Ordensfrau als internationale Aktivistin gegen die Todesstrafe

Sr. Helen Prejean ist 81 und begleitet seit Jahrzehnten Todeskandidaten in den USA. Mit dem Ende des 17-jährigen Moratoriums für Hinrichtungen betont sie, dass dabei die christliche Perspektive der Erlösung sowie die Hoffnung auf Veränderung eines Menschen völlig fehlen.

 

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"Es ist eine Arroganz gegen Gott zu beschließen, Gott ist mit dir fertig, du musst sterben" betont die Anti-Todesstrafenaktivistin Sr. Helen Prejean (c) Don LaVange, Pleasant Grove, UT, USA

Hinter der Todesstrafe stehe die "Überzeugung, dass eine Person so böse ist, dass sie nicht erlöst werden kann. Und deshalb müssen wir sie töten" betont Sr. Prejan und übt heftige Kritik am Ende des 17-jährigen Moratoriums für Hinrichtungen auf Bundesebene der USA. Dass dieser Schritt just im Moment landesweiter Forderungen nach Gerechtigkeit, Gleichheit und Rechenschaftspflicht komme, zeige eine "tief im Justizsystem der USA verankerte Ungerechtigkeit", sagte die 81-jährige Ordensfrau im Interview mit Vatican News (Freitag).

Sr. Prejean unterstützt seit Jahrzehnten Todeskandidaten auf deren letzten Etappe und schrieb über ihre Erfahrungen im Buch "Dead man walking", das für den Pulitzer-Preis nominiert wurde und als Film Oscar-prämiert wurde.



Mehr Menschen als in einem halben Jahrhundert davor in den Tod geschickt

Nachdem der oberste Gerichtshof der USA den Weg für Hinrichtungen auf Bundesebene freigemacht hatte, waren im Juli erstmals nach 17 Jahren Pause drei Personen im Laufe von vier Tagen hingerichtet worden. Für den 26. August hat das US-Justizministerium als Hinrichtungstermin für Lezmond Mitchell festgelegt, bevor in der gleichen Woche mit Keith Dwayne Nelson an einem weiteren Häftling die Todesstrafe vollstreckt werden soll.
Die Entscheidung der USA, entgegen aller Vorbehalte und Widerstände binnen Wochen mehr Menschen als in einem halben Jahrhundert in den Tod zu schicken, gilt als höchst umstritten. Beobachter bewerten ihn als bewusste Einmischung der US-Regierung in Angelegenheiten der Bundesstaaten und Städte.



Wie die Aktivistin hervorhob, habe sich in der US-Bevölkerung in den vergangenen Jahren eine andere Überzeugung durchgesetzt: Jene nämlich, "dass die Todesstrafe keinen Zweck erfüllt und nicht einmal für den Heilungsprozess der Familien der Opfer hilfreich ist". Das Zugeständnis an die einzelnen Staatsanwälte, zu entscheiden, ob ein Mensch "den Tod eines anderen suchen wird, und zwar unerbittlich", offenbare eine "tiefe Schwäche" des Systems und lasse viel Willkür zu. Dass etwa eine unverhältnismäßig hohe Zahl farbiger Menschen für Hinrichtungen auf Bundesebene ausgewählt werden und über drei Viertel aller Hinrichtungen in den Südstaaten mit ihrer Geschichte von Sklaverei und Rassismus stattfinden, sei "direktes Ergebnis einer bestimmten Kultur".



Entscheidung für "todeswürdig" sei unmöglich sicher zu treffen

Als besonders problematisch bezeichnete die seit 1981 im Einsatz für Todeskandidaten stehende Ordensfrau der St.-Josephs-Schwestern die Definition von "todeswürdig" durch den Obersten Gerichtshof der USA aus dem Jahr 1976: Das Kriterium, dafür nur die "schlimmste der schlimmsten Mörder" auszuwählen, habe sich als unmöglich erwiesen, müsse man dadurch doch aus allen Mordfällen die absoluten Extreme aufgrund des Verbrechens selbst wie auch aufgrund des Charakters des Täters auswählen.

Dass der Ansatz der USA falsch ist, sah Sr. Prejean in Dustin Lee Honken bestätigt. Der am 17. Juli wegen fünffachen Mordes im US-Bundesstaat Indiana Hingerichtete habe bei seinen letzten Worten den Dichter Gerard Manley Hopkins zitiert, mit: "Ich suche einen Ort der Sicherheit und Liebe".
Der Ordensfrau zufolge sei der Exekutierte "ein erlöster Mann": Er habe zwar getötet, seine Taten aber bereut und in der Todeszelle "gelernt, jeden um ihn herum zu lieben". "Der Mann, den sie getötet hatten, war nicht der Mann, der das schreckliche Verbrechen begangen hatte. Menschen wachsen", betonte die zum Symbol für den Widerstand gegen die Todesstrafe gewordene Ordensfrau. Von "Arroganz" zeuge hingegen der Ansatz "Gott ist mit dir fertig, und wir haben beschlossen, dass du sterben musst".



Weiterer Einsatz nötig



In ihrem zweiten Buch "Der Tod Unschuldiger" setzte sich Sr. Helen Prejean mit der Not jener auseinander, die keinen fairen Prozess erhalten und am Ende getötet werden, da die Wahrheit nie ans Licht kam. Die USA habe erwiesenermaßen 168 zu Unrecht verurteilte Menschen in die Todeszelle schicken lassen, erklärte sie im Interview. Etliche von ihnen hätten 30 Jahre lang warten müssen, bis sie endlich eine Chance hatten und einen guten Anwalt bekamen, der die Beweise für ihre Unschuld aufrechterhielt.


Es sei wichtig, dass die katholische Kirche zu einer "prinzipientreuen Haltung in Sachen Todesstrafe" gefunden habe, lobte die Expertin die Entscheidung von Papst Franziskus im Mai 2018, die diesbezügliche Lehre im Katechismus zu aktualisieren. Seither ist festgeschrieben, "dass die Todesstrafe unter keinen Umständen zugelassen werden darf". Der Kampf gegen die Todesstrafe und der Einsatz für Menschen in Todeszellen müsse jedoch weitergehen, betonte Sr. Helen, die in ihrem jüngsten Buch "Fluss des Feuers" zum "Erwachen zur Nachfolge Jesu" und zum konkreten Einsatz für andere aufruft. In der aktuellen Pandemie habe die USA bereits mehr Menschen verloren als im Bürgerkrieg, und in US-Gefängnissen seien hunderte Insassen wie auch Wachebeamte mit dem Coronavirus infiziert. Es sei fatal, dass diese Gruppe kaum Zugang zu Nachweistests oder Behandlung habe - und stattdessen die Hinrichtungen wieder aufgenommen wurden.

Quelle: kathpress

[magdalena schauer]