude ist es schon so, dass manche unserer Ordensschulen auch bei grün sagen: Bitte Maskenpflicht am Gang, auf den Toiletten und den Gemeinschaftsräumen. Einfach aus Selbstverantwortung.



Es gab zu Beginn des Sommers viele „Corona-Schulabschlüsse“. Konnten MaturantInnen unter Corona ihre Schulzeit in irgendeiner Form trotzdem schön abschließen, oder ihnen blieb ein Höhepunkt des Lebens verwehrt?

Wenn man etwas das erste Mal erlebt, hat man keinen Vergleichswert. Für Eltern, auch für mich als Vater, die Vergleichswerte haben, war das vielleicht schon ein Abklatsch von dem, was normal möglich ist. Grundsätzlich haben unsere Ordensschulen große Anstrengungen gesetzt, die Vorgaben einzuhalten und trotzdem ein schönes Fest zu gestalten.

Das Grundlegende ist einfach, dass sich die Schulgemeinschaften momentan oft nicht ausreichend als Gemeinschaften spüren können und nicht zusammenkommen können.
Das fehlt einfach und das ist natürlich auch bei Maturafeiern spürbar gewesen.

 

[magdalena schauer-burkart]