Geschichte zum Anfassen: Besuch in Michaels Werkstatt

Was macht ein Kirchengoldschmied? Diese Frage führte uns ins Europakloster Gut Aich, wo seit einem Jahr der Gold- und Silberschmied Michael van Ooyen werkt und wirkt. Eines ist danach klar: Es ist ein Beruf mit vielen Gegensätzen, die sich wunderbar ergänzen – Ordnung vs. Kreativität, Altes bewahren vs. Neues schaffen.

 20210409 Michael beim Werken

Kirchengoldschmied in dritter Generation: Michael van Ooyen, der im Europakloster Gut Aich den Gold-  und Silberwerkstätten neues Leben einhaucht. (c) EM

An einem für diese Jahreszeit ungewöhnlich sonnigen Tag machte sich der Bereich Kultur und Dokumentation gemeinsam mit dem Bereich Medien und Kommunikation auf ins Europakloster Gut Aich. Seit knapp einem Jahr wirkt dort Gold- und Silberschmied Michael van Ooyen, der sich auf kirchliche Exponate spezialisiert hat. Bereichsleiterin Karin Mayer war eingeladen, sich vor Ort, von seiner Arbeit ein Bild zu machen, um zu schauen, „ob Kooperationen oder Projekte mit anderen Kulturgüter-Verantwortlichen interessant sein könnten“.

Der Benediktinerbruder Thomas Hessler von Gut Aich, der den Besuch im Vorfeld organisiert hatte, begrüßte uns gemeinsam mit Michael von Ooyen vor dem „Klosterhof“, der den Grund unseres Besuchs beherbergte: Die Werkstatt von Michael, die sich über das gesamte Erdgeschoss erstreckt. Michael wartete schon, um sie für uns aufzusperren.

20210409 Wolfgangsstab

Wunderschöne Replik aus dem 13. Jahrhundert: Der "Wolfgangsstab" . (c) EM

Beim Eintreten begrüßte uns der „Wolfgangsstab“, der vor Staub und neugierigen Fingern geschützt in einer Vitrine aufbewahrt wurde und ein beeindruckendes Zeugnis von höchster Schmiedekunst sei, erfuhren wir. Allerdings handelt es sich dabei nicht um das Original aus dem 13. Jahrhundert, sondern um eine qualitätvolle Replik. Aber: „Ein Kirchengoldschmied restauriert und gestaltet, schafft also auch etwas Neues und hat nicht nur mit dem ganzen alten Zeugs zu tun“, verriet Michael augenzwinkernd, bevor er in den Raum links davon abbog, wo schon ein Kaffee auf uns Reisende wartete. Der Kaffeeduft mischte sich mit dem Werkstattgeruch nach Holz, Leim und Metall und wir wussten sofort, hier wird intensiv „gewerkelt“.

Goldschmied in der dritten Generation

Beim gegenseitigen Austausch erfuhren wir, dass Michael in der dritten Generation Gold- und Silberschmied ist und schon als Kind häufig in der väterlichen Werkstatt anzutreffen war. Der geborene Niederrheiner blickt mittlerweile auf über 45 Jahre Berufserfahrung zurück, die sich auch an der Werkstatteinrichtung widerspiegeln – so manches Werkzeug oder Inventar, das wir dort sehen, wie die über 60 verschieden geformten Hämmer, fand sich schon in der elterlichen Werkstatt.

20210409 Hämmer

Mehr als 60 verschiedene Hämmer sind mit Michael von Deutschland nach Österreich gereist. (c) EM

Dass Michael vor einem Jahr seinen Weg in das Benediktinerkloster fand, war für Bruder Thomas die glücklichste Fügung: „Wir haben gebetet, dass er kommt“, lacht er und klopft Michael dabei auf die Schulter. Michael kannte die Kunstwerkstätten des Europaklosters von früheren Besuchen und gemeinsamen „Werkstatt-Projekten“.

Vor dem Wechsel nach Gut Aich war Michael Werkstättenleiter der größten ordenseigenen Kirchengoldschmiede in Deutschland, die zur Schönstätt-Bewegung gehört, und er hatte 25 MitarbeiterInnen. Es war schon ein gewagter Schritt, in seinem Alter nochmal so einen „krassen Wechsel“ zu machen. Aber Gut Aich lockte – und auch die Möglichkeit, hier nochmal was Neues aufzubauen. Ein Ein-Mann-Betrieb sei er zurzeit, Arbeit gäbe es jedoch genug, bis August „ist er voll“. Die Auftragslage erlaube ihm sogar, eigens einen Lehrling anzustellen, der bereits angefangen hat.

„Alles da, was man braucht“

Generell ist die Werkstatt ein wunderbar heller Raum, in der trotz des vielen „Zeugs“ penible Ordnung herrscht, denn „nichts Schlimmeres, als sein Werkzeug suchen zu müssen“, seufzt Michael. Wir erfuhren, dass er innerhalb weniger Monate diese Räume im Erdgeschoss zu „seiner Werkstatt“ umfunktioniert hat, „es ist nun alles da, was ein Kirchengoldschmied braucht“. Manches Werkzeug wie die oben erwähnten Hämmer habe er mitgenommen, anderes war schon da. „2005 haben wir Teile des Werkzeugs aus der aufgelösten Gold- und Silberschmiedewerkstatt des Kloster Seckau übernommen,“, erzählt Bruder Thomas. „Es freut uns, dass das jetzt so gut weiterverwendet wird.“

20210409 Michael beim Werken

Verschiedene Stationen zollten den unterschiedlichen Arbeitsschritten und auch -materialien Tribut: ein hoher Tisch direkt am Fenster für die Feinarbeit, rechts davon die Ecke mit dem Bunsenbrenner,„um Dinge schmelzen zu können“, wie Michael auch gleich demonstrierte. Unseren Kaffee tranken wir an einem großen Holztisch mit einem angebrachten Schraubstock. Doch das war noch lange nicht alles, was es zu sehen gab: Im gegenüberliegenden Raum entdeckten wir die „Welt der großen Apparate“, wie etwa die drei Wannen für die galvanischen Verfahren. Dort war es merklich kühler, was auch den Fläschchen mit den Totenkopf-Symbolen geschuldet sein könnte. Der Geruch war scharf und irgendwie „clean“. Lange hielten wir uns nicht dort auf, lieber dann doch zurück in die sonnige Werkstatt, wo Michael uns zeigte, woran er gerade arbeitete.

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Michael van Ooyen zeigt uns eine galvanisch versilberte Platte. (c) EM

Neues schaffen, Altes bewahren

Auf dem Holztisch breitete er eine doppelreihige Goldkette auf, die sich glatt und kühl anfühlte; nicht eine Unebenheit war zu sehen. Daneben ein ca. 10 Zentimeter langes Goldkreuz, deren ausgehölte Leerstellen Michael noch mit Amethysten füllen wird. Die Kette habe er restauriert, das Goldkreuz geschmiedet – eine perfekte Symbiose seiner Tätigkeit von „Neues schaffen und Altes bewahren“.

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Alt trifft neu: Die Kette wurde restauriert, das Kreuz geschmiedet. (c) EM

150 bis 160 Arbeitsstunden wird er investiert haben, bevor Kette und Kreuz ihre Heimreise in ihr Kloster antreten und seine Arbeit getan ist, erzählt er, während seine Hände prüfend über das Kreuz fahren, ob nicht doch eine Unregelmäßigkeit übersehen worden war.  

Richtige Pflege, schwarze Schafe

Das Stück – wie fast alle, die durch seine Hände gehen und gingen – sei ihm ans Herz gewachsen, nun hoffe er auf die richtige Pflege, wenn es seine Werkstatt verlässt: „Viele Menschen wissen oft nur unzureichend, wie mit Kunsthandwerk richtig verfahren wird, wie es richtig angegriffen, gereinigt oder aufbewahrt wird.“ Ein Kelch könne noch so schön sein, ein Bad in Seifenlauge werde dieser trotzdem nicht allzu oft überleben, so Michael. Hier stößt er ins gleiche Horn wie Karin Mayer, deren im letzten Jahr erschienenes Buch „Schöne Kirche“ genau das Thema „Richtige Pflege für kirchliche Kunstgüter“ aufgreift. „Man könne mit der falschen Pflege viel Schaden anrichten, die weil gut gemeint, aber oft umso schlimmer ist“, erzählen beide aus Erfahrung.

„Oft wissen die Auftraggeber auch nicht, was Restaurieren eigentlich ist“, fährt Michael fort, „sie wollen, dass ‚alles glänzt‘, aber ich kann auch mit einem Nickelbad alles glänzend machen – das geht schneller, ist einfacher und billiger – nur schädige ich damit den Kunstgegenstand irreversibel.“ Es gäbe halt genügend schwarze Schafe unter den „Restauratoren“, die diese Unwissenheit ausnützen. „Hier muss man einfach den Profi ran und den Profit rauslassen.“

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Karin Mayer, Bereichsleiterin für Kultur und Dokumentation, Michael van Ooyen und Bruder Thomas Hessler beim Kennenlernen in der Werkstatt. (c) EM

Geschichte zum Anfassen

Michael liebt seinen Beruf: „Die Vielfalt, die Tradition, die Geschichte, die Möglichkeit zu gestalten. Jedes Objekt hat seine Geschichte und zeigt sie auch. Das ist wie Geschichte zum Anfassen. Damit täglich arbeiten, schaffen zu dürfen, ist ein großes Geschenk.“ Außerdem könne er mit vielen unterschiedlichen Materialien aus unterschiedlichen Kunstepochen arbeiten, von Horn über Holz über Glas zu Gold, und er lerne so immer wieder von Neuem etwas dazu.

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"Geschichte zum Anfassen": eine barocke Monstranz und ein neugotisches Standkreuz  - die nächsten Restaurationsprojekte. (c) EM

Michael zeigte uns noch ein weiters Stück „Geschichte zum Anfassen“, eine barocke Monstranz, die er für ein Kloster in Oberösterreich als nächstes restaurieren wird und deren Goldton merklich blasser aussieht. Restaurieren heißt hier „ausbessern, Fehlstellen ergänzen, reinigen. Hauptsache, es glänzt wieder mit alter Patina, ohne kaputt zu sein“, schmunzelt er, als er den Schlüssel zur Werkstatt umdreht, um mit uns zum Mittagessen zu gehen.

[elisabeth mayr]